Eine Kritik der "Medienintellektuellen" und Clickbait-Kolumnisten mit Hilfe von Hannah Arendt und Jürgen Habermas
I. Das Versprechen der Öffentlichkeit
“Die Öffentlichkeit” eröffnete zu Zeiten der Neuen Sozialen Bewegungen einen Möglichkeitsraum. Sie war nie perfekt, immer bürgerlich dominiert, verdrängte Frauen ins Private und grenzte Queers und BPoC aus. So lange aber noch ein Raum diskussionsfähiger Gründe als Medium des Politischen sich fortwärend formte und sich zumindest so weit öffnete, dass Willy Brandt dazu animiert wurde, den Slogan “Mehr Demokratie wagen” zu formulieren, das gab es Bewegung. Als das Sexualstrafrecht entschärft und Queeres nicht mehr wegdiskreditiert wurde, zumindest in Ansätzen eine Ahnung der Mechanismen von Rassismus sich auch in Medien zeigte und Frauen immer mehr Raum gewannen, da bestand noch die Hoffnung auf ein besseres Leben aller gleichermaßen. Eines, dessen Möglichkeit im öffentlichen Raum verhandelt werden konnte.
Hannah Arendt und Jürgen Habermas haben je unterschiedlich ihre Konzeptionen des Politischen in dieser Öffentlichkeit wirken sehen. Da ich über beide schon TV-Dokumentationen fertigte, sei skizziert, in welchem Sinne ihre Konzeptionen aktuell einen Maßstab der Kritik in Zeiten nur noch dem Strategischen dienender Massenkommunikation formulieren könnten.
Hannah Arendt sah in der Öffentlichkeit den Raum, in dem Menschen durch Rede und Tat erscheinen - als politische Wesen, die gemeinsam eine Welt konstituieren. Hier könne sich Macht formieren, die nackter Gewalt widerstünde und im Sinne tatsächlicher Pluralität so etwas eine geteilte Urteilskraft zu entwickeln in der Lage sei. Jürgen Habermas verfeinerte dieses Versprechen zur Idee eines (lediglich hypothetisch angenommenen) herrschaftsfreien Diskurses: Argumente sollten zählen, nicht Prestige; der zwanglose Zwang des besseren Arguments sollte regieren, nicht der Wirkungstreffer beim politischen Gegner. Voraussetzung von Argumentationen seien Partizipationsmöglichkeiten, die formale Gleichheit aller Beteiligten, das sich wechselseitig zuzugestehende Anerkennen der Rechte des Gegenübers wie auch das hypothetische Einbeziehen der Interessen aller von Normen und Maßnahmen Betroffenen.
Aber Habermas wusste auch, dass dieses Versprechen korrumpiert werden kann - nicht nur durch Zensur oder Gewalt, sondern durch subtilere Mechanismen: die Kolonisierung der kommunikativen Vernunft durch strategische und instrumentelle Rationalität, die sich vor allem in den Systemimperativen der Wirtschaft wie auch der Exekutive äußern und alle Lebensverhältnisse durchdringen können. Ihre Art der “Argumentation” ist allenfalls abgeleitet von Kriterien wie Wahrheit oder dem normativ Richtigen - es geht darum, Wirkungen zu erzielen und dabei eigene Interessen durchzusetzen. Nicht mit Lügen, aber mit Mitteln des Politmarketings, der Propaganda, des Weglassens und der Zuspitzungen, um so den Systemerhalt zu garantieren - und um die Rechte Anderer möglichst nicht respektieren zu müssen.
Wenn öffentliches Reden nicht mehr dem gemeinsamen Verstehen dient, sondern der Positionierung, der Markenbildung, der Reichweitenmaximierung - dann hat die Lebenswelt kapituliert. Nicht vor einem Diktator. Vor dem Markt. Und einem Staat, der mit Palantir, Videoüberwachung und einer sich selbst ermächtigenden und vor allem auf Selbsterhalt zielenden Exekutive - z.B. im Falle der Polizei - dabei eigenen politischen Interessen folgt.
II. Der Medienintellektuelle als Typus
Eine kritische Öffentlichkeit kann darauf reagieren - wie im Falle der Proteste gegen die Volkszählung einst zu sehen war. Sie kann auch den Katalysator in Kraftfahrzeugen und ein Umweltministerium oder Gleichstellungsbeauftragte fordern und durchsetzen. Solange sie sich im Rahmen dessen bewegt, was ein Argument ausmacht. Eben Andere überzeugen, nicht beherrschen oder abschieben zu wollen. Dann kann sich diese Macht gemeinschaftlichen politischen Handelns entfalten, die im Rahmen des Grundgesetzes Menschenwürde, Diskriminierungsschutz und die freie Entfaltung der Persönlichkeit aller garantiert.
Es haben sich jedoch jene zentral auch im deutschen Diskurs positioniert, die selbst eher auf Markenbildung denn Argumentation setzen und eitel ihre Präsenz als vermeintliches Denken öffentlich inszenieren: die Vereinfacher, die Popularisierer, die Alleswisser, die über keine Expertise verfügen und gerade deshalb telegen erscheinende Stichworte und Häppchen Social Media-kompatibel in die Welt setzen. Diese Suche nach medialer Präsenz an sich ist gut. Sartre, Habermans, Arendt: ihre Texte erschienen in Zeitungen, stießen Diskussionen an, nährten den öffentlichen Raum mit guten Gründen. Das Denken muss aus akademischen Zirkeln hervortreten, wenn es nicht im akademischen Vakuum verenden will.
Aber der gegenwärtige Typus des Medienintellektuellen ist etwas anderes. Er ist nicht Übersetzer des Denkens - er ist sein Ersatz.
Nehmen wir Richard David Precht. Ein Mann von offenkundig weiter Belesenheit, flüssiger Feder, unerschöpflichem Sendungsbewusstsein und völlig frei von Selbstzweifeln. Er schreibt über Kant, über Liebe, über künstliche Intelligenz, über den Kapitalismus - in jeweils ähnlicher Tonlage, ähnlicher Tiefe, ähnlichem Ergebnis. Er paraphrasiert dabei andere Denker, ohne sie als Quelle anzugeben - in seinem Buch über Künstliche Intelligenz z.B. Heideggers Technikkritik wie auch Horkheimer und Adorno.
Was fehlt, ist das, was Arendt Denken nannte: jenes riskante innere Gespräch, das bereit ist, zu keinem beruhigenden Schluss zu gelangen. Precht denkt nicht - er moderiert das Denken. Er präsentiert vermeintlich philosophische Positionen wie ein Reiseführer Sehenswürdigkeiten: manchmal freundlich, oft überheblich, meist übersichtlich und garantiert folgenlos. Der Leser schlägt das Buch zu und fühlt sich gebildet; hört ihm zu, nickt und weiß hinterher auch nicht mehr als vorher. Es hat sich nichts im Denken bewegt. Das ist kein “Denken ohne Geländer”, wie es Arendt prägte. Die Medienintellektuellen tun so, als sei es ein “riskanter Tabubruch”, wenn mal Misogynie oder Rassismus eingestreut wird. Dabei ist nichts denkfauler als das. Darin liegt die eigentliche Täuschung. Diese Simulation von Diskurs subsummiert, formuliert die Gemeinplätze und Phrasen, die Applaus versprechen - garantiert risikolos und deshalb optimal für die Hauptprogramme von ARD und ZDF.
Habermas würde präzisieren: Was Precht betreibt, ist keine kommunikative Vernunft, sondern ihre funktionalistische Simulation. Der Schein des Diskurses ist gewahrt - Fragen werden gestellt, Positionen referiert, Schlüsse angedeutet. Aber der Prozess dient nicht der Begründung und zielt auf keinen kommunikativen Konsens, sondern der Produktplatzierung: dem nächsten Buch, dem nächsten Auftritt, der eigenen Unentbehrlichkeit. Instrumentelle Vernunft, getarnt als Philosophieren.
III. Das Ressentiment als Denkform
Harald Martenstein ist ein anderer Fall - in mancher Hinsicht noch beunruhigender.
Martenstein schreibt so, wie sein Publikum es gewohnt ist. Da ist nichts sperrig, auf Originalität verzichtet er vollkommen - es ist alles sehr glatt und gefällig formuliert. Er beherrscht die Ironie der beleidigten Arrivierten und kennt die Wirkung der Lakonie. Aber was treibt diese Schreibmaschine an?
Es ist das Ressentiment - jenes Gefühl des angeblich kulturell Verdrängten, faktisch weiterhin Dominanten, der meint, eine “vernünftige Mehrheit” gegen eine lärmende Minderheit zu vertreten. Damit verletzt er bereits eine der Voraussetzungen, die Habermas zufolge Argumentationen ausmachen: alle könnten prinzipiell teilnehmen und sind noch dann zu berücksichtigen, wenn es gerade nicht geht. Nicht bei Martenstein. Er klagt lediglich die Teilnahme jener ein, die Andere abschieben, aus Öffentlichkeiten verdrängen und entmündigen wollen. Er kommuniziert nicht, wenigstens hypothetisch, mit Menschen, die den Genderstern verwenden - er urteilt über sie. Er gesteht Minderheiten nicht die gleichen Rechte zu, sondern suggeriert, Mehrheiten hätten zu entscheiden, welche ihnen zu gewähren seien und welche nicht. Martenstein pflegt systematisch die Fiktion, er spreche für den common sense gegen eine selbstgerechte Elite. Dabei ist er Elite: gut bezahlt, vielfach publiziert, institutionell abgesichert - und mit immenser Reichweite gesegnet.
Arendt im Gegensatz dazu griff todesmutig als Frau in einer Männerwelt Mythen an, setzte sich fast immer für die Schwächeren ein, zeigte wenig Ängste, sich auch mit ihren potenziellen Leser*inen anzulegen. Das ist Denken in der Öffentlichkeit. Martenstein bedient immer das, was sein Klientel von ihm erwartet, indem deren Vorurteile stärkt und “Dienst am Kunden” betreibt”.
Arendt hätte hier von der Banalität des Konservatismus gesprochen - nicht der bösen, sondern der gedankenlosen Art: einem Denken, das sich nicht die Mühe macht zu prüfen, ob seine eigenen Intuitionen der Wirklichkeit standhalten. Das Ressentiment ersetzt Analyse. “Früher war es anders” ist keine Argumentation. “Die meisten Menschen denken wie ich” ist kein Beweis. Und die Weigerung, die eigene Position zu überprüfen - sie stattdessen als natürliche Vernunft, was immer das sei, gegen vermeintlich ideologische Zumutung zu inszenieren - das ist keine intellektuelle Tugend oder Tätigkeit, sondern ihre Verweigerung.
Aus Habermas’ Perspektive ist Martensteins Strategie noch genauer zu benennen: Er betreibt systematisch strategische Kommunikation - Sprache, die nicht argumentieren, sondern mobilisieren will. Das Publikum soll sich wiedererkannt, bestätigt, in seiner Abwehr bestärkt fühlen. Das eint ihn mit Peter Hahne. Das ist das genaue Gegenteil eines rationalen Diskurses. Es ist Diskurs als Herrschaftsinstrument - umso wirksamer, weil er im Gewand der harmlosen Kolumne daherkommt. In der immer noch größten Tageszeitung der Republik den Unterdrückten spielen - das ist Zynismus, kein sinnvoller Beitrag zur politischen Öffentlichkeit.
IV. Die strukturelle Ursache
Man soll gerecht sein: Precht und Martenstein sind Symptome, nicht Ursachen.
Der Podcast, die Talkshow - diese Formate erzwingen eine bestimmte Form des Denkens. Eines, das auf Pointe zielt, nicht nachvollziehbar begründet, sondern raushaut, was auf spontanen Beifall zielt und dann als Schnipsel bei X und Bluesky zirkulieren kann. Im Fernsehen IST auch anderes möglich. Aber genau die Formen, die das versuchen, werden zunehmend verdrängt. Formate wie Terra X liefern tatsächlich Informationen. Die Dokumentationen bei 3Sat und ARTE sind zumeist sehr gelungen - klar, mit letzteren habe ich mich ja auch selbst beschäftigt und viele davon in die Welt gesetzt. In deren Fall wird mit den Redakteur*innen tatsächlich über teils lange Zeiträume argumentiert, diskutiert, begründet, welche Zugangsweise sich als angemessen erweisen könnte. Welche Mittel der Verständlichkeit Einsatz finden können, ohne das Thema dabei mal eben so verschwinden zu lassen. Ich habe eine ganze Doktorarbeit über diesen Prozess verfasst (Si apre in una nuova finestra) (ist Open Source, kann man sich gratis herunter laden).
Habermas hat jedoch auch beschrieben, wie die Massenmedien die bürgerliche Öffentlichkeit refeudalisieren - somit neue feudale Strukturen entstehen können. Statt Argumentation tritt Akklamation, statt Debatte rückt Inszenierung in den Mittelpunkt, ganz wie Wappen und Standarten. Der Intellektuelle wird zur Figur, zur Marke, zum verlässlichen Produzenten eines erkennbaren Produktes - als Hofnarr der Mächtigen. Komplexität wird zum Risiko - denn Unsicherheit ist ökonomisch unverwertbar.
Zudem auch die Eignerstrukturen sich zunehmend feudalen Strukturen annähern, wenn in den USA das Trump-Umfeld bald alle Medien besitzt, in Deutschland Springer und Gotthardts NIUS (trotz geringer Reichweite) weiter den Diskurs bestimmen und die Techno-Oligarchen über soziale Medien die AfD pushen.
Das ist eben die Kolonisierung der Lebenswelt, die Habermas beklagte - ein Typ wie Musk steuert per Algorithmus, was in die Timelines kommt und anschließend den politischen Diskurs beeinflusst wie auch Politiker*innen. Solche, bei denen man selten den Eindruck hat, dass sie noch ganze Bücher lesen würden. Friedrich Merz hat kürzlich Hannah Arendt zitiert. Nicht “Vita Activa” oder “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”. Nein, das Interview mit Günther Gaus aus den frühen 60er Jahren. Das hat er wohl auch geguckt. Ich habe auch Joschka Fischer und den Bundespräsidenten zu Jürgen Habermas interviewt, für meine ARTE-Doku “Habermas - Philosoph und Europäer”. Sie hatten ihn offenkundig tatsächlich gelesen, Fischer Seminare bei ihm besucht. Kann man sich das bei Carsten Linnemann vorstellen? Klar, der hat Volkswirtschaft studiert, sogar gelehrt und zum Thema “Export von Dienstleistungen” promoviert. Spezifisches Wissen für gesellschaftliche Teilbereiche. Aber auch diese Ökonomisierung von Gesellschaft hat Jürgen Habermas treffsicher aufs Korn genommen. Damit schafft man es aktuell allerdings in keine Talkshow.
Tiefer noch: Die funktionalistische Vernunft, die Habermas als Schattenseite der Moderne beschreibt, hat auch das intellektuelle Feld vollständig durchdrungen. Ideen werden nach ihrer Verwertbarkeit bewertet - nach Einschaltquoten, Klickzahlen, Talkshow-Einladungen. Wer komplexe, sperrige, widersprüchliche Argumente entwickelt - ohne Geländer denkt -, verliert. Wer eingängige Narrative liefert, gewinnt. Das System belohnt nicht Erkenntnis, sondern Anschlussfähigkeit. Nicht Tiefe, sondern Tempo.
Das Ergebnis ist eine intellektuelle Klasse, die ihre eigentliche Funktion - das riskante Denken, die produktive Zumutung - gegen die sichere Rente der Präsenz eingetauscht hat.
V. Das Vakuum und seine Nutznießer: Das Dark Enlightenment
Und hier beginnt die eigentlich gefährliche Geschichte.
Denn Vakuen werden gefüllt. Wenn die Stimmen, die publizistische Reichweite, institutionelles Ansehen und intellektuelle Ressourcen besitzen, sie nicht nutzen, um wirklich neue Antworten auf die Krisen der Gegenwart zu entwickeln - wenn sie stattdessen Denken nur simulieren und Ressentiments pflegen -, dann entsteht ein Raum. Und in diesen Raum drängen andere.
Curtis Yarvin, Bronze Age Pervert, die Theoretiker des sogenannten Dark Enlightenment: Sie sind keine Zufallserscheinung. Sie sind eine Reaktion auf eine spezifische intellektuelle Leerstelle. Ihre Attraktivität - vor allem für junge, gebildete, politisch desillusionierte Männer - speist sich nicht primär aus der Qualität ihrer Argumente. Sie verdankt sich bedauerlicherweise aus dem Kontrast: Hier sind Denker, die tatsächlich etwas riskierten. Zumindest zu dem Zeitpunkt, da sie loslegten und noch nicht zu Thiels Stichwortgebern und somit zu jenen der Macht wurden. Die radikale Schlussfolgerungen ziehen - wenn auch grauenhafte. Die ein kohärentes, wenn auch erschreckendes Weltbild anbieten, das die Gegenwart politisch umgestalten will - wenn auch zu Ungunsten beinahe aller. Die sich nicht auf das Eingeübte, Gewohnte, die ewige Wiederholung des Gleichen zurückziehen.
Yarvin diagnostiziert den liberalen Staat als kryptoreligiöses System, als “Kathedrale” aus Universitäten, Medien und Bürokratie, die Dissens strukturell unterdrückt. Das ist ein Bild, das ähnlich flach ist wie die von Precht verwendeten. Aber es positionierte sich zumindest so, dass es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht den Zutritt zu jeder Talkshow ermöglichte. Und es antwortet auf eine echte Erfahrung. Die Erfahrung nämlich, dass der öffentliche Diskurs tatsächlich von einer bestimmten Klasse von Sprecher*innen dominiert wird, die mehr an ihrer eigenen Reproduktion als an echter Erkenntnis interessiert sind. Dass das, was als offener Diskurs gilt, oft ein geschlossenes System von Signalen, Zugehörigkeiten und unausgesprochenen Verboten ist. Man muss das von progressiver Seite reformulieren, ohne wie Yarvin im Faschismus zu verenden.
Arendt hätte diese Attraktivität des Totalitären - auch in seiner intellektuellen Variante - präzise benannt: Sie entsteht immer dann, wenn die politischen und intellektuellen Institutionen aufgehört haben, die Wirklichkeit der Menschen zu adressieren. Wenn die Welt, die gemeinsame Welt des Handelns und Urteilens, nicht mehr durch das öffentliche Gespräch zusammengehalten wird, suchen Menschen nach anderen, radikaleren Formen der Zugehörigkeit und Orientierung. Das Dark Enlightenment bietet beides: eine scharfe Welterklärung und eine Gemeinschaft der Eingeweihten.
Habermas würde hinzufügen: Wer den kommunikativen Vernunftgebrauch dauerhaft durch strategische und instrumentelle Rationalität ersetzt - wer Diskurs als Marketinginstrument betreibt statt als gemeinsame Wahrheitssuche - , der diskreditiert die Idee des rationalen Diskurses selbst. Prechts Bücher und Martensteins Kolumnen sind eine Melange aus Oberflächenphilosophie und gepflegter Reaktion, ohne genuine intellektuelle Risikobereitschaft - dann ist es nicht schwer zu verstehen, warum radikale Alternativen an Attraktivität gewinnen. Das Dark Enlightenment ist, in diesem Sinne, nicht trotz des intellektuellen Mainstreams erfolgreich. Es ist wegen ihm erfolgreich.
Aber auch deshalb, weil viele Gatekeeper in den Medien es interessanter finden, wenn jemand polarisiert, als wenn von progressiver Seite überhaupt gedacht wird. Denken gilt mittlerweile als Belehrung, als Ruhestörung, als didaktisch, als sowieso out. Als würden Zuschauende an sich schon immer alles besser wissen. Wissen sie nicht und können sie auch gar nicht wissen. Sie haben andere Jobs und anderes zu tun als Recherche und Versuchen, sich Wissen anzueignen und weiter zu vermitteln. Schon diese einst akzeptierte Arbeitsteilung, dass Journalisten für die Wissensvermittlung zuständig sind, gilt nunmehr oft als obsolet. Deshalb gibt es nur noch “Meinungen”. Meinen kann ich auch, ohne etwas zu wissen. Und eben das füllt Talkshows und Kolumnen und ist auch der Hauptgrund, wieso ständig Kolumnisten in Formaten herumlungern. Weil die keine Expertise brauchen. Die meinen halt. Klar, es gibt auch Kolumnen, die Wissen aufbereiten wie die von Christian Stöcker. Bei Martenstein käme wohl niemand auf die Idee, dass er das auch nur versuchen würde.
Das ist die eigentliche Verantwortung, die auf den Schultern der Medienintellektuellen lastet - aber auch denen derer, die ihnen eine Bühne beiten -; sie ist schwerer, als sie ahnen. Wer den öffentlichen Raum mit gedankenloser Präsenz füllt, schafft nicht Sicherheit gegen das Extreme. Er schafft die Bedingungen seiner Möglichkeit.
VI. Was Denken wäre
Arendt schrieb, Denken bedeute, sich in keiner Gesellschaft wohlzufühlen - auch nicht in der eigenen. Es ist die Fähigkeit, den Standpunkt zu wechseln, das Selbstverständliche zu befragen, das Skandalöse am Normalen zu sehen. Denken ist ein Widerstand gegen die Vereinnahmung durch das Kollektiv - sei es das Kollektiv der Empörten oder das der Besorgten.
Habermas ergänzt: Der Intellektuelle trägt eine besondere Verantwortung für die Qualität des öffentlichen Diskurses. Er schuldet der Öffentlichkeit nicht Bestätigung, sondern Zumutung - die Zumutung des besseren Arguments, der unbequemen Evidenz, der ehrlichen Unsicherheit in der Neuen Unübersichtlichkeit. Und er muss, gegen alle Systemzwänge, darauf beharren, dass kommunikative Vernunft mehr ist als der optimierte Auftritt: dass sie das gemeinsame Suchen nach dem Wahren und dem Richtigen will, in dem niemals von vornherein feststeht, wer Recht behalten wird.
Das wäre auch die einzige produktive Antwort auf das Dark Enlightenment - nicht moralische Empörung, nicht institutionelle Ausgrenzung, sondern das, was Yarvin und seinen Nachfolgern tatsächlich fehlt: genuine intellektuelle Redlichkeit. Die Bereitschaft, die eigenen Prämissen zu riskieren, und das Vermögen, neue, innovative Antworten auf reale Krisen zu entwickeln. Solche, die über das Wiederkäuen rechtskonservativer Selbstvergewisserung hinausgehen.
VII. Schluss: Öffentlichkeit ohne Denken
Die bittere Ironie ist diese: Noch nie gab es so viel Öffentlichkeit. Noch nie so viele Stimmen, Kanäle, Plattformen. Und noch nie war das, was Arendt Erscheinen nannte - das riskante Sichtbarwerden mit einer wirklichen Position - so selten.
Was wir haben, ist eine Öffentlichkeit ohne öffentliches Denken. Eine Arena, in der die Platzhirsche alles besetzen und nichts riskieren - und damit denjenigen den Weg bereiten, die bereit sind, alles zu riskieren. Unser aller Leben gleich mit.
Das ist nicht die Schuld der Medienintellektuellen allein. Aber sie könnten es anders machen. Sie könnten das Risiko eingehen. Auch die, die sie einladen, promoten, fördern.
Sie tun es nicht.
Und das, würden Arendt und Habermas übereinstimmend sagen, ist das eigentliche Problem - und die eigentliche Gefahr.