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Neu in der ARTE-Mediathek: “Hannah Arendt - Eine Jüdin im Pariser Exil”

Wie erfährt man die eigene jüdische Identität, weil andere Kinder in der Schule antisemitische Beschimpfungen anstimmen, wie politisiert man sich durch die Machtübergabe an die Nationalsozialisten; warum engagiert man sich in zionistischen Organisationen in den 3oer Jahren des letzten Jahrhunderts und stellt anschließend die Erfahrung von Flucht, Staatenlosigkeit und Exil in den Mittelpunkt eines so wuchtigen wie einflussreichen Werkes?

Diese Fragen bilden den Leitfaden der Dokumentation “Hannah Arendt - eine Jüdin im Pariser Exil”, gefertigt anlässlich ihres 50.Todestages am 4. Dezember dieses Jahres. An der Produktion habe ich nun zwei Jahre lang zusammen mit dem Team von Vincent Productions (Si apre in una nuova finestra), dem ZDF/ARTE-Redakteur Christopher Janssen und viele freien Mitarbeitern vom Kameramann Thomas Bresinsky über die Editorin Kirsten Ottersdorf bis hin zum Komponisten André Feldhaus und vielen anderen mehr gearbeitet. Film ist Teamwork, Kommunikation - so verdichten sich Schritt für Schritt Brainstormings zu einer Konzeption - und Jahre später auch zu einer fertigen Dokumentation. Ab heute kann sie in der ARTE-Mediathek angesehen werden:

https://www.arte.tv/de/videos/119949-000-A/hannah-arendt-eine-juedin-im-pariser-exil/ (Si apre in una nuova finestra)

Mir zeigt der Link die Doku zwar nicht eingebettet an; wenn man ihn anklickt, gelangt man jedoch zu ihr.

Ich habe auf dieser Seite bereits viel zu der Produktion geschrieben, von den Interviews mit Seyla Benhabib, Omri Boehm, zu den Drehs in Paris, New York und Standfordville. Zumeist vor Ort dabei war der Arendt-Biograf und Herausgeber ihrer deutschen Schriften Thomas Meyer, wenn er vor der Kamera für den Film agierte - auch ohne ihn, während wir in und um Locations drehten wie z.B. dem Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris (Si apre in una nuova finestra), prasselten die Eindrücke auf mich ein und doch mühte ich mich um Konzentration, das hart erarbeitet Konzept dabei nicht aus den Augen zu verlieren.

Der Film fokussiert sich ganz auf die Jahre 1933 bis 1951. Er zeichnet nach, wie - was so nicht bei allen politischen Theoretiker*innen und Philosph*innen möglich ist - die persönliche Erfahrung Arendts, ihr ganz konkretes In-der-Welt-Sein als Jüdin zu Zeiten des Nationalsozialismus im Exil, ihr Hauptwerk “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” hervor brachte. Sie schrieb es anschließend in New York. Ihr Erleben des Jüdischseins in Paris, ihre dortige Forschung zur Historie des Antisemitismus, floss direkt in dieses monumentale, bis heute brandaktuelle Werk ein. Es ist u.a. aktuell, weil es Dimensionen der Historie des Hasses auf Juden erhellt, die mir oft aus gegenwärtigen Diskussionen verschwunden scheinen, seitdem vor allem auf Israel bezogener Antisemitsmus die Debatten prägt. In der Dokumenation können Ausschnitte von Arendts Studien nur angerissen werden, vor allem die Passagen zur Dreyfus-Affäre (Si apre in una nuova finestra) und zu einem Philosemitismus in den Pariser Salons, in dem antisemitische Stereotype fort lebten, konnte ich ausarbeiten. Arendt rekonstruierte dieses am Leitfaden des Werks von Marcel Proust und zeigte auf, wie sich Haltungen und Vorurteile gegenüber Homosexuellen (sie schreibt von Invertierten) und Juden in jenen Jahren ähnelten. Die Erläuterung dieser Zusammenhänge übernahm Martine Leibovici, die führende französische Arendt-Expertin - ihre Bücher zu jüdischen Perspektiven im Werk der großen Denkerin sollten allmählich mal ins Deutsche übersetzt werden. Als inspirierend und für die Dokumentation immens hilfreich erfuhr ich zudem das Interview mit Marina Touiliez, die mit “Parias - Hannah Arendt et la “Tribu” en France” ein umfassendes Werk zu Umfeld und Freundeskreis Arendts in Paris verfasste.

Wichtig war uns, gar nicht erst einen “Gesamtüberblick” über das Werk Arendts anzustreben, um sodann allgemein gehaltene Experten-Interviewschnipsel aneinander zu hängen und mehr oder minder willkürlich Archivmaterial darauf zu legen. Wir wollten auch nicht die Affäre mit Martin Heidegger in den Mittelpunkt rücken oder nun eine Aktualisierung auf Teufel komm raus herstellen. Ich halte unser Gemeinschaftswerk sehr wohl für brandaktuell; dennoch verbleiben wir konsequent in jenem Zeitraum und überlassen die Herstellung von Gegenwartsbezügen ganz den Zuschauenden. Zum “Eichmann”-Buch gibt es einen ganzen Spielfilm, zu Aktualisierungen eine andere ARTE-Dokumenation vor ein paar Jahren, und einen Überblick über das Gesamtwerk liefert eine “Konkurrenzproduktion” der ARD.

Wir begaben uns stattdessen an jene Orte, da Hannah Arendt lebte und überlebte - nach Paris, ins Internierungslager Gurs im Süden Frankreichs und nach New York. Orientiert vor allem an der Biografie Thomas Meyers, der mir auch als wissenschaftlicher Berater zur Seite stand, wollten wir spezifisch bleiben.

Für Arendt entscheidend in diesen Jahren waren ihren Forschungen zu jüdischer Identität und Antisemitismus, ihr Engagement für “den Zionismus” wie auch die Verarbeitung des Durchlebens von Flucht und Internierung in “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”. Wenn der Film etwas transportiert, dann hoffentlich auch, dass es den Zionismus so nicht gab - vielmehr kann man durchaus von Zionismen sprechen, so wie Thomas Meyer im Rahmen des Gesprächs nach der Premiere im Hamburger Abaton am 21. November es formulierte. Arendt verfasste einige Texte zu diesem Sujet in jenen Jahren; manche derer wurden von Thomas Meyer gerade erst entdeckt und in dem Band “Über Palästina (Si apre in una nuova finestra)” veröffentlicht. Dieser enthält zwei Texte, einen kurzen von 1944 und einen längeren, zusammen mit anderen Autor*innen verfasst, von 1958. Wir fokussieren uns ganz auf den aus dem Jahre 1944. In Feld-, Wald- und Wiesenanwendungen von Arendts Aussagen über die Lage in Palästina zu Zeiten des Britischen Mandatsgebietes wird häufig nicht klar genug gefasst, dass viele ihrer Aussagen VOR der Staatsgründung Israels formuliert wurden als innerzionistische Binnenkritik in jüdischen Zeitschriften - und dass sie sich vor allem gegen die so genannten “Revisionisten” rund um den späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin richteten. Wir stellen ihre Überlegungen mit Unterstützung von Omri Boehm dar, der an ihr Werk diesbezüglich in “Israel - Eine Utopie” anknüpft. Ihre scharfe Kritik an den Revisionisten ist im engen Zusammenhang mit einer der berühmtesten “Formeln” Arendts, dem Recht aller gleichermaßen, Rechte zu haben, zu lesen. Seyla Benhabib erläutert in der Dokumentation, wie diese “Formel” zu verstehen ist. Ein längerer Text dazu kann auch auf dieser Seite gelesen werden (Si apre in una nuova finestra).

Damit ist der Ansatz der Dokumentation grob umrissen. Für mich ist sie das Resultat einer länger als 30 Jahre währenden nicht kontinuierlichen, aber doch immer neu aktivierten Beschäftigung mit Arendt. Erstmals begegnete sie mir in einem Seminar in meinem Nebenfach “Sozial- und Wirtschaftsgeschichte” zu Biografien berühmter Juden und Jüdinnen, veranstaltet von Ina S. Lorenz (Si apre in una nuova finestra). Bei ihr schloß ich etwas später auch die Nebenfachprüfung im Rahmen meines Magisterstudiums ab. Ich verfasste im Rahmen des Seminars eine Hausarbeit zur Biografie Arendts; ihr Denken ließ mich seidem nicht los.

All das schoss mir durch den Kopf, als ich mich am letzten Freitag auf den Weg zur Kino-Premiere machte. Dazu habe ich ein kleines Filmchen gebastelt:

https://www.youtube.com/shorts/DFnYe8uSEsw (Si apre in una nuova finestra)

Es war die Zeit, in der auch mein Debüt-Roman “Das Erbe” (Si apre in una nuova finestra) spielt. Nur in Teilen ein Selbstportrait, das Diskussionsklima jener Jahre in den frühen 90ern wird jedoch ausgiebig geschildert und auch Hannah Arendts erst nach jenem Zeitraum, in dem die Dokumentation situiert ist, entfaltete Rezeption der “Urteilskraft” im Werk Immanuel Kants taucht in dem Roman auf.

Es finden viele Aufführungen von “Hannah Arendt - eine Jüdin im Pariser Exil” in Literaturhäusern in Österreich, der Schweiz und Deutschland statt, unter anderem in Zürich, Salzburg, Kiel, Halle, Leipzig und Stuttgart.

Ich selbst präsentiere die Dokumentation im Anschluss an die Diskussion “Gleichberechtigung unter Druck? Wie das politische Klima die Emanzipation herausfordert” im Rahmen einer Veranstaltung der Volkswagen-Stiftung am 4. Dezember, dem Todestag Arendts, in Hannover-Herrenhausen (Si apre in una nuova finestra).

Die Ausstrahlung im linearen ARTE-Programm erfolgt am 10. Dezember um 22.05 h.

Argomento Medien

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