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Dieter Nuhr, ein Verfallssymptom?

Die Republik platzt bei 41 Grad buchstäblich auf. Eine kleine Verfallskunde am Leitfaden des Agitprop eines ehemaligen Comedians

An diesem Wochenende ist Deutschland im buchstäblichen Sinne aufgerissen. Auf neun Autobahnen sprengte die Hitze die Betonplatten, sogenannte Blow-ups, A1 bis A93. Die Folge: mal Tempolimit, mal Vollsperrung. Die Deutsche Bahn riet der eigenen Kundschaft, das Reisen doch lieber gleich einzustellen. In Sachsen-Anhalt, ausgerechnet dort, maß man 41,5 Grad - Allzeitrekord. Kühlregale kapitulierten, der Strompreis schoss derweil an der Börse auf Rekordhöhe. Das ist kein Bild für Verfall. Das ist Verfall: ein Land, dessen Infrastruktur der Wirklichkeit nicht mehr gewachsen ist.

Ein Jahr zuvor: „Ich glaube schon, dass Deutschland sich im Verfall befindet”, so referierte Dieter Nuhr, Juli 2025, bei NIUS seine Diagnose - und meinte dabei nicht die fortwährenden Implosionen der Deutschen Bahn oder Todesfälle in überhitzten Dachgeschosswohnungen. Er lamentierte stattdessen, zentral positioniert in der medialen Propagandamaschine, von Niedergängen, deren Geschäftsmodell sich u.a. daraus speist, genau jenen Rundfunk zu verachten, von dem er doch so gut lebt.

Schuld am Untergang tragen Nuhr und seiner von Frank Gotthardt gepushten Publizisten-Burschenschaft zufolge die üblichen Sündenböcke: die Klimabewegung (religiös!), die woke Jugend, die Ministerinnen der alten Regierung, der „linke Zeitgeist“. Alles, nur nicht das, was, lange schon per Computersimulation prognostiziert, nunmehr Asphalt platzen und Menschen sterben lässt, was seit Jahrzehnten als Entwicklung sich gut belegt aufzeigen lässt.

Juli 2025. Fast ein Jahr, bevor die Asphaltplatten platzten, so dass klimatisierte SUVs erst mal nur 30 Kilometer in der Stunde fahren können, klagte und jammerte der mittlerweile komplett humorbefreite Komiker bei NIUS vor sich hin. Nuhrs „Verfall“sdiagnose wirkt wie die Anmoderation der nunmehr allseits sichtbaren Folgen eines publizistischen Massakers, das sich über Jahre auf eine einzige Partei eingeschossen hatte. Eine, die ich nicht wähle, nebenbei bemerkt. „Habecks Heizhammer“ - erinnert sich noch jemand? Monatelang wurde aus einem Gesetz, das Gebäude klimafest machen sollte, Schlagzeile für Schlagzeile eine angebliche Attacke auf „das Volk“ geformt. Die Grünen waren zumindest in dieser Hinsicht jene, die seit ihrer Gründung (man sprach damals von „Treibhauseffekt“) klimapolitisch vor exakt dem warnten, was nun auf den Autobahnen und in den Leipziger Straßenbahn-Gleisen geschieht und Stillstand nach sich zieht; tatsächlichen Verfall. Zum Dank dafür wurden sie zur Lachnummer gemacht, zu Unterdrückern und Oberlehrern verklärt. Konnten Parteitage in Süddeutschland nicht stattfinden oder Habeck eine Fähre nicht verlassen, breitete sich Genugtuung in den gut vernetzten Propaganda-Zentralen aus. Vermutlich auch in jenen, die NIUS heißen und den Verfall beklagen, als hätten sie ihn nicht mit herbeigewitzelt.

Fast könnte man geneigt sein, Nuhr habe die Autobahn mit miesen Scherzen selbst aufgerissen. Hat er nicht. Er ist nicht die Ursache. Nuhr ist nicht der Verfall, wie auch, älter werden wir alle. Nuhr ist sein Symptom - und sogar sein Profiteur.

Denn was hier verfolgt werden konnte, das war wohl vor allem Marktanpassung, vermute ich zumindest.

Es gab eine Zeit, da war Nuhr Gründungsmitglied der Grünen, in Düsseldorf, 1980. Heute weht der politische Wind aus einer anderen Richtung - CDU/CSU (und ein bisschen auch die SPD) regieren (wie die meiste Zeit seit 1980, nur dass damals noch ein kritisches politisches Kabarett dominierte, kein plumpes Ranwanzen an Superreiche wie Gotthardt), die AfD macht sich in Umfragen breit. Über den Atlantik infiltriert, droht und diktiert zugleich der Trumpismus den Zeitgeist. Da segekt man halt lieber mit, so als Schiffchen auf den reißenden Strömen der Gegenaufklärung. Mit der Verfallsrhetorik kann man sich Sendeplätze und Gagen sichern, getragen von dem Rückenwind der Macht und derer, die über viel Geld verfügen. Der Niedergang ist ein Produkt, und er verkauft sich gerade prächtig. Wer ihn beklagt, kassiert. Hauptsache, er tarnt damit die tatsächlichen Probleme und verweigert sich unbequemen Wahrheiten - dass Kommunen schon den Zugang zu Wasser limitieren wollen und Menschen kollabieren.

Simon Strauß hat in der FAZ als Reaktion Nuhr abgesprochen, seine eigentliche Funktion als Komiker überhaupt noch zu erfüllen (Si apre in una nuova finestra) - seine Comedy degradiere sich „zur Alternativzentrale für politische Bildung” und verwechsle „Polemik mit Pointen”. Der Mann mache keine Satire mehr. Er referiert stattdessen frei von Pointen für den rechten Rand lauter Themen, die er vermutlich noch nicht mal kapiert - z.B., was „struktureller Sexismus“ sinnvoll meinen kann. Als er sich zuletzt über getötete Frauen lustig machte und den Opfern halb im Scherz riet, ihre Partner vorher besser kennenzulernen, war das kein entgleister Gag. Klar, war ja alles gar nicht so gemeint, ging ja wieder nur um das, was andere angeblich sagen würden und was er wie üblich nicht zu verstehen scheint und vielleicht auch nicht verstehen will. Das ist das Programm der Neuen Rechten: das grausame Wegwitzeln eines Problems, dessen bloße Benennung - struktureller Sexismus - schon als Beweis des Verfalls beschworen wird, ganz im Sinne von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“.

Die vor sich hin brüllende, geifernde, mit - metaphorisch - Schaum vor dem Mund ihre Tiraden in die Welt speiende Verfallsgemeinde - Comedians, Talkshow-Apokalyptiker, „Ist das euer Ernst?“, „Das Maß ist voll“, „Seid ihr noch bei Trost?“-Prediger - beklagt einen Untergang, zu dem sie selbst meines Erachtens maßgeblich beiträgt. Nicht, indem sie Autobahnen sprengt, sondern indem sie systematisch die einzige Fähigkeit zerstört, die ein Land vor dem Untergang bewahren könnte: jene, ein Problem zu diagnostizieren, um es zu lösen.

Jede Investition in eine hitzefeste Infrastruktur, jede Maßnahme, die Stabilität schaffen könnte, läuft erst durch die Lächerlichkeitsmaschine der Dekadenz-Liturgien und ihrer Hohepriester. Dass man eine Transformation in Zeiten der Klimakatastrophe nuhr halbherzig betreibt, weil diese Leute sie seit Jahren zerreden, das führt dann indirekt zu kollabierenden Bussen z.B. in Hannover. Erst zünden sie rhetorische Sprengsätze, um sodann statt dem Einsturz der Brücken etwas auf der zumeist erfundenen „Linken“ zu beklagen.

Die amerikanische Variante desselben Geschäfts ist lediglich ehrlicher in ihrer Volksfrömmigkeit. Dort wird der Niedergang nicht von einer Bühne, sondern von der Kanzel gepredigt: MAGA verkauft das eigene Ressentiment als göttlichen Auftrag, den fossil bedingten Niedergang als Erweckungserlebnis und verklärt Klimaschützer zu Antichristen. Es ist dieselbe Figur - wir führen euch in den Untergang, schuld sind aber die anderen, also folget uns und betet -, nur mit Heiligenschein versehen und als Revitalisierung der Historie des „christlichen Abendlandes“, somit als Märchen aufbereitet.

Nicht frei von Komik ist es, wie seit Jahren üblich, dann im Gegenzug den Klimaschutz als „Religion“ denunzieren zu wollen. Die Gefährlichkeit der noch nicht mal mehr auf Witz und Pointe zielenden rechten Agitation überstrahlt lediglich das Lächerliche, das diese humorlosen und verbitterten Spaßbremsen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ungehindert in Mikrophone spucken.

Man könnte jedes Loch in einer Autobahn, jede Leipziger Weiche, die bei 40 Grad verklebte, auch nach jenen benennen, die jahrelang publikumswirksam Klimaschützer als Sekte verhöhnt haben. Oder, ehrlicher noch, nach den Firmen, für die sie agitieren. „Sponsored by“ …

Was Europa schwächt, ist nicht die Migrantin, nicht die Klimaklebe-Jugend, nicht die Soziologin, die das Wort „Femizid” benutzt. Was die Überlebensfähigkeit schwächt, das sind die Branchen, die das Verbrennen von Naturstoffen so lange wie möglich rentabel halten wollen. Parteien, die das Begehren fossiler Industrien brachial durchsetzen - und eben auch die gut bezahlten Stichwortgeber, die jeden Reparaturversuch in Spott ertränken. Finanziert, im Falle Nuhrs, von uns allen.

Der Beton platzt nicht, weil zu viel an die Zukunft gedacht wurde. Er platzt, weil zu lange zu laut behauptet wurde, die Orientierung an Zukunft sei viel zu „woke“.

Argomento Medien

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