Über den Hype rund um „Lázár" von Nelio Biedermann - ein Versuch, diesen gesellschaftlich zu kontextualisieren
Mitternacht in SoHo, New York. Menschen essen Pizza und trinken Wein aus Plastikbechern - mit diesem Setting beginnt ein Text zum neuen Superstar des Literaturmarktes, Nelio Biedermann, in DIE ZEIT (Si apre in una nuova finestra).
In den 60er Jahren tummelten sich im zu jener Zeit ziemlich herunter gekommenen Viertel Manhattans, gelegen im Schatten des Wall-Street-Destriktes - SoHo eben -, Experimentalfilmer und Vertreter der „Fluxus“-Bewegung. Wie zuvor Dada formierte diese Künstlergruppe sich als Attacke auf den Dünkel klassischer Annahmen darüber, was Kunst sei und was nicht. „Fluxus“ verstand sie als ein fließender Übergang zwischen dem, was z.B. man in Performances und „Aktionskunst“ kreierte, und dem Leben selbst. Beuys entwickelte das später zum Konzept der „sozialen Plastik“ weiter. Kunst verstand sich prozessbezogen und performativ. Als soziale Plastik kann mal auch die folgende Situation lesen:
Anfang der 70er Jahre zog die Kunstmarkt-Legende Leo Castelli mitsamt seiner Galerie nach SoHo. Ich durfte dessen Witwe Barbara Bertozzi Castelli für eine ARTE-Doku über Roy Lichtenstein interviewen. Roy Lichtenstein, das war eben der Maler unter den Pop-Art-Künstlern und berühmt für seine Comic-Adaptionen. Er verdankte seinen Aufstieg Leo Castelli. Lichtensteins Werk und die Förderung durch Leo Castellin in den frühen 60er Jahren, das war ein revolutionärer Move und Auftakt zum Siegeszug einer mit Ikonen, Darstellungsformen und Methoden der Massenkultur spielenden Kunst. Das wird später noch wichtig in diesem Text. Sie transferierte das, was als banal, trivial, Schund und Schmutz verachtet wurde, plötzlich in den Distinktionsraum der Galerien und machte sich so über Künstlermythen lustig - auch über „Wunderkinder“ und “expressive Genies“.
Nachdem Castelli mit seiner Galerie nach SoHo zog, galt die „Neighborhood“ als „in“ und konnte gründlich gentrifiziert werden. Der Einfluss des Galeristen auf die Entwicklung der Künste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann kaum überschätzt werden. Dafür gebührt ihm Dank. Manche werden ihn als Beginn von „Kommerzialisierung“ und Auftakt zu irrwitzigen Entwicklungen auf dem Kunstmarkt deuten. Manchmal sind das Menschen, die Ansichten vertreten wie jene, dass Künstler gefälligst arm bleiben müssten und die Symptome eines systemisch generierten Kapitalmarktes rund um „Wertanlagen“ denen anlasten, die wissen, wie er funktioniert. Das wüsste ich aber auch gerne. Ein Loft in Manhattan zu besitzen gehörte zu meinen Lebensträumen, bevor MAGA ans Ruder kam.
Auch Autoren können für Verlage so etwas wie „Anlageobjekte“ sein. In junge Schriftsteller zu investieren kann auch gedeutet werden als Wette darauf, dass sie nicht beim ersten großen Wurf stehen bleiben, sondern auch in Zukunft noch hohe Gewinne abwerfen und zudem im Marketing des Verlages Strahlkraft entfalten. Ich werfe das den Verlagen nicht vor. So ist das im Kapitalismus.
Leo Castelli erblickte das Licht der Welt als Sohn eines ungarisch-jüdischen Bankiers in Triest 1907. Zu jener Zeit gehörte die Stadt an der Adria zum Territorium von Österreich-Ungarn. In jener eingangs erwähnten Mitternacht in SoHo, in DIE ZEIT beschrieben, betritt ebenfalls Österreich-Ungarn im Roman die Bühne des Textes von Annabel Wahba (Si apre in una nuova finestra). Der Niedergang einer ungarischen Adelsfamilie über 3 Generationen, der Verlust von Status, Land und Identität ist Sujet in Nelio Biedermanns „Lazar“.
Das fügt sich nahtlos in den Zeitgeist ein - ganze politische Bewegungen bauen derzeit auf solchen Verlusterzählungen auf und Andreas Reckwitz liefert dazu die Soziologie (Si apre in una nuova finestra). Wolfram Weimer propagiert entsprechend „Familie, Herkunft, Glaube und Nation“ - ich weiß nicht, was Biedermann zum Glauben schreibt, aber die Implosion der anderen drei „Säulen“, sie wurden von Nationalsozialismus und Kommunismus zum Einsturz gebracht. Das ist Thema in Biedermanns Roman.
Ich habe ihn nicht gelesen, nur die ersten paar Seiten - um den Roman soll es auch nur hinsichtlich dessen gehen, wie ein kluger Agent aus der Schweiz ganz ähnlich wie Castelli im Falle seiner Galerien den „Zeitgeist“ erspürte und mit perfekt eingespielten Netzwerken sein neues Produkt passgenau auf dem Markt platzierte. In Zeiten, da „Herkunft“ und „Verlust“ nicht nur AfD-Wähler*innen zu Tränen rühren (Geflüchtete auch, aber das ist AfD-Wähler*innen ja zumeist egal), Amazon-Rezensenten bei jeder schwulen Nebenfigur in einer TV-Serie Zeile um Zeile schinden, um sich darüber zu ereifern, wie eine „woke“-Mode alles störe und zerstöre, da kommt der Sohn eines Nachfahren ungarischen Adels, dessen Großeltern in den 50er Jahren vor dem Kommunismus aus Ungarn flüchteten, gerade recht. Vielleicht fordern manche ja schon in der “Sezession”, er solle da schleunigst mal wieder hinziehen und gegen den neuen Regierungschef opponieren.
Marc Koralnik, Biedermanns Agent, soll, so die Zusammenfassung der Google-KI, ein solches Interview habe ich zur Überprüfung auch gelesen, folgendes geäußert haben: eine Sehnsucht nach dem „klassischen Erzählen“ habe ihn dazu animiert, Biedermann einzukaufen und das Werk schon vor der Fertigstellung in über 20 Ländern und an dortige Verlage und deren Übersetzer zu exportieren. Der Markt sei übersättigt mit Büchern, die “aktuelle gesellschaftliche Trends” oder „Identitätsdebatten“ bedienten - dazu sei „Lazar“ ein „radikaler Gegenentwurf“, so paraphrasiert Google die Aussagen des Agenten. Dass Verfallsgeschichten des ungarischen Adels angesichts von Orbans Wirken auch eine Form der „Identitätsdebatte“ bedienen und gesellschaftlich voll im Trend liegen, geschenkt. Der Roman verzichte auf „moralische Belehrung“, setze keine „aktuelle moralische Brille“ auf, so ertönt es im Ulf Poschardt-Style in der KI-generierten Zusammenfassung, und präsentiere stattdessen eine „historisch-fatalistische“ Weltsicht. Tja, da kann man halt nix machen. Fatal, diese Historie. Es lebe die Resignation. Auf eine „heute oft übliche soziopolitische Einordnung“ verzichte das Werk. Wie beruhigend.
New York ist nicht MAGA-, sondern Mamdani-Land derzeit. Dennoch goutiert das dortige Publikum Biedermanns Verzicht auf „soziopolitische Einordnungen“ DIE ZEIT zufolge.
Der Stoff interessiert mich an sich nicht sonderlich; ich finde Biedermann sympathisch, er ist ein hübscher Kerl mit zauberhaftem Lächeln, der seinen Erfolg genießt, und das ist ja was Schönes für ihn. Einige sehen sein Werk auch sehr kritisch:
Das mag der Jugend geschuldet sein, ich weiß es nicht - es kann aber auch an dem liegen, was ich im Folgenden auszuführen versuche. Mich interessiert vor allem die Resonanz im Feuilleton und das gesellschaftliche Feld, das sie absteckt. Eines, das schon ziemlich gut erschlossen ist. Der Agent von Biedermann scheint gründlich gearbeitet zu haben, so einen Agenten hätte ich auch gerne, so dass fast alle relevanten Feuilletons sich wortreich über diesen Roman ausließen und noch viel mehr über Biedermann selbst, ganz im Stile der Celebrity-Berichterstattung.
Belletristik ist anders als die Memokratie, Talk-Shows oder Putins Whatsapp- und Telegram-Gruppen nichts, was Politik und Gesellschaft derzeit wirklich bewegen würde. Sie ist ein Symptom dafür, welche Formen und Narrative in bestimmten sich als bildungsbürgerlich verstehenden Milieus gerade gesucht werden - insofern ein Reflexionsraum für das, was auch als „Vibe-Shift“ beschrieben wurde. Einer, an dem sich etwas ablesen lässt, was Menschen in der Strafkolonie des Lebens eingeschrieben wird. Darum soll es in dieser Textreihe gehen.
An Biedermanns Seite in SoHo tritt auf: Daniel Kehlmann. Dieser moderierte Veranstaltungen mit dem neuen Posterboy des Literaturmarktes, der sich auch als Warhol-Siebdruck gut gemacht hätte. Kehlmann ist renommiert, bestens vernetzt und protegiert den Jungstar. In seinem eigenen aktuellen Roman „The Director“, zu deutsch „Lichtspiel“, erforscht auch er keine Utopien. Er erzählt von einem mit den Nazis kollaborierenden Regisseur. Das US-Publikum sieht DIE ZEIT zufolge darin eine Warnung vor dem Abgleiten in den Faschismus unter Trump und erklärte zuvor Biedermann zum „neuen Zauberer (Si apre in una nuova finestra)” . Auch die SZ fragt, ob Biedermann der neue Thomas Mann sei. Die New York Times reicht García Márquez als Vergleichsfolie nach, weil manche „magischen Realismus“ in „Lazar“ leuchten sehen. Tom Tykwer will den Roman verfilmen. Biedermann erhielt einigen Quellen zufolge einen sechsstelligem Vorschuss vor dem fertigen Text. Er sei ihm gegönnt.
Das “Wunderkind” posiert derweil mit Patti Smith, die einst mit Robert Mapplethorpe zusammen lebte, für deren Instagram-Account. Die Bildunterschrift:
Selbst die Verrisse des Romans adeln ihn, wie auch sonst, entstammt der Autor doch einem solchen Geschlecht und nicht einfach nur einer schnöden Beamtenfamilie aus Duisburg oder einer Einzelhändler-Dynastie aus Osnabrück: Der New Yorker verreißt „Lazar“ als „pompöses, inhaltsloses Gothic-Drama“, Peer Teuwsen in der NZZ bezeichnet den Roman als „Kitsch-Porno“. So hat das Werk es auf die Liste der Bücher geschafft, über die man streiten muss.
Mich interessiert nicht, ob sie recht haben. Mich interessiert, für was diese Begeisterung Symptom ist. Denn gefeiert wird ja nicht bloß ein Talent. Gefeiert wird das, was sein Agent im Marketing entworfen hat. Ein 22-Jähriger, der „endlich wieder souverän erzählt” „nach all der dünnen, säuerlichen Autofiktion” - so ungefähr formulierte es Becca Rothfeld im New Yorker. Sie meint das halb spöttisch, aber diese Sehnsucht lebt von ihrer Ernsthaftigkeit.
Biedermann bezieht sich explizit auf Vorbilder aus dem frühen 19. Jahrhundert. Er habe, Familiensaga halt, die „Buddenbrooks“ gelesen. Das las ich zumindest irgendwo. Der Autor situiert sich selbst klar im Feld von Marcel Proust, Thomas Mann, Joseph Roth, Arthur Schnitzler - und fügt noch Virginia Wolf hinzu. Bei allen Binnen- oder auch großen Differenzen dieser Autor*innen typisiere ich nunmehr zwei Ansätze in der Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in die sich der „Bewusstseinsstrom“ nicht ganz einfügt.
Zum einen Thomas Mann: Verdichtung, elegant, oft mit subtiler Ironie gesättigter Stil - die große, geschlossene Form, die das Chaos der Historie in großbürgerlicher Sprache bannt. Die andere fand Ende der zwanziger Jahre in Alfred Döblin zur Sprache. Genauer: in Berlin Alexanderplatz: Zeitungsschnipsel, Schlagertexte, Börsenkurse, Reklameslogan, Bibelzitate, alles in den Straßenlärm hinein montiert. Der Erzähler tritt zurück, und die Welt selbst beginnt zu sprechen. Die Form reißt auf, statt sich zu schließen. Walter Benjamin hat das 1930 in „Krisis des Romans” seziert: Döblins Collagieren sei gegen den bürgerlichen Roman gerichtet, zerstöre dessen Innerlichkeit:
Der Riss begann sich also zu öffnen, als Biedermanns Barone - mit einem solchen beginnt der Roman ganz märchenhaft - noch lebten. Und das Feuilleton applaudiert seit hundert Jahren immer wieder neu der Antwort, die Thomas Mann fand und an der sich Biedermann orientiert.
Blickt man zurück auf Fluxus, auch auf Ginsbergh und Dylan im Greenwich Village, auf das Gelächter von Warhols „Popism“, auf Sartre - Biedermann bezieht sich lieber auf Camus - und dessen Adaption der durch John Dos Passos’ „Manhattan Transfer“ inspirierten Adaption von Kino-Montagetechniken in seinem Roman „Der Aufschub“, ebenso Sartres Aneignung von B-Movie-Krimi-Plots in „Der Ekel“, dann betreten plötzlich andere literarische Techniken den Independent-Bookstore von New York als jene, auf die Biedermann sich beruft.
Solche, die das Kino, die Werbung, den Jazz und die Jukebox aufsaugen, die sich in den Gelüsten, dem Lärm und den Abgründen der Massenkultur verlieren, statt im bürgerlichen Kanon zu verharren oder ihn gar zu restaurieren.
Es erscheint rätselhaft, wie jemand, der auf Fotos und in Interviews so wirkt wie Nelio Biedermann, ich würde sofort ein Bier mit ihm trinken gehen, keine Ahnung, ob er auch mit mir, im Alter von knapp über 20 Jahren sich alledem so konsequent verweigert.
Es passt gar nicht zu ihm. Biedermann tritt auf wie eine Figur, die vom Lifestyle-Marketing erfunden wurde - Generation-Z-Zürich, der hippe Schnauzer, die richtigen Klamotten, fotogen und wie für die “Teen Vogue” gestylt - und dann diese Verbeugung vor der großbürgerlichen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts? Zudem übt er Rückgriffe auf Autoren wie E.T.A. Hoffmann (übrigens ein Vorreiter der KI-Kritik in seiner Schilderung von Nathanael in „Der Sandmann“, der sich in einen Automaten verliebt, weil der aussieht wie eine junge Frau und „Olimpia“ heißt) und ein paar andere mehr. Und bezieht sich auf Christian Kracht. Darauf wird im Verlauf dieser Textserie zurückzukommen sein.
Biedermann lebt erkennbar in ganz anderen Welten als jenen, über die er schreibt. Was ihm nicht vorzuwerfen ist: Mit 22 schreibt man halt Coming-of-Age-Romane oder nutzt das, was zufällig im Bücherregal der Familie zu finden war. Was auch sonst. Ihm bot sich vermutlich Großmutters Bibliothek an. In anderen Elternhäusern hätte da vielleicht “Unendlicher Spaß”, eine Reihe Asterix- und Tim & Struppi-Comics, Tolkien, Breat Easton Ellis und DeLillo gestanden - und aus dem Adelsstoff wäre eine found footage-Story geworden, eine zerschnittener Radio-Podcast, ein Spiel mit populären TV-Serien, eine Manga-Persiflage. In wieder anderen Haushalten stehen wenig bis keine Bücher herum - dafür thront dort ein großer Fernseher mitten im Wohnzimmer. Zwar sei, so las ich, „Lazar“ gebaut wie eine Abfolge von Filmszenen vor historischer Großkulisse. Die Referenz bleibt dennoch die Literatur, nicht das Leben, Netflix oder ein Club in Zürich; bleibt Joseph Roth, nicht Tarantino, Hyper-Pop oder „One Piece“.
Stattdessen Familie, Herkunft und der Zerfall einer Nation.
Ein wenig skurril erscheint es schon, dass ausgerechnet Patti Smith die mediale Bühne neben Biedermann betritt. Sie galt als Schutzheilige eines völlig anderen Strangs des Dichtens und Schreibens. Smith hat ihr Leben lang Rimbaud als Vorbild gefeiert, sich auf Genet, Burroughs, die poètes maudits berufen - die Rebellen, das Gegenteil von Erbe, Abstammung und Bürgertum. Rimbaud hat „il faut être absolument moderne” proklamiert. Man müsse das sein, ob freiwillig oder aus der Notwendigkeit heraus - nicht etwa „es war einmal ein Baron” aufschreiben.
Wenn ausgerechnet Patti Smith das Buch von Nelio Biedermann in die Smartphone-Kamera hält, dann segnet sie die Galionsfigur des Gegenkanons, den Restaurator - und niemandem fällt der Bruch auf, weil im Hype alles in diffusen Bezugnahmen auf „große Literatur” verschwimmt und keiner mehr fragt, welcher.
Dieses ist der erste Teil einer mehrteiligen Text-Reihe, die ausgehend vom Biedermann-Hype, dessen Hauptfigur ich gar nichts will, er kann ja nix dafür, den Kontext erkundet, in dem er situiert ist.
Gegen den bürgerlichen Kanon, in dem Biedermann schwelgt, werde ich andere Stränge und somit Möglichkeiten des Schreibens ins Feld führen, die restaurativ-konservativen Ästhetiken widerstanden.
Im nächsten Teil geht es um „Herkunft“ als Sujet in den Künsten.