
05/02/2026
Liebe Leute,
nachdem ich in der taz heute die Überschrift “Armut in der BRD: ein normales Leben ist kein Luxus (Abre numa nova janela)” las, überlegte ich kurz, ob ich wegen all der unreflektierten imperialen Lebensweise und des methodologischen Nationalismus in dieser Aussage – die “Normalität” in Deutschland ist im globalen Maßstab natürlich ein Luxus, was wiederum nicht die Realität der Armut hierzulande negiert – jetzt endlich meinen schon häufig angekündigten und immer wieder verschobenen “Die deutsche Linke und die imperiale Lebensweise: Beutegemeinschaft statt Klassenkampf”-Text schreiben sollte. Aber dann fiel mir wieder der Satz ein, die neue Handlungsanleitung, auf die ich mich mit meinem Therapeuten geeingt habe: “die Inzidenz von Konflikt in meinem System reduzieren”. Also belass' ich die taz und erhebliche Teil der deutschen Linken erstmal weiter ihren Verdrängungsdornröschenschlaf, und widme mich einem anderen aber dann doch (re: Konflikt in meinem Leben) irgendwie verwandten Thema: es geht um queere Selbstverteidigung und antifaschistische Gewalt, ein Thema, das durch die Verurteilung von Maja T. durch ein hochpolitisiertes ungarisches Gericht (Scully hat hier (Abre numa nova janela) einen bewegenden Text dazu geschrieben) gerade wieder hoch auf der Agenda steht.
Geständnis Nr. 1: I just talk the talk, I don't walk the walk
Zuerst mal ein Geständnis: ich rede und schreibe zwar seit mittlerweile gut drei Jahren über queere Selbstverteidigung, über Pink Panthers und Krav Maga – side note: mein Fokus auf Krav Maga, ein aus dem jüdischen Widerstand gegen den deutschen Faschismus stammender, und später von der IDF weiterentwickelter Kampfstil (danke Jannik für den Hinweis!), entstammt keinem merkwürdigen IDF-Fetisch, sondern der Annahme dass eine Wehrpflichtarmee wie die israelische, in der große, dicke Queers neben dünnen kleinen cis-Frauen und alles daneben und dazwischen kämpft, eine Art des Kämpfens entwickeln würde, die relativ unabhängig von physischen Vorbedingungen effektiv von jede*r effektiv genutzt werden kann – habe aber selbst bis auf einen eintägigen Workshop in Berlin vor über einem Jahr noch keinen einzigen praktischen Schritt in Richtung “regelmäßig Kampfsport üben” gemacht.
Klar, ich hatte viel zu tun, Buch schreiben und ganz viele Veranstaltungen, Kollapscamp mitorganisieren, etc., und dann verfüge ich noch das dubiose aber nützliche Privileg, ein halbwegs großgewachsener, straight-passing cis-Dude zu sein, mit einer Angriffe durchaus abschreckenden Selbstbewusstseins-/Arroganz-Ausstrahlung, außerdem bin ich natürlich auch re: Sport ne faule Sau wie die meisten von uns... Aber bisher dachte ich deep down und in meinen selbstkritischen Momenten, dass der eigentliche Grund für mein nicht-Kampfsport-Lernen darin lag, dass ich, wie in meiner Klasse und im imperialen Europa üblich, davon ausging, dass ich im Notfall entweder nicht direkt in der (hoffentlich metaphorischen) Schusslinie stehen würde, dass aber vor allem jemand anderes die Gewalt für mich ausüben würde. Dass es bestimmt besser ausgebildete, trainierte, vorbereitete Genoss*innen geben würde, die mich aus der Scheiße (z.B. dem Naziangriff) rausprügeln würden.
Geständnis Nr. 2: contrary to public opinion hab ich keinen physischen Gewaltfetisch
All diese Gründe sind sicherlich relevant, aber es gibt da einen weiteren, auf den ich mich heute konzentrieren möchte, in der Annahme, dass er bei einigen von Euch auf Resonanz stoßen könnte. Hier also mein zweites Geständnis: obwohl ich meinen ersten “aber linke Militanz ist unter bestimmten Umständen legitim und wichtig, reine Gewaltfreihei eine inkohärente Position (Abre numa nova janela)”-Text vor über 20 Jahren geschrieben habe; obwohl es ein oft von Rechten in den sozialen Medien zirkuliertes Video gibt, wo ich... wartet, wie habe ich damals in enormer Frustration auf einer der riesigen “Brandmauer-Demos” ausgedrückt?
“Gegen Faschismus kämpfen, heißt nicht nur demonstrieren. (Abre numa nova janela)Gegen Faschismus kämpfen heißt auch, Faschisten aufs Maul hauen. Wenn Ihr seht, wie Faschisten Uns (meinen Ehemann und mich) belästigen, People of Color belästigen, Frauen dumm anmachen, dann könnt Ihr nicht einfach sagen 'hört mal auf', dann müsst Ihr da hingehen, denen die Nase blutig schlagen, und sagen 'Ihr seid Drecksfaschisten, wenn Ihr das nochmal macht, dann treten wir Euch die Birne ein...”
...obwohl ich also in der Öffentlichkeit durchaus aus Fürsprecher einer linken Praxis wahrgenommen werde, die entweder direkt (in der Selbstverteidigung) physisch gewalttätig ist, oder aber (wie zum Beispiel Sabotage) von Vielen als gewalttätig eingeschätzt würde, muss ich sagen, dass sich physische Gewalt, allein das Nachdenken darüber, sie auszüben, für mich extrem unangenehm anfühlt. Das sage ich nicht, um mich als besonders friedliebende Person darzustellen: ich weiß, dass ich allerlei Formen von Gewalt ausgeübt habe und manche auch weiterhin ausübe – wie in meiner Klasse üblich sind diese üblicherweise: emotional, strukturell, verbal und psychologisch – ich sage nur, dass ich mit phyischer Gewalt nicht umgehen kann. Als Kind wurde ich oft verprügelt (yes, I was already an arrogant little shit back then, and also really, really small), in der Schule wurde ich jahrelang gemobbt, auch mit physischer Gewalt, und auch, wenn ich mit Fäusten auf's Maul bekam (which happened surprisingly frequently, now that I think of it) habe ich nie zurückgeschlagen. Ich habe immer nur gerungen, nie, nicht ein einziges Mal zugeschlagen, nicht mit der Faust, nicht mit der offenen Hand. Ich habe Anfang des Jahrtausends zwei Mal im Kontext von Gipfelprotestkrawallen Steine geworfen, und hatte beide Male das Gefühl: nein, das ist nicht meine Art der Politik.
Woher auch immer sie kommt – Klassendünkel, Ethik, Angst, vielleicht, weil ich so oft auf's Maul bekommen habe... - ich habe eine innere Abneigung gegen die Ausübung physischer Gewalt, sogar konsensueller physischer Gewalt, wie (sorry, das Beispiel musste kommen) sie in manchen Spielarten des kinky Sex regelmäßig vorkommt. Wenn mich jemand anbettelt “bitte schlag mich!”, kann ich das nicht einmal tun, wenn ich weiß, dass es ihn total geil machen würde. I don't like hitting people. I hate it. Und das ist einer der Hauptgründe, warum ich zwar seit Jahren darüber rede, dass “Wir Queers” uns in Kampfsport und Selbstverteidigung ausbilden müssen, ich es selbst aber einfach nicht auf die Kette kriege.
Erste Schritte
Wie gesagt, es ist nicht so, dass ich noch nie Kampfsport gemacht habe: vor etwas über einem Jahr, kurz nachdem ein Freund und Genosse eines Abends vorm Späti, als er eine Person schützen wollte, die von Nazis angepöbelt wurde, von den Schweinen daraufhin richtig übel verprügelt und hart traumatisiert worden war, haben wir zusammen einen eintägigen Krav Maga Workshop mit meinem Freund, Anwalt und Krav Maga Trainer Jannik Rienhoff veranstaltet. Es war ne tolle Location in Kreuzberg, die Teilnehmer*innen waren alles Linke, manche davon Freund*innen, der Lehrer (Jannik) war unglaublich gut, und stand uns natürlich auch kulturell und politisch nah, und der Kurs war richtig, richtig gut, ich hatte echt das Gefühl, in der zwar kurzen aber intensiven Zeit echt was mitgenommen zu haben.
Als ich dann aber auf dem Heimweg war, merkte ich eine merkwürdige Schwere in meinem Herzen, eine überraschend düstere Stimmung, obwohl ich doch gerade einem meiner langgehegten Ziele – endlich Selbstverteidigung lernen – ein bisschen nähergekommen war, oder zumindest den ersten Schritt gemacht hatte. Nach ein bisschen grübeln und inmichreinfühlen merkte ich, dass es der Workshop selbst war, der mich belastete; dass ich... wie drück ich das aus... dass es irgendwie auf meiner (pardon) Seele lastete, mich den ganzen Tag damit zu beschäftigen, wie ich anderen Menschen maximal effizienz wehtue. Es war deswegen nicht falsch, den Workshop zu organisieren, im Gegenteil. Aber ich bekam damals den Eindruck, dass die Ausübung physischer Gewalt (dito ihre Erfahrung, weshalb bei aller Einsicht in die Notwendigkeit, auch nichtphysische Gewaltformen als solche zu benennen, in der Ethnographie und Psychologie die Erfahrung physischer Gewalt eine besondere ist), und seriously, es tut mir leid, den Begriff Seele hier zu verwenden, so I'll put it in English: at least for me, thinking too much about physical violence, and even worse, actually exercising it, is not good for my soul. Vielleicht habe ich schon zu viel Gewalt in mir, vielleicht übe ich regelmäßig so viel Gewalt aus (s.o.), dass noch mehr Gewalt da irgendwas kippen würde. Maybe. I don't know.
Zweite Schritte
Trotzdem sprach ich weiterhin über queere Selbstverteidigung, versuchte mit dem Kollapscamp der Schaffung der queeren Pink Panthers Selbstverteidigungsbrigaden einen Schritt näher zu kommen, fragte immer wieder in meinem Umfeld, ob mich denn jemand mal zu einem Kampfsporttraining mitnehmen würde. Und vor einigen Wochen geschah dies endlich, ein Freund und Genosse aus der Kollapsbewegung und Kollapscamporga, hatte einen Krav Maga-Kurs in unserer Nähe in Berlin rausgesucht, und uns für ein Probetraining angemeldet.
Gestern abend war es dann soweit, und nach einem kommunikativ ziemlich stressigen Tag trafen wir uns vor dem Studio, um mal auszuprobieren, ob das was für uns sein könnte. Ich will Euch jetzt gar nicht die Details erzählen, was an dem Studio und Training gut war, was nicht, wenn Ihr – wie ich halt nicht – Erfahrung mit Kampfsportstudios habt, kennt Ihr die bestimmt besser. Ein schöner Raum war's nicht, pädagogisch wäre da, um's freundlich zu sagen, mehr gegangen, die Gruppe wirkte nicht unbedingt sehr einladend. Trotzdem: in nur 1,5 Stunden lernten wir auf jeden Fall etwas, der Trainer hatte durchaus auch seine Vorzüge, und ich war in der Lage, am Schlagpolster meine kommunikativen Aggressionen vom Tag etwas auszulassen. Außerdem war ich endlich mal bei nem Kurs, den wir regelmäßig besuchen könnten, in Berlin, in meiner Nähe, zu nem Zeitpunkt, der nicht total mit dem Rest meines Lebens clasht. Ich hatte einen Schritt gemacht, den ich schon drei Jahre hatte gehen wollen. Wenn ich sonst etwas tue, worüber ich drei Jahre geredet, und für dessen Nicht-Tun ich mich schon häufig kritisiert und sogar ein bisschen geschämt habe, dann ist meine normale Reaktion große Freude, Erleichterung, und ein vermutlich völlig überzogener Stolz darauf, endlich selbst das getan zu haben, was ich so lange angekündigt, und wozu ich Andere immer wieder im- oder explizit aufgefordert hatte.
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I still don't like hitting people, but...
Aber auch dieses Mal radelte ich mit diesem komischen Gefühl nach Hause, diesem Eindruck, etwas getan, gelernt zu haben, das ich eigentlich, deep down, nicht tun will. Und es stimmt: ich fand es gut, mich zu bewegen, ich war mit nem Freund und Genossen da, ich hab mein eigenes Ziel erfüllt... und trotzdem mag ich Kampfsport nicht. Wir werden auch noch andere Stile ausprobieren, als Krav Maga (auch beim Schutz-Trainingstrang im Zukunftstrainingslager (Abre numa nova janela) wird es verschiedene Stile geben), aber ich bezweifle, dass sich eine Sache ändern wird: I still don't like hitting people, I don't like to learn hitting people, and I don't like situations where people get hit.
Und doch werde ich weiter damit machen. Ob es dieses Studio oder ein anderes, Krav Maga oder Muay Thai oder was weniger mackriges sein wird, wir werden dran bleiben, und lernen, uns selbst und Andere zu verteidigen, unter anderem, indem wir Angreifern auf den Kehlkopf hauen, in die Eier treten, durch einen seitlichen Kick das Knie brechen, oder mit dem Handballen die Nase nach oben brechen. Sorry, wenn ich das hier so graphisch aufzähle, aber das sind halt die Sachen, die mensch lernt, wenn es um Selbstverteidigung geht (also das, was ich machen muss, wenn ich dem Konflikt nicht durch's meist viel klügere Wegrennen ausweichen kann). Ich will diese Dinge nicht lernen, aber ich werde sie lernen, weil ich weiß, dass sie für einen vorlauten kommunistischen Queer, der damals viel gebullied wurde, in einer Welt immer wichtiger sein wird, in der die Bullies wieder an der Macht sind (aka Arschlochgesellschaft (Abre numa nova janela)).
Warum erzähle ich Euch all das? Drei Gründe:
Erstens: Ihr seid auch ein bisschen meine Kollektivgesprächstherapie, und ich musste das noch ein bisschen reflektieren und sacken lassen. Danke fürs Zuhören/-lesen :)
Zweitens: vielleicht gibt es manche von Euch, die sich die selbe Frage stellen, die wissen, es wäre gut, Selbstverteidigung zu trainieren, sich aber nicht dazu durchringen können – und im besten Fall helfen Euch meine Gedanken dazu vielleicht. In der Nachbarschaftsfrage (Abre numa nova janela) schien das so zu sein, und auch da ging's um etwas, worüber viele von uns Linken gerne reden, was wir aber viel zu selten praktisch und aktiv tun.
Drittens: weil ich so verdammt viele Diskussionen führe, in denen ich versuche, Menschen davon zu überzeugen, dass bestimmte politische Praxen nichts mehr bringen, und es notwendig ist, neue auszuprobieren, die mir dann antworten, dass doch “Alle machen sollten, worauf sie Lust haben, am Ende kommt bestimmt die soziale Transformation raus”. BULLSHIT: wenn Alle das machen, worauf sie Lust haben/was sich für sie “normal” anfühlt/was sie nicht aus ihrer comfort zone rausholt, wisst Ihr, was dann dabei rauskommt? BY DEFINITION GENAU DIE SELBE SCHEIßE, DIE HEUTE UNSERE NORMALITÄT IST.
Sorry fürs anschreien, aber diese linke Bewegungsvariante der unsichtbaren Hand des Marktes oder der bürgerlichen Demokratieillusion ist wie die beiden anderen Ideen auch Bullshit. Sie stellen alle eine Antwort auf die zentrale Frage der kapitalistischen Moderne dar: wie entsteht Gesellschaft, wenn Alle das machen, worauf sie als Individuen Lust haben? In dem man die Präferenzen in einen Markt/eine demokratische Wahl/eine Bewegung mit dem (falsch verstandenen) Prinzip “diversity of tactics” einspeist, und am Ende kommt magisch das gute Leben für Alle raus.
My point is: ich will keine physische Selbstverteidigung lernen, es fühlt sich für mich nicht gut an, zieht mich aus meiner comfort zone, kostet Zeit, Geld, ist Aufwand, etc. Aber ich mache es jetzt. Wieso? Weil die Zeiten sich geändert haben, und noch viel schneller ändern werden. Weil es Zeit ist, sich auf die Zukunft vorzubereiten, anstatt sie den Nazis zu überlassen.
Mit leicht verstörten Grüßen,
Euer Tadzio
p.s.: Ich hätte heute Abend in Ludwigslust aus meinem kleinen rosa Buch vorlesen sollen, aber wegen gruseliger Wetterverhältnisse mussten wir das Event leider absagen. Wir melden uns mit einem neuen Termin.
https://gruene-ludwigslust-parchim.de/startseite (Abre numa nova janela)p.p.s.: Falls Ihr es bis hierher im Text geschafft habt, ich muss die Tage mal mit Euch über eine mögliche Preiserhöhung auf meinem Blog reden. Stellt Euch darauf ein, in den nächsten Tagen dazu eine Mail zu bekommen, in der ich erstmal abfrage, wie Ihr reagieren würdet. Danke für Euer Verständnis.