
Stellen wir uns einen Krimi vor, wie Agatha Christie ihn geschrieben hätte. Ein mutmaßliches Verbrechen, ein Ermittler, ein eingeschränkter Personenkreis, ein paar Tote, viele Fragen.
Würden unsere Nachrichtenmedien diesen Krimi schreiben, würden sie sich ausschließlich damit beschäftigen, wie es den Verletzten geht und welche Gesetze womöglich gebrochen wurden. Nichts zum Motiv, nichts zur Tatwaffe, nichts zum Hergang des Verbrechens oder ob es überhaupt eins war.
Gar nichts. Das Buch endet damit.
Ich möchte am Beispiel eines Luftschlags zeigen, wie unterschiedlich die Perspektiven sind. Um deutlich zu machen, wie durch Inkompetenz ein falsches Bild des Gazakrieges verkauft wird. Und selbst diejenigen, die sich einfach nur offen informieren wollen, eben nicht informiert werden.
Desinformation.
Daher werde ich, entgegen der Dramaturgie, zunächst erklären, was tatsächlich passiert ist. Und erst danach werde ich darauf eingehen, was wie berichtet wurde.
Ich finde wichtig, es einmal detailliert zu sezieren. Um zu zeigen, was die Medien alles nicht berichten. Es könnte also ausführlich werden.
Der Luftschlag
Am 30. Juni 2025, vergangenen Montag, haben die IDF einen Luftschlag gegen das Al Baqa Café Restaurant am Strand von Gaza-Stadt geflogen. Am helllichten Tag, was für eine solche Operation eher ungewöhnlich ist.
Deshalb gingen schnell die ersten Handy-Videos online, vor allem auf X (Abre numa nova janela).
Nach einigen Stunden tröpfelten die ersten Zahlen von Verletzten und Toten rein. Sie gingen von 20 bis über 70. Selbstverständlich ohne Kombattanten auszuweisen.

Keine dieser Zahlen war unabhängig geprüft. Diese Zahlen waren nicht einmal die offiziellen Zahlen der Hamas bzw. der Palästinenser. Es waren Zahlen, die auf Aussagen ungenannter Mitarbeiter im Gesundheitsdienst (Abre numa nova janela) beruhten. Die ihrerseits zumeist von der Hamas bezahlt werden.
Aus Erfahrung hatte ich sofort eine recht gute Vorstellung, was dort passiert war. Als die ersten Pressefotos in den Stock-Anbietern zu sehen waren, war ich mir sicher. Es war ein zielgenauer Angriff der IDF. Man spricht auch von einem Hochwertziel oder einem Punktziel.
Nicht das Café war Ziel des Angriffs, sondern ein Ziel im oder beim Café. Ein Auto, eine Person. Deshalb auch ein solcher Luftschlag bei Tageslicht. Kriegsvölkerrechtlich ein enormer Unterschied.

Hätten die IDF einfach das Café plattmachen wollen, hätte sie das gekonnt. Sie hätten zwei bis vier 2000-Pfünder in die Gebäude setzen können, und es wäre nicht viel übriggeblieben. Und damit meine ich Mondlandschaft. Umso mehr, weil es nur ein Strand-Café in Leichtbauweise war.
Wenn nur eine einzelne Bombe fällt, hatte diese eine Bombe einen sehr bestimmten Zweck.
Auf den Fotos der Stock-Agenturen war aber zu sehen, dass die gemauerte Fassade noch stand. Dass im Gebäude keine Brandspuren zu erkennen waren. Dass alle Schäden von der Wucht und von Splittern herrührten.
Es war zu erkennen, dass ein großer Teil des Komplexes eher einem Zelt geglichen hatte. Stoffdächer hingen herab, Alustangen standen verbogen herum.
Auf einem Foto, das ich gekauft und schon auf Facebook Fanpage (Abre numa nova janela) und dem X-Account (Abre numa nova janela) veröffentlicht habe, sah man die Einschlagstelle, den Krater. Das Bild bestätigte ebenfalls meine Einschätzung.

Die Bombe
Am Mittwoch dem 02.07.2025 berichtete der britische Guardian unter dem Titel „Israelisches Militär verwendete 500-Pfund-Bombe für Schlag gegen Gaza-Café, enthüllen die Splitter“ („Israeli military used 500lb bomb in strike on Gaza cafe, fragments reveal“).

Unter anderem schrieb der Guardian, dass Fragmente durch den Guardian fotografiert worden seien. Eine übliche Aneignung, die genannte Enas Tantesh ist freier Journalistin (18) und war auch schon Gegenstand der Berichterstattung u.a. in: Voice of America (VOA), NZZ, VOA Africa, China National News, North Korea Times (!), afghanistannews, China News und New Delhi News. Kein westlicher Mitarbeiter des Guardians nach unserem Verständnis hält sich im Gazastreifen auf.
Des Weiteren wird berichtet, dass die Splitter von Bomben-Experten als Reste einer Mk-82 identifiziert worden seien. Wer diese Experten waren, berichtet der Guardian nicht.
Es ist dennoch glaubwürdig.
Noch vor diesem eigentlichen Kern der Story werden „Experten des internationalen Rechts“ zitiert - ebenfalls ungenannt - die gesagt hätten, dass der Einsatz einer solchen Bombe fast sicher ein Kriegsverbrechen darstellt. Unabhängig davon, ob man von der Anwesenheit ungeschützter Zivilisten, „darunter Kinder, Frauen und Alte“, gewusst habe.
Diese Aussage ist schlicht Unfug. Abgesehen davon, dass das Recht keinen Unterschied zwischen Männern und „Kindern, Frauen und Alten“ macht. Das ist eine moralische Bewertung, keine juristische.
Das Kriegsvölkerrecht verbietet „exzessive oder unproportionale“ Gewalt gegen Zivilisten. Und um die einschätzen zu können, muss der Entscheidungsträger wissen, was mögliche Kollateralschäden sein könnten.
Wenn das wirklich Experten waren, die mit dem Guardian gesprochen haben, haben sie das sicher nicht so formuliert.
Aus genau diesem Grund ist ein Verfahren gegen die Entscheidungsträger der Bundeswehr bei dem Luftschlag gegen Tanker bei Kundus 2009 eingestellt worden. Weil sie keine genauen Informationen hatten und gute Gründe von Kombattanten auszugehen.
Dabei wurden übrigens zwei (!) fast identische Bomben eingesetzt, wie nun die eine auf das Café.
Dumme und schlaue Bomben
Selbst mit meiner Nacherzählung des Guardians müssen Laien bereits den Eindruck haben, die IDF hätten ohne Rücksicht eine große Bombe in ein ziviles Café gesetzt. Lassen Sie mich einordnen.
Die von den ungenannten Experten identifizierte MK-82 (gesprochen „Mark“, was bei Bomben soviel wie „Version“ bedeutet) ist die zweitkleinste „Eisenbombe“, welche Israel und die gesamte NATO überhaupt haben.
Israel selber hat eine kleinere Bombe, die MLGB, und eine ähnliche, die aber andere Spezifikationen aufweist (Fastlight). Die größte dieser Bomben in Israels Arsenal ist achtmal so groß.
Angegeben werden solche Bomben in britischen Pfund. Der Grund dafür ist militärisch, da jedes Flugzeug nur eine bestimmte Last tragen kann, weshalb das Gesamtgewicht genannt wird.
Die „500-Pfund-Bombe“ aus der Guardian-Schlagzeile wiegt also eigentlich 230kg und hat einen Gefechtskopf (Sprengladung) von 89kg. Aber das macht sich nicht gut in Schlagzeilen.
Die Mk-82 ist allerdings eine dumme Bombe.
Es ist eine ungelenkte Freifall-Bombe. Und sowas braucht man eigentlich nur noch für Flächenbombardements. Die längst nicht mehr das Mittel der Wahl sind. Trotzdem gehört sie bis heute zu den am häufigsten verwendeten Bomben. Denn es gibt Nachrüstsätze, vor allem die JDAM.
Mit diesen Nachrüstsätzen werden „Flügel“ an die Bombe angebracht, sowie ein anderer Kopf. Es gibt verschiedene Versionen, je nach Bombe und Rüstsatz. Unter anderem die Paveway I – III, die auch Israel verwendet. Dadurch werden aus den dummen Bomben sehr schlaue Bomben. Denn Sie bekommen eine Laser-Zieleinrichtung.

Warum die Experten des Guardian das nicht erwähnt haben, oder ob der verantwortliche Redakteur Jason Burke in Jerusalem das einfach weggelassen hat, wird ein Geheimnis bleiben.
Das Kartell
Das Prinzip ist leicht zu verstehen.
Jemand zielt mit einem Laser auf einen Punkt und die Bombe fliegt genau in diesen Punkt. Mit einer enormen Präzision, auch auf fahrende Ziele. Ich habe von Versionen mit einem Radius von höchstens 30cm gelesen. Das ist die Länge eines Schullineals.
In der simpelsten Operation wird ein Trupp Spezialisten geschickt. KRK, Kampfschwimmer, Navy Seals, Delta Force, jeder hat in Filmen diese Namen schon gehört. In Israel wären das beispielsweise die Schajetet 13 oder Brigade Oz.
Diese schleichen sich unentdeckt an ein Ziel an, vielleicht auf zwei Kilometer, zielen mit dem Laser, ein Flugzeug setzt die Bombe ab und die geht genau auf den Laser. Der am Boden natürlich nicht zu sehen ist.

Die Hauptfigur der Reihe Jack Ryan wurde in dem Blockbuster „Das Kartell“ von Harrison Ford gespielt. In diesem Film ist genau ein solcher Einsatz wichtiger Teil der Handlung. Der Film stammt von 1994, ist also über 30 Jahre alt. Die Buchvorlage „Schattenkrieg“ stammt gar von 1989 und wurde geschrieben von Tom Clancy. Der u.a. auch „Jagd auf Roter Oktober“ verfasste und als erster Journalist auf ein Atom-U-Boot durfte, um ein Sachbuch darüber zu schreiben. (Was ich damals verschlungen habe, eine kleine Sensation.)
In den Köpfen der Nachrichtenredaktionen scheint diese Technik nach wie vor nicht angekommen zu sein.

Allerdings wäre es schwierig, ein Team von Kampfschwimmern an einem sonnigen Tag an einem Badestrand auf ein Café zielen zu lassen. Möglich, aber schwierig.
Heutzutage wird so etwas mit Helikoptern, anderen Flugzeugen oder Drohnen gelöst.
Und das erklärt dann nicht nur den kleinen Krater, der von vielen Medien als groß bezeichnet wurde. Sondern es erklärt auch, warum die Bombe offenbar südlich von dem Café eingeschlagen ist und nicht im Hauptgebäude. Das Gebäude unmittelbar nördlich von dem Café, also vom Einschlag aus auf der anderen Seite, scheint unbeschädigt geblieben zu sein. Ich habe ein aktuelles Sattelitenbild abgeglichen, das ich nicht veröffentlichen darf.
Auf palästinensischen Fotos sieht man nie, was noch intakt ist. Die Trümmer werden fotografiert, die lassen sich verkaufen.
Das Ziel
Es gibt zwei Hochburgen der Hamas. Auch wenn der Begriff von Medien inflationär verwendet wird.
Das ist einmal Chan Yunis im Süden, aus dem Yahya Sinwar (Abre numa nova janela) und seine Brüder - alles wichtige Leute innerhalb der Hamas - stammten. Und das ist Dschabaliya, ein als Flüchtlingslager gegründeter Vorort nördlich von Gaza-Stadt. Dort begann die erste Intifada.
Und Dschabaliya ist der Bereich, der noch vor der Bodenoffensive durch Israel massiv bombardiert wurde. Die Bombardements sind auf Sattelitenbildern deutlich zu erkennen, während andere Viertel nach wie vor intakt erscheinen. Die meisten Bilder der Zerstörung, die in Medien zu sehen waren, stammen aus diesem Viertel.
Nach beiden Orten sind Bataillone der Qassam-Brigaden, der offiziellen Streitkräfte der Hamas, benannt.

Ayman Atiya Mansour war Kommandeur des Dschabaliya-Bataillons. Und damit auch der Kommandeur der Hamas im gesamten Norden.
Er wurde, zusammen mit seinem Sohn Atiya, im Juni 2023 erschossen. Also vor dem Krieg.

Die Geschichte ist skurril, könnte aus der Netflix-Serie Fauda stammen.
Mansours Verwandter Eid Muhammad Mansour betätigte sich als Waffenschmuggler für die Hamas. Familiengeschäfte. Er wurde beschuldigt, mit den Israelis zu kooperieren. Daraufhin soll er die beiden Verwandten erschossen und sich zum Schluss die Waffe an den eigenen Kopf gesetzt haben. Vielleicht wissend, was ihn sonst erwartet.
Das ist zumindest die Version, die das Hamas-Innenministerium veröffentlicht hat. Allerdings sind Kooperation mit den Israelis und Homosexualität standarisierte Beschuldigungen um unliebsame Mitstreiter aus dem Weg zu räumen. Es gibt mehrere Beispiele.
Bereits am Dienstag, 01.07.2025, also einen Tag nach dem Luftschlag, war aus palästinensischen Kreisen zu hören, dass das Ziel des Luftschlages auf das Café Hisham Ayman Mansour war. Ein anderer Sohn des bisherigen Kommandeurs, der auch aktiv am 10/7 teilgenommen hat. Er soll hochrangiger Kommandeur im Familiengeschäft gewesen sein, vielleicht sogar den Posten seines Vaters übernommen haben.
Inzwischen gilt das als gesichert.

Am gleichen Tag grassierte bereits das Gerücht, dass Hisham Mansour in dem Café war, um dort Mitglieder und Affiliierte zu bezahlen. Behalten wir das für einen Moment im Hinterkopf.
Was vermutlich passiert ist
Ich gebe eine alternative Version. Was ich mir so denke, was passiert ist.
Aus verdeckten Quellen hat der für den Gazastreifen zuständige Nachrichtendienst Schin Bet erfahren, dass der Kommandeur der Hamas Hisham Mansour sich frei bewegt. Vielleicht haben Sie ihn „getrackt“, vielleicht durch Kollaborateure zufällig entdeckt, vielleicht wussten sie durch ein abgehörtes Telefonat, dass er sich mit jemandem in dem Café treffen will.
Eine Beobachtungsdrohne wurde gestartet und das Ziel wurde visuell bestätigt. Die Drohne, sicher nur eine kleine Beobachtungsdrohne, verfolgte das Ziel.
Daraufhin stieg eine weitere Drohne mit einem Laser auf. Beispielsweise ein Heron, wie die Bundeswehr sie auch bestellt hat. Ein kleines Flugzeug, das in großer Höhe sehr langsam fliegen und lange in der Luft bleiben kann.

Als klar wurde, wo sich das Ziel hinbewegt oder sein würde, wurde ein Flugzeug mit einer lasergelenkten Bombe gestartet. Zur Sicherheit wurde eine Bombe gewählt und keine übliche Panzerabwehrrakete wie die Spike, um das Ziel auch sicher zu erwischen. Vielleicht weil man noch nicht wusste, wohin es sich bewegen würde. In jedem Fall wird es handfeste Gründe für die Verwendung genau dieser Bombe gegeben haben.
Hisham Mansour hält an dem Café, parkt vielleicht. Vielleicht trifft er sich im Fahrzeug mit anderen. Vielleicht steigt er aus.
Das Ziel wird bestätigt, der Entscheidungsträger in einem Bunker in Israel gibt Feuer frei, die Drohne, gesteuert von einem Luftwaffenstützpunkt in der Negev, schaltet den Laser auf, das Flugzeug startet die Bombe und so blieb von Hisham nur ein kleienr Krater.
An einer solchen Operation sind hunderte Menschen beteiligt. Spezialisten, darunter Nachrichtendienstler, Piloten und Drohnenpiloten. Das ist keine lapidare Bombardierung eines bekannten Ziels, das man auf jeder Karte findet. Das hätte man sicher nachts erledigt.
Und plötzlich ergibt sich ein völlig anderes Bild als das, was von den Medien kommuniziert wurde.
Keine willkürliche Bombardierung von Zivilisten, sondern das präzise Ausschalten eines Hochwertzieles. Das zu Kollateralschäden geführt hat, weil das Ziel sich unter Zivilisten versteckt hat. Ein Geheimdienst-Thriller von Tom Clancy, kein halbfertiger Krimi von Agatha Christie.
Das ist nur eine Vorstellung. Auch wir haben schon in den 90ern ähnliche Einsätze geübt. Wieder überlasse ich es den geneigten Lesern zu entscheiden, was sie für wahrscheinlicher halten.
Ich weise aber darauf hin, dass ich in diesem Artikel bisher keine einzige Information der IDF verwendet habe. Lediglich offene Quellen, die jedem Nachrichtenredakteur auch zur Verfügung stehen.
Es ist ein Muster.
Verzerrte Narrative
Diese Form der Berichterstattung hat System. Ob bewusst oder nicht, ob absichtlich oder nicht. Meiner Meinung nach eine Mischung aus vielen Gründen, vor allem das System Agenturmedien kombiniert mit Kompetenzlosigkeit. Israelfeindlichkeit und Antisemitismus mögen vereinzelt eine Rolle spielen, letztendlich möchte ich das nicht verallgemeinern.
Einige Beispiele:
Mohammed Deif

Im Juli 2024 wurde Mohammed Deif ausgeknipst.
„Deif“ bedeutet eigentlich „der Gast“. Den Namen hatte Mohammed Masri daher, dass er seit 1995 abgetaucht war. Er hat nomadisch immer wieder für einige Tage bei irgendwelchen Familien Unterschlupf gefunden.
Die Medien berichteten, Israel habe die humanitäre Zone al-Mawasi bombardiert. Das war Kern des Narrativs. Zumal Israel lange gewartet hat, die Eliminierung der Nummer 2 der Hamas zu bestätigen.
Ich konnte den Ort aufgrund einiger Informationen lokalisieren. Es handelte sich um ein durch Mauern umschlossenes Anwesen mit einem kleinen Gebäude im Hinterhof, in dem wohl einer der Tunneleingänge lag, in dem Deif sich versteckte.
Das Gelände lag tatsächlich am Rand von al-Mawasi. Doch selbst wenn es einen völkerrechtlichen Schutzstatus gegeben hatte, erlosch dieser, als Deif sich darunter versteckte.

Da er und seine Mitstreiter durch Bunkerbrecher getötet wurden, deren Wucht nach oben weggeht, habe ich die angegebenen Opferzahlen schnell für absurd geraten. Ein von Al Jazeera veröffentlichtes Video, auf dem Menschen auf der Hauptverkehrsstraße lagen, halte ich für gestellt.

Deshalb haben die IDF auch ein Drohnenvideo der Einschläge veröffentlicht. Anhand dessen ich Bild für Bild zeigen konnte, dass nicht einmal die Zelte in 30 Metern Entfernung auch nur umgepustet wurden. Geschweige denn, dass auf der besagten Hauptstraße Menschen getötet worden sein können.
Krankenhaus bombardiert
Im Mai dieses Jahres berichteten die Medien, dass das Europäische Krankenhaus bombardiert wurde.
Bekannt wurde das Bild des in einen Bombentrichter abgerutschten Busses.
Tatsächlich konnte ich anhand der Medienbilder nur zwei Einschläge bzw. Angriffspunkte lokalisieren. Einen vor einem Gebäude und einen außerhalb des Krankenhausgeländes. Beide mittig auf der Straße, vermutlich um keine Gebäude zu zerstören.
Anhand der Bilder war sofort ersichtlich, dass es sich um Bunkerbrecher gehandelt hatte. Es musste also ein Ziel unter dem Krankenhaus anvisiert worden sein.
Alleine auf X haben über 170.000 Nutzer meine Auswertung gesehen. Ich hatte dazu aufgerufen, mir Bilder von beschädigten Krankenhausgebäuden zu schicken oder zu posten. Es kam keines. Die Palästinenser hätten so etwas sicher freudig verteilt. Das Krankenhaus war durchgehend im Betrieb.
Eine von mir gefertigte Grafik war fast deckungsgleich mit der später veröffentlichten Grafik der IDF. Lediglich der mutmaßliche Tunnelverlauf war komplexer.
Als die IDF im Rahmen der Operation „Gideons Chariots“ das Krankenhaus dann einnahm und in den Bunker gelangte, fand sie die Leichen von Mohammed Sinwar und anderen. Der hochrangige Kommandeur und Bruder des bereits getöteten Yahya Sinwar (Abre numa nova janela) war wohl recht elendig auf seiner Matratze erstickt.

Die Liste solcher verzerrten Berichte ist lang. Sehr lang. Sie geht weit über das Al-Ahli Krankenhaus hinaus. Bei dem weltweit alle Medien von einem israelischen Luftschlag auf das Krankenhaus am 17.10.2023 mit 500 Toten berichtet hatten.

Bis sich nur kurze Zeit später herausstellte, dass es sich um eine verirrte Rakete des Islamischen Dschihad in Palästina gehandelt hatte, die auf dem Parkplatz hinter dem Krankenhaus runtergegangen ist. Und damit schwerlich ein Zehntel der Opfer gefordert haben kann, die von der Hamas in einer nächtlichen Pressekonferenz mit Ärzten in aufgebarten Leichen, überwacht durch einen Hamas-Offizier (damals noch in Uniform), verkündet wurden.

Auch das konnte ich durch öffentlich zugängliche Stock-Bilder darlegen. Also hätte jeder Nachrichtenredakteur es auch gekonnt.
Weitere Beispiele:
Ein angebliches bombardiertes Zelt Geflüchteter, dass sich als brennender Unterschlupf herausstellt, in dem massiv und auf Videos hörbar Munition explodiert. (Cook off)
Ein Zelt in einem Flüchtlingslager, das weit von Flüchtlingen entfernt stand und in dem sich Hamas-Kommandeure trafen.
Eine angeblich bombardierte UNRWA-Schule, in der zielgenau ein Klassenraum, ein mutmaßlicher Kommandopunkt, herausgefräst wurde. Während im angrenzenden Innenhof danach noch die Wäsche sauber auf der Leine hing.
Die Liste ist lang. Sehr lang.
Die taz
Auf X hatte ich eine kleine Maulfechterei mit dem Linguisten Prof. Dr. Vogel.
Es ging um Aussagen, die er traf. Die er durch einen Artikel der taz vom 01.07.2025 stützte, mit dem Titel „Überall um mich herum lagen Leichen“.

Die verantwortliche Redakteurin ist Lisa Schneider. Sie ist bei der taz Redakteurin für ganz Nahost, Westasien und Nordafrika.
In ihrem Werdegang war sie auch für über ein Jahr Volunteer bei Amnesty International.
Co-Redakteurin ist die Gaza-Palästinenserin Malak Tantesh. In der taz hat sie vier Beiträge mit zu verantworten, drei davon mit Lisa Schneider. Sie ist umtriebig und verkauft auch Inhalte an den Spiegel, NZZ, den Guardian und einige andere. Vielleicht auch über Agenturen, so genau weiß man das nie.
Alle diese Beiträge sind aus der Rubrik „Stimmenfang in Gaza“, alle berichten über das Leid der Palästinenser. Ich habe keinen Artikel gefunden, in dem sich über Politik oder Militär, geschweige denn über die Hamas geäußert hat.
Und wem der Name vertraut vorkommt: Malak Tantesh ist die ein Jahr ältere Schwester der erwähnten Enas Tantesh, die dem Guardian das Foto der Bombe verkauft hat.

Man muss also davon ausgehen, dass Tantesh aus dem Gazastreifen Material liefert und die „westlichen“ Redakteure daraus eine Story stricken, ohne selber vor Ort gewesen zu sein. Was durch die Art des Erzählens verschleiert wird und vielen Leserinnen und Lesern gar nicht so bewusst sein dürfte. Hörensagen.
Ob Tantesh Verbindungen zur Hamas hat… Wer weiß das schon?
In dem Beitrag der taz fällt u.a. folgender Satz:
„Auch die Journalistin Bayan Abu Sultan, der auf X fast 120.000 Menschen folgen, ist unter den Betroffenen – sie überlebte verletzt.“
Die Frau Sultan ist nochmal eine ganz andere Hausnummer. Die sicher einen eigenen Beitrag wert wäre.
Frau Sultan
Bekannte geworden ist Bayan Abu Sultan vor allem durch ein Foto, das durch viele Medien und vor allem auf Social Media herumging. Es stammt aus der gleichen Reihe wie andere Bilder, weshalb ich mir ebenfalls die Rechte gesichert habe.

Frau Sultan hat an einer Uni in Gaza studiert. Massenkommunikation und Medien übrigens. Die von der Hamas geführten Universitäten haben viele solcher angehende „Journalisten“ produziert.
Von 2019 bis 2021 hat Frau Sultan dann bei JAWWAL gearbeitet, einem Telekommunikationsanbieter. Als „Sales Officer“.
Als Journalistin gibt sie an, für AFMN zu arbeiten.
Was tatsächlich etwas Recherche gekostet hat. Denn AFMN ist das „Al Fida’l Media Network“. Eine winzige Internetseite mit kaum zwei Dutzend Video-Beiträgen. Die ausschließlich mit „Freiwilligen“ arbeitet, also Unbezahlten, und sich selber als „The Resistance Report“ („Der Widerstands-Bericht“) bezeichnet.
Dort hat Sultan eine Handvoll Videos veröffentlicht, u.a. mit der Behauptung, die IDF würden gezielt Behinderte angreifen. Und einem Investigativ-Report über das Überleben von Nutzvieh während des Krieges. Vor allem Ziegen.
Amüsant: In einer ihrer Moderationen trägt sie eine Weste mit der Aufschrift „Presse“. Also nicht das international übliche „Press“, sondern wirklich das deutsche „Presse“.

Darüber hinaus konnte ich keine Veröffentlichungen der „Journalistin“ Sultan auf anderen Plattformen finden. Außer ihren eigenen.
Auf Instagram berichtet sie in Storys über ihr Leben in Gaza-Stadt. Auf einem Foto posiert sie wie eine Mode-Influencerin neben einem umgedrehten, roten Dreieck. Eine Chiffre für Hamas, die auf Videos so ihre Gegner markiert.

Auf ihrem X-Account postet Sultan auf Englisch und Arabisch. Und es lohnt sich, die arabischen Postings zu übersetzen.
Anlässlich einer Geiselübergabe fragt sie beispielsweise, ob man die Hamas verdamme. Über 100 Nutzer feiern die Hamas in den Kommentaren. In einer Umfrage fragt sie Ende Oktober 2024, ob „wir“ (Palästinenser) mehr unser Land lieben oder die Israelis hassen. Mit einigen Prozentpunkten Vorsprung gewann der Hass, bei über 1000 Stimmen.
Am 07.10.2023 wünschte sie allen einen glücklichen 7. Oktober. Drei Tage später riet sie dazu, wenn man ermattet sei (vermutlich von den israelischen Luftangriffen) solle man sich zur Erheiterung nochmal die Videos vom 7. Oktober ansehen.

Das ist die Frau, die die taz-Redakteurin Lisa Schneider als „bekannte Journalistin“ beschreibt. Frau Schneider war wohl nicht willens, einfach mal selber zu suchen und zu scrollen.
Die Realität zeigt eher eine lupenreine Hamas-Influencerin, die Israel offen die Vernichtung wünscht.
Und nur nebenbei: Ich hatte mir den Spaß erlaubt, die Uhr zu suchen, die Sultan auf dem Bild trägt. Fündig wurde ich bei dem Modell Rolex Datejust 31, allerdings mit einem anderen Armband aus der Reihe. Für läppische 13.900 Euro.
Natürlich kann man darüber streiten, ob es sich um ein Plagiat handelt. Aber alleine der Ansatz, dass eine Hamas-Anhängerin und „Journalistin“ in einem Krieg auch nur mit einem Rolex-Imitat herumläuft, lässt tief blicken.

Es wurden auch Videos von Sultan veröffentlicht, die von einigen so interpretiert wurden, dass sie gerade geschminkt wird, um für die Propaganda als Opfer durch das Café zu laufen. Ich halte es für Aufnahmen, die tatsächlich nach dem Luftschlag aufgenommen wurden. Sultan hat Pflaster auf einem Arm, was beim Schminken keinerlei Sinn ergeben würde. Zudem ist das Blut deutlich sichtbar eingetrocknet.
Blutmenge und Schwere der Verletzung sind nicht immer kongruent.

Das Kriegs-Café
Einen letzten Punkt möchte ich kurz ansprechen, der von den Medien vollkommen ignoriert wird. Obwohl er doch so offensichtlich ist.
Medien berichteten häufig, dass das Al Baqa Café und Restaurant ein Treffpunkt von Journalisten war, die das dortige Internet nutzten. Ohne dass auch nur ein einziger Journalist einmal fragt, warum es dort überhaupt ein laufendes Café gibt.
Alle Lebensmittel, bis auf sehr wenige Ausnahmen, kommen derzeit von außen in den Gazastreifen. Es sind Hilfslieferungen, Geschenke, Spenden.
Der Gazastreifen hat auch vor dem Krieg nicht genug produziert, um sich selber versorgen zu können. Was nichts Außergewöhnliches ist, Großbritannien kann das auch nicht. Die Briten verdienen das Geld über Dienstleistungen und Banken und bestellen sich dann halt Tomaten und Salat in Spanien. Aber der Gazastreifen hat auch das nicht. Er produziert nichts, er exportiert nichts.
Würde man die Gaza-Palästinenser in die Eigenverantwortung entlassen, käme es sicher in kürzester Zeit zu Unruhen. Da sie zwar Shopping Malls gebaut haben, aber sich nicht ernähren können. Ähnliches gilt übrigens für das Westjordanland. Der größte Arbeitgeber ist das Palästinenserhilfswerk UNRWA. Die Hilfsorganisation der UN, keine Firma, mit 30.000 Mitarbeitern.
Spendet jemand, beispielsweise für die Hungerkatastrophen im Jemen oder Sudan, erwartet er zu Recht, dass seine Hilfe auch tatsächlich bei den Hungernden ankommt.
Gut, die Hilfslieferungen der UN sind nur sehr mittelbar von Spenden abhängig, sie werden vor allem durch die Beiträge der Mitgliedsstaaten finanziert. Aber die Hilfslieferungen anderer Organisationen, wie der World Central Kitchen, werden vor allem durch Spenden finanziert. Und durch die Koordination der UN verteilt.
Im Gegensatz zur GHF (Abre numa nova janela), die grundsätzlich als „umstritten“ von den Medien geframed wird und nur Lebensmittel in Größen verteilt, die man auch hierzulande in Supermärkten findet, verteilt die UN beispielsweise Mehl und Reis in 50kg-Säcken. Da drängt sich die Frage auf, was jemand, der ausgebombt in einem Zelt in Chan Yunis sitzt, mit einem 50kg-Sack Mehl soll.

Zudem stand in mehreren Mitteilungen der Hilfsorganisationen zu lesen, dass u.a. Bäckereien beliefert werden. Das kann durchaus Sinn machen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Aber an eben dieser Wirtschaft verdient die Hamas mit. Was schlicht ignoriert und negiert wird.
Den Aufdruck, dass die Lebensmittel nicht zum Verkauf sind, hätte man sich auch sparen können.

Auf einem älteren Sattelitenbild (01.12.2024) ist auch zu sehen, dass das Al Baqa schon einmal angegriffen wurde. Unbestätigten Informationen nach bereits 2023.

Es wurde am 27.07.24 wiedereröffnet. Dafür gibt es sogar Rezensionen. Die erwähnen, dass die obere Etage noch renoviert werde.

Und nicht ein einziger Journalist kommt auf die Idee, das zu hinterfragen.
Nicht einer denkt darüber nach, warum ein schon einmal angegriffenes Café an der Strandpromenade offenbar genug abwirft, um schnell renoviert und wiedereröffnet zu werden.
Nicht einer fragt, warum dort Badegäste unter Sonnenschirmen und beim Planschen im Wasser den Tag genießen, während die UN und andere täglich das Lied der bevorstehenden Hungerkatastrophe singen.
Nicht einer fragt, woher das Mehl und der Kaffee stammen, die im Al Baqa angeboten wurden. Und das von Journalisten regelmäßig frequentiert wurden. Die mit genau den Journalisten hierzulande zusammenarbeiten, die das hinterfragen müssten.
Mehr noch, es wird so kommuniziert, als sei da ein Journalisten-Treffpunkt angegriffen worden. Einen Treffpunkt, den es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Noch absurder kann es eigentlich nicht mehr werden.
Ob das Gerücht nun stimmt, dass der getötete Hayam Mansour dort Geld auszahlen wollte, oder nicht: Es wirft einen Schatten. Sowohl auf die Funktionsweise der Gesellschaft im Gazastreifen, als auch auf die Berichterstattung der Journalisten, hüben wie drüben.
Es gibt eine Struktur, die im Grunde ein Informationsmonopol ist. Von genau jenen, die danach schreien, Israel solle dort Journalisten in den Gazastreifen lassen. Was die Palästinenser davon halten würden, wird nicht hinterfragt.
Zwei Perspektiven
Keine willkürliche Bombardierung eines Cafés, sondern ein präziser Angriff auf einen Kommandeur der Hamas. Wie sicher jeder mit etwas Kompetenz schon an den ersten Bildern erkennen konnte.
Keine große Bombe, kein großer Krater. Sondern eine lasergelenkte Präzisionswaffe. Die zweitkleinste im Arsenal, die Kollateralschäden minimiert hat.
Keine bekannte Journalistin als Opfer, sondern eine Hamas-Influencerin, die womöglich nicht zufällig vor Ort war.
Keine Auswertung von Experten, sondern Nachfragen durch einen Redakteur. Die dann ungenau, verschleiernd und ohne Quellenangabe kommuniziert werden.
Und das ist das, was seit Beginn des Gazakrieges als Nachrichten verkauft wird.
Ich bin ehemaliger Luftbildauswerter; Nachrichtendienstler für die Bundeswehr und die NATO.
Das Projekt U.M. ist entstanden, weil ich mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine angefangen habe, Menschen Medienmeldungen zu erklären. Der Zuspruch war enorm. Erst nach Monaten habe ich überhaupt Spenden angenommen, inzwischen bin ich vollzeitlich MilBlogger.
Ich möchte möglichst viel für alle offen halten. Über drei Viertel meiner Beiträge sind ohne Bezahlschranke.
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