Hallo,
diesen Newsletter schreibe ich an einem Ort, an dem ich mich vor einer Woche selbst nicht vermutet hätte: in Buenos Aires. Wie es dazu kam, erzähle ich dir gleich – vorher aber noch ein herzliches Dankeschön!
“Amor Eterno” wird gedruckt
Die Kickstarter-Kampagne für mein Fotobuch über die argentinische Fußballkultur (Si apre in una nuova finestra) ist erfolgreich abgeschlossen, das Finanzierungsziel erreicht. Vielleicht gehörst Du zu denen, die das Projekt unterstützt haben – dann an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön! Ohne diese Unterstützung wäre das Buch jetzt nicht auf dem Weg in die Druckerei.
Und falls Du die Kampagne verpasst hast oder noch überlegst: Du kannst weiterhin ein Exemplar bestellen – entweder direkt über die Kickstarter-Seite (Si apre in una nuova finestra) oder direkt per E-Mail an mich: kaibehrmann@web.de (Si apre in una nuova finestra).
Ein Tag in Bonn – und eine Entscheidung
Am vergangenen Sonntag durfte ich Bilder aus Amor Eterno (Si apre in una nuova finestra) im argentinischen Konsulat in Bonn ausstellen. Es war einer dieser Tage, für die man Projekte wie dieses macht: bekannte Gesichter, Freunde – und einige aus unserer Community, worüber ich mich besonders gefreut habe. Wir saßen bei bestem Wetter im großen Garten des Konsulats, es gab argentinische Musik, Empanadas, Mate. Und beste Laune, denn Argentinien hatte es gerade wieder eine Runde weiter geschafft. Knapp, wie so oft bei dieser WM. Damit stand fest: Im Halbfinale wartet England.



Kaum ein Duell im Weltfußball trägt so viel Vorgeschichte. Allen voran das Viertelfinale von Mexiko 1986, der 2:0-Sieg mit der “Hand Gottes”, vier Jahre nach dem Falklandkrieg, in einer politisch aufgeladenen Zeit, in der sich die Rivalität der beiden Länder auf dem Rasen fortsetzte. Es sind diese Geschichten, die sich vorher niemand ausdenken kann – und die den Fußball für Millionen Menschen so faszinierend machen.
Noch am Abend der Ausstellung habe ich entschieden, die letzten Spiele dieser Weltmeisterschaft dort zu erleben, wo am meisten mitgefiebert wird. Zuhause habe ich Flüge gesucht, gepackt, keine Minute geschlafen. Um fünf Uhr morgens bin ich aus dem Haus, um Viertel vor zehn ging die Maschine über Paris nach Buenos Aires. Jetzt bin ich hier und werde rund um das Halbfinale auf den Straßen fotografieren – die Stimmung einer Stadt, die den Atem anhält.
Ein Fund über den Wolken
Auf dem Flug, während um mich herum alle schliefen, bin ich im Kopf die Etappen meiner Reise durch den argentinischen Fußball durchgegangen. Dabei fiel mir ein Gespräch wieder ein, das ich vor eineinhalb Jahren mit dem Fotografen Eduardo Longoni (Si apre in una nuova finestra) geführt habe. Es ist bislang unveröffentlicht, wird aber Teil von Amor Eterno sein. Und es passt in diese Woche, als wäre es genau dafür geführt worden.


Longoni ist einer von nur drei Fotografen, die 1986 im Aztekenstadion die “Hand Gottes” festhielten. Seine Aufnahme, erzählt er, verdankt sich ausgerechnet einem Fehler: Er kam zu spät zum Spiel, der Verkehr in Mexiko-Stadt hielt ihn auf, die guten Plätze waren vergeben. Ihm blieb ein Hocker direkt neben dem Tor, wo das Netz das halbe Feld verdeckt. Dazu eine zähe, torlose erste Halbzeit – Longoni war verzweifelt. Als Maradona in der 51. Minute dem 20 Zentimeter größeren Peter Shilton entgegenstieg, hatten die meisten Kollegen ihre Kameras längst gesenkt. Er nicht. “Plötzlich stieg ein Schatten auf, und ich drückte ab, ohne zu begreifen, dass es Maradona war”, erinnert er sich.
https://www.youtube.com/watch?v=-ccNkksrfls (Si apre in una nuova finestra)Von der Szene existieren drei Aufnahmen. Die beste, gibt Longoni offen zu, war nicht seine – auf dem Bild eines mexikanischen Kollegen klebt der Ball sichtbar an Maradonas Faust. Doch die Konkurrenz fotografierte in Farbe, er in Schwarzweiß. Und neunzig Prozent der Zeitungen druckten damals schwarzweiß. So wurde nicht das beste Foto zur Ikone, sondern das reproduzierbarste.
Neunzehn Jahre Leugnung
Was dann folgte, ist eine Geschichte über das Verhältnis eines Mythos zu seinem Beweisstück. Wenige Tage nach dem Spiel – Maradona hatte gerade den Satz von der “Hand Gottes” geprägt – schenkte Longoni ihm den ersten Abzug. Heimlich, abseits der Kollegen, denn die Selección fürchtete eine nachträgliche Strafe der FIFA. Maradona lächelte und nahm das Bild an sich. “Ich bin mir fast sicher, dass er es zerrissen und weggeworfen hat”, sagt Longoni.
2005 meldete sich dann Claudia Villafañe, Maradonas frühere Frau und Produzentin seiner Fernsehshow „La Noche del 10". Sie wollte das Foto als riesige Kulisse für die erste Sendung. Longoni verlangte kein Geld, nur eine Einladung ins Studio. Zwei Tage später rief sie zerknirscht wieder an: Das Bild werde nicht verwendet: “Weil Diego sagt, er hat es nicht mit der Hand gemacht.” Neunzehn Jahre nach dem Spiel, vor den Augen der Welt begangen, dreifach fotografiert – und der “Täter” leugnete immer noch. Noch im selben Jahr aber gab Maradona nach: Ausgerechnet in jener Show räumte er das Handspiel erstmals öffentlich ein.
Die schönste Szene dieser Geschichte kam Jahre später, in einer Sendung von Víctor Hugo Morales. Der Name sagt hierzulande den wenigsten etwas – dabei ist Morales für Argentinien das, was Herbert Zimmermann für Deutschland ist. Wie sich bei uns der Radiokommentar zum entscheidenden Tor im WM-Finale von Bern 1954 ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat – “Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen ...” –, so gehört Morales' Kommentar zum zweiten Maradona-Tor desselben Spiels, dem “Tor des Jahrhunderts” (Si apre in una nuova finestra), zum argentinischen Kulturgut.
Seine sich überschlagende Stimme, sein: “Barrilete cósmico, ¿de qué planeta viniste para dejar en el camino a tanto inglés?” – kosmischer Drachen, von welchem Planeten bist du gekommen, um so viele Engländer stehen zu lassen? zählt bis heute zu den schönsten Schilderungen eines Tors, die je über den Äther gingen. Sie hat es sogar in die Musik geschafft: „La Mano de Dios", Rodrigos berühmte Maradona-Hymne (Si apre in una nuova finestra), greift das Bild vom kosmischen Drachen wieder auf.
https://www.youtube.com/watch?v=EAk-l1VHzBw&list=RDEAk-l1VHzBw&start_radio=1 (Si apre in una nuova finestra)In ebendieser Sendung von Morales war Longonis Aufnahme auf eine Großleinwand projiziert. Maradona betrat überraschend das Studio, sah das Bild und lachte: “Sí, la foto me mandó en cana” – ja, das Foto hat mich auffliegen lassen. Longoni kommentiert das mit einem Satz, der bei mir besonders hängengeblieben ist:
„Mythen sind unvollkommen, weil sie uns ähneln. Wären sie perfekt, wären sie genial – aber keine Mythen."
Für die meisten Argentinier ist das Tor bis heute eine picardía, eine Gewitztheit, die zu Maradona gehört wie sein genialer linker Fuß. Für die Engländer war es schlicht Betrug. Dasselbe Foto – zwei unversöhnliche Lesarten.
https://www.youtube.com/watch?v=PbNIfxcuGWU (Si apre in una nuova finestra)Volksidol und Sportheld
Warum aus einem irregulären Tor eine Verehrung werden konnte, die bis heute anhält, hat mir Pablo Alabarces erklärt – der Fußballsoziologe aus Buenos Aires, dessen Gedanken sich wie ein roter Faden durch Amor Eterno ziehen. Fußballerisch, sagt er, könne er sich zwischen Maradona und Messi nicht entscheiden: “Maradona me divertía más, Messi me asombra más” – Maradona habe ihn mehr vergnügt, Messi verblüffe ihn mehr. Der entscheidende Unterschied liege woanders:
„Maradona ist ein Volksidol im schwersten Sinn des Wortes, womöglich die wichtigste Figur der argentinischen Populärkultur überhaupt. Messi ist ein Sportheld. Das ist nicht dasselbe.”
Maradona stammte aus den ärmsten Schichten des Landes und verkörperte sie sichtbar. Er ergriff Partei, war laut, widersprüchlich, angreifbar. Messi, Sohn italienischstämmiger Einwanderer aus der unteren Mittelschicht, schweigt zu allem Politischen. Und während der eine seine Mannschaften im Alleingang trug, war der andere jahrelang Teil des besten Vereinssystems der Welt: “Wo Maradona spielte, spielte er allein. Messi hat nie allein gespielt.”
Ob Messi je in diese kulturelle Rolle hineinwachsen könnte, hat Alabarces lange offengelassen. Inzwischen ist die Frage für ihn beantwortet: “2026 lautet die Antwort eindeutig: Nein.” Nicht weil Messi etwas fehlte – sondern weil es die Bedingungen nicht mehr gibt, die einen Maradona hervorbringen konnten.

Was der Videobeweis abgeschafft hat
Eine dieser Bedingungen taucht in Longonis Interview auf, in einem Satz, der mich über dem Atlantik beschäftigt: „Mein bekanntestes Foto hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn es damals den Videobeweis gegeben hätte.”
Heute wäre der Treffer nach kurzer VAR-Prüfung annulliert worden. Longonis Aufnahme wäre der Beleg einer Randnotiz – ein Bild zum Wegwerfen, wie er selbst sagt. Damals aber zählte das Tor. Es machte Maradona zum besten Spieler der Welt und wurde zum Ausgangspunkt eines Mythos. Man kann den Videobeweis für einen Gewinn an Gerechtigkeit halten, und vermutlich ist er das. Aber mit der Ungerechtigkeit verschwindet auch die Erzählung: Ein Spiel, das keine Schlitzohrigkeiten mehr zulässt, bringt keine Schlitzohren mehr hervor – und keine Götter.
Warum ich hier bin
Genau das ist es, was mich an diesem Sport nicht loslässt: nicht zu wissen, was passieren wird. Am heutigen Mittwoch stehen sich Argentinien und England wieder gegenüber, vierzig Jahre nach Mexiko, und niemand kann sagen, welche Geschichte diesmal geschrieben wird. Deshalb bin ich jetzt hier statt in Deutschland. Sollte im Strafraum von Atlanta ein Schatten aufsteigen, werden Dutzende Objektive ihn erfassen und ein Videoraum wird jede Einzelheit klären. Aber Geschichten wird auch dieses Spiel wieder schreiben – und ich werde mit der Kamera dort sein, wo sie in Buenos Aires gelebt werden: auf der Straße, in den Bars, auf den Plätzen.
Was ich dabei sehe, zeige ich Dir im nächsten Newsletter. Und falls Du Amor Eterno noch nicht bestellt hast: Über Kickstarter (Si apre in una nuova finestra) oder per E-Mail an kaibehrmann@web.de (Si apre in una nuova finestra) hast Du weiterhin Gelegenheit dazu.
Un abrazo,
Kai
(Si apre in una nuova finestra)