
HILDEGARD KNEF ZUM 100. GEBURTSTAG.
Ich habe mir nie im Falle von Interviews Autogramme geben lassen. Dabei führte ich viele Gespräche mit Menschen, die mich prägten, die ich bewunderte - The Cure, Meat Loaf, Blixa Bargeld, Klaus Hoffmann, Jeff Koons, Joshua Redman und andere mehr; eine kuriose Reihung und doch allesamt wichtig für mich. Von Hildegard Knef jedoch ließ ich mir meine 7-CD-Box signieren. Sie hat mich durch zwiespältige Jahre des Coming Outs begleitet. Sie hat vielem, was ich fühlte oder auch nur atmosphärisch spürte, eine Stimme verliehen - lakonisch, selbstironisch, weltweise und doch auch immer wieder voll des Schmachtens und tiefer Gefühle.
Klar, es war diese tiefe Stimme, die man auch "männlich" oder androgyn hören konnte, eine, die teils fast derbe etwas heraus bellte, die mich packte. Inmitten ihrer Texte keimten Traumbilder und implodierten sodann wieder. Sie wechselte von Hoffen zu Scheitern. All das war auch für queeres Leben konstitutiv in den frühen 80ern, damals, als es so gut wie gar keine schwulen Role-Models gab. Situiert in meiner Gemengelage von Gefühlen, Ziellosigkeit und gesellschaftlicher Ödnis bot die Knef die Möglichkeit der Identifikation. Männer zu begehren, ohne Heteromännlichkeit zu imitieren, dazu zeigten die "Diven" Wege und Artikulationen auf. Andere wählten zu “ihrer Diva” Marlene Dietrich, die Streisand oder sogar Nina Hagen in meinen direkten Umfeldern. Ich die Knef.
Selbst in Hubert Fichtes "Der kleine Hauptbahnhof oder Lob des Strichs" ploppt plötzlich die Aussage auf: "Bisher hörten alle Zarah Leander, jetzt die Knef", sinngemäß. Der Text spielt in den frühen Sechzigern.
Hildegard Knef spielte mit einer Energie, die wirklich alles will und dabei in Kauf nimmt, fürchterlich zu stolpern, sehr tief fallen zu können und doch etwas aus der Erfahrung zu lernen, ja, manches in der Erinnerung sogar zu genießen. Besonders deutlich in "Von nun an ging's bergab (Si apre in una nuova finestra)" . Ich bewunderte ihre Selbstironie, den Mut, über sich selbst zu lachen, ihren Mut, die Vielfalt ihrer Talente vom Malen über das Schauspiel über Chanson-Texte bis hin zu bemerkenswerten, autobiographischen Schriften. Und den Wille, immer wieder etwas Neues anzufangen.
Wenn es um "Autofiction" geht, wird ihr Name zu Unrecht selten gedroppt. Ihr Werk "Der geschenkte Gaul", auch international eine Riesenerfolg, das sind nicht einfach “Memoiren”. Dieses Buch über ihre frühen Jahre ist eigenwillig geschrieben und wohl auch nicht völlig frei von Fiction, soweit es die letzten Kriegsjahre betrifft, glaubt man manchen Autoren zu diesem Thema. Es ist auch ein Zeitportrait in einer außerordentlich eigenwilligen Sprache.
Ihre Freund- oder Bekanntschaft zu Henry Miller, als Autor heute beinahe vergessen, damals Skandalautor, bildet einen Mosaikstein darin. Lesungen von Anaïs Nin, deren Werk Miller stark beeinflusste, lauschte die Knef, das beschreibt sie dort. Das Werk von Anäis Nin erlangte einst vor allem Berühmtheit, weil die Autorin sehr freizügig von ihren sexuellen Erfahrungen berichtete und dabei mit Motiven aus der Psychoanalyse arbeitete. Ich erinnere mich gut daran, wie meine Mutter, die 1938 geboren wurde, in der Schule noch fürchtete, schwanger zu sein: ein Junge hatte sie geküsst. Ja, sie dachte, Kinder bekomme man davon. Die "Tagebücher der Anaïs Nin" hat sie in den 70er Jahren nach ihrer Scheidung dann verschlungen. Späte Aufarbeitung. Nachholbedarf.
Das ist hinsichtlich der Knef nicht irrelevant. Sie hat weder aus Anaïs Nin noch Henry Miller Chansonstexte gebastelt und in so einer Direktheit von Sexualität nicht gesungen. Und doch legte sie das in ihre Stimme, was man einst "verrucht" nannte. Sie spielte in den Chansons sehr selbstbewusst mit ihrer so gar nicht an die frühe Romy Schneider oder Maria Schell erinnernden Art, als Frau mit eigenen Bedürfnissen sich zu präsentieren. Bis hin zu einer eindrucksvoll getanzten Version von “Fever”.
Sie demonstrierte Souveränität und Unabhängigkeit, proklamierte "drum küss und denk nicht dabei" wie auch "der Mensch an sich ist einsam und bleibt verlassen zurück, sucht er sich nicht gemeinsam ein kleines Stück von dem Glück". Sie erwartete keine Kavaliere, sang von Scheidungsterminen oder rotzte einfach "Es hat alles einen Anfang, es hört alles einmal auf, und das, was dazwischen kommt, ist der Lebenslauf" in die Welt, sarkastisch.
Sie driftete in ihren Chansons allein nachts durch Kneipen, raunte den Nachbarn an der Bar zu "Sie müssen nicht zuhören und auch nichts verstehen" und endete mit "alleine, das können wir immer noch sein, zu zweit ist man niemals gewesen, wir kennen uns nicht und erkennen uns doch, sind Schatten der Schatten gewesen". Die Berliner Stadtzeitung tip attestiert ihr deshalb "Existentialisten-Glamour"; das trifft es. Das sind alles Texte der Knef, die eben belegen, dass in ihren Chansons anderes lebte als in den ansonsten kursierenden deutschen Schlagern. Das ging auch erheblich weiter und tiefer als Marlene Dietrich. Sie nahm LPs mit Texten und Chansons Tucholskys und Kästners auf, "Augen in der Großstadt", "Kleines Solo", präsentierte sich eindrucksvoll als Brecht/Weills “Seeräuberjenny (Si apre in una nuova finestra)” auf der Bühne.
Sie schaffte es auf unvergleichliche Art, in ihren besten Liedern den Geist der Weimarer Kabarett-Tradition eines Mehring oder auch Holländer mit einer Art Antischlager incl. Twists im Text zu verbinden, all das mit den Jazz-Anleihen eines Cole Porter und der Hilfe von all denen, die ihr zuarbeiteten, um so zu einem wirklich neuartigen Sound zu gelangen.
Manche ihrer auch tragischen Lieder lacht sie beinahe heraus, um kurz darauf in Sehnsucht sich aufzulösen. Viele Texte formulieren ein mächtiges "Trotzdem", "Aber schön war es doch!", "Er war nie ein Kavalier, doch dafür war er ein Mann!", "Er hieß nicht von Oertzen, doch das war mir gleich, so lange ich ihn liebte, da war ich so reich!" Sich also trotz allem kopfüber in die Illusionen stürzen und zu schauen, wie man sie wenigstens temporär genießen kann. Obgleich um uns herum die Eitelkeit und die alberne Lüge lebt und regiert. Zeilen wie in "Prost Neujahr", der Text vom Stil her ein wenig geschrieben wie auch "Der geschenkte Gaul", sitzen einfach: "Man blickt zurück und denkt an sich, an wen denn sonst, fühlt sich nicht schlecht, man gibt sich recht ja, was denn sonst."
https://www.youtube.com/watch?v=j3sgoJb6IRM (Si apre in una nuova finestra)Der Jazz-Bezug ist nichts, was ich hineindichte. Cole Porter, der Elemente des Jazz popularisierte, wählte die Knef aus für "Silk Stockings", jenem Musical, in dem sie zwei Jahre lang am Broadway auf der Bühne stand. Mit großem Erfolg, auch wenn in Deutschland faktenwidrig kolportiert wurde, es sei ein Fehlschlag. Häufig wird das damit erklärt, dass der Star im eigenen Land nichts zähle. Ich denke eher, dass die Knef in Deutschland für viele zu sperrig, zu selbstbewusst, zu unorthodox war. Noch heute diagnostizieren ihr manche latent gehässig "Ehrgeizismus", für Frauen wohl ein NoGo, oder kommentieren, wie sie sich "entblößt" habe. Gemeint ist vermutlich ein angeblich "exhibitionistischer" Zug in ihrem Wesen, nicht die berühmten 10 Sekunden nackter Körper in "Die Sünderin" in den frühen 50er Jahren, die zum Skandal führten. "Entblößung" wohl eher, weil ihre Ehen und Schulden zum Dauerthema des Boulevards avancierten. Sie hielt sich nicht an Etiketten dessen, was Frauen gemeinhin zugestanden wird und sprach offen über ihr Facelifting. Sie wagte zudem, ihre Krebserkrankung in dem Buch "Das Urteil" zum Thema zu machen. Es brachte ihr den Vorwurf ein, noch dieses Schicksal zu vermarkten. Dabei hatte sie nur den Mut, das, was viele betraf, in die Öffentlichkeit zu tragen und diskussionfähig zu machen.
Es umwehte sie eine Ehrlichkeit, die nicht mit "authentisch" zu verwechseln ist. Man geht bei der Illusion des "Authentischen" boulevardesken Mechanismen auf den Leim, jenen, herum zu psychologisieren, dass ihr Werk, ihre Rolle, ihre ausdifferenzierte Medienpersona auf individuelle Charakterologie reduzierbar sei. Sie hat vielmehr geschickt mit Images gespielt, war jedoch in der Lage, diese auch auszufüllen und ihnen eine Tiefe und eine Komplexität zu verleihen, die sie bis heute spannend und auch zum Vorbild für viele macht.
Und zu eben dieser Komplexität gehörte auch das Spiel mit dem Jazz, freilich in immer schon für ein breites Publikum übersetzter Form. Sie beschreibt in "Der geschenkte Gaul", wie sie in Manhattan die Jazz-Lokale aufsuchte und so zumindest mit einem Fuß inmitten der heroischen Phase des Modern Jazz sich befand, damals, 1955 bis 1957. In einer Passage erzählt sie, wie sie den Chefredakteur der deutschsprachigen, jüdischen Zeitung "Aufbau", Manfred George, in die Welt des Jazz einführte, die diesem bis dahin unzugänglich geblieben war. Der "Aufbau" veröffentlichte auch Texte von Hannah Arendt. Hildegard Knef erwähnt nicht, dass er jüdischer Exilant war oder dass es sich im Falle des “Aufbau” um eine jüdische Zeitung handelte. Ich weiß nicht, warum - aus Vorsicht gegenüber deutschen Leser*innen, weil sie deren Antisemitismus nicht triggern wollte?
Ihre ersten Chansons (nach einem Auftritt mit Gesang in “Schnee am Kilemandscharo”) nahm sie nach eigenem Bekunden zu Musik von Boris Vian auf; "La Fille de Hambourg (Si apre in una nuova finestra)" Ende der 50er Jahre für einen Film. Boris Vian ist vor allem bekannt für "Monsieur Le President". Er gehörte jedoch auch zum direkten Umfeld Jean-Paul Sartres, verfasste teils surrealistische Romane wie "Der Schaum der Tage"; erfand jedoch auch einen schwarzen Kriminalautor, Veron Sullivan, der krasse Hardboiled-Romane verfasste mit Titeln wie "Ich werde auf eure Gräber spucken" und dadurch Skandale initiierte. Er prägte zudem als Größe den französischen Jazz und war auch in der dortigen Musikindustrrie tätig. In Deutschland ging sie mit den herausragenden Musikern rund um Kurt Edelhagen auf Tour. Dieser gründete den ersten deutschen Jazz-Studiengang in Köln.
Meine langjährige Beziehung zu ihrer Musik begann in diesem Sinne. Ihr erstes Album mit selbst geschriebenen Texten, "Ich seh* die Welt durch Deine Augen", hat teilweise "Cool Jazz"-Vibes. Es war die Zeit, da alle Stan Getz und Astrud Gilberto, Everything but the Girl, Matt Bianco und Sade hörten und diese trendy waren; oft mit Latin-Touch, der bei der Knef fehlte, aber eben auch Cool-Jazz-Vibes. So legte ich das Knef-Album auf, wenn ich Freunde bekochte und, das machte man damals so, wir dazu Mumm-Sekt tranken. Ein Freund lieh mir die Live-Alben aus den 60er Jahren, entwendet aus dem Plattenregal seiner Mutter. Später wuchs meine Knef-Sammlung - darunter das großartige "Hildegard Knef singt Cole Porter"-Album. Vieles, was Jazz-Standard wurde, ist darauf enthalten, "Love for Sale" (ein Lied aus Sicht einer Hure), "Let's do it", "I get a Kick out of You" - alle mit neuen, deutschen Texten. In den 70er Jahren nahm sie auch beinahe schon experimentelle Alben auf. Eines heißt schlicht "Knef", enthält sowohl psychedelische als auch Easy-Listening-Elemente - ein weiteres, mit den Les Humphries produziert, ist so schräg, dass man es gehört haben sollte.
In meinen ersten Jahren in Hamburg war Hilde omnipräsent - nicht in den Medien, in meinem Leben; nicht höchstpersönlich: ihre Musik. Ich schlug den Teilen der Band, mit denen ich in einer WG wohnte, vor, doch Knef-Cover zu basteln. Nein, so sehr ins Schwule wollten sie nicht "abdriften". Um die Knef waren herum hielten sich oft Queers, Maskenbildner, Designer auf; sie beschreibt es in "Der geschenkte Gaul", auch, wie sie mit Hollywood-Star Tyrone Power in einem Lokal einkehrte, in dem vor allem Homosexuelle zu Gast waren. Im Toom Peerstall an der Clemens Schulz-Straße fanden sich Songs von ihr in der Musicbox. Die Kneipe gibt es heute noch; damals war sie halb so groß. Hinter dem Tresen fanden sich die Betreiberin Katharina und Vera in Drag - eine originalbelassene Kiezkneipe mit Pferdegeschirren an der Wand und Plastikdecken unter Tropfkerzen. Eine Gay-Bar, in der jedoch auch viele Heteros und sonstige Bohèmians verkehrten. Wenn jemand die Knef in der Musicbox gewählt hatte, dann sangen viele leise, manche laut mit.
Unter den Titeln auch "In dieser Stadt"; einem Song über den täglichen Heimweg von der Schule, den Diebstahl des Blumenstraußes für die Mutter auf dem Beet vor dem Bahnhof, den ersten Kuss ("aber seine Küsse waren ein Witz") und dem Willen, endlich von dort wegzukommen. Alles in so coolen wie dramatischen Sixties-Sounds. Das war das Lied von D. und mir, einer Freundin, weil wir beide aus Hannover nach Hamburg migriert waren. D. verstarb später an den Folgen von AIDS. Ein anderer Freund hörte bei mir zu Hause immer die Knef-Fassung von Brels "Amsterdam". Sie endet damit, was für ein Riesenbeschiss das Leben inmitten des trunkenen Exzesses in Kneipen und Nachtleben doch sei. Auch er, ehemals heroinabhängig, war HIV positiv und wusste, dass sein Ende nah sein würde; die T-Helfer-Zellen schwanden. Er wünschte sich eine Knef-Cassette für seine eigene Beerdigung. Ich nahm sie ihm auf.
In den frühen 90er Jahren arbeitete ein Freund von mir als Bühnenbauer und Mädchen für alles in Schmidt's Tivoli. Hildegard Knef und Extrabreit hatten "Für mich soll's rote Rosen regnen" neu aufgenommen und sollten in der "Schmidt-Show" auftreten. Ob ich nicht als ihr "persönlicher Betreuer" dienen wolle. Für die Produzierenden ein cooler Deal, ich kostete ja nichts - für mich ein großer Moment.
Ich führte also meine Diva, die zugleich der Soundtrack, ja, die Stimme meines schwulen Erwachens war, backstage durch das Theater vor der Fernseh-Live-Übertragung, leitete sie zu Interviews, zu ihrer Garderobe - teils mit Extrabreit, teils ohne. Ohne es zu wissen war dieses ein Blick in meine Zukunft. Jene, die diese Interviews führten, kamen von der Firma Me, Myself & Eye. Da sollte ich später volle 15 Jahre arbeiten. Auch zusammen mit Kai Hawaii, dem Sänger von Extrabreit - die MME gehörte in Teilen dem ehemaligen Extrabreit-Manager Jörg A. Hoppe. Kai gebrauchte später die treffende Formulierung, dass Hildegard Knef wie auf Knopfdruck ihre "Aura anschalten" konnte. Das durfte ich erleben.
Ihr ging es schon Ende 1991 gesundheitlich nicht mehr gut; sie wirkte häufig abwesend. So auch bei der Regiebesprechung mit dem ganzen TV-Team im großen Theatersaal. Alle redeten auf sie ein, als sei sie bereits senil, fast wie auf ein kleines Kind; despektierlich. Mitten hinein erhob sie plötzlich ihre Stimme "Das habe ich schon verstanden. Ich bin ja auch nicht ganz neu." Sie füllte sofort den Saal aus. Alle verstummten.
Sie hatte Angst vor Fans und Autogrammjägern; ihr war ein Taxi bestellt worden. Sie bewegte sich auf High Heels, und um zum Taxi zu gelangen, musste wir an einer sehr langen Bar im Tivoli-Bistro entlang gehen, mitten durch die Gäste hindurch, um zum Taxi zu gelangen. Damit es schnell ging, bat sie, sich an meine Schulter "hängen" zu dürfen - so dass ich sie, sie hinter mir gehend, schnell durch die Menschen ziehen und zugleich abschirmen könne. So machten wir das, Ein surrealer Moment. Doch sie fühlte sich geschützt und gestützt. Ein, zwei Jahre später berichtete mir mein Freund, der im Tivoli arbeitete, dass die Knef gefragt worden sei, in welcher TV-Sendung sie denn gerne noch einmal auftreten würde. Sie nannte die Schmidt-Show, weil sie dort so gut behandelt worden sei. Das Tivoli nahm die Chance wahr. So wurde ich ein zweites Mal ihr "persönlicher Betreuer".
Das Autogramm, eingangs erwähnt, ließ ich mir geben, als ich sie nicht lange vor ihrem Tod für die MME in ihrer Berliner Wohnung interviewte. Sie hatte gerade das magische Album "17 Millimeter" mit Till Brönner aufgenommen; jazzig, klar. Wir arbeiteten zusammen mit einer Plattenfirma an dem Album "Pop 2002", nachdem das erste Pop 2000-Album Hits hervorgebracht hatte. Das war von Herbert Grönemeyer kuratiert worden. Jan Delays Fassung von Nena "Irgendwie Irgendwann Irgendwo" stieg in die Charts ein. Nun sollte ein zweiter Wurf ohne Grönemeyer her, und ich arbeitete am so genannten "E.P.K.", Electronic Press Kit, das Plattenfirmen Medien zur Verfügung stellen - als Recherchematerial oder um die Videos zu eigenen Zwecken als Material zu nutzen.
Hildegard Knef hatte Rammsteins "Engel" zusammen mit Till Brönner aufgenommen. Daran erinnert sich heute kaum jemand, das Album floppte. Aber es war eine bemerkenswerte Aufnahme. Rammstein hatten mittlerweile zu ihrer Version von Depeche Modes "Stripped" ein Video mit Ausschnitten aus Leni Riefenstahls "Olympia"-Film veröffentlicht. Ich mochte die ersten beiden Rammstein-Alben sehr und auch die "Live auf der Wuhlheide"-Aufnahmen; das Video zu Stripped sah auch ich als Grenzüberschreitung. Rammstein als Rache am Westen und dessen Marketing-Mechanismen wie auch am Kapitalismus gleich mit fand ich durchaus überzeugend; das Video nicht.
Zum Interview öffnete mir Paul von Schell, ihr Ehemann, die Tür ihrer Wohnung und erinnerte sich sogar an mich. Er war auch bei den Schmidt-Shows dabei gewesen. Die Knef saß auf ihrem Sofa und ließ sich noch in aller Seelenruhe die Haare machen, das Gesicht dezent schminken und benötigte Hilfe bei der Atmung von einem Sauerstoffgerät, während ich mitsamt Kamerateam die Szenerie betrat. Natürlich filmten wir das NICHT; für mich verblüffend war, mit welcher Souveränität sie noch das Alter nicht versteckte. Immerhin lief da ein ganzes Filmteam in ihre Wohnung. Das war keine "Entblößung", das war schlicht "so bin ich jetzt halt".
Beim Interview stand nun der berühmte Elefant im Raum hinsichtlich all der Verdachtsmomente rund um Rammstein, diese würden mit nationalsozialistischer Propaganda kokettieren. Hatte nur der Manager eine besonders provokative Idee gehabt, die in Medien wirken könne, oder war sie mit dem Song selbst in irgendeiner Form identifiziert? Ich weiß es bis heute nicht. Sie hat auf jeden Fall etwas draus gemacht.
Zu Gast bei ihr zu Hause stellte ich lauter indirekte Fragen, ging ja um ein E.P.K. und nicht um investigativen Journalismus - und die Knef wich elegant allem aus, von dem sie doch wusste, dass ich es erfragen wollte. Ich machte Umwege, stellte allgemeine Fragen zu ihrer Chanson-Karriere, kehrte zurück zu Rammstein - sie antwortete indirekt und erzählte etwas anderes. Ich erhielt wundervolle Antworten, auch zu Rammstein, aber eben nicht das, was vermutlich alle hören wollten.
Für mich war das völlig in Ordnung. Ich weiß bis heute nicht, ob sie den Dank zum Autogramm hinzufügte, weil ich nicht gemeiner, nicht direkter nachfragte. Nun eine Frau mit der Biographie der Knef in so einer Situation festzunageln - ich hätte auch nicht gewusst, ob dadurch nun die Welt zu einer besseren geworden wäre. Ich glaube nicht.
Sie verstarb nicht allzu lange nach dem Interview; und nein, es war doch ein so langer Zeitraum, dass es mit mir nichts zu tun gehabt haben kann. Ich meine mich zu erinnern, zuerst mit Kai Hawaii zusammen getrauert zu haben, der zu dem Zeitpunkt in derselben Firma arbeitete. Das kann ich mir aber auch zusammenfantasiert haben. Aber ich trauerte tatsächlich.
Nun feiern Medien den 100. Geburtstag der Knef, und ich ärgere mich etwas, nicht selbst frühzeitig ARTE eine Knef-Doku angeboten zu haben. ZDF/ARTE teilte mir jedoch mit, dass sie eh sehr viele Angebote erhalten und die Chancen schlecht gestanden hätten. So bekam der SWR den Zuschlag.
Das hilft mir zumindest dabei, meine Erfahrungen vor allem mit den Chansons von Hildegard Knef nicht einem TV-Publikum übersetzen zu müssen ins Allgemeine, um ansonsten brav die Karrierestationen abzuhaken und Experten-Statements zwischen Archivmaterial zu schneiden.
Die Erfahrungen mit ihrer Musik sind für mich so persönlich, so intensiv, so hilfreich, so langlebig, dass es mir vermutlich auch schwer fiele. Mein Knef-Wunsch-Film wäre wohl ein fiktionalisierender, der vor allem rund um ihre Zeit am Broadway in New York, ihre 60er und 70er-Jahre-Alben kreisen würde und sie sodann kontrafaktisch als zugleich glamouröses, weltweises und lakonisches Wesen immer mal die Gay Bars von St. Pauli besuchen ließe. Um zwischendrin glamouröse Auftritte in Schmidt's Tivoli hinzulegen; trotz aller Liebe, die sie mit Berlin verband. Wo sie heimlich unter Pseudonym an Kriminalromanen im Hard Boiled-Style schriebe. Aus der Sicht der Femme Fatale, die Liebe sucht und doch nur Schein und Lügen findet, um daraus dann halt das Beste zu machen. Die zwischen Lachen und Sehnen, Whiskey und Verführung ihren Weg zwischen eitlen Männern sucht und in die Krimi-Handlungen Lebensweisheiten einstreut.
Und so ein Film würde ihr dann vielleicht auch nicht gerecht. Oder doch?