
Was uns im Mai beschäftigt hat: faire Arbeit in Europa +++ Putins Geschichtspolitik +++ britische Unruhe +++ Armenien +++ Polen als Sicherheitsakteur +++ Daniel Ziblatt +++ große Schweiz-EU-Deal.
Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,
Der Mai war im Europapodcast ein Monat der offenen europäischen Fragen.
Was bedeutet Freizügigkeit, wenn Menschen zwar arbeiten dürfen, aber häufig unter ihrer Qualifikation beschäftigt sind? Was bedeutet Erinnerung, wenn Geschichte zur Waffe wird? Was bedeutet europäische Sicherheit, wenn der Krieg gegen die Ukraine den Blick nach Osten verändert? Was bedeutet Demokratie, wenn Wahlen zwar stattfinden, aber Regeln, Institutionen und Medienlandschaften zunehmend verschoben werden? Und was bedeutet Nähe zu Europa für Länder, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind, aber politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich längst eng mit ihr verflochten sind?
In unseren Mai-Folgen ging es genau um diese Spannungen. Wir haben über Arbeit und Migration gesprochen, über den 9. Mai als europäischen Erinnerungstag und als russisches Machtinstrument, über Europakompetenz in der Verwaltung, über das britische Parteiensystem nach den Wahlen, über Armenien zwischen Russland und Europa, über Polen als Schlüsselstaat europäischer Sicherheit, über Daniel Ziblatt und die schleichende Erosion demokratischer Institutionen sowie über die Schweiz und das neue Vertragspaket der Bilateralen III.
Der rote Faden dieses Monats: Europa ist nicht nur eine Institutionenfrage. Europa entscheidet sich dort, wo Menschen arbeiten, wählen, erinnern, fliehen, studieren, verhandeln, sich verteidigen und widersprechen.
Was uns im Mai besonders beschäftigt hat
1. Gute Arbeit ist eine europäische Frage
Zum Tag der Arbeit haben wir mit Dr. Kamila Schöll-Mazurek vom Polnischen Sozialrat über die Lebensrealität von EU-Arbeitskräften in Deutschland gesprochen. Die Folge zeigt: Freizügigkeit ist eine der großen Errungenschaften der Europäischen Union, aber sie garantiert noch keine faire Teilhabe. Viele EU-Arbeitskräfte tragen zentrale Branchen wie Bau, Logistik, Industrie oder Pflege mit, arbeiten aber oft unterhalb ihrer Qualifikation und verdienen deutlich weniger als der Medianlohn in Deutschland.
Gedanke dazu: Freizügigkeit ist erst dann vollständig eingelöst, wenn Menschen nicht nur arbeiten dürfen, sondern ihre Fähigkeiten auch wirklich einbringen können.
Nachhören: Tag der Arbeit im Europapodcast: Arbeit, Migration und Realität
2. Erinnerungspolitik ist Gegenwartspolitik
In unserer Folge von Frei gedacht, der Kooperation der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, der Europäischen Akademie Berlin und des Europapodcasts, ging es um den 9. Mai. Während die Europäische Union an diesem Tag an die Schuman-Erklärung von 1950 erinnert, wird der sogenannte Tag des Sieges in Russland unter Wladimir Putin zunehmend als politisches Machtinstrument genutzt. Johanna Hans und Sascha Tamm sprechen mit Dr. Irina Scherbakowa und Dr. Anastasia Vishnevskaya-Mann über russische Erinnerungspolitik, Propaganda und die Instrumentalisierung des Zweiten Weltkriegs.
Gedanke dazu: Wer Geschichte kontrolliert, versucht auch die Gegenwart zu kontrollieren.
Nachhören: Frei gedacht: Der 9. Mai und Putins Krieg um die Geschichte
3. Europakompetenz ist keine Zusatzqualifikation mehr
Mit der Folge zum berufsbegleitenden Master European Public Management an der HWR Berlin haben wir einen Blick auf Europa als berufliche Praxis geworfen. Prof. Dr. Florian Furtak, Katja Kersten und Elena Natali erklären, warum Europarecht, EU-Institutionen, Verwaltungsmanagement und Fördermittelkompetenz längst nicht nur etwas für Brüssel sind. Europäische Entscheidungen wirken in Kommunen, Ministerien, Verbände und Organisationen hinein. Genau dort braucht es Menschen, die dieses Mehrebenensystem verstehen und anwenden können.
Gedanke dazu: Europa wird nicht nur in Brüssel gemacht. Europa wird in Verwaltungen, Kommunen und Organisationen umgesetzt.
Nachhören: European Public Management studieren: Der berufsbegleitende Master an der HWR Berlin
4. Großbritannien bleibt europäisch unruhig
Mit Dr. Birgit Bujard haben wir auf die Wahlen im Vereinigten Königreich geschaut. Es ging nicht um eine Unterhauswahl, aber politisch waren die Ergebnisse deutlich mehr als ein lokaler Stimmungstest. Reform UK gewinnt an Stärke, die Conservatives stecken tief in der Krise, Labour steht unter Druck, in Wales verschieben sich politische Gewichte, und auch zehn Jahre nach dem Brexit Referendum wirkt die Konfliktlinie zwischen Leave und Remain weiter.
Gedanke dazu: Der Brexit ist formal vollzogen, aber politisch ist er nicht vorbei.
Nachhören: Großbritannien nach den Wahlen: Die neue Unruhe im britischen Parteiensystem
5. Armenien ist kein Randthema Europas
In unserer Folge zu Armenien sprechen Christoph, Renate Krekeler-Koch von Renovabis und Dr. Harutyun G. Harutyunyan von der Staatlichen Universität Jerewan über Flucht, Vertreibung und die politische Zukunft Armeniens. Seit der Vertreibung von mehr als 100.000 Menschen aus Bergkarabach im Herbst 2023 steht das Land unter enormem Druck. Zugleich geht es um die Frage, wie realistisch eine stärkere Annäherung an Europa ist und welche Verantwortung die Europäische Union im Südkaukasus übernehmen will.
Gedanke dazu: Armenien zeigt, dass Europas Nachbarschaftspolitik immer auch eine Frage konkreter Menschen, ihrer Sicherheit und ihrer Zukunft ist.
Nachhören: Armenien: Zwischen Ankommen und Aufbruch
6. Polen gehört ins Zentrum europäischer Sicherheitsdebatten
In SISO: Der Sicherheitssonntag sprach Florian Schäfer mit Christoph von Marschall, diplomatischer Chefkorrespondent beim Tagesspiegel, über Polen und die Sicherheit Europas. Das Gespräch richtet den Blick bewusst nach Warschau: Polen ist direkter Nachbar der Ukraine und Belarus, investiert massiv in seine Verteidigungsfähigkeit und nimmt Russlands Bedrohung seit Jahren deutlich schärfer wahr als viele westliche Partner.
Die Folge zeigt, dass europäische Sicherheit nicht nur von Berlin, Paris, Brüssel oder Washington aus gedacht werden kann. Wer über die NATO-Ostflanke, Abschreckung, Ukraine-Unterstützung und europäische Verteidigungsfähigkeit spricht, muss Polen als strategischen Partner ernst nehmen. Christoph von Marschall macht deutlich, dass Deutschland von der polnischen Perspektive lernen kann, gerade weil sie historisch, geografisch und sicherheitspolitisch anders geprägt ist.
Zitat dazu: „Natürlich versteht Polen mehr von der Ukraine und Russland als wir, die wir weiter westlich liegen.“
Von: Christoph von Marschall.
Gedanke dazu: Europa bekommt einen realistischeren Blick auf seine Sicherheitslage, wenn es die Erfahrungen seiner östlichen Mitgliedstaaten nicht nur anhört, sondern politisch ernst nimmt.
Nachhören: SISO: Polen und die Sicherheit Europas
Link folgt auf europapodcast.de (Abre numa nova janela).
7. Demokratie stirbt nicht nur im Ausnahmezustand
In unserer Reihe Talking Europe, der Kooperation zwischen dem Europapodcast und dem European Democracy Institute am Bard College Berlin, haben wir eine Aufzeichnung des Abends Democracy in Danger: An Evening with Daniel Ziblatt veröffentlicht. Daniel Ziblatt, Eaton Professor of Government an der Harvard University, spricht mit Joshua Yaffa über Donald Trump, MAGA, competitive authoritarianism, Gerrymandering, den Supreme Court, Medien, Universitäten, die AfD, die CDU und die Verantwortung demokratischer Parteien.
Zitat dazu: „When you live in a democracy, the costs of opposing the government should essentially be close to zero.“
Von: Daniel Ziblatt.
Gedanke dazu: Demokratie gerät oft nicht durch einen einzigen Bruch unter Druck, sondern durch die schrittweise Verschiebung von Regeln, Institutionen und politischen Normen.
Nachhören: Democracy in Danger: Daniel Ziblatt on Trump and authoritarian politics
8. Die Schweiz zeigt Europas Zwischenräume
Zum Monatsende haben Christoph und Manuel über die Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union gesprochen. Im Mittelpunkt stehen der bilaterale Weg seit der EWR-Abstimmung von 1992, die Bilateralen I und II sowie das neue Vertragspaket der Bilateralen III. Es geht um Strom, Gesundheit, Lebensmittelsicherheit, Forschung, Kohäsion und institutionelle Fragen. Zugleich stellt sich eine sehr schweizerische, aber europapolitisch hochinteressante Frage: Reicht bei einer Volksabstimmung das Volksmehr oder braucht es zusätzlich das Ständemehr?
Zitat dazu: „Die Schweiz ist in diesem Verhältnis in einem Zwischenstadium: Sie ist nicht Mitglied der Europäischen Union, nimmt aber in vielen Bereichen an den Vorteilen des Binnenmarkts teil.“ Manuel Knapp.
Gedanke dazu: Die Schweiz-EU-Beziehung ist ein europäischer Sonderfall. Sie ist ein Beispiel dafür, wie kompliziert Nähe ohne Mitgliedschaft werden kann.
Nachhören: Die Schweiz zwischen Sonderweg und Europarealität
Redaktioneller Satz des Monats
Europa ist nicht nur eine Institutionenfrage. Europa entscheidet sich dort, wo Menschen arbeiten, wählen, erinnern, fliehen, studieren, verhandeln, sich verteidigen und widersprechen.
Unser Ausblick auf den Juni
Im Juni arbeiten wir an einer neuen Staffel des Europapodcasts.
Im Zentrum steht ein Thema, das europäischer kaum sein könnte und zugleich ganz konkret in Berlin spielt: das Wahlrecht von Unionsbürger:innen bei der anstehenden Berlinwahl am 20. September 2026. Während EU-Bürger:innendas Abgeordnetenhaus nicht mitwählen können, sind sie bei den Wahlen zu den Bezirksverordnetenversammlungen wahlberechtigt und können unter bestimmten Voraussetzungen auch selbst kandidieren.
Das klingt zunächst nach einem Detail des Berliner Wahlrechts. Tatsächlich steckt darin aber eine größere europapolitische Frage: Wer gestaltet Stadtpolitik mit? Wie sichtbar sind die Stimmen von Menschen aus anderen EU-Mitgliedstaaten im politischen Alltag Berlins? Und was sagt es über Europa, wenn Hunderttausende Menschen in einer Stadt leben, arbeiten, Steuern zahlen, ihre Kinder hier großziehen und dennoch nur auf bestimmten Ebenen politisch mitentscheiden dürfen?
Wir wollen diese Staffel nutzen, um das Thema verständlich, praktisch und politisch relevant zu erzählen: Was dürfen Unionsbürger:innen wählen? Wie funktioniert die BVV? Warum ist Bezirkspolitik für den Alltag so wichtig? Welche Hürden gibt es bei Information, Beteiligung und Kandidatur? Und wie kann europäische Demokratie vor Ort sichtbarer werden?
Außerdem richten wir im Juni den Blick auf die kommende EU-Ratspräsidentschaft Irlands. Irland übernimmt im zweiten Halbjahr 2026 den Vorsitz im Rat der Europäischen Union. Für uns ist das ein guter Anlass, noch einmal grundsätzlich zu fragen: Was ist eigentlich eine EU-Ratspräsidentschaft? Was kann sie gestalten, was kann sie nicht? Welche Rolle spielt sie zwischen den Mitgliedstaaten, der Kommission und dem Europäischen Parlament? Und natürlich: Was hat Irland vor?
Gerade Irland ist für den Europapodcast spannend: ein Land mit eigener europäischer Erfahrung, mit direkter Brexit-Betroffenheit, mit einer besonderen Rolle in Fragen von Binnenmarkt, Demokratie, Nachbarschaft und internationaler Ordnung. Wir wollen die Ratspräsidentschaft deshalb nicht nur institutionell erklären, sondern auch politisch einordnen.
Auch SISO: Der Sicherheitssonntag geht im Juni weiter. Nach dem Blick auf Polen widmen wir uns dem Thema Cybersecurity und hybride Kriegsführung. Denn europäische Sicherheit entscheidet sich längst nicht mehr nur an Grenzen, in Bündnissen oder auf klassischen sicherheitspolitischen Feldern. Sie entscheidet sich auch in digitalen Infrastrukturen, bei hybriden Angriffen, Desinformation, Spionage, kritischen Netzen und der Frage, wie widerstandsfähig Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber Cyberbedrohungen sind.
Daneben blicken wir erneut auf unsere Kooperationen mit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Europäischen Akademie Berlin. Beide Partnerschaften helfen uns, europäische Debatten breiter zu erzählen: analytisch, zugänglich und mit Gästen, die unterschiedliche Perspektiven in die Diskussion bringen.
Kurz gesagt: Im Juni geht es um Europa vor Ort, Europa im Rat, Europas östliche Sicherheitsordnung, Europas digitale Verwundbarkeit und Europa als Gesprächsraum. Genau daran wollen wir mit euch weiterarbeiten.
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