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„Wir brauchen möglichst viel Agroforst“

INTERVIEW / BÖDEN IN DER LAUSITZ
  1. September 2024

Weg von der landwirtschaftlichen Monokultur, hin zur effektiveren Nutzung von Land. Das geht am besten mit Agroforst und Agri-PV, sagt der Cottbuser Umweltwissenschaftler Thomas Maurer. Dazu muss aber eine wichtige Branche überzeugt werden.

„Es gibt noch diesen Teil der Bauernschaft, für die die Wörtchen „öko“, „bio“ oder auch „nachhaltig“ ein rotes Tuch sind“, sagt BTU-Umweltwissenschaftler Thomas Maurer. Foto: LIL
„Es gibt noch diesen Teil der Bauernschaft, für die die Wörtchen „öko“, „bio“ oder auch „nachhaltig“ ein rotes Tuch sind“, sagt BTU-Umweltwissenschaftler Thomas Maurer. Foto: LIL

Herr Maurer, die Lausitz erlebt einen Boom an erneuerbaren Energien. Macht Sie das froh oder skeptisch?

Wenn es irgendwo sinnvoll ist, PV-Anlagen aufzustellen, dann in der Lausitz. Wir haben hier nicht die besten Böden. Da erkennen wir noch die Spuren der Eiszeit. Die Lausitz, wo die Gletscher waren, ist sandig und trockenheitsanfällig geblieben. Manche Flächen lassen sich mit PV profitabler nutzen. Aber wir müssen schon aufpassen, dass das keine reine Monokultur wird.

Was wäre besser?

Bei fruchtbareren Böden ist Agri-PV ganz klar eine Option. Da gibt es Systeme wie Next-2-Sun, die sind nach Ost-West ausgerichtet, mit Zwischenräumen für Ackerbau oder Grünland. Die können in der Dämmerung, wenn die Sonne schräg steht, relativ effizient produzieren. Oder die hoch geständerten Systeme, darunter kann man Obstbäume pflanzen. Das ist eine Möglichkeit, Boden mehrfach zu nutzen. Das führt dann wieder dazu, dass weniger Boden gebraucht wird.

Die Lausitz bietet nun die Möglichkeit, solche Dinge völlig neu zu denken. Wenn Sie bestimmen könnten, was wohin soll, und könnten 17,2 Milliarden Euro an Strukturmitteln dafür nutzen, was würden Sie tun?

Das ist eine schöne Vorstellung, aber wahrscheinlich müsste man auch dann viele Kompromisse eingehen. Gute Kompromisslösungen gibt es aber schon im Angebot. Agroforst zum Beispiel, das würde ich möglichst umfangreich umsetzen. Da nutzt man eine Fläche mehrfach, baut Feldfrüchte an, hat Obstbäume stehen und verbindet das noch mit Photovoltaik. Das heißt, der Bauer zieht maximale Einkünfte aus seinem Boden. Besser könnten wir uns das nicht wünschen.

Was hat der Boden davon, wenn man ihn maximal ausnutzt?

Für den Boden ist das optimal. Er hält die Feuchtigkeit besser, Erosion wird gestoppt. Zusätzlich wird das Landschaftsbild attraktiver. Wir kommen weg von diesen großen landwirtschaftlichen Wüsteneien, wo Mais in großen Schläge gepflanzt wird. Wenn man dann noch schaut, wie man aus den richtigen Kulturen das meiste rausholt und möglichst alle Teile der Pflanze nutzt, dann braucht man tendenziell weniger Fläche. Nutzen heißt ja nicht ausnutzen. Eine Landschaft, die produktiv ist, kann auch ästhetisch sein.

Klingt super. Warum machen wir das nicht schon längst überall?

Das frage ich mich auch. Aber Agroforst bedeutet eben einen gewissen Aufwand. Ein Landwirt muss sich da reinarbeiten, muss viele Dinge gleichzeitig managen. Wenn ich Holz gewinne, muss ich wissen, wie ich das verkaufen kann. Ein Baumstreifen, den man ins Feld pflanzt, kostet erstmal Fläche und vor allem Aufwand. Bis der Baum seine erosionsmildernden Eigenschaften entfaltet, bis er Windschatten gibt, dauert es eine Weile. Außerdem müssen die Rahmenbedingungen der Agrarförderung noch deutlich besser werden.

Heißt das, die Landwirte müssen umdenken?

Ja, ganz klar. Ich kann das schon verstehen, der Bauer muss rechnen. Da ist es im Zweifel einfacher, bei großen Schlägen zu bleiben, gerade wenn der Großvater das auch schon so gemacht hat und die Maschinen dafür vorhanden sind. Da kann ich als Wissenschaftler noch so viel erzählen von anderen Bauern, die damit gute Erfahrungen machen und begeistert sind, weil ihnen nicht mehr beim kleinsten Lüftchen die Bodenkrume um die Ohren fliegt.

Wie schwer ist es, Landwirte von ökologischen Maßnahmen zu überzeugen?

Es gibt noch diesen Teil der Bauernschaft, für die die Wörtchen „öko“, „bio“ oder auch „nachhaltig“ ein rotes Tuch sind. Da wird dann gleich gedacht, man wolle ihnen die Existenzgrundlage rauben. Aber dieser Teil wird kleiner. Inzwischen kennt ja jeder die Nachteile von industrieller Landwirtschaft und die Folgen, wenn ökologische Diversität zurückgeht. Ich muss keinem mehr erklären, wie wichtig Heckenstreifen sind. Das wissen die Landwirte. Sie wissen nur nicht immer, wie sie das wirtschaftlich umsetzen können. Ich bin überzeugt, man kann kleinräumig strukturierte Landschaften effizient bewirtschaften. Das ist nur eine Frage des Systems.

Welche Rolle spielt Energiegewinnung dabei?

In unserer Forschung hat das Thema enormes Gewicht bekommen. Als wir 2018 unsere Forschungsgruppe organisiert haben, hatte noch keiner PV-Nutzung im heutigen Ausmaß auf dem Schirm. Da war die gängigste Art von Energiegewinnung mit Landwirtschaft das Biogas. Jetzt haben wir einen Boom von PV in der Landwirtschaft. Das ist so viel geworden, dass wir uns schon fragen müssen, wie viel Fläche noch durch reine PV-Monokulturen in Anspruch genommen werden kann.

Die Anlagen können ja auch auf den Tagebau-Folgeflächen entstehen. Da ist Platz und der Boden ist, brutal gesagt, nicht mehr vorhanden.

Diese Flächen sind prinzipiell am besten für PV geeignet. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass diese Mondlandschaften fruchtbarer sind, als man glaubt. Es ist wie mit den Gletschergebieten nach der Eiszeit, in der keine Bodenbildung stattfinden konnte. Die Eiszeit war eine Stunde Null für alle Böden. Die sind dann im Verlauf von Tausenden von Jahren durch die Anreicherung von organischer Substanz fruchtbarer geworden. In den Tagebauen haben wir im Prinzip die Situation wie nach dem Ende der Eiszeit vor 10.000 Jahren. In ein paar Jahren oder Jahrzehnten - könnten durch Rekultivierung dort auch landwirtschaftlich nutzbare Flächen entstehen. Die sind aber natürlich nicht vergleichbar mit den exzellenten Böden der Magdeburger Börde. Dort ist es fast schon schade um jedes Stück Boden, auf dem ein Haus oder eine Halle gebaut wird.

Wenn Intel dort nun wirklich keine Fabrik baut, wie finden Sie das als Bodenkundler?

Dann wäre das eine große und äußerst fruchtbare Fläche weniger, die versiegelt wird. Bodenversiegelung ist schon lange ein Thema, das leider unter dem Radar bleibt. Wir wissen aber: Wenn das in dem Ausmaß der vergangenen Jahrzehnte weitergeht, gehen uns in gefährlichem Ausmaß wertvolle Böden, zum Teil auch mit hoher Artenvielfalt verloren.

Eine Fabrik zu bauen ist ja auch eine Form von Bodennutzung in strukturschwachen Regionen.

Ja schon, wir brauchen das auch. Die Frage ist wo. Es gibt viele Industriebrachen, ungenutzte Flächen in Städten, die man wirtschaftlich vorzugsweise nutzen könnte. Dafür braucht man dann umgekehrt nicht weitere neue Flächen zu versiegeln, auf denen man besser Nahrungsmittel gewinnen könnte.

Thomas Maurer, Jahrgang 1972, ist Hydrologe an der BTU Cottbus-Senftenberg. Der gebürtige Heilbronner hat in Stuttgart studiert. Für seine Doktorarbeit an der Universität Hohenheim hat er Bodendegradation und Staubemission im Niger untersucht. In der Lausitz beschäftigt er sich seit 2008 mit den Bergbaufolgelandschaften. Seit 2019 arbeitet er für das Projekt Land-Innovation-Lausitz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der BTU und des Leibniz-Instituts für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Mit Thomas Maurer sprach Christine Keilholz. 


Sujet Energie und Klima