Skip to main content

Futter aus der Heimat

Von Hasnain Kazim - Schreiben / Stadtbild / Humor / Twielenflether Mühle / Bohne

Liebe Leserin, lieber Leser,

als Journalist habe ich gelernt, schnell zu schreiben. Zumindest über Themen, bei denen man im Stoff ist. Bei “Spiegel Online” kam es bisweilen vor, dass in meinem Berichterstattungsgebiet etwas passierte, ich rief in der Redaktion an und informierte sie.

Die erste Frage: “Bis wann kannst du eine erste Analyse liefern?”

Ich: “Wie schnell braucht ihr sie?”

“Geht in zwanzig Minuten?”

Schweigen meinerseits.

Redakteur in Hamburg: “Halbe Stunde?”

Ich: “Okay, das schaffe ich.”

Am Ende war ich doch in zwanzig Minuten fertig, und keine Dreiviertelstunde nach dem Telefonat war der Text auf der Seite, bebildert, redigiert, mit Zwischentitel versehen.

Diese Art von Schreiben mag ich.

Ich mag aber auch das Schreiben von Büchern. Da geht alles nur, wie soll ich es formulieren?, etwas gemächlicher vonstatten. Ein halbes Jahr Schreibzeit ist “sehr, sehr wenig”. Es fallen im März Sätze wie: “Ich traue mich gar nicht, das zu sagen, aber es wäre super, wenn du den Text bis Februar nächstes Jahr fertig hast.”

Anfangs habe ich mich an diesen sehr anderen Rhythmus gewöhnen müssen, aber jetzt, bei meinem zehnten Buch, bin ich natürlich längst drin. Gerade bin ich in der Phase, dass meine Lektorin Lizza Schmitten mein Manuskript wunderbar überarbeitet und mit Anmerkungen versehen zurückgeschickt hat, und ich feile nun am Text. Das ist eine Zeit, die ich ganz besonders mag: Der Text steht im Wesentlichen, jetzt kommt die Feinarbeit, wird an Sprache und Struktur gearbeitet. Und manches gestrichen, verworfen, ergänzt, anders formuliert. Irgendwann im November, also ziemlich bald, muss er fertig sein, dann geht’s in den Satz, in den Druck, in die Buchläden. Bis dahin dauert es aber noch eine Weile.

Arbeitsfeld Stadtbildverschönerung

Zu keinem anderen Text in den „Erbaulichen Unterredungen“ habe ich so viele Zuschriften bekommen wie zu dem von vergangener Woche mit meinem Standpunkt zum „Stadtbild“. Vielen Dank für das Interesse, für die vielen zustimmenden Worte und für die konstruktive Kritik! Fürs Erste ist alles gesagt, die Standpunkte sind klar, die Argumente ausgetauscht. Und doch muss ich Sie noch einmal damit behelligen, denn mir hat sich durch diese Debatte ein neues Tätigkeitsfeld aufgetan. Ich reise ja eh viel durch Deutschland, zu Lesungen und Vorträgen, das ist quasi auch eine Form von Stadtbildverschönerung, die ich da betreibe.

Aber ich werde künftig - gegen einen geringen Aufpreis - anbieten, dass ich einfach zwei, drei Stunden früher komme, mich auf den jeweiligen Markt- oder Dorfplatz stelle und einfach dastehe, nichts tue außer durch meine Anwesenheit das Bild zu verschönern. “Wir sind da”, lautete in den Neunzigerjahren der Werbespruch der Bundeswehr, und das fasst ganz gut zusammen, was ich vorhabe: einfach da sein. Man darf mich anschauen, sich an meinem Anblick erfreuen, von mir aus auch mich fotografieren. Anfassen ist aber verboten. Ich werde professioneller Stadtbildverschönerer.

Sollten Sie mich buchen wollen, melden Sie sich gerne, ich nenne Ihnen dann die Konditionen. Ich bin nicht billig, aber preiswert. Und die Schönheit der Stadt (oder auch des Dorfes), die lassen wir uns doch etwas kosten, oder?

Professionelle Stadtbildverschönerung in Heilbronn.

Worüber darf man lachen?

Neulich sagte eine mir persönlich bekannte Intellektuelle auf einer Bühne, man dürfe “nie, nie, nie rassistische Witze machen”. Ich stimmte zunächst gedankenlos zu, aber dann fielen mir diverse Witze ein, die durchaus rassistische Elemente enthalten und über die ich lachen kann. Es gibt wirklich komische Witze über Pakistaner und Inder. Manche sind echt böse. Einige jenseits der Grenze. Und trotzdem lache ich. Nicht aus Verzweiflung, nicht aus Resignation, sondern weil ich auch das Komische darin sehe.

Hier ein Sketch, der mir dann beim Nachdenken über dieses Thema einfiel: Rowan Atkinson, der einen rechtspopulistischen Politiker spielt.

https://www.youtube.com/watch?v=hvoNa2tk3PE (Opens in a new window)

“Wir denken nicht, dass Einwanderer Tiere sind, um Himmels willen! Ich kenne persönlich viele Einwanderer, und sie sind wirklich nette Leute. Sie sind natürlich schwarz, was schade ist, aber ehrlich, manche von ihnen können manche Aufgaben fast so gut erledigen wie Weiße, und wir erkennen das an. Nun, viele Einwanderer sind Inder und Pakistaner zum Beispiel, und: Ich mag Curry. Wirklich. Aber da wir nun ja das Rezept haben - gibt es irgendeine Notwendigkeit, dass sie bleiben müssen? Konservative verstehen diese Probleme, verstehen Sie?”

Der Sketch ist alt, und manche werden sagen: ‘So kann man das heute nicht mehr machen!’ Ich sage: doch! Natürlich spielt er mit Rassismen, aber er macht das auf eine Art, die ja genau solche rassistischen Typen persifliert und damit kritisiert. Man kann das unlustig finden. Dann, wie schon der Tipp vergangene Woche bei “Das Leben des Brian”: einfach nicht lachen und nicht anschauen. Man kann aber auch, wie ich, sehr darüber lachen.

Wir müssen also nur die Rezepte für Falafel und Shawarma und Döner bekommen, danach gibt es keinen Grund mehr, dass sie bleiben! Da fällt mir gerade ein: Blöderweise habe ich das Rezept für mein Standardcurry in “Mein Kalifats-Kochbuch” verraten…

Gewürze und Mehl

Vor einigen Jahren schon habe ich in Wien einen Laden entdeckt, der die Gewürze anbietet, die ich schon in Islamabad im dortigen Supermarkt gekauft habe. Also exakt die Marke aus Pakistan! Auch die ausgefalleneren Sachen, die man in Mitteleuropa nicht so kennt. Das ist fantastisch! Auf diese Weise habe ich ein Stück Islamabad, wo ich mich nach vier Jahre Leben dort, durchaus zu Hause fühle, hier in meinem jetzigen Zuhause Wien. Wenn ich pakistanisch koche, riecht es wie in meinem Haus in Pakistan!

Ein anderes Zuhause von mir ist, Sie wissen es, Hollern-Twielenfleth. Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. In Twielenfleth steht die Windmühle “Venti Amica”, vermutlich 1837 erbaut. Sie ist bis heute in Betrieb, und dort kann man auch als Privatkunde direkt Mehl, Backmischungen und neuerdings auch Müsli kaufen. (Opens in a new window) Ich habe kürzlich von einer Leserin aus Hessen (!), die auf einer Tagung war und dort eine Brotbackmischung geschenkt bekommen hatte, diese zugeschickt bekommen - sie hatte gesehen, dass das aus Hollern-Twielenfleth kommt und dass sie mir damit eine Freude machen könnte. Sehr schön und herzlichen Dank nochmals auch auf diesem Wege!

Die Mühle "Venti Amica", "Freundin des Windes", in Twielenfleth.

Volkmar Dinglinger, der Müller in Twielenfleth und Pächter der Mühle, hat mir jetzt weitere Mischungen und die Müslisorten geschickt. Auch das: ein Stück Heimat in der anderen Heimat. Und auch hier: Danke für das Packerl und Grüße ins Alte Land. Ik kiek bald wedder vörbi.

(Opens in a new window)
Blick zur Kirche St. Marien zu Twielenfleth vom Dach der Twielenflether Mühle.

Demnächst muss ich mal mit dem Twielenflether Mehl Naan backen, und dann koche ich dazu Wiener Hühnercurry mit in Wien gekauften Gewürzen aus Islamabad. Meine ganz eigene “Fusion”-Küche.

P. S.: Ich rate dazu, sich zu überlegen, welche Lebensmittel man mit bestimmten Orten verbindet, die im eigenen Leben mal eine Rolle gespielt haben. Und diese Lebensmittel zu besorgen und so nicht nur die Orte, an denen man gelebt hat, sondern das Leben selbst zu feiern.

Leben mit Bohne

Mein Hund Böhnchen, pardon, Frau Dr. Bohne lehrt mich einiges, was Prioritäten im Leben angeht. Sie hat zum Beispiel freien Zugang zu meinem Büro, und wenn die Glastür geschlossen ist, setzt sie sich einfach davor und sorgt dafür, dass ich ihre Anwesenheit zur Kenntnis nehme. Meist steht die Tür aber offen, und sie stratzt dann in den Raum und macht unmissverständlich deutlich, was Sache ist.

Oft schreibe ich, am Schreibtisch sitzend, mit Stift in ein Notizbuch, aber wenn ich das dann abtippe, sitze ich in einem Sessel (österreichisch: Fauteuil; Sessel entspräche in Österreich einem Stuhl, was in Österreich wiederum an Exkremente denken lässt, aber das ist ein anderes Thema), und Böhnchen kommt schnurstracks zu mir, und wehe, ich reagiere nicht sofort, dann versucht sie mit der Pfote, den Laptop beiseite zu schieben. Kaum habe ich ihn weggestellt und ist der Schoß frei, hockt sie schon da, dreht mir den Rücken zu und sagt: “Los, Alter, jetzt streichle mich!”

Das Kommando „Leg das Handy weg und kümmere dich um mich, aber sofort!“ beherrscht sie ebenfalls perfekt und kann es zu jeder Zeit bei mir durchsetzen.

Ja, was soll ich sagen? Arbeit hin oder her, wann habe ich schon die Gelegenheit, meinen Hund zu kraulen? Und wie schön ist das, bitte? “Quality Time”, sagen die Achtsamkeitsfuzzis dazu, glaube ich. Findet Bohni auch. Und so lasse ich Arbeit Arbeit sein und kümmere mich um meinen Hund. Und wir finden das Leben schön, indem wir den Moment genießen.

Frau Dr. Bohne im Büro, Streicheleinheiten einfordernd.

Ihnen wünsche ich einen schönen Sonntag, uns in Österreich heute einen angenehmen Nationalfeiertag (Auf dass die Neutralität nie erforderlich werden möge!), allen insgesamt viele schöne Momente, ob mit oder ohne Hund, herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Sie haben sicher ein Smartphone oder eine Funkuhr und wissen, dass heute Nacht Zeitumstellung war und Sie eine Stunde länger schlafen konnten…

P. P. S.: Die Zahl der Abonnenten wächst, und es wäre schön, wenn auch die der Mitglieder wüchse. Daher freue ich mich, wenn Sie die “Erbaulichen Unterredungen”, die jeden Sonntag um 7.15 Uhr erscheinen, mit einer Mitgliedschaft unterstützten.

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Erbauliche Unterredungen and start the conversation.
Become a member