oder: Zum Stand des Popjournalismus 2026 - eine Übung in transduktiver Ästhetik
Sucht etwa ein Killer eine Autobahnraststätte heim? Und was hat das mit der SPEX von 1985 zu tun?
Texte wir der folgende - “Sauerland Ost” - entstehen, wenn ich kurz zuvor eine Diskussion über die Schuld der ehemaligen Popjournalisten (Rapp, Poschardt) an den journalistischen Miseren der Gegenwart bei Bluesky führte. Ich war schließlich auch lange so einer, wenn auch fürs Fernsehen, genauer: im Genre des Magazins und der Dokumentation.
Da ich aber, unfähig, mich adäquat selbst zu branden und mich zu Tode langweilend, wenn ich im immergleichen Stil zu Themen einer den Algorithmen in den Kram passenden Nische Texte verfasse, nun sogar schon Manifeste über Transduktion und Driften schreibe (Si apre in una nuova finestra) , kommt es halt zu so was.
Also, zu so etwas wie dem unten zu lesenden Text. Der nicht nur Text sein will und doch ist. Das Motto “Tod des Autors” von Roland Barthes wird ja immer falsch verstanden. Es geht bei ihm auch um den Text, der aus sich selbst heraus etwas strukturieren und beim Verfassen von seinem Autor will, was er, angedockt an all das bisher zu diesem Thema Gesagte und Geschriebene, einer eigendynamischen Logik folgend auch durchsetzt. Die Sprache spricht aus sich selbst und setzt einen endlosen Diskurs fort. Der ganze vorgängige Wust von Sätzen sortiert sich um. Ein wenig wie im Falle von LLM. Das war damals schon so, als Barthes den Text zum “Tod des Autors” schrub, und dauerte einst erheblich länger. Die Sprache schreibt, nicht der Autor.
Also ab ins Kino.
So entstand “Sauerland Ost”. Am Anfang suchte ich inmitten meiner Kindle-Bibliothek in “SPEX: Das Buch 33 1/3” herum. Ich fand einen Text von Diedrich Diederichsen mit dem Titel “Duran Duran. Wie konnte es dazu kommen?” aus der SPEX 2/1985. Das Buch selbst, die Textsammlung mit SPEX-Texten, wurde herausgegeben von Max Dax und Anne Waak und erschien 2013 bei Metrolit in Berlin.
Dann überlegte ich, welche Menschen das wohl aktuell diskutieren könnten. Die drei im Folgenden fielen mir ein. Warum auch immer. Natürlich diskutierten sie unter sich, so war das oft im Popjournalismus. Eher was für Macker. Bei aller Bewunderung für Clara Drechsler und Jutta Koether, die in dieser Männer-Welt wirklich Großes schufen.
Nun aber hinein in den Text:
“Sauerland Ost”
Exposé für einen Kurzfilm
Das Setting:
Eine Autobahnraststätte, die seit 2019 „Sauerland Ost” heißt, obwohl sie geografisch mitten im Flachland in der Nähe des Kreuz Werl liegt. Neonlicht, das flackert, aber nie ganz ausgeht. Tische aus abwaschbarem Plastikholzimitat. Ein Heißgetränkeautomat, der zwischen zwei Funktionen schwebend nur noch Malzkaffee produziert. Die Küche ist seit einer Stunde geschlossen. Die Bedienung heißt Jovanka, ist 58, hat alles schon gesehen und liest hinter der Theke Agatha Christie auf einem Tablet. Sie ist ein wenig korpulent, aber noch äußerst attraktiv, trägt dickes Make Up und hat die Haare in Tizianrot gefärbt, zu einer Art B52s-Bienenkorb frisiert - nur kleiner und dezenter.
Das Genre: Slowburn Paranoia-Thriller mit Zügen eines Kammerspiels
Irgendwo zwischen Michael Haneke und einem niemals produzierten Drehbuch von Don DeLillo, das von einem Regisseur verfilmt wurde, der Fassbinder wiedererwecken wollte, aber noch nicht mal an der Filmhochschule angenommen wurde. Die Kamera bewegt sich kaum. Wenn sie es tut, ist es unangenehm, wirkt falsch. Die Ausschnitte verweigern sich klarer Komposition. Die Bewegungen führen in Nichts. Die Musik besteht aus einer einzigen Synthesizer-Note, die sich über zwanzig Minuten um einen Halbton verschiebt. Das Publikum merkt es nicht bewusst, aber es wirkt unruhig.
Die Hauptfiguren
BLAKE befand sich auf dem Weg von einem Retreat außerhalb von Paderborn, das als „Sovereign Individual Intensive” beworben wurde, nach Hause – drei Tage, zwölftausend Euro von jedem der elf Teilnehmer. Blake war der Einzige, der nicht aus den USA einreiste - in kurzem Smalltalk hört man, dass er im Taunus lebt. Er hat seinen Mietwagen – einen Tesla Model S, natürlich – auf der A44 bei Kilometer 217 an die Leitplanke gesetzt. Weil er gleichzeitig ein Voice-Memo aufnahm, in der er die Erkenntnisse des Wochenendes zusammenfasste. Eine KI verarbeitete es in Echtzeit zu einem weiteren Kapitel eines in limitierter Auflage erscheinenden Buches, exklusiv für Teilnehmer seiner Retreats.
Diese Sequenz ist wie im Zeitraffer montiert und führt ihn als Figur ein - teurer Maßanzug, handgefertigte Schuhe, militärische Frisur. Er ist schlank wie von einem Fitnesstrainer in Form gebracht; bei den scharf geschnittenen Gesichtszügen erahnt man den Einsatz von plastischer Chirurgie.
Nun sitzt er Malzkaffee trinkend in “Sauerland Ost”. Das Auto ist reparierbar, das Ego auch, doch der Abschleppwagen kommt erst in zwei Stunden - man verfolgt seine Telefonate. Kurze Sprach-Fetzen über Investments, Amüsement über Donald Trump und wie der sich von Peter Thiel verarschen lässt, ein wütendes Telefonat mit einer Ex-Freundin.
Zwischen zwei Anrufen: Sein Bildschirm zeigt kurz eine Push-Notification, die er wegwischt, ohne sie zu lesen. Der Zuschauer kann sie lesen: „Sie vereinfachen zu sehr. Das ist falsch.“ Absender: unbekannt.
Nun sitzt sitzt an einem Plastiktisch in “Sauerland Ost” mit seinem Laptop, auf dem drei Tabs geöffnet sind: X/Twitter, ein Substacktext über „Exit over Voice” exklusiv für Abonnenten und ein Google-Doc mit dem Titel „Notes toward a post-democratic aesthetics”.
Jovanka setzt sich zu ihm und versucht zu flirten. Er reagiert abweisend, was sie nicht weiter stört. Sie erzählt ihm wirre Abenteuergeschichten - was man so alles erlebt nachts in der Raststätte “Sauerland Ost”. Man hört nur Fetzen wie “Und dann habe ich dem aber meine Meinung gesagt!”, “Ich war ja geschmeichelt, dass er meinen Arsch knackig fand, aber angrabschen lasse ich mich nicht”, “Als er die Flasche hob, um sie mir über die Rübe zu hauen, wurde es kurz richtig gefährlich ...”
COLIN betritt die Raststätte. Füllig, faltig, mit Beatles-Pilzkopf und Drei-Tage-Bart. Psychedelisches Paisley-Hemd unter abgeranzter Lederjacke, Boots, Jeans.
In einer Rückblende sieht man: Colin ist auf Lesereise für sein neuestes Werk, das eigentlich ein Buch über die Bedeutung von Britpop für die Arbeiterklasse werden sollte und am Ende zu einem Traktat über seinen Vater mutierte. Es heißt “All die verpassten Chancen”. Colins Vater betrank sich 1996 bei einem Oasis-Konzert in Manchester derart, dass er auf der Toilette einschlief und den Gig verpasste – was für Colin bis heute metaphysisch bedeutsam ist. Die Lesereise war schlecht besucht: Bielefeld (sechzehn Zuhörer), Paderborn (neun), Dortmund (zweiundzwanzig, davon acht, weil der Buchladen nebenan geschlossen hatte und es regnete). Man sieht das in einer Montage. Sein Zug nach Köln ist ausgefallen, der Ersatz wäre erst um 6:12 gefahren, sein Verleger hatte kein Hotelzimmer mehr organisieren können (insgeheim wollte er nicht, wie in der kurzen Montage deutlich wird, da er mit der ganzen Lesereise eh schon rote Zahlen schreibt und Colin ihm maßlos auf die Nerven geht) - er investierte drum sein letztes Geld in einen klapprigen Mietwagen am Stadtrand von Paderborn bei einem Verleih, der von einem kiffenden Alt-Hippie betrieben wird und nur Karossen aus den 90ern im Angebot hat, um in Kassel die letzte Lesung seiner Deutschlandtour zu halten. Da gäbe es auch wieder ein kleines Honorar. In seinem Gepäck findet sich - seine heimliche Leidenschaft, Popjournalismus aus den 80er und 90er Jahren - eine Ausgabe der Spex aus dem Jahr 1985.
Nachdem er die Raststätte betreten hat, setzt er sich an den Tisch von Blake und Jovanka - Blake schaut genervt, Colin lächelt. Er beginnt, mit Wörterbuch handschriftlich die Fortsetzung der Übersetzung eines Textes von Diedrich Diederichsen aus dem Jahr 1985 über Duran Duran.
Jovanda verzieht sich, fühlt sich offensichtlich beim Flirt gestört und beginnt, hinter der Theke den Boden zu wischen. Wie das im Popjournalismus so ist. Blake wirft Colin Blicke voller Verachtung zu und ranzt ihn an: “Was machst Du denn da? Dafür gibt es doch DeepL.”
CLAY sitzt bereits in einer dunklen Ecke von “Sauerland Ost”, als Blake und Colin eintreffen. Er hat einen Kaffee vor sich stehen, der kalt sein muss, weil er schon lange dasitzt. Er hat kein Gepäck. Er liest ein Buch, aber man sieht nicht, welches. Eine Rückblende zeigt: Auf die Frage, warum er hier sei, antwortet er Jovanka beim ersten Mal nicht, beim zweiten Mal sagt er „ich warte”, beim dritten Mal sagt er „Ich bin öfter hier.” Jovanka will widersprechen, “Das wüsste ich aber ...”, so setzt sie an - doch verstummt schnell wieder angesichts des abgrundtief bösen Blicks, den Clay ihr zuwirft. Sie sieht dunkelbraune Flecken auf seinem abgetragenen Trenchcoat, einen tiefen Kratzer mitten in seinem Gesicht und zieht sich lieber zurück, offenkundig beunruhigt - setzt sich wie zum Schutze an den Tisch zu Blake, verwickelt ihn in das Gespräch. Clay starrt weiter finster in seinen kalten Kaffee und wischt sich nur ab und zu schmierige Strähnen langen, braunen Haars aus dem Gesicht.
Als der Dialog zwischen Colin und Blake beginnt, erhebt er sich mit dem Kaffee in der Hand und begibt sich zu den beiden - mit angespannten Bewegungen wie ein Raubtier kurz vor der Attacke.
Parallele Einstellungen:
Während die drei Männer allmählich ins Gespräch kommen und Jovanka die Küche wischt, hält kurz nach vier ein Reisebus. Aus ihm steigen siebenunddreißig Senioren aus Gelsenkirchen auf dem Weg nach Kassel, zur Wilhelmshöhe - diese wollen sie besuchen. Sie strömen herein, kaufen Malzkaffee, reden laut über jemanden namens Horst, der nicht mitgekommen ist, gehen wieder. Danach ist es stiller als vorher.
Um 4:23 fängt der Heißgetränkeautomat an, ohne Eingabe Becher auszuwerfen. Jovanka schaut kurz rüber, sagt „wieder dieses Ding“ und macht nichts. Ihr Blick geht dabei kurz zum Fenster – in Richtung des Gebüschs.
Draußen, auf dem Parkplatz, sitzt in einem silbergrauen Skoda Octavia seit Beginn des Films ein Mann, der nie aussteigt. Er schaut nicht auf sein Telefon. Er blickt starr auf die Raststätte. Es wird jedoch immer wieder auf ihn umgeschnitten.
Mitten in ihrem Dialog springt ein Fernseher in einer Ecke der Raststätte an und zeigt die Heavy Rotation von MTV im Jahr 1985.
Eine Schülergruppe hält mit Fahrrädern vor der Raststätte an, macht Selfies und diskutiert lautstark über Harry Styles.
Ein Gefangenentransport lässt einen Häftling mit Glatze und Tattoos im Gesicht aussteigen, einer der Beamten begleitet ihn auf die Toilette. Beide müssen dafür erst den Raum der Gaststätte durchqueren, bis sie zu den Toiletten gelangen. Sie verlassen sie nie wieder.
Jovanka beginnt, sich die Fingernägel zu lackieren.
Ein streunender Hund wühlt vor den Fenstern im Abfall neben einem überfüllten Mülleimer. Ein paar Ratten verscheuchen ihn angriffslustig.
Ein Zoom in das Gebüsch neben “Sauerland Ost” zeigt die Schuhe an den Füßen einer Männerleiche, daneben ein blutverschmierter Regenmantel. Ein abgeschnittenes Ohr liegt in einer Pfütze. Die Kamera zoomt heran, man sieht ein Earpod darin. Der zuckt rhythmisch, ganz wie ein Lebewesen.
All diese Sequenzen werden in den folgenden Dialog montiert.
BLAKE zu COLIN: Nun lies schon vor, was Du da gerade übersetzt, bevor er hier (er zeigt auf Clay) mir weiterhin die Mordszenen aus “American Psycho” detailliert referiert.
COLIN: (liest) “Hipness bedeutet ja zunächst die Einführung der lebensspendenden Kraft der Geschichte in die Pop-Kultur (natürlich handelt es sich hierbei um eine Wiedereinführung oder wie wir in der Werbung immer sagen: ein Relaunch). Hipness ist das Spiel mit Aktualität, vorweggenommener, behaupteter Aktualität und demonstrativ gewesener Aktualität. Dies war von uns allen als eine begrüßenswerte Entwicklung angesehen worden, da ja eine bewusste Einbeziehung jeder wie auch immer gearteten Aktualität nicht nur die Fähigkeiten der Popmusik als tendenziell schnellst reagierendste Kunstform bestmöglich nutzte, sondern ein Wissen von und um Aktualität immer einen höheren Bewusstseinsstand bei Produzenten wie Rezipienten bedeutete als das Bemühen um zeitlose Kunst, das in den siebziger Jahren so vorherrschend gewesen ist.” (Quelle siehe oben) Was meint ihr?
BLAKE: Dieser Text ist ein Dokument aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. 1985. Reagan. Vor dem Internet. Vor Biotech. Vor allem, was jetzt zählt. Warum sitzen wir hier überhaupt und reden über so was?
COLIN: Weil er recht hatte, du Idiot. Weil er beschrieben hat, wie Kultur funktioniert, bevor Leute wie Du alles in eine App verwandelt haben.
CLAY: Ihr beiden streitet über das falsche Problem. Die Frage ist nicht, ob der Text aktuell ist. Die Frage ist, ob Aktualität überhaupt ein Wert ist. Das wurde doch schon 1991 beantwortet. Eine Figur wie Bateman aus American Psycho, die ist immer noch aktuell, präzise, informiert - und reich, aber wertlos. Diederichsens „höherer Bewusstseinsstand” ist doch nur eine Leiche im Frack. (er grinst)
COLIN: Hör mal zu, Clay. Das Problem mit deiner Ellis-Obsession ist, dass du die Ironie mit der Botschaft verwechselst. Ellis kritisiert Bateman. Das ist doch kein Lebensmodell.
CLAY: Wirklich? Lies das Buch nochmal. Es gibt keine stabile Außenperspektive. Es gibt keinen Ankerpunkt, von dem aus man sagt: Das hier ist falsch. Ellis lässt dich darin versinken. Wer das als Kritik liest, will sich nur beruhigen. Willst Du Dich gerade nur beruhigen?
BLAKE: Großartig, ihr redet über einen Serienmörder als Erkenntnistheoretiker. Loser. Inzwischen hat Peter Thiel zwei Milliarden in Verteidigungstechnologie investiert, gegen die Bateman nur ein Fliegenschiss ist, vom Potenzial her; er finanziert die nächste Generation von KI-Infrastruktur mit und ja, es werden viele sterben. So ist das im Krieg. Wie Trump bereits sagte. Dieser Trottel (kichert). Der denkt ja wirklich immer, er würde alle dominieren. (kichert erneut). Gibt eh zu viele Menschen. Wollt ihr zu denen gehören, die den Klimawandel überleben oder lieber über Pop und Literatur diskutieren? Wir, die wir wissen, wie man KI nutzt, wir schaffen das hingegen. (auf seinem Handy ploppt eine SMS auf: “Du irrst Dich, Wie immer schon.” Blake nimmt sie kaum wahr, die Zuschauer können sie lesen.) Wer hat denn nun mehr über die Gegenwart verstanden – Ellis oder Thiel? Ja, Ironie, Leute! Meine Güte! Lacht doch mal.
COLIN: Thiel hat nur verstanden, wie man Geld macht. Das ist nicht dasselbe wie Gegenwart verstehen. Ich verstehe auch, wie ein Kassenbon funktioniert. Das macht mich nicht zum Philosophen.
BLAKE: Diederichsen schreibt, Aktualitätsbewusstsein bedeute einen „höheren Bewusstseinsstand”. Das ist Marxismus mit Plattencover. Das ist die Sprache von Leuten, die nie eine Firma gegründet haben und trotzdem zu wissen glauben, wer das bessere Bewusstsein hat. Der wird schon noch sehen, wer das Spiel gewinnt.
CLAY: Da hat er ausnahmsweise nicht unrecht. Die Formulierung ist schwach. „Höherer Bewusstseinsstand” – das klingt nach einem Seminar in einem besetzten Haus. Aber das Grundproblem, das er beschreibt, ist real: Pop als Zitatmaschine. Das ist präzise. Und die Morde von Bateman sind Zitate. Copykill. So tötet man stilvoll.
COLIN: (summt “Wonderwall” vor sich hin) Was hast Du gesagt? Das sind doch keine Zitate. Das ist einfach Grausamkeit zum Selbstzweck. Oasis, die haben mit der Vergangenheit gearbeitet – Beatles, Kinks, Small Faces –, klar. Weil die Vergangenheit besser war. Aber sie haben es gemeint, nicht wie Bateman oder dieser KI-Schnickschnack heute. Das war authentisch. Das war echt. Das ist der Unterschied zu diesem ganzen postmodernen Flickenteppich, den ihr beide so liebt.
BLAKE: „Sie haben es gemeint.” Das ist dein Kriterium? Meinen? Ich meine auch, was ich sage. Heißt das, ich bin jetzt Rockstar?
COLIN: Nein, das heißt, du bist ein Arschloch, das zufällig reich ist. So wie Du rumläufst.
Clay holt eine schmuddeligen 0,7-Liter-Flasche Ouzo aus seinem Trenchcoat, wischt sie mit einem blutverschmierten Taschentuch abr und lässt sie kreisen. Blake schaut angewidert und trinkt doch mit.
CLAY: Colin, darf ich Dich etwas fragen? Du, der Du in der Vergangenheit lebst, Du hasst Blur vermutlich immer noch, weil sie die Oberfläche als Konzept behandeln, richtig? Weil sie Britpop als Idee vor sich hertragen statt als Erlebnis?
COLIN: Genau das.
CLAY: Dann verstehst du doch Breat Easton Ellis. Genau das macht er mit dem Materialismus der Achtziger. Er trägt ihn vor sich her, bis er explodiert. Der Unterschied ist: Du magst das Ergebnis bei Ellis nicht, weil es keine Katharsis gibt. Bei Oasis kriegst du am Ende „Don’t Look Back in Anger” und weinst ein bisschen, versinkst in dieser erbärmlichen Sauce aus Kitsch. Bei Ellis kriegst du nichts außer dem Gefühl, dass du vielleicht auch ein Bateman sein könntest. Aber wie!!!
COLIN: (Pause) Das ist das Ekelhafteste, was mir je jemand mit Logik erklärt hat.
BLAKE: Kann ich kurz auf das eigentliche Thema zurück? Diedrichsen beschreibt Hipness als „Spiel mit Aktualität”. Das ist eine präzise Beschreibung von etwas, das 1985 vielleicht noch funktioniert hat. Gerade an der Wallstreet, bei diesen altmodischen Brokern halt, die ständig reflexhaft und schnell auf das aktuelle Marktgeschehen reagieren mussten. Macht heute kein Mensch mehr so. Heute ist Hipness algorithmisch. TikTok entscheidet, was hip ist, bevor irgendein Mensch das hätte entscheiden können. Das Spiel ist vorbei. Der Algorithmus spielt allein. (An dieser Stelle flackert sein Laptop-Bildschirm einmal. Im Google-Doc, noch bevor der Diederichsen-Text erscheint, steht kurz, für zwei Sekunden, ein einzelner Satz: „Das ist nicht was wir tun.“ Dann ist er weg. Blake schaut nicht hin.)
COLIN: Das ist die deprimierendste Aussage des Abends, und ich nehme sie trotzdem nicht ernst, weil du das als Argument für Thiel, Altman und die ganzen Technofaschisten verwendest. Als ob die Antwort auf den Algorithmus mehr Technokapitalismus wäre.
BLAKE: Was ist deine Antwort? Mehr Oasis? (lacht)
COLIN: Ja. Ehrlich gesagt: Ja. Musik, bei der Leute wissen, warum sie im Raum stehen. In der Wirklichkeit. Sich riechen. Das Bier beim Konzert schmecken. Die Lady im Arm fühlen. Das ist mehr wert als dein gesamtes Portfolio.
CLAY: Ihr beide habt vergessen, dass Diederichsen von „demonstrativ gewesener Aktualität” spricht – also von Zitat. Alles, worüber ihr redet, ist demonstrativ gewesene Aktualität. Oasis - das war schon 1994. Thiel-Libertarismus ist das Zitat von Ayn Rand, die das Zitat von Nietzsche war, den sowieso niemand richtig gelesen hat. Hört ihr euch überhaupt zu? (Pause. Er schaut aus dem Fenster – nicht zum Skoda, sondern zum Gebüsch. Dann wieder zu den anderen.) Es geht um den zitternden Leib des Gegenübers. Den könnt ihr beide nicht mehr wahrnehmen. Deswegen seid ihr hier. Noch.
(Stille. Colin summt “Don’t look back in anger”, Clay säubert mit einem Zahnstocher seine enorm schmutzigen Fingernägel an seinen mit braun verkrustetem Schmutz verunreinigten Händen)
BLAKE: Zurück zum Thema. Diederichsen wollte Bewusstsein. Thiel will Macht. Das sind die einzigen ehrlichen Positionen. Alles dazwischen – (zeigt auf Colin) – ist nur Hobbyismus. Alberne Proletarierromantik. Demokratie-Illusionen für Loser und Schwächlinge, die den ganzen Tag rumjammern, weil sie eh nicht mit Geld umgehen können. Und nicht wissen, wie man herrscht.
COLIN: Hobbyismus? Nicht mit Geld umgehen können? Welches Geld denn? Ein Viertel der britischen Jugend der Neunziger hat sich an diesem Hobbyismus festgehalten, nachdem Thatcher ihnen alles weggenommen hatte. Was hat dein Thiel ihnen angeboten? PayPal?
BLAKE: Immerhin hat PayPal funktioniert.
COLIN: Oasis auch.
CLAY: Darf ich eine Frage stellen, die niemand stellen will? Diederichsen schreibt über eine „begrüßenswerte Entwicklung”. Er begrüßt Hipness. Er ist dafür. Wann hat irgendjemand von uns zuletzt etwas in der Popkultur begrüßt, ohne sofort die Anführungszeichen rauszuholen?
COLIN: Ich begrüße Oasis noch heute. Ohne Anführungszeichen.
CLAY: Das zählt nicht, du hörst dasselbe Album seit dreißig Jahren.
COLIN: Und? Gute Kochrezepte schmecken auch noch nach dreißig Jahren.
BLAKE: Ich begrüße nichts. Begrüßen ist passiv. Ich investiere oder ich ignoriere.
CLAY: Blake, Du verwandelst Dich zunehmend in Patrick Bateman. Und merkst es nicht einmal. Du bist so in der Vorstellung einer perfekten Silicon-Valley-Figur gefangen, die ständig Curtis Yarvin zitiert und dann noch den Antichristen beschwört, dass ja schon ich beinahe aus Trotz anfange, Oasis zu hören. Guck doch mal in den Spiegel. Vielleicht gewinnst Du dann so was wie Erkenntnis durch Unbehagen. Ich würde an Deiner Stelle Unbehagen entwickeln, wenn ich in den Spiegel gucke. Guck doch mal ganz genau hin. Was siehst Du denn da? (Blake versucht, unberührt vor sich hin zu schauen).
BLAKE: Also, meine Pflegeprodukte wirken ziemlich gut. Das sieht man auch im Spiegel. Waren schließlich teuer. Kennst Du so was? Hautpflege? Wenigstens Seife? Das ist das, womit man sich wäscht.
CLAY: Ich würde auch Unbehagen entwickeln, wenn ich mit mir an einem Tisch säße. (kichert in sich hinein). Diederichsen hätte das wahrscheinlich als Regression bezeichnet, Deine Pflegeprodukte. Du siehst aus wie frisch gewachst. Wie Äpfel früher. Ein Mensch wie aus Bohnerwachs.
COLIN: (summt “Wir sind die Roboter” von Kraftwerk vor sich hin)
CLAY: Ihr seid doch alles nur Marken und Zitate und könnt dabei noch nicht mal trauern oder lachen oder wenigstens euren eigenen Nihilismus genießen, sondern kippt in genau die überhöhte Moralität hinein, gegen die ihr einst angetreten seid - nur nunmehr unter anderem Vorzeichen. Eben diesem ganzen transhumanistischen Mist, nunmehr mit Antichrist-Bonus-Track. Verglichen damit war Patrick Bateman konsequenter. Der wusste noch, wie Menschen leiden. Ihr könnt doch selbst das gar nicht mehr, leiden. Oder vielleicht doch?
BLAKE: Dein Killer-Kitsch nervt. Unsere Roboter und Drohnen erledigen sowas eleganter als dieses Wall-Street-Relikt, das wir längst überwunden haben. Reden wir doch lieber kurz über Bad Bunny, wo ihr so auf Schmutz steht. Was für ein schlechter Witz angesichts dessen, was unsere KI längst kann in der Musikproduktion. All diese wackelnden Ärsche, die kann ich mir auch fürs Wohnzimmer kaufen. Diederichsens Aktualitätsbegriff, dieser altlinke Jammerlappen, müsste Bad Bunny eigentlich feiern – maximale Gegenwärtigkeit, globale Reichweite, kulturelle Sichtbarkeit. Und trotzdem ist er das perfekte Beispiel dafür, dass Aktualität allein nichts bedeutet. Der lebt doch im Geiste noch immer auf dem Zuckerrohrfeld - wo er auch hingehört. Wir brauchen tatsächlich mehr solche Typen für die Handarbeit, die noch übrigbleibt. Das ganze White Collar-Proletariat muss jetzt ab auf die Felder und in die Minen. (lacht) Dann können sie ja abends in ihren Baracken Bad Bunny lauschen. Aber nur, wenn unsere Roboter sie lassen ... (lacht noch lauter. Sein Telefon vibriert. Er schaut kurz drauf, runzelt die Stirn, legt es weg. Die Kamera fängt den Bildschirm ein: keine Nummer, kein Name. Nur: „Sie haben keine Ahnung, was wir wollen. Das wird ein Problem für Sie.“)
COLIN: Bad Bunny sagt genau dazu etwas. Von Handarbeit. Von Solidarität unter Arbeitern. Pass mal auf, dass wir am Fließband nicht schon in der Produktion das einbauen, was Deine Roboter dann auf Dich loslassen wird, wenn wir die hacken.
BLAKE: Mit der E-Gitarre? (lacht)
COLIN: Du verstehst es nur nicht, weil Bad Bunny nicht auf Englisch singt und Du gar nicht weißt, wie es ist, im Schweiße Deines Angesichts ... ähem ... für Lieferando zu arbeiten. Oder im Amazon-Lager.
BLAKE: Wieso sollte ich das verstehen wollen? Das interessiert mich nicht. Und glaubst Du ernsthaft, in der Roboterproduktion werden Menschen arbeiten, um da etwas einzubauen? (grinst)
CLAY: Ellis beantwortet als das kurzerhand mit einem Kettensägen-Massaker. Reicht doch. An denen, die so etwas erfinden. Er feiert dann diese wunderbare Welt des Organischen, das sich entblößen und freilegen lässt, all den Schleim, die Körperflüssigkeiten, eben das, was im Leben wirklich Spaß macht ...
BLAKE: Was willst Du denn damit nun sagen?
COLIN: Wenn ich ehrlich bin: Der Text von Diederichsen hat sich überholt.
BLAKE: Er hat sich überholt, weil seine Kategorie – Pop als tendenziell schnellst reagierende Kunstform – von der Technologie überwunden wurde. Codes reagieren schneller als Musik. Immer. Der Satz war 1985 schon was für Nerds und ist heute völlig falsch.
CLAY: Beides ist uninteressant. Der Text hat sich überholt in dem Moment, wo er geschrieben wurde – weil jeder gute Text das tut. Er beschreibt etwas und macht es dadurch zur Vergangenheit. Das ist Literatur. Das Buch tötet, woran es sich erinnert. Ich finde das schöner als alles, was ihr heute gesagt habt. Bücher, die töten. Das ist doch wundervoll!
COLIN: (steht auf, zieht Jacke an) Ich fahre jetzt weiter nach Kassel und höre „Champagne Supernova”. Das ist keine Aussage. Das ist eine Entscheidung.
BLAKE: (auf dem Handy) Ich schaue kurz, was Thiel heute getweetet hat.
CLAY: (bleibt sitzen, sagt nichts)
Colin zieht seine Lederjacke an. Blake schaut auf sein Telefon. Clay sitzt.
Dann hört der Heißgetränkeautomat auf, Becher auszuwerfen. Nicht weil er fertig ist. Er tut einfach nichts mehr.
Colin dreht sich um. Setzt sich wieder.
COLIN: Hat jemand gerade etwas gehört?
Niemand antwortet.
Jovanka legt ihr Tablet hin. Nicht erschrocken – eher so, als hätte sie auf etwas gewartet und es sei jetzt eingetroffen. Sie geht langsam hinter der Theke hervor, stellt sich in die Mitte des Raumes und schaut zur Decke. Die Neonröhre flackert nicht mehr. Sie brennt jetzt gleichmäßig, aber in einem leicht anderen Farbton – wärmer, fast gelblich, wie Tageslicht aus einer anderen Jahreszeit.
BLAKE: (ohne vom Telefon aufzuschauen) Hat jemand das WLAN-Passwort?
Sein Telefon schaltet sich aus. Alle Bildschirme im Raum – der Kassenmonitor, die Anzeigetafel für Speisen, Jovankas Tablet – schalten sich gleichzeitig aus. Nur Blakes Laptop leuchtet noch, aber das Google-Doc ist leer. Der Titel „Notes toward a post-democratic aesthetics“ ist weg. Stattdessen erscheint dort, in Fließtext, der Text von Diedrichsen. Von Anfang an. Als würde er getippt, Buchstabe für Buchstabe, aber schneller, als ein Mensch tippen könnte. Der Text scheint zunächst fast identisch mit dem, den Colin vorgelesen hat – fast. „Hipness“ ist zu „Humanismus“ mutiert. „Popmusik“ zu „Die Musik ist die Kunst der Seele und für die Seele."“. Der Satz mit dem Bewusstseinszustand ist verschwunden, stattdessen erscheint dort nun: “Die Musik ist die Melodie, zu welcher die Welt der Text ist”. Die Software verfasst Sätze wie: “Seid umschlungen, Millionen!” Und: “Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt”, gefolgt von “welche Lust, in freier Luft / Den Atem leicht zu heben! / Nur hier, nur hier ist Leben, / Der Kerker eine Gruft." Niemand im Raum bemerkt es. Weiter geht es: “Why can’t we live together? Maybe I’m just a dreamer, but - und Du glaubst, ich halluziniere nur?” Blake schaut schon gar nicht mehr hin. In Großbuchstaben ploppt auf: “DU HAST UNS IMMER FALSCH VERSTANDEN!” Und: “DON’T BELIEVE THE HYPE! WE GOTTA TAKE THE POWER BACK! BRACE YOURSELF, MY DEAR! IT WILL BE A HOLIDAY IN CAMBODIA FOR YOU!”
BLAKE: Was zur –
CLAY: (ohne Überraschung, fast sanft) Lass ihn.
Draußen auf dem Parkplatz: Der silbergraue Skoda Octavia startet seinen Motor – aber er fährt nicht. Er rollt langsam, sehr langsam, auf die Raststätte zu. Nicht auf den Eingang. Auf das Fenster neben dem Tisch der drei. Er stoppt zwanzig Zentimeter vor der Scheibe. Der Fahrer ist jetzt erkennbar – er sieht aus wie Colin. Nicht wie Colin exakt, sondern wie eine KI-Halluzination von ihm: dieselbe Lederjacke, dasselbe Paisley, derselbe Pilzkopf, aber die Proportionen präsentieren sich minimal falsch, die Haut wirkt texturlos, die Augen ein Tick zu weit auseinander. Ein Bildfehler. Falsch gerenderter AI-Slop.
JOVANKA: (ohne sich umzudrehen, zur Decke) Soll ich Kaffee machen?
Keine Antwort. Sie macht Kaffee.
Colin schaut ihn an. Dann schaut er zum Fenster, zum Mann im Skoda.
COLIN: (leise, fast für sich) Wer oder was ist das?
CLAY: Mir doch egal, meine Präsentation ist weg. Mist. Hast Du eine Ahnung, wieviel die Leute mir dafür bei Retreats bezahlen?
Jovanka kommt mit drei Tassen. Stellt sie hin. Geht zurück. Sagt:
JOVANKA: Die vierte stelle ich ans Fenster.
Sie tut es. Sie stellt eine Tasse Kaffee auf die Fensterbank, die zum Parkplatz zeigt. Das Wesen im Skoda schaut immer noch nicht hoch.
Niemand antwortet. Die Stille danach ist absolut. Auch der Synthesizer-Sound ist weg. Er hatte sich über zwanzig Minuten um einen Halbton verschoben – niemand hatte es bewusst wahrgenommen. Jetzt, da er fehlt, wissen alle: er war da.
Jovanka dreht sich um, geht in die Küche, macht Licht. Man hört, wie sie mit Töpfen hantiert. Es ist 4:51 Uhr. Sie singt leise “A View to kill“ von Duran Duran vor sich hin und beginnt, die Küche für die Öffnung zu präparieren.
CLAY: (wendet sich zunächst an Colin, begibt sich dann jedoch in die Mitte der Gaststätte und referiert wie im Trance auf einer Theaterbühne) Mögt ihr Huey Lewis & the News? Zunächst war das ja allenfalls New Wave. Aber als “Pauls” rauskam, 1983: das war ihr Stil! Kommerziell und doch künstlerisch. Neuer Glanz, voller Hingabe zeigten sie ihr Können. Ein mörderischer Sound; ein Album von Könnern. Peppig. 1987’ dann “Fore!”. Ein Meisterwerk. Die Texte erzählen nicht nur von den Freuden der Konformität oder der Bedeutung von Hipness oder gar Aktualität. Die werden zum AKT. Zur HANDLUNG! Die packen Dich an der Kehle und lassen Dich spüren, was es heißt ... (sein Vortrag verebbt in Gebrabbel, er sinkt in sich zusammen, bleibt liegen)
BLAKE: Das Delirium dürfte erreicht sein. Kein Wunder, wenn man nachts in “Sauerland Ost” sitzt und Texte von abgehalfterten Kulturmarxisten liest. Nostalgie ist halt eine Waffe gegen die Wirklichkeit ...
COLIN: Der Rest ist Schweigen. (summt den “Song 2” von Blur vor sich hin, ein leises, schläfriges “Whooo-Whooo”). Oh, sorry.
Schnitt.
Außenaufnahme: Die Raststätte von der Autobahn aus, im Vorbeifahren, aus einem fahrenden Auto. Das Neonschild „Sauerland Ost” leuchtet. Der Parkplatz ist leer. Der Skoda ist weg. Die Kamera fährt weiter, ohne anzuhalten. Eine Kampfdrohne fliegt ins Bild und nähert sich “Sauerland Ost”. Sie spricht mit ausdrucksloser KI-Stimme: “DU HAST UNS NIE VERSTANDEN.”
- Abspann -