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Mutual Aid HEAT: try, fail, try again, fail again, fail better.

18/06/2026

Liebe Leute,

letzte Woche (Si apre in una nuova finestra) schrieb ich, dass wir mit Euch ins Gespräch über unser Event kommen wollen. Konkret würden wir Euch gerne ein bisschen erzählen, was wir uns damit gedacht haben und warum, und wir würden gerne von Euch wissen, was Ihr interessant findet, was Euch abschreckt, was Euch eventuell abhält, daran teilzunehmen oder über eine Teilnahme nachzudenken... und letztens auch: was Ihr vielleicht noch verbessern würdet, was Euch beim Mutual Aid HEAT 2027, den es auf jeden Fall geben wird, an Elementen hinzufügen würdet, um es noch interessanter zu machen.




Wir haben Fragen...

Aber bevor wir zu Eurem Feedback kommen, haben wir uns gedacht, dass es vielleicht nicht schlecht wäre, ein bisschen mehr zu erklären, wie wir auf die Idee kamen, ein politisches Event mit dieser ungewöhnlichen Struktur – zuerst mehrere Tage gemeinsame Trainings, dann ein komplexes „Szenario“ mit „Rollenspieler*innen“, in denen das Gelernte dann zusammen ausprobiert wird – zu organisieren, und wie wir uns vorstellen und hoffen, dass es damit weitergehen wird.

Also: zuallererst mal wissen wir auch nicht wirklich, was die richtigen Antworten auf die wahnsinnig schwierigen strategischen und taktischen Fragen sind, vor denen progressive/linke/ökologische soziale Bewegungen in Deutschland gerade stehen.

Welche Aktionsformate ergeben in einer Arschlochgesellschaft überhaupt noch Sinn, wenn ganz viele unserer Aktionen designed waren, die Gesellschaft an ihre... better angels zu erinnern, die performativ zu schlachten ja ein zentraler Teil der Arschlochisierung ist?

Wie kommen wir von „Aktionsform“ zu stabiler Organisierung, und wie überwinden wir die firewall („Brandmauer“ ist irgendwie... verbrannt, pardon the lousy pun) zwischen Wochenend-/Eventaktivismus – no shade: viele von Uns in der Orga haben vieeeeel Lebenszeit mit der Orga verschiedener Wochenendevents verbracht, von Aktionscamps über Festivals bis hin zu HEAT-Szenariotrainings – und alltäglicher Organisierung, nachbarschaftlich, gemeinschaftlich, betrieblich?

Was sind „richtige“ Organisierungsformen für eine solidarische Kollapsbewegung, angesichts der Tatsache, dass viele der linksradikalen Formen und Bewegungsstrukturen, mit denen ich mich auskenne, in der momentanen Situation nicht mehr so richtig... passend erscheinen?

We. Don't. Know.

Und nein, in diesem Fall ist das kein performativ-kokettierendes „wir wissen nicht, aber schaut mal hier: das ist die richtige Antwort.“ Wir haben auf jeden Fall ein paar Ideen, was ich gerne „politische Hypothesen“ nenne, aber es sind halt Hypothesen, und diese müssen jetzt getestet werden. Sind die getestet, braucht es eine Auswertung, und im wahrscheinlichen Fall, dass sich die Hypothesen als nicht 100% „richtig“ (in der Politik gilt meist: „richtig“ ist, was funktioniert, zumindest kurzfristig) herausstellen, müssen sie dann verfeinert, und wieder getestet werden.




Trial-and-error-Event

Wieder verfeinert und getestet... Genau das ist der Plan mit dem Mutual Aid HEAT. Wir wollen dieses Event regelmäßig organisieren (alle Jahre wieder, aber auch gerne in kleineren regionalen Varianten, oder auch in internationalen Formaten), immer wieder updaten, immer wieder anpassen, immer wieder verändern und verbessern, und dafür brauchen wir Eure Hilfe. Wir würden gerne von Euch hören, was Ihr von unseren Antwortvorschlägen auf die oben gestellten Fragen haltet, und wie gesagt, was Ihr am Event noch verändern wollen würdet, was Euch fehlt, etc.

Warum „Training“? Weil wir glauben, dass in einer Arschlochgesellschaft immer wieder um die Erfüllung von Versprechen zu betteln, die auf gar keinen Fall mehr erfüllt werden („Klimaschutz! Artenschutz! Offene Grenzen!“) maximal entmächtigend ist, wir haben da keine Lust mehr drauf. Wer aber nicht nur um Sachen bitten, sondern sie auch selbst können will, braucht dafür Skills, und hier muss ich mal ein bisschen Selbstkritik üben: die lange taktische Hegemonie der 5-Finger-Taktik, die den Erfolg von Ende Gelände mit begründete, und seitdem auch international Schule gemacht hat, hat dazu geführt – dies war auch immer die Kritik der Anarchoautonomen an der Aktionsform und dem ganzen Apparat drum herum, eine Kritik, der ich im Nachhinein zustimmen muss – dass wir uns als Aktivisti ziemlich „deskilled“ haben. In frustrierten Momenten denke ich dann „wir haben Menschen vor allem beigebracht, hinter einer Fahne herzurennen“. Dass das nicht fair ist, weiß ich, die 5-Finger-Taktik hat unglaublich vielen Menschen Zugang zu radikaler, ungehorsamer Aktion ermöglicht, die ihn sonst nicht gehabt hätten, und das war gut und wichtig. Jetzt glauben wir aber, dass es neue Formen braucht, und dass wir dafür mehr selbst können, mehr praktische Skills haben müssen. Es geht nicht um „etwas interessant finden und unterstützen“, es geht um „etwas selber machen können“. Dafür, glauben wir, braucht es Trainingsformate, richtiggehende Trainingslager, nicht nur Zweistundenworkshops.

Warum „Szenario“? Weil so ein Ende Gelände-Aktionscamp anno dazumal ja nicht nur da war, um Sachen zu lernen, sondern weil es primär für die Aktion da war. Und „Aktion“ ist für Linksradikale, und für Protestbewegungen was wichtiges, Aktion ist eine Art Hochamt, eines der zentralen Rituale sozialer Bewegung. Das liegt nicht nur daran, dass für viele politische Ziele eine ungehorsame Massenaktion ein durchaus probates Mittel der Auseinandersetzung ist, es liegt auch am Inneneffekt, den so eine Aktion sehr oft hat. Stellt Euch vor, Ihr macht ein geiles Curry, aber Ihr habt bisher nur die Zutaten. Knoblauch, Ingwer, Zwiebeln, Tomaten, Kurkuma, Koriander, Garam oder Tandoori Masala, Kreuzkümmel und Chili, außerdem Kartoffeln, Blumenkohl und anderes Gemüse (das ist übrigens mein Lieblingscurryrezept (Si apre in una nuova finestra), ich dachte mir, ich schreib das mal kurz hier rein ;)) - aber bisher liegt das alles nur so nebeneinander herum, ist noch kein Curry, sondern nur ein Haufen Gemüse und Gewürze. Jetzt schmeißt Ihr es in einen großen Topf, macht ne Flamme drunter an, und schon wird aus den ganzen einzelnen Zutaten ein megaleckeres veganes Curry. Ungefähr so funktioniert im Grunde „Aktion“ für uns in den „Protestbewegungen“. Sie sind gemeinsame transformative Events (Si apre in una nuova finestra), nicht nur politisch, sondern auch persönlich.

Aber eine „Kollapsbewegung“ kann ja nicht lange im Vorfeld Aktionen wie Tagebaublockaden organisieren, deshalb glauben wir, dass in einem Szenario das Gelernte auszuprobieren, wie es immer mehr auch in anderen gesellschaftlichen Feldern getan wird, könnte eine Art und Weise sein, die Intensität einer Aktion ein wenig zu simulieren, ohne sich gleich den Risiken auszusetzen, die mit einer ungehorsamen Massenaktion einhergehen.

Welche Trainings? Wir werden ja vier Trainings organisieren, vier „was tun im Notfall“-Ausbildungen: Nahrungsmittelversorgung und -logistik; Kommunikation; kollektiver Selbstschutz; medizinische und psychologische Hilfe. Warum diese, und nicht andere, wie zum Beispiel „Wassersicherheit“, oder „Strom für Alle!“, etc., etc.? Wir dachten, dass Nahrung, Logistik, Sicherheit und medizinische Versorgung erstmal die wichtigsten Basics wären, aber es kann auch gut sein, dass wir uns das nicht richtig überlegt, dass wir wichtiges ausgelassen haben. Deswegen ist es so wichtig, dass dies ein wiederkehrendes Event ist: wie werden überprüfen, ob die Trainings dieses Jahr funktionieren, und dann nächstes Jahr wieder neu entscheiden, was wir gemeinsam lernen wollen.



Fragen an Euch

Wir wissen, dies ist ein „trial-and-error-Event“, wir wissen selbst gar nicht, was dabei rauskommen wird, und wollen es in Zukunft immer weiter verfeinern, denn wir sind uns sicher: Formate, in denen wir lernen, gemeinsam solidarisch in Katastrophen zu handeln, wird es in Zukunft mehr brauchen, nicht weniger, und sie werden ständig verfeinert, verbessert, verworfen und neudesigned werden, auf jeden Fall sollten sie einer gewissen Quality Control unterliegen. Und dafür wenden wir Uns an Euch: wir wissen aus vielen persönlichen Gesprächen, teilweise auch aus der aktivistischen Gerüchteküche, dass viele von Euch zwar schon von unserem Event gehört haben, es aber noch viel Skepsis gibt, manchmal, weil wir noch nicht so richtig viel im Detail kommuniziert haben, manchmal, weil ihr denkt, da fehlt was/da wird was falsch gemacht.

Hier findet Ihr ein Cryptpad, in das Ihr Eure Kritiken und Euer Feedback eintragen könnt – wir haben uns für ein Pad anstatt einer Emailadresse (feedback@...) entschieden, damit die Diskussion nicht nur mit uns, sondern auch unter Euch stattfinden kann. Wir werden selbst auch mitdiskutieren, und hoffen, dass daraus ein produktiver Feedback-Prozess entstehen kann.

https://cryptpad.fr/doc/#/2/doc/edit/VkjhRtmMVfMufTyWbh5PN9IZ/ (Si apre in una nuova finestra)

Einen kritischen Hinweis haben wir schon gehört: unsere Website (mutualaidheat.de (Si apre in una nuova finestra)) sagt nichts über Zugangsbarrieren aus, weil, um ganz ehrlich zu sein, wir nicht so richtig wussten, wie wir darüber kommunizieren sollten, dass es eine Reihe von Barrieren geben wird, welche das sind, und wen diese potenziell ausschließen könnten. Das sind, wie Ihr Euch denken könnt, keine ganz einfachen Themen, sie sind auch mit Schuld und Scham verbunden, aber eine Freundin und Genossin riet uns, einfach ganz offen und ehrlich zu kommunizieren, was wir geschafft haben, was nicht, ob es ein safer oder braver space sein soll, etc.

Scully hat dazu gerade gestern einen ganz wundervollen Blogtext geschrieben, den findet Ihr hier: https://steady.page/en/disrupt/posts/530e7273-0098-4ecd-818e-64889a574a9e (Si apre in una nuova finestra).




Wir meinen's ernst

Also, ich hoffe, dass dieses Cryptpad trotz des nichtexistenten Layouts (sorry, ich kann sowas sehr, sehr schlecht) für Euch ein Ort sein kann, an dem Ihr Eure Gedanken über unser Event mit uns teilen könnt. Wir hätten wirklich gern Euer Feedback, denn wie gesagt, trial and error, was wir dieses Jahr mit dem Mutual Aid HEAT machen ist für eigentlich Alle von uns was ziemlich Neues, und wir wären für Eure Hilfe dankbar.

Natürlich fänden wir es auch super, wenn Ihr mitmachen würdet, aber das ist jetzt erstmal nicht das primäre Ziel dieses Texts, dem geht es um Euer Feedback.

Mit hoffnungsvollen Grüßen,



Euer Tadzio (fürs HEAT Team)

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