Spaziergang durch den Kapitalismus/Clark:Skandal in Königsberg/Shrinking 3/ Roger Willemsen/Makrele

Nicht weit von unserer Wohnung steht das modernste Hochhaus der Stadt, ein schicker Neubau auf 20 Stockwerken für 66 sehr teure Eigentumswohnungen. Der Bau ist seit Jahren fertig, bezogen ist noch keine einzige Wohnung. Es gab 2024 einen mysteriösen Wasserschaden, seitdem tut sich dort nichts mehr. Millionen Euro teure Leere.
Schlendert man dann die Straße weiter, kommt das Fünf-Sterne-Hotel Nassauer Hof, eine Institution im Rhein-Main-Gebiet. Das steht seit Dezember leer. Eine Restaurierung ist geplant, viele Jahre soll sie dauern, einstweilen bleibt das Hotel geschlossen. Zwei große Kaufhäuser, das ehemalige Karstadt Sport und der Kaufhof, stehen leer. Im verbliebenen Karstadt sieht man nur noch wenige Kundinnen und Kunden. Das Angebot nimmt ab, und weil schon so viel am Personal gespart wurde, werden die Schlangen vor den Kassen länger, während die sympathischen, ihre Kunden wiedererkennenden Fachverkäuferinnen und Fachverkäufer längst woanders arbeiten. Eine Abwärtsspirale.
Zu Jahresbeginn machte die Aktion des örtlichen Kinobetreibers Schlagzeilen, der die Sitze seiner beiden Kinosäle verschenkte. Die Miete war zu hoch, die Kinos mussten schließen.
Als Freund von Füllern und Notizbüchern beobachte ich den rapiden Rückgang solcher Läden. In wenigen Tagen schließt der letzte liebevoll geführte, kleine Schreibwaren- und Geschenkladen Paperbeck. Davor haben schon fünf Papeterien dichtgemacht, diese Flächen stehen heute leer.
Die Gastronomie führt einen verdächtigen Reigen auf, denn echten Gewinn machen da kaum welche – die Mieten sind einfach zu hoch. Also schließen Lokale monatelang wegen „Wasserschaden“ – aber es rücken keine Handwerker an, um da was zu reparieren. Leerstand mag sich eher rentieren als Betrieb bei zu wenigen Gästen. Bald kommen neue Inhaber, die Monate später wieder dichtmachen. Am Ende kommt ein Nagelstudio hin oder eben die x-te Immobilienagentur.
Das ist keine lokale Besonderheit, die Stadt wird durch OB Gert-Uwe Mende umsichtig und fair regiert. Es handelt sich um die sichtbare Auswirkung zweier Megatrends: Die Digitalisierung flexibilisiert die Arbeitswelt, aber eben auch die Konsumwelt: Karstadt kommt zu Dir. (Natürlich nicht das real existierende Karstadt, dessen geniale Chefs haben die immensen Vorteile ihrer Standorte in puncto rascher Liefermöglichkeiten völlig verpennt!)
Dass die digitalisierte Stadt eine leere Stadt wird, hat niemand kommen sehen. Wozu noch in die Innenstadt, in der ich an leeren Flächen entlanglaufe?
Der zweite Trend, oft beschrieben, ist die Konzentration des Geldes. Immobilien sind eine beliebte Parkmöglichkeit für die immensen Summen, über die die Megareichen weltweit verfügen, also kommt es zu Spekulationsgeschichten wie diesem Luxushochhaus. Und weil im Kapitalismus das Geld seine eigenen Regeln schreibt, können auch die Feinde des Westens wie die Familie des iranischen Revolutionsführers oder des russischen Präsidenten mitten in Deutschland Immobilien besitzen. Niemand hat ein Interesse daran oder traut sich, dagegen etwas zu unternehmen. In allen Städten Europas sieht man die extrem teuren Wohnungen in den Innenstädten pittoresk leer stehen. Dort wohnt nur Geld.
Am anderen, dem normalen Ende der Skala, kann man die Horrorgeschichten sammeln: Mieterhöhungen, Klagen auf Eigenbedarf, dessen Begründung später niemand mehr kontrolliert und der nicht nachvollziehbare Weiterverkauf von Wohnhäusern setzen die Gesellschaft unter Stress. Familien rackern sich ab, streben nach Wohneigentum, um sicher wohnen zu können – dabei gibt es Modelle, die solche Sicherheit vor Kündigung vermitteln, ohne dass immer weiter neu gebaut und investiert werden muss – Genossenschaften, Werkswohnungen und öffentliche Baugesellschaften beispielsweise.
Zoran Mamdani verdankt seinen Sieg in New York dem Thema Mieten und Wohnen – damit verbindet er eine umfassendere linke Agenda. Auch hierzulande kann man damit linke Mehrheiten gewinnen. Man muss nicht Marx studieren, um diese Phase des Kapitalismus zu kritisieren, es genügt ein Spaziergang in der Nachbarschaft.
Wir halten Shitstorms, Medienkampagnen und Gerüchteküchen für Phänomene der Gegenwart, aber logischerweise sind sie so alt wie die Mediengeschichte selbst. Vermutlich wurden schon in den Höhlen von Lascaux Fake News, Verschwörungstheorien und Rufmordversuche an die Wände gemalt, wir erkennen es bloß nicht. Einer unserer Was-bisher-geschah-Lieblingshistoriker hat sich nun einen Fall ausgesucht, der in Königsberg 1835 spielt: Zwei lutherische Prediger stehen im Zentrum eines ordentlichen Skandals, der sich erwartungsgemäß dadurch verschärft, dass die preußischen Behörden auf den Plan treten. Eine Mikrostudie in Skandaldynamik und Kleinstadtwahnsinn, wie immer bei Clark auch mit leisem Spott und viel Geist beschrieben.

Nach diesen trüben Tagen kann man sich kaum eine bessere Unterhaltung vorstellen als die dritte Staffel von Shrinking, einer Familiencomedy, die ganz ohne Familie auskommt. Die ganze Geschichte beginnt in Staffel 1 ganz und gar nicht lustig, sondern mit einer totalen Katastrophe, nämlich mit einem dummen Verkehrsunfall, bei dem eine junge Mutter stirbt. Seitdem wird erzählt, wie die überlebende Tochter, die Nachbarschaft, ihr Witwer und die psychologische Praxis, in der er arbeitet, diesen Verlust bewältigen – daran scheitern und doch vorankommen. Dabei geht alles so schnell, dass man oft mit dem Lachen und Nachdenken gar nicht hinterherkommt. Bei all dem Huddel, den uns die amerikanische Regierung derzeit bereitet, darf man eben nicht vergessen, welche treffenden, kritischen und komischen Werke der Kultur beispielsweise aus Kalifornien kommen.
https://www.youtube.com/watch?v=iGVDwXh3LsY (Abre numa nova janela)Wer nachvollziehen möchte, weshalb die USA von Anfang an mit Gewalt, Rassismus, Bigotterie und dem Ringen um den richtigen Kurs zu tun hatten, dem sei unsere sechsteilige Was-bisher-geschah-Serie über die Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten empfohlen. Ich habe auch selbst viel gelernt: Die Gründungsväter haben sich dauernd gefragt, wie man mit den vorhandenen, nicht eben idealen Menschen, die aus Europa rübergemacht hatten, so etwas Anspruchsvolles wie eine Republik hinbekommt. Ihre Antwort war klar: Das geht nur durch konsequente, gute und allgemein verfügbare Bildung. Spart man daran, gerät die Republik auch wieder in Gefahr.
https://www.youtube.com/watch?v=SaIoRoyCUGw (Abre numa nova janela)Mein erster Job nach der Promotion war etwas völlig anderes als die akademische Welt, da wurde ich Redakteur bei Roger Willemsen in Hamburg. Es war eine völlig neue Welt, und ich kam mir vor wie die Cambridge- und Oxford-Absolventen der dreißiger Jahre, die zum Geheimdienst gingen. Ich wurde von Isabelle Huppert gequält, stapfte mit Jeanne Moreau durch den Regen über den Ohlsdorfer Friedhof und schenkte Michail Gorbatschow Kaffee ein – vor lauter Rührung direkt neben seine Tasse.
Rogers Bühnentalent war nicht von dieser Welt. Bei einer großen Veranstaltung im Berliner Ensemble warb Roger für die Wahl von Gerhard Schröder, es war ein Fest der europäischen Kultur. Alle waren da, von denen ich je mal ein Buch gelesen hatte. Roger bat mich, mich bereitzuhalten und bei Viviane Forrester, die vielleicht nur Französisch sprach, gegebenenfalls zu dolmetschen. Gleich in der ersten Reihe saßen Schröder, Lafontaine, Rut Brandt, Jack Lang, und so ging es weiter. Ich bin vor Lampenfieber tausend Tode gestorben, Roger bewegte sich auf der Bühne wie ein Waschbär im Apfelbaum. Zum Glück war Forrester mit einem Briten verheiratet gewesen, ich durfte im tröstenden, kühlen Schatten der Kulissen bleiben.
Gestern war sein zehnter Todestag, und ich hege an diesem Datum komplexe Empfindungen, denn es war wirklich nicht immer einfach mit ihm. Er machte sich gerne mentale Filme über Leute, die ihm nahestanden, behielt die aber für sich oder lästerte woanders. Irgendwas hatte man vielleicht unterlassen oder übertrieben, jemand hatte was erzählt, ein Gerücht auffliegen lassen – es war schwer, sich einen Reim zu machen. Man musste erst vorsichtig checken, wie die eigene Aktie bei ihm bewertet war. Mühsam, am Ende war aber alles wieder gut.
Auf der anderen Seite waren ich und viele andere, super Kolleginnen und Kollegen so lange und so erfolgreich damit beschäftigt, ihn vorzubereiten, auszustatten, zu briefen, zu hegen und zu pflegen, für sein Wohl und seine gute Laune zu sorgen, dass es – ganz irrationalerweise – lange, leise an mir nagte, dass er am Ende nicht zu retten war.
Wie spießig die Republik seitdem geworden ist. Hier sein letztes Interview:
https://www.youtube.com/watch?v=KMSiz4HDLX4&t=519s (Abre numa nova janela)Wer etwas in seinem Sinne machen möchte, darf gern an dem von ihm mitgegründeten afghanischen Frauenverein (Abre numa nova janela)spenden. In Boulevardzeitungen ist “Afghane” fast zu einem Schimpfwort verkommen, aber die Menschen dort brauchen unsere Hilfe dringender denn je.
Auch Fische und andere Wassertiere unterliegen den Gesetzen der Mode und des Marktes. Aal ist heute kaum noch bezahlbar, es gibt sogar eine Branche der organisierten Kriminalität, die mit Glasaalen handelt. Völlig unterbewertet ist dagegen die gewöhnliche, meist geräucherte Makrele. Beim Einpacken und Wiegen bekommt man mitleidige Blicke der Fachverkäuferin gratis mit. Dabei handelt es sich um eine nicht nur sehr schmackhafte, sondern nachgewiesenermaßen hirnfördernde Sache. Bitcoins kann man bekanntlich vergessen, ich würde bei Makrele all in gehen! Diese Woche auch empfohlen von unserem britischen Freund Nigel Slater:
https://observer.co.uk/style/nigel-slater/article/nigel-slaters-kitchen-diary-potato-cakes-smoked-mackerel-and-parsley-sauce (Abre numa nova janela)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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