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Über Hochwasser und Suppenhühner

Ich finde das ja auch schön, also diese Spiegelungen der Markuskirche auf dem Markusplatz, ist aber nichts anderes als eines der vielen Symptome des Meerespiegelanstiegs. In diesen Wochen bekommen wir täglich Nachrichten über bevorstehende Hochwasser, die lediglich dank des Einsatzes der Hochwassersperre MOSE verhindert werden:

Üblich ist in dieser Jahreszeit eigentlich ein extrem niedriger Gezeitenstand, um so beunruhigender ist es, dass es jetzt ständig zu Hochwasser kommt - was in den letzten zwanzig Jahren nie vorgekommen ist und nicht von einer extremen Wetterlage ausgelöst wurde, sondern vom Anstieg des Meeresspiegels.

Jede Schließung der Hochwasserschleuse kostet um die 250 000 Euro, was bedeutet, dass sich die Kosten für die Betätigung von MOSE allein in diesem Jahr schon auf vier Millionen Euro belaufen. Und dabei haben wir noch gar nicht über die Auswirkungen auf die Lagune gesprochen: Jede Schließung der Schleuse schadet der Lagune, die den Austausch mit dem offenen Meer braucht.

Während Milliarden für den Einsatz von MOSE ausgegeben werden, werden die einfachen Lösungen seit Jahren ignoriert, etwa Fluttore in den Kanälen einzurichten, Grundmauern zu erhöhen und die Stadt durch das Pumpen von Meerwasser in den Untergrund anzuheben. All dies wurde schon 2006 vorgeschlagen – ohne Erfolg: „Die Politik hat sich den Interessengruppen gebeugt“, sagte der Hydraulikingenieur Luigi D’Alpaos schon vor Jahren. Mit dem Geld fing es an, mit dem Geld wird es aufhören, meinte er: Der Erhalt des Sperrwerks wird auf jährlich 100 bis 150 Millionen Euro geschätzt - und da haben wir noch nicht von den Kosten eines jeden Einsatzes gesprochen. Die Kosten werden es sein, die MOSE ins Grab bringen werden, meinte er.

Und was passiert? Über alternative Lösungen wird nicht nachgedacht, geplant ist - damit die Kreuzfahrtschiffe wieder im Hafen in der Stadt anlegen können und nicht mehr mit Blick auf die Petrochemieanlage - den Kanal Vittorio Emanuele noch tiefer auszubaggern mit dem extrem verunreinigten Schlamm eine künstliche Insel zu errichten.

Angesichts der Tatsache, dass in Venedig die Bürgermeisterwahlen bevorstehen, vermutlich Ende Mai, könnte man glauben, dass die Rettung der Lagune jetzt alle umtreibt. Tatsächlich kommt sie aber in der Propaganda der Parteien gar nicht vor, also der beiden Spitzenkandidaten, dem farblosen Parteifunktionär (Abre numa nova janela) und Brugnaros Kronprinz (Abre numa nova janela), dem bisherigen Stadtrat für Tourismus. Eigentlich sagen die beiden Spitzenkandidaten noch gar nichts, sie meinen, ein “Sie wissen, wofür ich stehe”, würde schon reichen, notfalls wird kurz vor den Wahlen noch das Blaue vom Himmel versprochen, dann werde die rechte oder linke Stammwählerschaft schon für sie stimmen und fertig. Über die anderen, deren Überzeugungen nicht festgetackert sind, wird gar nicht erst nachgedacht. Ganz zu schweigen von den Nichtwählern. Und das sind in Venedig und auf dem Festland inzwischen fast vierzig Prozent.

Meine einzige Hoffnung sind die Bürgerlisten. Denn die Parteien - sowohl unser Mini-Trump als auch die sogenannte Linke (schon wenn ich das Wort schreibe, singen mir die Zähne) betrachten die Bewohner von Venedig (von Venedig wohlgemerkt, nicht die vom Festland) lediglich als zu beseitigende Hindernisse. Das habe ich neulich auch bei einer Versammlung der Bürgerliste Terra&Acqua gesagt, für die ich 2020 Wahlkampf gemacht habe. Da hatte Marco Gasparinetti von Terra&Acqua (der 2020 dank unseres Wahlkampfs in den Stadtrat eingezogen ist) davon gesprochen, dieses Mal vielleicht eine Frau (revolutionär!) als Bürgermeisterkandidatin vorzuschlagen.

Ehrlich gesagt, wäre es mir egal, ob ein Mann oder eine Frau die Stadt regiert, mir würde ein Programm gegen den Ausverkauf und die damit verbundene Zerstörung Venedigs schon reichen. Und das habe ich auch gesagt, im kürzesten Debattenbeitrag des Abends: 2’29 Minuten, jeder sollte nicht länger als drei Minuten reden, Italiener kriegen das aber selten hin.

»Ich möchte nicht weiter hinnehmen, dass ich wie alle anderen Bürger von der Stadtverwaltung als Störfaktor betrachtet werde. Es beunruhigt mich, dass alle Parteien vor den Wahlen große Debatten führen und danach alles vergessen wird. Ich lebe seit 1989 hier und habe gesehen, wie sich die Politiker verhalten haben. Ich habe null Vertrauen in diese Parteien. Die Bürgerliste ist die einzige Hoffnung«, sagte ich. Eigentlich eine Binse. Gilt hier aber schon als so außergewöhnlich, dass ich von den venezianischen Tageszeitungen für das Bürgermeisteramt prompt als papabile bezeichnet wurde, wie man die Kardinäle nennt, die als aussichtsreichste Kandidaten in die Konklave einziehen.

Als papabile bezeichnet zu werden, finde ich sehr lustig, das werde ich das nächste Mal in meinem Lebenslauf aufführen: Ich befinde mich nicht nur auf Brugnaros Schwarzen Liste, ich bin in Venedig auch papabile, genauer: Frau papabile, wie es hier gleich hieß.

Dazu passt auch ein römisches Sprichwort: "Chi entra Papa, esce cardinale": wer als Favorit in die Konklave einzieht, gewinnt selten. Man könnte auch sagen: Als Adler gestartet und als Suppenhuhn gelandet.

Glücklicherweise konzentriert sich mein Ehrgeiz auf ganz andere Terrains.

Weil das Thema Mafia in Deutschland oft immer noch als folkloristisches Phänomen betrachtet wird (remember Söder im italienischen Generalkonsulat: “Ihr habt die Mafia, wir haben die CSU”) (Abre numa nova janela) dachten wir, dass es vielleicht keine schlechte Idee wäre, in München mal aus berufenem Munde zu hören, was die Mafia für die Demokratie - und damit für uns alle bedeutet. Und so freue ich mich darüber, dass der Antimafiastaatsanwalt Nino Di Matteo (Abre numa nova janela) auf Einladung des gemeinnützigen Münchener Kulturvereins rinascità e.V. am 16. März nach München kommt (Abre numa nova janela) und ich die Ehre habe, die Veranstaltung mit ihm zu moderieren.

Und zum Schluss noch ein Nachruf auf meine polnische Freundin Hanna, mit der ich über Jahrzehnte zusammengearbeitet habe - und der ich viel verdanke. Nicht zuletzt meine Liebe zu Polen. Und angesichts der Weltlage kann man kaum glauben, dass wir schon mal viel weiter waren.

https://www.petrareski.com/2026/02/07/in-memoriam-hanna-kassyanowicz-pawlowicz-1939-2026/ (Abre numa nova janela)

Wo wir schon bei der Weltlage sind: Was mich tröstet, ist, dass Vance, wo immer er in Mailand aufgetaucht ist, ausgepfiffen (Abre numa nova janela) wurde.

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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