
Am Donnerstag der letzten Woche präsentierte ich „Hannah Arendt – Eine Jüdin im Pariser Exil" im Rahmen einer Veranstaltung der Volkswagen Stiftung in Hannover. Das war der 4. Dezember, der 50. Todestag Hannah Arendts - die Feuilletons und auch das Radio widmeten sich völlig zu Recht ihrem Werk.
Bevor ich meine Dokumentation vor gut gefülltem Saal anmoderieren konnte, lauschte ich noch einer Diskussion zu „Gleichberechtigung unter Druck (Si apre in una nuova finestra)". Sie wurde für NDR Info aufgezeichnet. Die Veranstaltung fand in einer Art Hörsaal statt, der Rahmen: die “Herrenhäuser Gespräche” – im Schloss Herrenhausen.
Dessen Geschichte reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Ein Gutshof wandelte sich erst zum Lusthaus, dann zur Residenz der hannöverschen Kurfürsten und Könige. Trotz einer bis 1837 währenden Anbindung an das Königshaus von Großbritannien und Irland, dessen Herrscher zugleich das Königreich Hannover regierte, folgte die barocke Anlage des „Großen Gartens" hinter dem Schloss dem Vorbild von Versailles.
Das dient hier gerade keineswegs einer Lust an der Aufzählung historischer Bruchstücke. Schon in der Historie einer mittleren Großstadt wie Hannover findet sich wenig „Germanisches", dafür viele Einflüsse aus England und auch Frankreich. Mit Leibniz lebte hier im späten 17. Jahrhundert einer der führenden Intellektuellen des Kontinents, der Korrespondenzen mit allerlei europäischen Geistesgrößen pflegte und über dessen Formel von der „bestmöglichen aller Welten" Voltaire sich in dem Drama „Candide oder der Optimismus" lustig machte. Das Stück haben wir im hannöverschen Ballhof-Theater mit dem Französisch-Leistungskurs gesehen.
Nach der Präsentation meines Filmes, für den wir in Paris und New York drehten, erhielt ich eine Mail. Eine Bettina S. aus der Kommunikationsabteilung der Volkswagen Stiftung habe sich entrüstet gezeigt , weil sie zu der Aufführung meines Films gar nicht eingeladen worden war. Mit jener Bettina bin ich 13 Jahre lang fast jeden Tag zur Schule gegangen, erst zur Grundschule, danach in den Hort, dann zu einer Integrierten Gesamtschule. Sie wohnte ein paar Reihenhäuser weiter als Teil einer Art wichtiger Ergänzungsfamilie für mich. Im Laufe der Jahre haben wir uns aus den Augen verloren. Aber wir besuchten denselben Französisch-Leistungskurs. In den ich nur ging, weil die Lehrerin, Gabriele Staub, es so großartig verstand, uns diese Sprache zu vermitteln. Es war von den Zensuren bzw. Punkten her nicht mein bestes Fach. Aber es bot die schönste Erfahrung. Also habe ich es gewählt.
Die Raschplatz-Kinos in Hannover, oberhalb der „Passerelle", einer Unterführung vom Platz namens Kröpcke ausgehend, dann den Bahnhof unterquerend und beinahe im Stadtteil List endend, fanden bundesweit Anerkennung. 4 Kinosäle, von 54 bis zu 160 Plätzen, mit klingenden Namen wie “Graffiti”, “Hollywood”, “Fairbanks” und “Colosseum”, bespielt von einem immer sehr aktuellen wie auch internationalen Programm jenseits der Blockbuster. Man stand auf einer Art „Empore" über der Unterführung, die hier einen offenen Platz im Schatten von Bankgebäuden bildete, sah hinab auf das damals schon präsente Elend rund um schwere Suchtkrankheiten und ließ die soeben gesehenen Filme in sich nachwirken. Auch nach „Tee im Harem des Archimedes (Si apre in una nuova finestra)", einem Film von 1985, standen wir dort - mit dem Franzöisch-Leistungskurs. Er zeigt das niederschmetternde Leben zweier Jugendlicher in den Banlieues, den Vororten von Paris – noch ohne in dieser ebenso beeindruckenden wie brutalen filmischen Destruktion von „La Haine (Si apre in una nuova finestra)" zu verenden.
Wir kannten solche Hochhaussiedlungen auch in Hannover, in Vahrenheide, in Laatzen; das Elend lebte auch in Garbsen „Auf der Horst". Das, was wir gesehen hatten, präsentierte sich jedoch härter, verzweifelter, noch rassistischer. „Der arabischstämmige Madjid würde gerne Fahrlehrer werden, sieht sich aber einem rassistischen Sachbearbeiter beim Arbeitsamt gegenüber, der ihn nur bei Annahme der französischen Staatsangehörigkeit vermitteln will (Si apre in una nuova finestra)", so eine Szene aus „Tee im Harem des Archimedes" – die Frage nach Staatsangehörigkeit als Sujet ist zentral auch in meiner Dokumentation „Hannah Arendt – eine Jüdin im Pariser Exil". Als wir anschließend, wir, die Schüler des Französisch-Leistungskurses, vor dem Raschplatz-Kino standen, waren wir so von dem Film verstört, dass wir lange einfach nur schweigend dort standen, uns aber auch nicht voneinander lösen konnten. Bestimmt 10 Minuten Schweigen, ohne allein sein zu wollen.
Wir hatten zusammen zwei Austauschprogramme mit Schülern aus der Normandie erlebt und genossen. In der Nähe von Caen, einer Stadt, die von der Wehrmacht noch im Rückzugsgefecht annähernd vollständig zerstört wurde. Diese Reisen förderte das Land Niedersachsen. Man nannte das vermutlich noch „Völkerverständigung". Einst „Erbfeind" und in drei Kriegen von Deutschland angegriffen, dabei zwei Mal überrollt, auch besetzt, sollten die Nachfolgegenerationen lernen, sich zu verständigen. So z.B. beim Tanz im Kreis wie fast wie bei einem Friedensbewegungsevent, alle Arm in Arm, zu Soft Cells „Tainted Love" in einer ansonsten coolen New-Romantic-Disco unweit des hannöverschen Bahnhofs zusammen mit den französischen Schülern. Oder in den Familien im Département Calvados, beim Picknick im Straßengraben, mit frisch geschmierten Baguettes bei der Überfahrt nach Jersey mit Schülern aus St. Pierre sur Dives.
Eine weitere Fahrt im selben Sinne unternahm ich mit meinem Vater nach Rouen – Kriegsteilnehmer sollten sich begegnen. Mein Vater erfuhr das Sein des Flakhelfers und „verlor" im „Volkssturm" noch ein Bein, mit 17 – als damals überzeugter Jung-Nazi. Auch bei der Fahrt nach Rouen lebten wir in einer französischen Familie, und als Bürgermeister von Langenhagen besuchte er noch Freunde aus einer Städtepartnerschaft im nahe an der Seine gelegenen Le Trait. Ich erinnere mich sehr gut an die unfreiwillig spannende Tour mit einem angetrunkenen Fahrer an den Windungen der Seine entlang - in Höchstgeschwindigkeit. Mein Vater betrachtete diese internationalen Netzwerke als seine Lehre daraus, dass er als Jung-Nazi in den Krieg mitmarschierte und nun durch persönliche Kontakte zu einer friedlicheren Welt beitragen wollte.
Ich pflegte die Brieffreundschaft zu einem Jungen, der zwischen Besançon und Montbéliard lebte, und verbrachte dort 4 Wochen, kein Wort Deutsch sprechend, ebenfalls in der Familie. Den 14. Juli erlebten wir in der Altstadt von Besançon, wundervoll gelegen in einer Schleife des Doubs – und sahen eine Militärparade. Für mich, durch und durch friedensbewegt, ein merkwürdiger Eindruck. Danach stellten wir beim Tanz am Rande der Party fest, dass wir beide den „Ententanz" kannten. Meine Schwester schaute auf der Rückkehr aus Spanien mit 5 oder 6 Freundinnen, in einem VW-Bulli reisend, noch in Colombier-Fontaine vorbei. So hieß der Ort. Große Freude in der Gastfamilie, es wurde eingekauft, die Tafel im Garten gedeckt, alle festlich verköstigt und noch zu einer Rundfahrt in die Berge des Jura eingeladen. Eine der Freundinnen meiner Schwester damals leitet heute die Forschung im Stasi-Unterlagen-Archiv. Ich habe noch ein Foto von ihr im Garten, damals in Colombier-Fontaine.
Wir lasen im Französisch-Leistungskurs Sartres „Geschlossene Gesellschaft" und ich beschloss, Philosophie zu studieren. Bettina S., oben erwähnt, verbrachte ein Jahr in Marseille als Au-pair, ebenso eine andere Freundin von mir – wir besuchten sie Ostern 1987 und wurden beim Schwarzfahren erwischt. Ich trampte quer durch Frankreich im Sommer 1985; wurde in Avignon von jemandem mitgenommen, der plötzlich einen Revolver aus dem Handschuhfach zog und vor meiner Nase damit herumfuchtelte. Ich dachte, nun sei mein Ende gekommen und verstand nicht, was er in südfranzösischem Dialekt fauchte und pöbelte – bis er die Worte „les Arabes, les Arabes", die Araber, immer wieder ausstieß. Gegen die wollte er sich verteidigen. Verschreckt konnte ich den Wagen verlassen. Der nächste Lift war ein R4 voller arabischstämmiger Franzosen, ein Haufen Freaks mit langen Haaren. Bei denen fühlte ich mich wohl. In Montpellier nahm mich niemand mit. Ich fuhr mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug an Carcassonne, den Pyrenäen, der Grotte von Lourdes vorbei bis Bayonne. Es dunkelte. Ich wollte noch in ein Kaff namens St. Girons Plage weiter ziehen und wusste nicht, wie ich da hinkommen sollte. Drum sprach ich einen außerordentlich attraktiven französischen Jungmann an, ob denn noch Busse führen. Kein Problem, sagte er, seine Familie würde ihn abholen – sie wollten noch kurz auf ein baskisches Volksfest, da könne ich ja noch mitkommen, und führen dann in meine Richtung. So wurde ich von der Familie adoptiert und sah auf dem Fest Reihen von 10-15 Menschen in den Rinnstein kotzen, auf dem Bürgersteig sitzend, volltrunken. Ein eindrucksvoller Anblick, doch der Familie war das peinlich. Der Bruder meines Jungmanns aus dem Zug, er hatte in Frankfurt gelebt und konnte fließend Deutsch, fuhr mich noch bis St. Girons und wunderte sich – im Gegensatz zu mir – über das fehlende deutsche Nationalbewusstsein. Das „3. Reich" sei doch lange genug her.
Im Studium geriet ich mitten hinein in die „Postmoderne"-Debatte – vor allem Jürgen Habermas und sein Umfeld auf der einen, Michel Foucault, Jean-François Lyotard und Jacques Derrida auf der „anderen Seite". Wobei diese sich gar nicht als Teil einer „Seite" sahen, Werke mit differenten Ansätzen verfassten und sich über die Attacken aus Frankfurt zunächst wunderten. Wieder war ich mitten im deutsch-französischen Diskurs.
ARTE trat 1997 in mein Leben, als ich eine Dokumentation zum 20. Todestag Elvis Presleys zu fertigen hatte. Nur 3 Monate Zeit, 90 Minuten zu gestalten - ich erhielt Unterstützung von einer Pariser Korrespondentin, einer Kollegin in L.A. und auch Alan Posener, mit dessen Schreiben mich mittlerweile nur wenig verbindet. 1997 sprühte er noch vor Originalität und Esprit rund um den King und half mir bei diesem Projekt mit einem sehr langen Interview. Der Film wurde fertig und auch gut.
Später kamen Formate wie SAMPLE (dazu ein anderes Mal mehr), diverse Dokureihen und zuletzt auch ein Film über Habermas, einer über Roy Lichtenstein und einer zu Hannah Arendt hinzu. Im Rahmen der Produktion von TRACKS, wir gestalteten zunächst im Rahmen der Firma MME, dann mit eigenem Unternehmen die vom ZDF beauftragten Folgen des Popkultur-Magazins, gesellten wir uns zu einer vielstimmingen Runde aus zuständigen Sender-Redakteur*innen, Beauftragten für die Ligne Éditoriale in Straßburg, Vertretern von ARTE France und mal einer, mal mehr deutschen und einer französischen Produktionsfirma namens Program 33. Man traf sich in Paris oder Straßburg zu Meetings, kommunizierte per Mail und werkelte parallel im Austausch an den Sendungen. TRACKS war eine der wenigen Sendungen, die in so enger deutsch-französischer Kommunikation produziert wurden. Zu meiner Überraschung tauchten hier Motive aus dem Postmoderne-Streit wieder auf. Die französische Seite empfand die an Rationalität und Verständigung orientierte Kommunikation der Deutschen oft als brutal, kultur-, schmuck- und stillos; als illegitime Festnagelung, die kreative Freiheit einschränken wollte, als Akt der Dominanz. Wie in solchen Zusammenhängen zu kommunizieren war, das musste ich erst einmal lernen.
Diese differenten Gewichtungen zeigten sich auch in den Interviews zu der Arendt- und zu der Habermas-Dokumentation. Letzteren rezipierten die französischen Interviewpartner als Vertreter einer Herrschaft von EU-Regularien, er habe gegen das Nein der Franzosen zur EU-Verfassung gewettert – was gar nicht stimmt. Habermas habe bestimmte linke Prinzipien verraten, könne nur Konsens, aber nicht Differenz denken und tendiere zur Gleichschaltung.
Auch bei der Arendt-Doku stieß ich auf unterschiedliche Lesarten. Bei den Dreharbeiten überraschend war bereits, wie viele Menschen in Paris mittlerweile freiwillig Englisch sprechen und dass mir auch immer wieder Gegenüber begegneten, die nach Jahren vor allem in Berlin fließend Deutsch parlieren konnten. Doch die Arendt-Expertisen der deutschen wie auch der angloamerikanischen Interviewpartner*innen lasen Arendt eher durch die Brille von Kant und Habermas als eine Vertreterin eines moralischen Universalismus mit anderen Mitteln. Die französische Lektüre, die mir begegnete, erschien mir „existentialistischer", an gelebter Erfahrung und historischem Situiertsein orientiert. Martine Leibovici, führende französische Arendt-Expertin, folgte im Interview der arendtschen Unterscheidung zwischen sozialem und politischem Antisemitismus. Ersterer zeigt sich eher durch Ausgrenzung im Alltag, Diskriminierung in den Salons und einem Philosemitismus, in dem antisemitische Vorurteile und Stereotypen einfach mit umgekehrtem Vorzeichen versehen werden. Politischer Antisemitismus bezieht sich zum einen auf die Frage der Emanzipation, der Bürgerrechte, die für Juden historisch erst durchgesetzt werden mussten – jedoch ebenso auf die Instrumentalisierung von Antisemitismus zu politischen Zwecken. Den sozialen Antisemitismus erschloss Martine Leibovici sich mit Arendt über existenzphilosophische Kategorien, das Geformtsein durch den Blick des Anderen, Identität als Effekt dessen, was mir als Subjekt erfahrend in der Welt begegnet – Exxistenzphilosophie, die in Deutschland in gut begründeter Abwehr gegen das Seinsdenken Heideggers vor allem durch das Wirken der Frankfurter Schule eher auf dem Index steht und allenfalls soziolgisch oder psychoanalytisch reformuliert Anwendung findet.
Warum ich das alles schreibe? Weil ich angesichts der Attacken der Trump-Regierung, von Elon Musk und auch immer mehr Protagonisten hierzulande auf die EU und zugleich auf diese ganzen hybriden, europäischen und auch internationalen Erfahrungen und Indentitäten kaum aushalte. Die stählernen Gehäuse des Nationalen sollen uns allen wieder aufgezwungen werden.
Weil all das, was ich erleben durfte allein schon im deutsch-französischen Kontext, doch so etwas wie auch über meine Person hinausgehende, geteilte und auch kollektive Lernerfahrungen überhaupt erst ermöglichte. Auch wenn ich es im gesicherten, bildungsbürgerlichen Zusammenhagng erfuhr. Und weil andere Biografien mit Bezügen zum Maghreb, zur Türkei, zu Israel, zu Syrien, Togo, Taiwan und Tadschikistan und wasweißich, all das Hybride, Wuchernde allein so etwas wie Zukunft ermöglicht.
Die Vorstellung, in Hannover mit Goethe-, Böll- und Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Lektüren im Reihenhaus verreckt zu sein, die finde ich geradezu unerträglich. Auch, wenn gelegentliche Mallorca-Aufenthalte hinzu kämen. Die europäische Geschichte ist durchzogen von all diesen hybriden Unterströmungen, die mit all dem damit auch verbundenen Leid nicht mal eben so wegredigiert werden können und sollten.
Der zweite Grund ist, dass vielleicht gerade jetzt der Fokus auch stärker auf Diskussionen außerhalb der angloamerikanischen Diskurszusammenhänge zu richten ist. Auch die deutsch-französische Achse kann, wenn auch Grundkenntnisse allseits durchaus vorhanden sind, deutlich stärker bespielt werden.
Ich hatte lediglich Glück, erst durch eine großartige Französisch-Lehrerin, dann durch ARTE mich viel in diesem Feld bewegen zu können. Es gibt viele dieser Achsen jenseits der im angloamerikanischen Raum, die man auch individuell nicht alle bespielen kann. Aber strukturell schon, im Zusammenspiel mit Anderen. Mir erscheint das ausbaufähig. Lass es uns tun.