



Meine persönliche Reiseempfehlung.
Ich hatte das große Glück, über Jahre hinweg die wohl besten Stadtführungen zu erleben, die man sich nur wünschen kann – exklusiv, persönlich und voller Geist. Verantwortlich dafür: meine beste Freundin. Ein wandelndes Lexikon auf zwei top-rasierten Beinen, in Dreiviertelhosen, die Schuhe stets perfekt auf das Outfit abgestimmt. Stil ist bei ihr keine Frage, sondern gelebte Selbstverständlichkeit. Doch sie überzeugt nicht allein durch Eleganz, sondern ebenso durch ein unfassbares geschichtliches Wissen, mit dem sie Würzburgs Vergangenheit zum Leben erweckt. In ihren Adern fließt zudem ein feiner, sprühender Sarkasmus, der jede noch so trockene Jahreszahl in pures Vergnügen verwandelt.
Dank ihrer unermüdlichen Führungen und ihrer unerschütterlichen Geduld habe ich Würzburg nicht nur kennengelernt, sondern wahrhaft ins Herz geschlossen.
Würzburg ist keine Stadt, die man „abhakt“ wie eine Einkaufsliste beim Discounter. Sie ist vielmehr ein vielschichtiger Roman, ein barockes Fresko – und manchmal auch ein Drehbuch für eine Komödie, in der Touristen, Studenten und Franken mit bemerkenswerter Gelassenheit die Hauptrollen spielen. Man tastet sich langsam vor, Kapitel für Kapitel, und entdeckt dabei zwischen großen Gesten und kleinen Köstlichkeiten die Seele der Stadt – und hin und wieder auch die eigene Geduld.
Man beginnt fast ehrfürchtig in der Residenz, jenem Weltkulturerbe, das nicht bloß ein Gebäude, sondern ein steinernes Manifest ist. Im Treppenhaus spannt Giovanni Battista Tiepolo das größte zusammenhängende Deckenfresko Europas über die Köpfe der Besucher. Es ist, als schriebe der Himmel selbst ein Gemälde – und man steht darunter, staunend, winzig und dennoch Teil dieses überbordenden Barockdramas. Manche Touristen versuchen vergeblich, das ganze Fresko mit dem Smartphone einzufangen – als ob man mit einer Handykamera den Himmel selbst archivieren könnte. Im Sommer lädt der angrenzende Hofgarten zum Mozartfest: Musik unter freiem Himmel, während zwischen Rosen und Buchsbaum der Wein funkelt – und die oberpfälzische Niederbayerin in mir denkt: Da dahoam samma net ganz so opulent unterwegs – aber schee is scho.
Vom Glanz der Residenz zieht es hinaus auf den Marktplatz, wo das Falkenhaus mit seiner Fassade wie eine Zuckerglasur aus Rokoko glänzt. Hier gönnt man sich die berühmte „Geknickte mit“ – in meinem Fall allerdings „ohne Brödla“. Brötchen sind mir da nur lästiger Zierrat, ich will schließlich die Wurst. Der Metzgerchef hinterm Tresen schaut mich jedes Mal väterlich an, seufzt tief und sagt: „I schneid da’s halt her, sonst kannst des jo ned essn.“ Ein Satz, so fürsorglich wie fatalistisch – als würde er gleichzeitig anerkennen, dass ich recht habe und doch verloren bin in der fremden Disziplin der fränkischen Bratwurstetikette. Mit Blick auf den mächtigen Dom St. Kilian beiße ich also in meine „Wurscht pur“ – und bin damit endgültig in Würzburg angekommen.
Und doch gibt es am Markt einen Ort, der tiefer spricht: die Marienkapelle. Sie wurde nach den Pogromen von 1349 als Akt der Reue errichtet – auf den Fundamenten einer zerstörten Synagoge. Heute zieren Adam und Eva von Tilman Riemenschneider das Portal. Gestalten von stiller Würde, die unübersehbar daran erinnern, dass Schönheit und Schuld in Stein eingeschrieben sein können. Und während ich das betrachte, zieht mir eine Frau im Dirndl mit drei Einkaufstaschen galant den Ellbogen in die Rippen, weil sie jetzt zu ihrem Lieblingsstand muss. Würzburg – immer einen Hauch barock, immer einen Hauch brutal. Direkt, gleichzeitig echt und herzlich. Ich liebe es
Nur ein paar Schritte weiter liegt das Neumünster. In seinem stillen Lusamgärtchen ruht Walther von der Vogelweide. Minnesänger, Sänger von Treue und Liebe – und heute wahrscheinlich entgeistert, wenn er sähe, wie dicht gedrängt Studierende im Garten sitzen und ihre Mensa-Currywurst in den Schatten der Rosen tragen. Sein Grabstein, schlicht und von Blüten umrankt, verströmt Poesie – bis der nächste Tourist im Sandalenoutfit darüberstolpert und laut fragt, ob „der Vogelweide“ wohl ein Künstlername sei.
Wer weiterzieht, gelangt zur Alten Mainbrücke – diesem mythischen Ort, wo Würzburg endgültig zum Ritual wird. Man bekommt sein Glas Silvaner oder Müller-Thurgau im Bocksbeutel eingeschenkt, lehnt sich an die Brüstung, und mit dem ersten Schluck schaltet sich die innere Wasserbüffelin auf „Gemütlichkeit“. Hier begegnen sich Studenten mit WG-Flair, Touristengruppen mit Selfie-Stangen und die oberpfälzische Niederbayerin, die innerlich denkt: „Des is jetzt a schäins Ritual, schad dass des koana an da Doana macht“ Während die Festung Marienberg gegenüber thront und der Main glitzert, entsteht die Frage: ob je ein Würzburger hier vorbeigeht, ohne ein Glas Wein in der Hand. Ich bezweifle es.
Später, wenn der Hunger größer wird, kehrt man ein ins traditionsreiche Bürgerspital. Seit dem 14. Jahrhundert widmet sich diese Institution dem Weinbau und der Gastfreundschaft. In den holzgetäfelten Stuben isst man Schäufele oder Rinderroulade – Portionen, die eine oberpfälzische Niederbayerin beruhigen, weil sie denkt: „Na guat, mia hom aa ned g’spart.“ Der Silvaner fließt, die Stimmung steigt, und man begreift, dass Genuss hier keine Option, sondern ein Lebensmodell ist.
Und wenn die Schritte den Berg hinauftragen – sei es zum Käppele, sei es zur Festung Marienberg – dann eröffnet sich ein Blick, der alles umfasst: Dächer, Fluss, Brücken, Kirchen. Ein Panorama, das selbst den grantigsten Bayern kurz verstummen lässt. Gegenüber, hoch über den Reben, thront die Steinburg, die mit gehobener Gastronomie lockt – und einem Ausblick, der jede Diät vergessen lässt. Wer weiterzieht, findet in den umliegenden Ortschaften die malerische Fortsetzung: Weinberge, Flussschiffe, kleine Heurige. Spaziergänge, die zur Pilgerreise zwischen Himmel und Erde geraten – oder zumindest zwischen Bocksbeutel und Bratwurst.
Würzburg – Stadt der gelebten Inklusion
Und dann gibt es in Würzburg noch eine Seite, die leiser wirkt als Fresken, Bratwürste und Bocksbeutel, und doch ungleich lauter spricht: die Inklusion. Es ist die Stadt, in der ich als ertaubte Frau erlebt habe, dass mir beim simplen Kaffeebestellen plötzlich in Gebärdensprache geantwortet wurde – einfach, weil der Angestellte merkte, dass ich ihn nicht verstand. Kein großes Aufheben, kein Schulterklopfen, einfach eine selbstverständliche Geste. So unscheinbar, und doch so mächtig: Hier wurde nicht erklärt, hier wurde gehandelt.
Man findet überall Hinweise, die eigentlich mehr über Würzburg aussagen als jedes touristische Schild: „Bitte keine Fahrräder abstellen – Durchgang für Blinde.“ Da geht es nicht um Vorschrift, sondern um Verantwortung. Rollstuhlfahrer? Sie haben fast überall Rampen, und wenn nicht, dann springen Menschen ganz selbstverständlich bei. Keine Diskussion, kein peinliches Schweigen, sondern Hilfe, die einfach passiert – so, wie der Silvaner in die Gläser auf der Alten Mainbrücke fließt.
Man könnte sagen: Hier ist Inklusion kein sperriger Begriff, sondern Teil der Stadtkultur. Sie wird nicht deklamiert, sondern gelebt. Ganz ohne Bühnenlicht – und gerade deshalb so vorbildlich. Würzburg beweist, dass Barock und Bocksbeutel schön sind, aber wahre Größe darin liegt, Menschen mitzunehmen. So geht das!
So erschließt sich Würzburg beim ersten Mal: nicht als Abfolge von Sehenswürdigkeiten, sondern als vielstimmige Komposition. Zwischen Fresko und Bratwurst, Minnesänger und Bocksbeutel, Residenz und studentischer Lebendigkeit liegt das Geheimnis: Würzburg will nicht besucht, es will gelebt werden. Und wer das einmal tut, trägt diese Stadt wie ein leises Glaserl Wein im Herzen – samt Nachhall, Dialekt und der unausweichlichen Frage: „Magst dei Wurscht wirkle ohne Brödla?“
Für mich, die ich mich als oberpfälzische Niederbayerin durchs Leben bewege, liegt genau darin die Magie: Würzburg ist keine Fremde, sondern eine wohlgesinnte Gastgeberin. Sie lacht über meine Wurst-Bestellung, nimmt mein Dialektgewirr ohne Stirnrunzeln hin, schenkt mir ein Glas Silvaner als Schorle auf der Alten Mainbrücke ein – und plötzlich fühle ich mich weder Gast noch Durchreisende, sondern Teil dieses liebevollen, feierfreudigen Kosmos. Vielleicht, weil Würzburg selbst eine Grenzgängerin ist: zwischen Barock und Moderne, zwischen Himmel und Kellergewölbe, zwischen großer Historie und der simplen Freude an einer geknickten Wurst. Und genau deswegen, glaube ich, habe ich diese Stadt so ins Herz geschlossen.