Hormone, Stress – und ein ganz anderer Blick darauf
Dr. Alexandra Tetzlaff erklärt, was die TCM anders macht

Dr. Alexandra Tetzlaff ist die Symbiose unserer Heilwelten: Sie ist ausgebildete Schulmedizinerin – und seit über 30 Jahren ebenso tief in der Traditionellen Chinesischen Medizin verankert. Nach einigen Jahren im Krankenhaus in der Inneren Medizin und Orthopädie, entschied sie sich, ihren Fokus stärker auf die TCM zu legen und eröffnete 2003 ihre eigene Praxis im hohen Norden.
Durch ihre Promotion im Bereich Gynäkologie tauchte sie tief in die Frauengesundheit ein – und blieb dort. Kinderwunsch, hormonelle Achterbahnfahrten, Wechseljahre: Dr. Tetzlaff kennt nicht nur die medizinischen Fakten, sondern auch die leisen Zwischentöne. Und genau hier kommt ihre Doppel-Expertise ins Spiel – Schulmedizin trifft TCM, und plötzlich ergeben viele Beschwerden ein ganz neues Bild.
Ihr neues Steckenpferd ist seit einem halben Jahr Longevity, das gesunde Altern nach aktuellem Wissenschaftsstand. Die Kombination aus beiden Welten, der Schulmedizin und der TCM kombiniert sie täglich in ihrer Praxis und die Liebe zu beiden fasziniert sie täglich aufs Neue. Und da sich all das perfekt mit der Perimenopausenfrau deckt, kommt hier jetzt das Interview, das bei mir immer noch nachklingt. Denn die TCM-Sichtweise finde ich mehr als spannend.
Alexandra, wie bist du zur TCM gekommen? Was hat dich so fasziniert?
Ich bin mit Anfang 20 das erste Mal nach China gereist und habe dort in chinesischen Krankenhäusern mitarbeiten dürfen. Mich faszinierte auf der einen Seite, dass mit so wenig Mitteln wie Akupunkturnadeln und chinesischen Heilkräutertees so viel erreicht werden kann und zum anderen, dass es immer wieder um den ganz individuellen Blick auf den Menschen geht. Die TCM kann, auch wenn sie 4000 Jahre alt ist, unheimlich gut herausarbeiten, was speziell dein Disharmonie-Muster ist und dann individuell behandeln.
Ein Beispiel: Östrogen und Progesteron entsprechen, wenn wir es übersetzen, Yin und Yang. Eine andere Beschreibung für die unterschiedlichen Phasen des weiblichen Zyklus. Im Prinzip ist das Gleiche wie in der westlichen Medizin gemeint, nur anders ausgedrückt und aus einer anderen Perspektive betrachtet:
Jede Frau ist in Ihrem Zyklus, in ihren Hormonen ganz individuell, je nach Konstitution, Krankheitsvorgeschichte und Lebensstil. Und für mich gilt schon lange: Egal, wohin sich das Gesundheitssystem entwickeln wird – es kann nicht nur die eine Antwort geben. Es sind nie nur die Hormone oder nur die Homöopathie, nur das eine naturheilkundliche Mittel. Wir sind Menschen, multifaktoriell ausgestattet, mit unseren ganz eigenen Lebensgeschichten und leben in einer individuellen Umwelt. Und das muss man immer berücksichtigen.
Jetzt ist der allgemeine Tenor gefühlt gerade: Du musst ab der Perimenopause Hormone nehmen, sonst geht es ganz fix bergab. Was sagst du dazu? Und wie beeinflusst die TCM den Hormonhaushalt?
Die TCM hat einen anderen Blick auf das Leben der Frau: Physiologisch, nicht krankhaft, sie sieht den natürlichen Lebenszyklus des Menschen. Konkret heißt das: Die Chinesen beschreiben das Leben der Frauen in 7-Jahres-Zyklen, Männer in 8-Jahres-Zyklen. Das hängt mit der Nierenenergie zusammen, die wir vererbt bekommen, also mit unserer Genetik.
Alle sieben Jahre passiert etwas: Die erste Stabilität, dann der höchste Höhepunkt zwischen 28 und 35, danach 35 bis 42, und dann beginnt die Nierenenergie physiologisch bei jeder Frau abzunehmen. Bedeutet: Der Zyklus wird unregelmäßiger, die Haare werden grauer, die Knochen fangen an, weh zu tun. Zwischen 42 und 49 beginnt die Perimenopause, eine große Umbruchphase, körperlich und mental. Ab 49 steht dann der große Wechsel an, weil die Hormone ganz aufhören würden, wenn wir sie nicht zuführen. Und wir sprechen hier auch von einer mentalen Umwandlung. Der Körper wird schwächer, die Menstruation und die Kraft lassen nach, die Knochen werden schmerzhafter. Das sind eigentlich alles normale Erscheinungen des Alters. Je nach Lebenwandel, Krankheitsgeschichten, Geburten entwickeln sich bei der einen Frau zusätzlich noch Symptome wie Schlafstörungen, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen. Diese individuellen Symptome werden in der TCM unterschiedlichen Organen zugeordnet, diagnostiziert und dann individuell mit Akupunktur oder chinesischen Heilkräutertees behandelt, um das innere Gleichgewicht wieder herzustellen. Laut der TCM ist die Umbruchphase mit grob 56 überstanden. Früher sind die Menschen ja auch nicht so alt geworden. Heute haben wir eine höhere Lebenserwartung und wollen gesund älter werden – aber eben symptomfrei.
Die moderne Medizin behandelt dann die einzelnen Symptome alle mit Hormonen. Dann ist der Spuk auch vorbei. Die TCM fragt: Warum hast du genau diese Symptome in den Wechseljahren ( z.B. nur Schlafstörungen) und nicht die anderen? Die Kunst ist, aus der Symptomatik herauszufinden, wo die Ursache liegt. Beide Sichtweisen auf den Menschen haben Ihre Berechtigung, beides hilft, nur unterscheidet die TCM etwas feiner.
Und wie findest du das heraus?
Ich schaue mir die individuelle Wechseljahres-Symptomatik an und versuche zu ergründen, woher sie kommt. Das kann auch mit dem Lebensstil zusammenhängen. Eine Frau, die mehrere Kinder bekommen hat, hat tendenziell mehr von ihrem eigenen Qi und Blut abgegeben. Sie neigt eher zu einem sogenannten Leberblutmangel. Das wäre dann eine mögliche TCM- Diagnose. Diese Frau entwickelt eher Schlafstörungen, Gereiztheit, Trockenheit und Unruhe. Dann bekommt sie eine leberblutnährende Rezeptur und Akupunktur, um die Ursache zu behandeln. In der chinesischen Medizin gibt es übrigens ein wunderbares Sprichwort, was mich auch immer kurz traurig macht, aber wirken darf: „Eine Frau, die ein Kind geboren hat, ist ihr Leben lang im Wochenbett.“ Das bedeutet, dass sie von Ihrer eigenen Energie schon etwas abgegeben hat. Die Frauen im alten China blieben tatsächlich während des Wochenbettes aus diesen Gründen im Bett liegen und wurden wieder von der Familie aufgepeppelt. Hier geht es dagegen gleich weiter im Takt.
Auch Emotionen spielen eine Rolle: Konflikte, Trennung, Stress im Beruf. Das schwächt die Leber und führt zu Leber-Qi-Stagnation. Dann braucht man emotional bewegende Kräuter, die das Nervensystem regulieren. Es geht immer darum, eine Disharmonie zu erkennen und diese gezielt zu behandeln. Man erstellt eine Grundrezeptur passend zum Muster und ergänzt sie je nach Symptomen – für Schlaf, Hitzewallungen oder Trockenheit. Die Behandlung umfasst meist zusätzlich zur Heilkräutereinnahme 6 bis 12 Sitzungen mit Akupunktur.
Was nutzt du noch zur Diagnose?
Ich verbinde alles miteinander und kombiniere auch Blutbilder. Ich versuche mir aus beiden Systemen das Beste herauszuholen. Man kann Cortisol messen, Nährstoffe und Hormone bestimmen und sehen, wo jemand im Wechsel steht. Es ist wie ein Puzzle.
In der TCM ist es eine Mischung aus Gespräch, äußerem Erscheinungsbild und Beobachtung: Ist jemand dünn, dick, blass, hat ein rotes Gesicht? Wie bewegt sich jemand? Schnell, erschöpft? Wie spricht jemand?
Dazu kommen die Zungendiagnose und das Tasten des Pulses, beides wird verschiedenen Organen zugeordnet und gibt Hinweise darauf, was im Körper passiert und ins Ungleichgewicht geraten ist.. Viele Frauen mit Eisenmangel haben in der TCM einen Leberblutmangel. Das passt oft zusammen.
Kräuter spielen ja eine Hauptrolle. Wie muss ich mir eine Behandlung vorstellen? Koche ich mir dann täglich Tee?
Nein, es ist viel einfacher geworden: Die Rezepturen bestehen aus etwa 6 bis 12 oder 14 verschiedenen chinesischen Heilkräutern, die individuell aus der Anamnese und den Disharmonie-Mustern zusammengestellt werden. In Berlin gibt es eine große TCM-Apotheke, die dort alles anmischt und den Patientinnen zuschickt. Es sind pulverisierte Kräuter oder Granulate, die morgens und abends mit heißem Wasser eingenommen werden – wie z.B. ein Ingwer-Shot. Früher wurden sie tatsächlich gekocht und über Wochen getrunken. Heute muss es praktisch und alltagstauglich sein, auch für Reisen. Denn auch wenn wir unterwegs sind, wollen wir ja ins innere Gleichgewicht kommen. Und so ist man flexibel.
Wie erklärt die TCM Schlafprobleme?
Schlaf ist ein ganz wichtiges Thema. Wir brauchen ihn, um körperlich und mental zu regenerieren. Man kann auch ihn gut über TCM, Kräuter und Akupunktur regulieren. Ein häufiges Muster ist auch hier der Leberblutmangel: dünne Frauen, blass, oft viel Sport, manchmal vegan, viel Stress, keine Ruhe, Multitasking – Job, Familie, Haus. Das kostet enorm viel Energie. Diese Frauen entwickeln in den Wechseljahren oft Schlafstörungen, Reizbarkeit, innere Unruhe, Ängste und Ärger. Das sehe ich am häufigsten in der Praxis.
Dann helfen Kräuter, Akupunktur und auch das Mindset. Das sind oft Frauen, die vorher immer gesund waren. Es ist ein Erschöpfungszustand – das Qi und das Blut sind geschwächt. Und diese Disharmonien muss man behandeln, bevor eine Krankheit entsteht. Ich finde auch, dass Hormone eine wichtige Alternative oder Ergänzung sein können: Wenn der Leidensdruck sehr hoch ist oder jemand sagt, ich habe keine Zeit, ich schaffe meinen Alltag nicht, mein Mann mag mich auch nicht mehr, dann kann man auch vorübergehend Hormone einsetzen und später wieder ausschleichen. Andere wiederum nehmen auch Hormone jahrelang. Das ist individuell und muss an die Frau angepaßt werden.
In der Perimenopause klagen auch viele Frauen über eine schlechte Haut. Hängt das auch mit der Energie zusammen?
Häufig resultiert eine schlechte Haut aus der Ernährung und kann dann laut TCM aus dem Dünndarm kommen. Wenn du viel Hitze hast, solltest du keine hitzeerzeugenden Lebensmittel essen. Scharf gewürzte Speisen wie Ingwer, Chili, Pfeffer, Zwiebeln und auch Alkohol erzeugen Hitze. Das ist zum Beispiel schlecht bei Akne. Wenn man wieder im Gleichgewicht ist, reguliert sich auch die Haut.
Welche Rolle spielen Supplements? Oder kommen die gar nicht vor?
Unbedingt wichtig. In der Longevity-Medizin sprechen wir viel über Supplements. Sie liefern Nährstoffe wie Magnesium, Omega-3 oder Vitamin D. Kräuter wirken energetisch, Supplements biochemisch. Ich finde, dass Supplements die Wirkung der TCM sogar verbessern. Auch Akupunktur wirkt besser, wenn der Körper gut versorgt ist.
Es geht nie nur um eine Sache, sondern um die Kombination – angepasst an das Leben und die Vorgeschichte.
Hast du noch ein paar generelle TCM-Tipps für die Funckyclub- Leserinnen?
Wovon viele profitieren, ist, die Mitte zu stärken. Das gilt für Menschen, die gesund sind und im Gleichgewicht, denn sonst wird ja auch die Ernährung – wie bei der Frage nach der schlechten Haut an die Symptomatik angepasst. Die Mitte entspricht in der TCM dem Erdelement, dem Milz-Qi. Und das ist auch die Basis unserer Gesundheit. Wir können z.B. morgens mit etwas Warmen starten. Das kann ein warmes Getränk oder ein warmer Brei sein. Hauptsache warm, denn die Milz braucht Wärme.
Milchprodukte sollte man möglichst meiden, genau wie Rohkost. Ab etwa 42 wird unser Stoffwechsel nämlich langsamer und auch die Verdauung träger. Die Mitte muss dann zu viel Energie aufwenden, um Rohkost zu verdauen. Es sei denn, man kaut wirklich extrem gut, also sehr lange – aber wer macht das schon? Eigentlich müsste man die Nahrung mit den Zähnen vorverdauen, damit die Verdauung nicht zu sehr belastet wird.
Im Winter also am besten gar keine Rohkost essen. Im Sommer geht es eher, wenn überhaupt, dann am ehesten bis mittags. Abends wird die Verdauung noch langsamer. Dann liegt die Rohkost im Darm, gärt vor sich hin und schwächt den ganzen Körper. Ein gedünsteter Apfel, gedünstetes oder gekochtes Gemüse sind deutlich besser verträglich. Sonst kann sich Vieles ansammeln: ein Gefühl von Aufgeschwemmtheit, Schwäche oder auch geschwollene Augen. Den allermeisten geht es besser, wenn sie darauf achten.
Alternative: Salat leicht andünsten, damit er weicher wird. Man kann ihn kurz in Wasser dünsten oder im Wok anbraten. So ist er bekömmlicher und man muss nicht mehr so hart kauen.
Auch Getränke wie Kaffee und Alkohol erzeugen Hitze und sind in den Wechseljahren oft nicht gut verträglich. Pfefferminztee wirkt kühlend, aber nur bei Frauen mit Hitze.
Und noch ein Gedanke: Es gibt nicht die eine Lösung. Die Kunst ist, den richtigen Weg für den jeweiligen Menschen zu finden – so, wie es in sein Leben passt und wie er es annehmen kann.
Und wer einen Termin buchen möchte, findet Dr. Alexandra Tetzlaff hier:
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