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Newsletter - dein kreativer Journaling Kurs #29 Poesie

Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #29

Ohne Reim und Rhythmus – poetisch schreiben lernen

 


1. Was, wenn Poesie nichts mit Reimen zu tun hat?

Vermutlich verbinden die meisten Erwachsenen Poesie oder Lyrik immer noch mit dem Auswendiglernen von Gedichten in der Grundschule oder mit zähen Gedichtinterpretationen in der Oberstufe. Mir ist noch sehr lebhaft in Erinnerung geblieben die Verzweiflung eines Mitschülers, der in Wut seinen Bleistift nach vorne an die Tafel warf und sich dabei lautstark aufregte „Warum konnten die das denn nicht einfach normal ausdrücken“. Das Ende dieses Wutausbruchs war, dass er als Strafarbeit eines Inhaltsangabe des Gedichts schreiben musste, während wir mit einem „Tschüss“ ins Wochenende entlassen wurden. Weil besagter Mitschüler (Zitat) „offenbar ein verstärktes Bedürfnis habe, lyrische Texte in normaler Sprache vorliegen zu haben“. Ein Gedicht, das ist in der Wahrnehmung der meisten Menschen eben eine Sprachform jenseits des „Normalen“ und etwas, das so sehr mit Talent zu tun hat, dass es in der Mittelstufe haufenweise 4en und 5en hagelt, weil man als Schüler zu blöd ist, die volle Tragweite zu verstehen.

Doch Lyrik und Poesie kann deutlich mehr und darum meine ich, dass es sich lohnt, diese Technik gerade für das eigene Journaling zu entdecken. Denn gerade Gedichte zeigen, was Sprache alles kann und dass es Handwerkszeug gibt, mit denen wir unsere Möglichkeiten, mit denen wir uns normalerweise ausdrücken, einfach übersteigen. Lyrische Sprache kann in Bildern ausdrücken, was wir fühlen und in ihrer Form zu einem Spiegel unseres Inneren werden. Und, vertraut mir, das ist gar nicht schwierig oder zumindest deutlich einfacher als es euch jetzt vorstellt. Wart ihr schon mal so richtig, richtig wütend? War sicher jeder schon mal. Und was schreibt man da passend? „Ich bin sehr wütend“ Ja, so könnte man es zu Papier bringen. Aber wer so richtig bis in die Haarspitzen rasend wütend ist, der könnte auch schreiben:

 

„Ich bin so wütend.

Ich könnte Gläser zerschmeißen

Vasen zertrümmern

Abrissbirnen vorbeischicken“

 

Ja, ist denn das schon Poesie? Durchaus. Hier findet sich eine Steigerung mit Klimax, aber das kann euch vollkommen egal sein. Für die einen ist es „sich in Rage geschrieben“ für die anderen ist es schon ein kleines Gedicht. Oder haben euch jemals die Worte gefehlt, um etwas auszudrücken? Dann könnte man schreiben „Ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll“, aber man kann fehlende Worte auch so zu Papier bringen:

 

„Mir fehlen Worte.

Ich weiß einfach nicht, wie...

Innerlich verstummt jeder Versuch,...

Schweigen. Leere. Gespenstige Stille.

Ich fühle mich hillos!“

 

Ja, ist denn das schon Poesie? Durchaus. Ein Gedicht, das ist mehr als das, was ihr in der Schule gelernt habt. Mehr als Worte, die sich schlecht reimen, die aber für Omas 80. Geburtstag schon noch gesehen. Poesie braucht kein Versmaß, keine Metrum und noch nicht mal Talent. Es braucht einfach nur ein bisschen Mut, Sprache nicht wie in der Schule gemäß ihrer korrekten Anwendung, in ganzen, orthographisch richtigen, grammatikalisch einwandfreien Sätzen aufzuschreiben, sondern diese Grenzen des Richtigen und unserer Alltagssprache zu vergessen. Poetisch schreiben ist nicht „schön schreiben“, poetisch schreiben ist intensiver wahrnehmen, verdichtet ausdrücken und eigene Regeln zu machen. Hierbei können wir Worte wie Bausteine und Sprache wie ein Spiegel deines inneres nutzen. Und gerade für diejenigen, die gerne beim Schreiben mal richtig die Sau rauslassen würden, aber sich dann eine strenge innere Zensur auferlegen, könnte Lyrik ein hilfreiches Werkzeug sein. Denn das, was euch in der Schule so hart genervt hat („Ja, kann der das denn nicht normal ausdrücken, das versteht ja keiner!“) wird euch heute zum Vorteil werden.

2. Was bedeutet „poetisch“ im Journaling überhaupt?

Vorweg das Kleingedruckte, aber das habt ihr euch sicher schon gesagt: Wenn ich schreibe, dass im poetischen Journaling alles erlaubt ist, dann bedeutet das natürlich auch, dass ihr Reim, Form und Metrum verwenden könnt, wenn ihr das mögt und euch das liegt? Warum nicht einfach mal einen klassischen Jambus mit Auftakt zu Papierbringen als Schmähgedicht über den nervigen Chef? Nur zu. ABER: es bestehen weder Zwang noch Notwendigkeit, Reim, Metrum oder Form zu beachten.
Stattdessen geht es darum, Sprache zu verdichten und den Fokus aus Bilder, Stimmungen und Zwischenräume zu legen. Dabei gilt: Mut zur Lücke. Poesie bedeutet manchmal, dass ihr weniger erklären müsst, sondern mehr zeigen oder gestalten könnt. Wie oben gezeigt, kann Sprachlosigkeit ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht werden durch halbe Sätze oder das Weglassen von Worten. Wenn in euch Wut kocht und größer und größer wird, könnt ihr das durch eine Anhäufung von Wutvergleichen ausdrücken. Real und ganz praktisch muss man ja selbst den Impuls kontrollieren, Geschirr zu werfen, im Schreibprozess könnt ihr hingegen die ganze Abrissbirne auffahren. Ihr mögt nicht schreiben, dass sich eure Wut gerade gegen euren Chef richtet? Kein Problem. Findet ein lustiges Bild für euren Chef. Er ist alt und unbeweglich und denkt in allem zu schematisch? Wie wäre es dann mit „Cheops-Pyramide“ statt mein „Chef“. Also schreibst du statt „Ich will meinem alten, knorrigen Chef meine Meinung mal richtig ins Gesicht schreien bis er mit seinen blöden Ansichten einknickt!“ einfach „Ich sende eine Armada an Abrissbirnen zur Cheops-Pyramide“. Die Möglichkeiten, die dir beim poetischen Journaling gegeben sind, sind schier grenzenlos. Ich kann an dieser Stelle nur ein paar wenige Impulse geben und hoffe, dass einige dieser Ideen in deinem Schreiballtag wuchern mögen wie Efeu.

3. Die drei Grundbewegungen poetischen Schreibens

Obwohl du alle Freiheiten hast, kann es vielleicht dennoch helfen, sich ein paar „lyrische Grundbewegungen“ vor Augen zu führen und kennenzulernen. Denn wer sich nicht ständig mit Poesie umgibt, dem ist der Reichtum an Möglichkeiten vielleicht gar nicht konkret vor Augen. Darum ein bisschen Theorie, um euch ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie viele Farben euer Farbkasten enthält. Hier sind einige Richtungen, wie du poetische Sprache für dich nutzen kannst. Lyrisch zu schreiben beginnt oft nicht mit Worten, sondern mir einer Bewegung der Wahrnehmung: Drei dieser Bewegungen sind besonders zentral, darum würde ich sie euch gerne vorstellen, damit ihr sie im Hinterkopf habt: verdichten, verlangsamen und verschieben. Manchmal greifen diese drei Bewegungen ineinander, sie tun jedoch unterschiedliche Dinge:

a) Verdichten: Verdichten bedeutet, das Wesentliche an einer Sache freizulegen. Das bedeutet, das Sprache enger, konzentrierter und in gewisser Weise „aufgeladener“ wird. Man streicht alles Erklärende und lässt nur das stehen, was gerade emotional wirklich tragend ist. Statt „ich bin heute irgendwie traurig und erschöpft, weil... [Aufzählung von Details]“ könntest du schreiben „Der schwere Rucksack eines ganzen Tages liegt schwer auf meinen Schultern“. Natürlich kann es auch manchmal gut und hilfreich sein, detailliert zu beschreiben, worin die einzelnen Belastungen bestanden. Manchmal tut es dem inneren Gefühl aber auch gut, wenn es möglichst akkurat, dicht, fühlbar und mit einer starken inneren Resonanz zum Ausdruck gebracht wurde: Ja, so fühlt es sich an! Lange Gedanken auf wenige, prägnante Bilder reduzieren kann ebenso sehr befreien, wie in epischer Breite alles rauszuhauen, was sich so ereignet hat. Ein gutes Bild kann ganze Seiten an Beschreibungen ersetzen.
b) Verlangsamen: Verlangsamen bedeutet, dass man sich die Zeit nimmt, um genauer hinzuschauen. Ich persönlich mag diese Technik, wenn mich etwas besonders glücklich macht. Dann verlangsame ich, um mir die schönen Erinnerungen in aller Tiefe einzuprägen und um im Prozess des Schreibens den schönen Moment nochmal aufleben zu lassen und fühlen zu können. Du bleibst als bei einem Moment statt erzählerisch weiterzugehen und zerlegst ihn nicht analytisch, sondern öffnest dich sinnlich. Statt „Ich habe Kaffee getrunken“ können wir dem Moment, der sich so tief und glücklich angefühlt hat, in die Länge ziehen und ihm sinnliche Tiefe verleihen: „Der erste Schluck ist bitter und warm. So wie er komme ich in meinem Körper an. Er ist. Ich bin. Ich bin zufrieden und dieses Gefühl geht tief und ich verinnerliche es. Kaffee. Bitteres Wohlgefühl. Ein Schluck des guten Lebens ist dieser Moment und werde eins mit ihm.“ Wahrnehmung dehnen können wir, indem wir en detail beschreiben: Was sehe ich wirklich? Was höre ich? Wie fühlt es sich an? Es geht um Mikrobeobachtungen statt großer Erzählungen und ich kann dir versprechen, dass du dich in einem Jahr gut an diesen einen Moment wirst erinnern können, wenn du diese Seite deines Journals wieder aufschlägst. Stärker vielleicht als wenn du einfach geschrieben hättest „das war ein besonderer Moment“.
c) Verschieben: Verschieben bedeutet, die gewohnte Sichtweise zu verlassen, indem du Dinge anders benennst, überraschender, vielleicht sogar schräg. Dein Chef wird zur Cheops-Pyramide, dein Beziehungsstreit zur Sturmflut, deine Erschöpfung dreht die Welt um dich herum auf doppelte Lautstärke, der Haushalt zerrt an deinem Ärmel, jeder Schritt fühlt sich an als hätte sich die Schwerkraft ausgeschaltet, dein Leben passt endlich wieder wie angegossen, ein Teil von dir steht mit gepackten Koffern an der Tür, deine Seele ist durchlässiger, der Nebel hat sich verzogen. Dabei ist vollkommen egal, wie genau oder passend ein Bild oder eine Darstellung ist, manchmal enthält ein assoziatives Bild, das nicht zu 100% passt, Informationen, mit denen du dich beim Schreiben noch selbst überraschen kann. Poesie darf auch eine Suchbewegung mit Worten sein, das kann dann in etwa so klingen:

 

„Er ist kalt wie ein Fisch

oder eher so kalt wie Eis.

Nein, Eis ist zu positiv,

er ist eher kalt wie die Arktis

- und unter Umständen genauso einsam“

 

Und plötzlich entsteht im Prozess des Schreibens die Erkenntnis, dass jemandes Kälte vielleicht ein Symptom seiner inneren Einsamkeit sein kann. Und ich hoffe, dieser kleine Fünfzeiler macht deutlich, wie wenig es eigentlich um die hohe Schule des kunstvollen Schreibens geht. Es geht eher um neue Perspektiven, Irritation und ein Durchbrechen von Gewohnheiten. Verschieben ist eine Bewegung zur Seite, durch die man noch mal einen neuen Blickwinkel erhält. Und, ja, das ist Poesie.

4. Konkrete Schreibimpulse zum direkten Anwenden

Impuls 1: Schreibe selbst einen Fünfzeiler. Schreibe über ein Erlebnis deines heutigen Tages, das dir besonders nachgeht oder das du in Erinnerung behalten möchtest. Dabei soll jede Zeile mit einem bestimmten Sinneseindruck beginnen.
Impuls 2: Bild statt Erklärung. Wenn du mal wieder ansetzt, etwas sehr detailliert zu erklären, halte bewusst inne und nimm dir vor, das, was du sagen möchtest, in EINEM Bild auszudrücken.
Impuls 3: Mit Unfertigkeit leben lernen: Wir haben sicher immer noch ein bisschen im Kopf, dass „Liebes Tagebuch“ Einträge logisch und vollständig sein sollten. Aber du schreibst keinen Praktikumsbericht und du schuldest niemandem, verständlich zu sein. Erlaube dir bewusst immer wieder, fragmentarisch zu schreiben, mit Halbsätzen und offenen Enden zu leben. Du hängst gedanklich bei „Meine Schwiegermutter ist so...“? Lass es einfach in dieser Offenheit stehen oder schreibe das erstbeste was dir in den Sinn kommt, selbst wenn das weder schön noch eloquent ist: „Meine Schwiegermutter ist so...versalzenes Lieblingsessen“.

Impuls 4: Weniger ist mehr. Gestern hattest du einen Streit mit deinem Kind und würdest darüber gerne schreiben? Versuch mal radikal so viel wie möglich wegzulassen und schau, was dabei raus kommt.

 

Die Schuhe

im Flur.

Wiederholt und im Weg.

Wut wiederholt.

Regulation – Fehlanzeige

Schlagabtausch, laut und gemein.

Regulation schreitet nicht ein.

Stellt sich der Wut nicht in den Weg.

Da sind nur immer noch

die Schuhe

im Flur.

 

Ja, aber soll das jetzt schon Poesie sein? Und wozu ist das gut? Möglicherweise ist diese Form von Poesie der Kompost, auf dem in ein paar Wochen eine Tomatenpflanze wächst.

5. Exkurs: Poesie lesen, sammeln, einkleben

 

Wer Poesie mag oder hilfreich findet, muss diese aber nicht zwangsläufig selbst produzieren. Eine weitere Möglichkeit, mehr Lyrik in deine Schreibroutine einzubauen, lautet: Sei Jäger und Sammler.

Vielleicht begegnet dir irgendwo ein Gedicht oder ein Ausspruch, den du schön findest und der bei dir etwas auslöst. Gewöhne dir an, verbale Fundstücke zu sammeln. Das können Sätze aus Büchern sein, Gedichtzeilen, Songtexte, die dich ansprechen oder etwas in dir zum Klingen bringen. Es ist nützlich, solche Dinge zu sammeln, denn wenn wir uns mit schönen oder besonders passenden Worten umgeben, färben diese zunehmend auf uns ab, denn Sprache färbt ab. Vielleicht habt ihr das bei euch selbst schon mal registriert, dass ihr bestimmte Worte oder Ausdrücke von anderen Menschen übernommen habt, weil ihr sie als besonders stark, präzise oder pointiert empfunden habt. Auch poetisches Schreiben entsteht durch Aufnahme, nicht nur durch Ausdruck, indem wir uns mit ihr umgeben erlauben, uns von ihr prägen zu lassen. Schneide Gedichte oder auch nur einzelne Wörter aus, die du als stark und tragend empfindest, notiere dir Bilder und Vergleiche, die dir etwas gesagt haben und inwiefern du mit ihnen in Resonanz gehst.

6. Abschlussgedanke

Vielleicht ist poetisches Schreiben gar nichts, was man „können“ muss. Vielleicht ist es eher etwas, das sich zu unserer eigenen Überraschung/Erkenntnis/Freude ereignet, wenn wir aufhören, alles erklären oder strukturieren zu wollen. Viele von erleben Sprache eher als etwas, was möglichst korrekt und auf den Punkt sein muss, dabei darf Sprache zudem auch etwas ganz anderes sein: berührend und wirksam. Und das kann Poesie manchmal besser, weil sie verlangsamt, verdichtet und verschiebt und dabei weniger unseren Kopf- als vielmehr unser Bauchgefühl anspricht. Journaling darf uns weiter bringen und dafür ist alles erlaubt, was uns innerlich in Bewegung setzt. Dabei ist erstaunlich, wie sehr es auf uns wirkt, wenn wir Dinge einfach mal in voller Absicht

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Wenn dir meine Arbeit gefällt, vielleicht magst du auch meine wöchentlich erscheinende Kolumne “Wort zum Montag” mit bereits über 300 Texten und Audio von mir:

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Alles Liebe!

Sina

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