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Wie ich plötzlich Flohmarkt-Fan wurde

Ein bisschen Carrie, ein bisschen Chaos- und plötzlich im Dopaminrausch!

Oder: Über den Spaß am Edel-Second beim Freundinnen-Flohmarkt  

Edel-Flohmarkt von Frauen für Frauen. Da riss sogar der Februar-Himmel in Warnsdorf über dem Töpferhof auf! Links vorn: Die gut gelaunte Autorin in neuer Bluse mit neuem Lieblingsaccessoire.

Eigentlich war ich nie ein Flohmarkt-Fan. Mir kam immer nur der Muff-Geruch von Berliner Secondhand-Boutiquen in den Sinn, in denen ich mal drehen musste- plus die Frage, wer wohl vorher in der Klamotte gesteckt hat. Und Flöhe sind jetzt ja auch nicht besonders sexy. Spoiler: Das denke ich auch immer noch.

Und deshalb geht nur eins: Flohmarkt mit seinen Freundinnen machen! Menschen, die man kennt, die gut duften, eine gute Energie haben und genauso regelmäßig Zähne putzen wie man selbst. Als also Bine und Ulrike ihre „Mädels-Flohmarkt“- Einladung rüberschickten, war klar: Meine Teenietochter Karlotta und ich sind dabei. Ein Edel-Flohmarkt von Frauen für Frauen. Zum Stöbern, Schätze finden und Lieblingsstücke feiern. Und hat nicht jeder diese eine Freundin, die immer ein Händchen für sowas hat? Die ein bisschen “Carrie Bradshaw” ist und schon ihr Leben verändert, wenn sie sich eine überdimensionale Blütenbrosche ans Top heftet? Die auf Pariser Flohmärkten, bei TK Maxx oder Vinted echte Fundstücke jagt und aussieht, als hätte sie bei Kate Moss und Alexa Chung im Kleiderschrank volontiert? Die, wenn preppy look „in“ ist, noch retro-casual dazu mixt und mit Texturen und Schmuck layert, als müsste sie nie den Küchentisch abwischen und den Müll rausbringen? Wollen wir nicht alle so sein?

 Als wir auf unserem Mädelsflohmarkt ankommen, herrscht schon geschäftiges Treiben: Frauen stehen an Ständen, die sich in kleine Nischen und Erker des hübschen Töpferhofs in Warnsdorf schmiegen, einige probieren an und auf, man unterhält sich, schiebt Bares rüber oder paypalt. Cashmere-Pullover, Highend-Handtaschen, Luxus-Sonnenbrillen, Schmuck, Stiefel, Sandalen, viel ungetragen- es ist alles dabei. Meine Tochter hat gleich eine Lalaberlin-Tasche im Visier, die aber eine andere Kundin kurz vor touch down vom Ladentisch pickt.  Sie sieht mein Kind kurz an, guckt die Tasche an, guckt wieder mein enttäuschtes Kind an und fragt: „Möchtest du sie?“ Karlotta nickt wie ein Wackeldackel, sagt danke und kauft das gute Stück glücklich für 40 Euro. Ich bin gerührt.

Flohmarkt ist so viel mehr als Gebrauchtes, das den Besitzer wechselt. Es ist Erlebnis, Geschichte, Emotion. Ein Stück textile Vergangenheit, die dem einen nichts mehr bedeutet, macht jemand anderen glücklich. Ex-Besitzerin und Mitorganisatorin Ulrike freut sich auch: „Ich mache das jetzt seit 15 Jahren, weil es mir so viel Spaß macht. Und dass sich Karlotta so über diese Tasche freut, macht mich wiederum glücklich!“

Mitorganisatorin Ulrike Dahl an ihrem Stand. Das Strahlen sagt eigentlich alles.

Wir lassen uns weiter treiben zu anderen Ständen, plaudern, probieren und während ich Bine zwei süße Ganni-Blusen mit akzentuierter Schulterpartie abkaufe, sagt sie: „Es ist befreiend, weil ich wieder mehr Platz habe, und gleichzeitig ist es so nachhaltig.“ Und packt schon wieder Käuferin Telse eine knallorangene Bluse in eine Papiertüte. Und damit hat sie völlig recht: Der Flohmarkt ist eine der nachhaltigsten Formen des Konsums. Wir sind heute nicht nur Frauen, die Lust auf Mode und ein Schnäppchen haben, sondern auch Ressourcenschoner und Umweltschützer, denn wir sind Anti-Wegwerf, ein Hauch von Subkultur und unser eigener Designer. Gleichzeitig liegt der Reiz im Zufall, einen Schatz zu finden. Vielleicht auch einen, mit dem man so gar nicht gerechnet hat, denn meistens shoppt man ja, weil man eine neue Jeans braucht oder ein Outfit für einen Anlass.

Flohmarkt ist: Sich treiben lassen- und gefunden werden. Es ist Psychologie, denke ich, während neben mir mein Kind über ein paar Valentino-Ohrringe zum Zara-Preis jubelt. Ich dagegen muss immer wieder an einer YSL-Tasche in Kuvertform vorbei. Ethnolook. „Sonderedition aus Paris. Fand ich so toll, lag bei mir aber nur im Schrank,“ erzählt mir Ulrike. Was soll ich sagen? Da stand wohl mein Name drauf. Für Luxus, eine gute Geschichte und den Überraschungseffekt bin ich ja immer zu haben. Dafür gibt es sogar ein Fachwort: object biography effect, wie ich später bei meinen Recherchen feststelle.

Übrigens, fragt man die Psychologen weiter, sagen die, es ist auch für den Verkäufer ein so gutes Erlebnis, da er ja eine Wertschätzung seines Geschmacks erfährt, die sogar befriedigender sein kann als der finanzielle Gewinn. Dopamin wabert durch den Raum und irgendwann fangen wir an zu tanzen, als ein älterer Song läuft, der mehr nach Disko schreit. Nostalgie reduziert nachweislich Stress – vielleicht erklärt das auch den Retro-Boom.

 Am Ende fahren wir gut gelaunt heim. Nachrichten von Freundinnen ploppen auf:

“What?!“
„Warum war ich nicht da?“
„Ich will nächstes Mal mit!!“

Nächstes Mal! Auf jeden Fall!

 

Tópico MINDSET & PERSPEKTIVE

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