Passa al contenuto principale

Lost Generation, Slacker, Loser, Creeps - oder die verborgene Kraft hinter dem aktuellen Rechtsruck?

Die Erfahrungen der Generation X (1965-1980) als die Geschichte unserer Gegenwart, Teil 1

Der folgende Text ist der Auftakt einer mehrteiligen Serie über die “Generation X”. Der erste Teil widmet sich zunächst dem scheiternden Versuch von Florian Illies im Jahr 2000, mit “Generation Golf” ein Generationenportrait. Ich diskutieet sodann, was “Generationserfahrung” überhaupt heißen kann - und widme mich insbesondere den ökonomischen Umbrüchen der späten 70er, frühen 80er Jahre.

In den weiteren Teilen rekonstruiere ich das Ende der “Großen Bewegungen”, die Lage im Osten, Fragen rund um Ethnie und Migration, Elemente aus der Popkultur - so z.B. Punks und Popper, Synthie-Sounds, Grunge und Techno - und auch das Kino und Serien der 80er und frühen 90er. Zudem wird es um Queers, Digitalisierung die New Economy gehen.

Den Schwerpunkt bilden die Quellen all dessen, was wir heute als “Rechtsruck” erleben - widerständige Elemente verschweige ich dennoch nicht. Ich konzentriere mich nicht nur auf Deutschland, sondern beziehe auch Frankreich, Großbritannien und die USA mit ein.

Katharina Reiche ist Jahrgang 1973, Ulf Poschardt wurde 1967 geboren. Björn Höcke erblickte 1972 das Licht der Welt, Alice Weidel 1979, Jens Spahn 1980. Peter Thiels erster Atemzug: 1967, Alex Karp sog die Luft im selben Jahr ein - Elon Musk 1971.

GENERATION GOLF

Florian Illies stieß seinen ersten Schrei 1971 aus und veröffentlichte im Jahr 2000 “Generation Golf” - nach Erhalt u.a. des Axel-Springer-Preises. Zu Beginn der 90er begann er, für die FAZ zu schreiben und war Wikipedia zufolge seit 1999 verantwortlich für die “Berliner Seiten” der Frankfurter Allgemeinen. Er fungierte somit als eine Art Avantgarde der “Berliner Republik”, der ja auch ein “VW-Kanzler” vorstand. Gerhard Schröder halt, auch als “Genosse der Bosse” bekannt.

Welche Musik hörte die “Generation Golf”? Antwort Illies:

“Ich habe eben schnell gemerkt, dass jeder Satz, den ich über Musik schreibe, vor mir selbst lächerlich wird. Mein Kenntnisstand liegt bei null, also blende ich es einfach komplett aus.” (Si apre in una nuova finestra)

Und das, wo der Walkman oft als typischer Begleiter dieser Jahrgänge begriffen wird. Dennoch:

“ (...) ganz offenbar weckt und befriedigt “Generation Golf” das Heimatgefühl einer Generation. (...) Wenn eine halbe Million Leute ohne Werbung ein Buch kaufen, dann deswegen, weil sie sagen: So war’s auch bei mir.” (Si apre in una nuova finestra)

Ein Blick von der Rückbank des VW Golf über die Mauer vielleicht, somit ein paar Infos zu Dresden oder Pirna zusammensammeln - eventuell auch das Ausland einbeziehen? Nö. Warum auch, wenn man in satten Verhältnissen in Schlitz, Vogelsbergkreis, Hessen, aufwächst. Jana Hensel veröffentlichte ihr Buch “Zonenkinder” als ostdeutschen Gegenentwurf zu Illies’ “Generation Golf”.

Migration? Gab es wohl nicht in Hessen. Zumindest nicht auf dem Lande, und Fulda, wo Illies zur Schule ging, liegt ja allenfalls auf dem Weg nach Frankfurt. Oder Migranten galten ihm halt einfach nicht als deutsch genug. Sein Golf fuhr wohl eher über Landstraßen - bis nach Bad Hersfeld vielleicht. Oder auch mal nach Kassel.

Das Buch entwirft das Bild einer homogenen westdeutschen Welt, in der Playmobil, Nutella, Benetton-Pullover und „Wetten, dass…?” den Sinn des Lebens bestimmen. Illies’ Buch listet Playmobil und Nutella, Vanilletee und Boris-Becker-Starschnitt, Benetton-Pullis und Adidas-Turnschuhe auf - eine Alltagsphänomenologie, in der die gesellschaftliche Vielfalt der Bundesrepublik schlicht nicht vorkommt. Das ist der strukturelle Grundkritikpunkt am Buch: Kritiker warfen Illies eine „Nabel der Welt”- Attitüde vor und fragten sich, wen solche Schilderungen überhaupt interessieren sollten - denn das Buch beschreibt nur einen sehr spezifischen Ausschnitt der deutschen Gesellschaft jener Zeit und erhebt ihn zum Generationenporträt.

Während das Roman-Gegenstück Douglas Couplands zur “Generation Golf” die Welt der 80er und frühen ganz und gar nicht als gemütlich oder gar ereignislos wahrnahm. Coupland schrub von:

Historical Overdosing: In einer Epoche zu leben, in der scheinbar zu viel auf einmal passiert. Hauptsymptome: Sucht nach Zeitungen, Magazinen und TV-Nachrichten. (Die Symptome von Historical Underdosing sind dieselben.)

(Douglas Coupland 1991, “Generation X”; alle Zitate stammen aus Sekundärquellen, die wiederum Coupland zitieren)

Klar, auch Florian Illies wurde im Laufe der Jahre schlauer, weltoffener, proklamierte später den Neid auf die von der “Suhrkamp-Kultur” Geprägten (wie mich, auch “Generation Golf”) - und die Veröffentlichung dieses Bestsellers liegt nun 26 Jahre zurück.

Trotzdem könnten sehr viele, die über Kapital und Macht verfügten und verfügen, sich mit Illies’ Nabelschau in der eigenen Biografie identifiziert haben. Deren Habitus scheint mir bis heute prototypisch für die ebenso bornierte wie ignorante Selbstbezüglichkeit vieler weißer, deutscher Heteros aus der Mittel- und Oberschicht. Es mag albern scheinen, sich über Bücher aus dem Jahr 2000 aufzuregen - das, was mich ärgert, ist jedoch zugleich das, was blieb.

Also auch Sätze wie:

“Die Industrie weiß, glaube ich, daß sie mit uns ihre besten Kunden hat, wir werden immer älter und reicher” (Si apre in una nuova finestra)

gehören dazu. In Douglas Couplands “Generation X” regierte nämlich ein anderes Prinzip:

Weniger-Sein: Eine Philosophie, bei der man sich mit schwindenden Erwartungen an materiellen Reichtum abfindet: „Ich habe es aufgegeben, das große Geld machen oder ein Bonze sein zu wollen. Ich möchte einfach nur glücklich sein und vielleicht ein kleines Straßencafé in Idaho eröffnen. (Ebd.)

Aber die in den USA hatten ja auch nur Reagan und dann Bush senior als Präsidenten zum Zeitpunkt des Erscheinens von “Generation X”. In Deutschland West regierte einer, über den in den frühen 80ern zunächst noch als “Birne” gewitzelt wurde:

“(...) es gab da einen Helmut Kohl, der alles abhielt, man beschäftigte sich immer mehr mit sich selber.“ (Si apre in una nuova finestra)

Ich fühlte mich durch Helmut Kohl eher nicht geschützt. Annette Humpe, u.a. Sängerin von Ideal und erfolgreiche Produzentin, so von den Prinzen, noch Boomer, äußerte sinngemäß mir gegenüber im Pop-2000-Interview: jedes Land hat die Regierungschefs, die es verdient. Nachdem ich noch die Spätphasen von Helmut Schmidt und Willy Brandt erleben durfte, prägte sich mir eher die Annahme ein, dass Kohl mit einem Mix aus Bauernschläue und Machtinstinkt das Land auf sein Niveau reduziert hatte. Er schwenkte dabei zum Glück nicht auf den Wirtschaftskurs von Thatcher und Reagan ein und behielt auch nicht nur Klientelpolitik im Blick - und war zudem ein überzeugter Europäer.

Ich bin auch nicht der Ansicht, einer “Generation” anzugehören, “der die biografischen Ereignisse fehlen, die so etwas wie eine Generation konstituieren” - so formulierte es Illies. Selbst die 1975 Geborene waren zum Zeitpunkt des Mauerfalls 14. Wie kam man im Jahr 2002 auf solche Aussagen?

Die Sicht der Popper - zu denen später mehr - wirkt bei Illies nach. Sie fügt sich teilweise auch in internationale Muster ein.

Was für eine Generation wählte Donald Trump? Bis zu 54% der Angehörige der Generation X stimmten bei der letzten Wahl für ihn. Ich verwende im Folgenden, anders als Illies, die zumeist genannte Alterskohorte von 1965-1980. Bereits 2020 lag die Gruppe der Trump-Wähler innerhalb dieser Jahrgänge mit einem Prozentpunkt vorne. Im Falle des Brexits zeigte sich ein deutlicher Klassenunterschied: die Mittelklasse dieser Alterskohorte votierte für den Verbleib in der EU, die Arbeiter- bzw. “Unter”schicht für “Leave”. Im Falle der Boomer zeigte sich die Zustimmung zum Austritt aus der EU jedoch erheblich ausgeprägter. In Deutschland wählt die “Generation Golf” überdurchschnittlich stark die AfD - 27-28%. Im Osten fielen die Stimmenanteile noch höher aus, ebenso ist diese Partei in ländlichen Regionen stärker als in Metropolen. In Schlitz, also dort, wo Florian Illies aufwuchs, liegt sie bei fast 25%.

Die Zahlen stammen von Claude (KI). Ich habe die mit gelieferten Links angeklickt und gegengecheckt. Es sind Zahlen, die man zumindest im Circa-Bereich schon mal irgendwo gehört hat. Als ich zuerst nach Illies, dann nach den Wahlergebnissen im Vogelsberg-Kreis fragte, merkte Claude die Überschneidung an: “Hey, das ist doch der Kreis, aus dem Illies stammt!” Ich antwortete: “Ja, deshalb habe ich ja danach gefragt!” Claudes Antwort:

“Das hatte ich mir gedacht! Es ist tatsächlich ein bemerkenswerter Kontrast: Illies beschrieb den Vogelsberg als Inbegriff der behüteten, politisch desinteressierten westdeutschen Provinz - eine Generation ohne große Ereignisse, ohne Politisierung, ganz auf Konsum und Alltag fokussiert. Und heute ist genau diese ländliche Provinz ein Gebiet, in dem die AfD überdurchschnittlich gut abschneidet.”

Womit ich beim Thema dieses Textes gelandet wäre - eine etwas umfassendere Deutung der “Generation X”, als Illies sie einst in “Generation Golf” in Angriff nahm.

Erwähnt seien noch Zahlen aus Frankreich - zumeist bewege ich mich im Folgenden in Deutschland, Großbritannien, den USA und Frankreich. Die Älteren der Generation X, die 50-59jährigen, bildeten die stärkste Gruppe unter den Rassemblement National-Wählern. Tatsächlich Wählern: Der typische RN-Wähler war laut Ipsos-Talan männlich, Arbeiter oder Angestellter, und 50–59 Jahre alt. Bei den Jüngeren der Generation X fiel die Zustimmung etwas schwächer aus. Auch in Frankreich wirkt ein starkes Stadt-Land-Gefälle.

DER GENERATIONSBEGRIFF

Ich halte allenfalls eingeschränkt etwas von “Generations”-Labeln. Bei den “Boomern” (1954 bis 1965) bildeten sich allem die Gegenkulturen der 70er Jahre aus, die jene der 60er Jahre teils fortsetzten, teils zu ihnen opponierten (so im Glam-Rock, in Disco oder Punk) und die Neuen Sozialen Bewegungen ausbauten, vor allem die Anti-Atomkraft-, die Friedens- und die Frauenbewegung in Teilen dieser Generation. Andere hörten auch Heintje oder Peter Alexander.

Die “Nachfolgegenration” der Boomer, das waren zunächst die Kinder des Pillenknicks - also der Möglichkeit der Empfängnisverhütung durch ein Medikament. Diese Methode kam im Zuge der “sexuellen Befreiung” vor allem Männern zugute. Sie mussten sie ja nicht nehmen. Die Boomer zuvor hatten Eltern, die noch - in Deutschland - durch den Nationalsozialismus geprägt waren wie auch den 2. Weltkrieg. Sie wuchsen im Westen im “Wirtschaftswunder” auf - einen gewaltigen Boom gab es auch in den USA, in Großbritannien und Frankreich. Auch deshalb “Boomer”. Die Reaktion der “Generation X” darauf fasste Douglas Coupland in seinem Roman so zusammen:

Boomer Envy: Neid auf den materiellen Wohlstand und die langfristige finanzielle Sicherheit der älteren Baby-Boomer-Generation, erworben schlicht durch glückliche Geburtsjahrgänge. (Ebd.)

Die Boomer waren, da es sich halt um die “geburtenstarken Jahrgänge” in westlichen Gesellschaften handelte, ziemlich viele. 1967 kamen in West-Deutschland zwar noch genauso viele Kinder zur Welt wie 1962. Trotzdem kann ich mich selbst an einen Umbruch erinnern - die Freunde meines Bruders und meiner Schwester, Jg. 1961 und 1963, orientierten sich anders in der Welt als meine Schulfreunde und - feinde, und der Kontrast verschärfte sich anschließend noch. Pink Floyd und Supertramp waren out, Wave, Syntie Pop und Laura Brannigans “Self Control” in, sehr schematisch gesprochen. Schlaghosen und lange Haare verschwanden allmählich (außer bei Metal-Fans), Karottenhosen und Pastellfarben prägten den Schulhof - mit langen Überlappungsphasen. Zur Popkultur später ausführlicher.

“Im deutschsprachigen Raum wird die Generation X auch Generation Golf genannt. Im englischsprachigen Raum ist die Bezeichnung “lost generation” (verlorene Generation) gängig. So wirkt es fast bezeichnend, dass die Gen X bei den popkulturellen Grabenkämpfen außen vor bleibt.” (Si apre in una nuova finestra)

So oder ähnlich kann mit einem Generationenbegriff als Hülle arbeiten: Menschen, die in einem bestimmten Zeitraum geboren wurden, begegnen unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen historischen Situationen, zu denen sich keineswegs homogen verhalten - aber sie verhalten sich zu und in ihnen und werden durch die “Vibes” und Atmosphären, technischen Innovationen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst. Manche ignorieren, je nach Betroffenheitsgrad, die Historie auch einfach. Ob man in Rostock oder München, in Bangkok oder Santiago de Chile, in Dubai oder Washington in diesen Jahren aufgewachsen ist, das ist noch einmal ein erheblicher Unterschied. Die Generationsetiketten werden zumeist für den westeuropäischen und angloamerikanischen Raum auf Alterskohorte geklebt. Ich betrachte vor allem die Prägungen in Kindheit und Jugend.

DIE ÖKONOMISCHEN BEDINGUNGEN der 70ER UND FRÜHEN 80ER JAHRE

Die Älteren der Generation X wuchsen mitten hinein in die Krisen und Umbrüche der 70er Jahre. Vorneweg die “Ölkrisen” 1973 und 1979/80, wobei letztere oft vergessen wird. Die Erhöhungen der Rohölpreise führten zu Rezessionen in den westlichen Industrienationen. An die anschließende Diskussion zum “autofreien Sonntag” kann ich mich gut erinnern. Für manche wirkte der “autofreie Sonntag” ja eventuell so traumatisch, dass sie Bücher mit dem Titel “Generation Golf” verfassten, “autofrei”, das geht in Deutschland ja gar nicht; auf andere, dass ihnen ein Porsche wichtiger ist als Menschen, auf Dritte, dass sie Städte wie Berlin lieber zupflastern, als Fahrradfahrern und Bäumen ein wenig Raum zu gönnen.

Es ist nicht auszuschließen, dass die breite Diskussion darüber, wie Öl, also nicht Speise-, sondern Erdöl, das Leben am Laufen hält, sich unbewusst tief eingeprägt hat - vielleicht auch das Umrüsten von Öl- auf Gasheizungen in Folge. Auch das habe ich in meinem Elternhaus so erlebt: Gas garantiert Wärme. Katharina Reiche hat das vielleicht auch aufgesogen. So wie ein Lebenselixier, von dem sie einfach nicht lassen kann, ohne in Todesängste zu verfallen. Sie wurde zwar im Jahr der Ölkrise 1973 geboren, aber gerade im ersten Lebensjahr sollen die unbewussten Prägungen besonders stark wirken.

Die Jüngeren der “Generation X” haben die Ölkrisen nicht mehr erlebt. Sie wuchsen dennoch in eine Zeit hinein, die auf sie reagierte. Ebenso auf den Zusammenbruch des Bretton Woods-Währungssystems. Den wird kein in den 70er Jahren aufgewachsenes Kind verstanden haben - das ist auch bis heute schwierig zu begreifen. Er hatte aber Folgen - eine instabilere Weltwirtschaft.

Die Wechselkurse zwischen Währungen waren bis dahin an einen fixen Dollarkurs wie auch an den Goldpreis gekoppelt. Das Ende von Bretton Woods (1971–73) läutete eine Ära der freien, schwankenden Wechselkurse ein. Anschließend wurde die Welt von reinem Papiergeld regiert - Geld, das seinen Wert nicht mehr aus einer Golddeckung bezog, sondern allein aus staatlichem Vertrauen. Das hieß: mehr währungspolitische Flexibilität, aber auch mehr Instabilität und spekulative Kapitalbewegungen. Tatsächlich sind viele der Finanzkrisen danach durch diesen Wandel zu erklären. Auch über anschließend wiederkehrende Börsenimplosionen wurde in den Nachrichten berichtet - ich erinnere mich an Black Monday-Cocktail-Parties nach dem 19. Oktober 1987, zum Beispiel. Oder solche, die unter “Dow Jones”-Motti gestellt wurden.

Langfristig wirkte der Wandel des Währungssystems nachhaltig auf manche Vertreter der Generation X - sei es im Falle von “Pay Pal” oder Bitcoin.

Diese Jahrgänge wuchsen mit der Erfahrung auf, dass die großen institutionellen Versprechen der Nachkriegsordnung - stabiles Geld, verlässlicher Staat, gesicherter Wohlstand - nicht gehalten wurden (Ausnahme: Schlitz im Vogelsberg-Kreis, da war das anders). Die 1970er bis hin zu den 1990er Jahren waren auch solche der Währungskrisen: In Lateinamerika wucherte die Hyperinflationen, auch europäische Länder wurden von Turbulenzen rund um Wechselkurse geschüttelt. Ende der 90er Jahre gerieten die Währungen von Thailand, Indonesien, Malaysia, Südkorea und den Philippinen ins Wanken. Die Älteren der Generation X waren zu dem Zeitpunkt schon erwachsen, die Jüngeren am Ende ihrer Jugend angekommen - doch diese schwankenden, explodierende und implodierenden Währungen bildeten eine Art Hintergrundrauschen der historisch wie auch individuell unterschiedlich gelebten Erfahrung. Die Generation X lernte: Geld ist politisch, Zentralbanken sind mächtige und potenziell willkürliche Akteure, staatliche Währungsversprechen können gebrochen werden.

Gerade Peter Thiel wurde hierdurch nachhaltig geprägt. 1999 äußerte er: Die Zukunft werde etwas sein:

“(…) bei dem man die Wahl zwischen verschiedenen Währungen hat, und die Wahl liegt nicht beim Souverän, sondern beim Individuum - in gewissem Sinne wird das Individuum souverän und kann entscheiden, welche Währung es verwenden möchte.” (Si apre in una nuova finestra)

Was diese Linie von Bretton Woods über PayPal zu Bitcoin so aufschlussreich macht, ist ihre ideologische Kohärenz: Sie ist nicht allein eine technische oder wirtschaftliche Geschichte, sondern eine generationelle Weltanschauung. Thiels libertärer Technologiemessianismus ist die unternehmerische Sublimation dieser Erfahrung - der Versuch, durch Technologie das zu leisten, worin der Staat systematisch versagt hatte. Sie ist zudem - später mehr - stark von Friedrich von Hayeks Visionen einer Alternativwährung beeinflusst; mit einer libertären, also anti-staatlichen Stoßrichtung.

Den Umbau des Währungssystems spürte man nicht auf dem Schulhof oder in der elterlichen Küche. Die “Stärke der D-Mark” jedoch z.B. im Wechselkurs mit dem Dollar avancierte zum Thema in Nachrichtensendungen und mündete in den berühmten “D-Mark-Nationalismus”. Auch die Inflation war wieder da. Deutschland hielt sich diesbezüglich wacker - in Großbritannien stieg sie bereits 1975 bis auf 24%, in den USA 1980 auf 13,5%, in GB schnellte sie Anfang der 80er Jahre erneut auf 18%. Die Franzosen lebten ab 1973 zwischen ca. 9% und ca. 13% inmitten eines relativ hohen Inflations-Niveaus bis Mitte der 80er Jahre.

Die Antwort erfolgte durch das, was später als “Neoliberalismus” genannt wurde. Ein wenig verwirrend ist, dass auch der Ordoliberalismus, also das Denken von Walter Eucken, Wilhelm Röpke oder Alexander Rüstow, häufig unter dem Begriff “Neoliberalismus” firmiert. Der Ordoliberalismus prägte jedoch eher die Soziale Marktwirtschaft, also z.B. die Politik Ludwigs Erhardts.

Unter Thatcher und Reagan zeigten sich jedoch die Einflüsse Milton Friedmans (Si apre in una nuova finestra) und Friedrich August von Hayeks (Si apre in una nuova finestra) . Wenn ich von “Neoliberalismus” schreibe, dann meine ich deren politischen Ansätze. Viele können das Folgende im Schlaf aufsagen. In Diskussionen insbesondere bei X habe ich jedoch erlebt, dass “Liberalo-Konserative” es oft als einen inhaltlich leeren, linken Kampfbegriff behaupten. Also, das ist gemeint:

- Geldmengenpolitik oder auch “Monetarismus”: Die Geldmengenpolitik gilt als ein zentrales Instrument, um durch Steuerung der Geldmenge Preisstabilität zu gewährleisten und Inflation zu verhindern. Sie beeinflusst über Zinssätze und Mindestreserven die Kreditvergabe der Banken. Staatsverschuldung galt dem Neoliberalismus zumindest idealerweise als Wurzel allen Übels. Diese würde auch private Investitionen verdrängen. Haushaltskonsolidierung wurde angestrebt. Gewerkschaften müssten gebrochen werden, weil deren Streben nach Lohnerhöhungen die Inflation antreibe. Höhere Löhne würden sich in den Preisen niederschlagen.

- Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik. So definiert das die Google-KI:

“Die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (Angebotspolitik) ist ein makroökonomischer Ansatz, der darauf abzielt, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung durch die Verbesserung der Produktionsbedingungen für Unternehmen zu fördern”.

- Privatisierungspolitik - sowohl von Staatseigentum als auch von Sozialversicherungssystemen - im ersten Fall z.B. Krankenhäuser, im zweiten Fall z.B. Rentenversicherungen. Der Staat müsse sich auch Marktprozessen heraushalten, Wirtschaft würde “in der Wirtschaft gemacht”. Ein Minimalstaat wurde angestrebt.

- Der Wohlfahrtsstaat sei an sich ein Problem und würde die falschen Anreize setzen, sei zudem zu teuer.

- Eine Politik etablierte sich, die sich nicht mehr als Flankierung oder auch Kompensation des Sozialdarwinismus in der Marktwirtschaft begreift, sondern markwirtschaftliche Imperative (im Sinne der Angebotspolitik) als Leitfaden von staatlich-administrativen Maßnahmen installiert. Z.B. im Falle von “Standortkonkurrenz” oder auch Wissenschaftspolitik - sie müsse Profitables und Verwertbares hervorbringen.

- Eine schrittweise Abkopplung der Politik von Zivilgesellschaft und Lebenswelt vollzog sich. Typisch: Schröders “Neue Mitte”. Politik orientiert sich an Marketing. Während Schröders Vorgänger noch den Schulterschluss mit Gewerkschaften, Arbeiterwohlfahrt und Paritätischem Wohlfahrtsverband suchten und Helmut Kohl mit CDU-Ortsvereinsvorsitzenden telefonierte, präsentierten sich Parteien nunmehr eher wie Firmen vor dem Börsengang in möglichst nichtssagenden Kampagnen - analog zur Telekom-Aktie.

Soweit die von Empirie bereinigte Variante, die bis heute wirksam ist und trotz aller Krisen bis zu Trump nicht revidiert wurde, der statt Freihandel auf Protektionismus setzt. Vielen Angehörigen der Generation X wurden diese Gebote einer neuen Weltordnung gelehrt als Evangelien des richtigen Wirtschaftens, eines dogmatischen Glaubens, zudem eines, der dazu beitrug, die Mauer im Osten zum Einsturz zu bringen. Sie haben das internalisiert und predigen es heute noch. Andere litten unter den Folgen.

„Thatcherismus” realhistorisch entwickelte sich zu einem eigenen Phänomen - einer Mixtur aus Monetarismus, Hayekschem Marktliberalismus, und einer autoritären Staatspolitik in nicht-ökonomischen Bereichen. Die “eiserne Lady” bestritt zudem, dass es so etwas wie sozioökonomische Strukturen überhaupt gäbe - sie kenne nur Individuen, keine Gesellschaft. So sei eh jeder selbst schuld an dem, was ihm widerfuhr.

Reaganomics verzichteten vollständig auf Haushaltskonsolidierung, unterließen dabei jegliche Disziplin in diesen Bereichen und verdreifachten das Staatsdefizit. Der Grund: Massive Steuersenkungen, die sogar Thatcher für unverantwortlich hielt.

Reagans Motto: „Government is not the solution to our problem; government is the problem.” Die Rechtslibertären heutiger Tage lernten und radikalisierten es. Thatcher hingegen setzte in eng gesteckten Grenzen auf einen kulturkonservativ-autoritären Staat. Sie agierte radikal in der Zerstörung des Sozialstaates, während Reagan ihn eher rhetorisch attackierte, sich aber gegen den Kongress oft nicht durchsetzen konnte.

Das alles bestimmte die sozioökonomischen Bedingungen, unter denen die Generation X aufwuchs.

JUGENDARBEITSLOSIGKEIT

Teils infolgedessen, teils bereits vorher zeigte sich in allen Ländern eine starke Jugendarbeitslosigkeit. In West-Deutschland stieg sie bis in die frühen 80er hinein auf bis zu 10% - ich erinnere mich daran, wie dieses zu meiner Schulzeit eine erhebliche Nervosität gerade unter Schülern verursachte, die den Hauptschulabschluss anstrebten.

Im Falle der “Gastarbeiterkinder”, die in West-Deutschland als lediglich “provisorisch anwesend” und eben nicht als Staatsbürger betrachtet wurden selbst dann, wenn sie es waren, lag die Jugendarbeitslosigkeit erheblich höher - geschätzt bei 15-20%. Betriebe bevorzugten oft deutsche Bewerber, so die Überlieferung, genaue Erhebungen wurden nach meinen Recherchen nicht durchgeführt. Nicht-deutsche Jugendliche hatten größere Probleme, eine Lehrstelle zu erhalten. Der 1978 unter der sozialliberalen Koalition eingeführte Ausländerbeauftragte verwies auf die strukturelle Benachteiligung - er hieß Heinz Kühn und veröffentlichte 1979 ein Memorandum, das Integrationsbemühungen und gezielte Einwanderungspolitik einforderte. Die Regierung Schmidt ignorierte es.

Frankreich erlebte eine Explosion juveniler Erwerbslosigkeit: bis zu 26% der Jungen waren bis 1985 arbeitslos. Die Linke gab dem Neoliberalismus die Schuld, die Rechte Kündigungsschutz und zu hohen Löhnen. Ethnien wurden nicht erfasst - weil in Frankreich als Staatsbürger galt, wer auf französischem Boden geboren wurde, also auch in den Kolonien. Die Beur-Bewegung (zunächst selbstgewählter Begriff der zweiten Generation nordafrikanischer Einwanderer, später auch als stigmatisierend empfunden) artikulierte ab 1983 öffentlich, was die Statistik verschwieg: Der „Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus” (1983, oft „Marche des Beurs” genannt) machte Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt zu einem politischen Thema - mit Erfahrungsberichten, aber ohne harte Zahlen.

In den USA waren bis zu 23% der Jugendlichen arbeitslos - in einem weit “flexibleren” Arbeitsmarkt. Hier etablierte sich der Begriff der “Working Poor” - also Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiteten, inmitten einer “Hire & Fire”-Kultur, aber von den Löhnen kaum leben konnten. Douglas Coupland prägte dafür in seinem Roman “Generation X” den Begriff:

McJob: „Ein schlecht bezahlter, wenig angesehener, würdeloser Job ohne Zukunft im Servicesektor – von Menschen, die noch nie einen hatten, häufig als erfüllende Karriereoption betrachtet.” (Ebd.)

Die Jugendarbeitslosigkeit unter nicht weißen Jugendlichen stieg auf bis zu 46% an - Reaganomics sahen dieses im Mindestlohn begründet, während ihre Gegner darauf verwiesen, dass bei gleicher Qualifikation Weiße bevorzugt würden.

In Großbritannien fanden bis zu 24% der Heranwachsenden keinen Job - vor allem in den Industrierevieren. In manchen Stadtteilen von Birmingham, London und Manchester wuchs der Anteil auf bis zu 55% im Falle von BPoC. Auf der Insel fehlte eine mit den USA vergleichbare institutionelle Auseinandersetzung. Ethnische Minderheiten wanderten oft erst in der Nachkriegszeit aus der Karibik und Südasien ein; ihre Kinder bildeten die erste Generation, die auf dem britischen Arbeitsmarkt als Einheimische auftraten - und auf massive Barrieren stießen.

(Die Recherche zu den Zahlen rund um Inflation und Jugendarbeitslosigkeit erfolgte durchgehend mit Claude und steht somit unter KI-Vorbehalt - deckt sich aber mit dem, was ich sonst zu wissen glaube)

Je nachdem, welcher Jahrgang der Generation X all das schon in vollem Bewusstsein oder als vielleicht bekannte, eventuell unbekannte Vorgeschichte erfuhr: diese wachsende Unsicherheit wirtschaftlicher Verhältnisse wird in der Psyche von vielen tiefe Spuren hinterlassen haben, bei den Anderen - wie den Kindern reicher Eltern oder in Schlitz - eher nicht. Die Jüngeren wuchsen in eine Welt hinein, in der sie in die Folgen der Umbrüche bereits hinein sozialisiert wurden, sie deshalb als normal empfanden.

In West-Deutschland griff diese Transformation in den 80ern nicht so radikal wie in den USA oder Großbritannien. Kohl blieb eher noch dem “Rheinischen Kapitalismus” verpflichtet, einem Konsensmodell aus Industrie, Politik, Kirchen bzw. Katholischer Soziallehre und Gewerkschaften, und betrieb dabei wenig neoliberale Politik. Damit legte erst Schröder radikal los.

Frankreich ging unter Mitterand einen Sonderweg. Zunächst setzte er auf die Verstaatlichung von 5 großen Industriegruppen und 39 Banken, erhöhte den Mindestlohn, bewegte sich auf die 35-Stunden-Woche zu und führte eine 5. Urlaubswoche ein. Er stärkte zudem die Regionen. 1983 vollzog auch er die Wende zur Austerität. Der Grund: “Kapitalflucht” setzte ein, der Franc wurde immer weiter abgewertet, die Leistungsbilanz verschlechterte sich.

Das Gegenmittel: Privatisierungen, Liberalisierung der Finanzmärkte, Modernisierungsrhetorik. Effekt war all dieses auch des europäischen Binnenmarktes und der anvisierten Einführung des EURO. Beides zusammen schuf einen institutionellen Rahmen, der linke Wirtschaftspolitik auf nationaler Ebene strukturell unmöglich machte. Das ist einer der Gründe für die geringe Popularität der EU in der französischen Linken.

Im nächsten Teil dieser Artikelreihe geht es weiter mit Migrationspolitik, den Schlüsselkindern und der Lage in Ostdeutschland.

Argomento Gesellschaft

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Bettges - Essays zu Kunst-, Medien- und Sozialphilosophie e avvia una conversazione.
Sostieni