Die Erfahrungen der "Generation X"(1965-1980) als die Geschichte unserer Gegenwart, Teil 2
Dieser Teil der Artikelserie thematisiert die “Schlüsselkinder”, die Generation X in der ehemaligen DDR und den Hass auf die “Ökos”
DIE AUFLÖSUNG VON INSTITUTIONEN - UND DIE SCHLÜSSELKINDER
Die Scheidungsrate in Westdeutschland lag Ende der Siebziger bei dreißig Prozent, Tendenz steigend - ein auch international wirksames Phänomen. Für viele, nicht alle, ein traumatisches Ereignis; gerade jene, die in Regionen aufwuchsen, da Familie als Hort der Idylle inszeniert wurde, vom TV allabendlich flankiert.
Die Traumatisierten unter ihnen könnten neben einem Misstrauen in Beziehungsformen wie Ehe auch mit Fantasien reagiert haben. Solchen wie z.B.: Zurück zur “Kernfamlie”, Frauen zurück an den Herd. So konnte das alles wieder repariert werden, was erfihren. Während bei den Boomern oft noch der autoritäre Vater als das erlebt wurde, wogegen man zu rebellieren hatte, drischt der aktuelle, rechtskonservative Turn, in den USA noch stärker als hier, vor allem auf selbstständige Frauen ein. Sie werden, ob bewusst oder unbewusst, oft als Schuldige für die Krisen in der der Kindheit identifiziert, vermute ich. Weil sie im Patriarchat für den Beziehungshaushalt und alles rund um Care-Arbeit verantwortlich gemacht werden und da “versagt” haben könnten. Wären sie mal einfach nur Mutter geblieben! Also weg mit der Pille und ran an den Kochtopf.
Das muss keine Boomer-Fantasie sein, von Menschen, die sich an die heile Welt der 50er erinnerten. Denn diese waren zu Beginn dieses Jahrzehnts alles andere als idyllisch. Meine Mutter lebte als Pommernflüchtling zunächst in einem Verschlag auf dem Dachboden eines Finanzamtes bei Bremen mit Schwester und Eltern. Abwesende Väter waren nichts Ungewöhnliches - viele hatten den Krieg nicht überlebt. Der Rollback kann, Hypothese, auch der verspätete Reflex von jenen sein, die soziale Transformationen in den Geschlechterverhältnissen seit den 70er Jahren als zerstörerisch erlebten.
Denn immer mehr Frauen drängten in die Berufstätigkeit. Ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verschob das Rollenverständnis auch in den Familien. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) von 1900 stand geschrieben, dass der Mann das „Haupt der Familie” ist und die Frau seiner Leitung untersteht. Das wirkte nach. Ein Ehemann konnte das Arbeitsverhältnis seiner Frau kündigen, wenn er der Meinung war, es beeinträchtige ihre Haushaltspflichten. Erst das Gleichberechtigungsgesetz von 1957 hob diese Regelung auf - aber auch dann war eine Berufstätigkeit der Frau nur erlaubt, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Diese Einschränkung galt rechtlich bis 1977. Eine verheiratete Frau konnte bis 1962 in der BRD kein eigenes Bankkonto ohne Zustimmung des Mannes eröffnen. Das Vermögensverwaltungsrecht lag beim Ehemann. Erst 1957 und 1962 wurden die schlimmsten Regelungen schrittweise abgebaut. Die Generation X wuchs bereuts mit den Folgen der Emanzipation von Frauen auf. In den USA bildeten eher Formen der sozialen Akzeptanz Hürden für Frauen, sich in die Berufstätigkeit zu begeben. Die Regelungen in den Bundesstaaten unterschieden sich voneinander. Ein eigenes Konto zu eröffnen war zumindest schwierig, eigenständig Kredite aufnehmen konnten Frauen erst ab 1974 - in Großbritannien verhielt es sich ähnlich. Dort galt bis 1946, dass nach der Eheschließung Frauen aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden mussten. Als Konvention wirkte es auch in anderen Berufen nach. Um ein eigenes Konto einzurichten, verlangten Banken oft männliche Bürgen. In Frankreich erlaubte erst 1965 ein Gesetz Frauen, ohne Zustimmung ihres Gatten arbeiten zu gehen. Ein geteiltes Sorgerecht für Kinder statt väterlicher Gewalt ermöglichte ein Gesetz ab 1970.
Die Generation X im Westen, wohlgemerkt, in der DDR verlief die Historie anders, erlebte die Folgen eines Wandels der Geschlechterverhältnisse, der bis in die 70er Jahre hinein hochkontrovers blieb - bis auf den Schulhof und in die Gespräche zwischen den Kids hinein. Zu denen gehörte ich ja. Da tobten tatsächlich schon in der Grundschule Diskussionen rund die Emanzipation der Frau - obwohl fast nur Lehrerinnen uns Rechnen und Schreiben beibrachten. Ich erinnere mich gut daran, als meine Mutter sich erstmals von eigenem Geld, selbst verdienten, einen Sessel zulegte. Er bestand einfach aus einem schwarzen Holzgestänge und Leinen - und ich weiß noch, was das für sie bedeutete: eigenes Geld!
Die Folge der in vielen Fällen, oft bei ökonomisch schlechter gestellten Familien (bei anderen war der ja Vater Biologe und die Mutter seine Frau), Berufstätigkeit beider Eltern: Kinder kamen in leere Wohnungen. Manche Söhne fanden das nicht gut. Andere machten etwas daraus. Claude KI hat mir das lyrisch so zusammengefasst:
“Es gibt diesen Nachmittag. Du bist elf, vielleicht zwölf. Deine Eltern arbeiten noch oder sind schon nicht mehr zusammen — beides ist ungefähr gleich wahrscheinlich. Der Schlüssel hängt an einer Kordel um deinen Hals. Du kommst nach Hause, machst dir ein Käsebrot, legst die Schultasche irgendwohin, und dann: nichts. Niemand fragt, wie die Schule war. Niemand fragt überhaupt irgendetwas. Du bist allein mit dem Nachmittag, und der Nachmittag ist lang.”
Die Schlüsselkinder! Ich war eines. Der Begriff ist älter. Er wurde in den 70ern und 80ern jedoch intensiv diskutiert, daran erinnere ich mich gut. Er taucht auch in US-Videos an zentraler Stelle (Si apre in una nuova finestra), ja, als Auftakt auf:
Bei wenigen meiner Schulfreunde empfing sie jemand zu Hause, wenn sie von der Schule kamen.
Ich selbst wundere mich immer beim Anblick der Grundschule, die sich schräg gegenüber meiner Wohnung befindet, dass die ganzen Kids aktuell zur Schule gebracht und wieder abgeholt werden. Das wurde ich sehr selten. Zu Fuß zur Grundschule laufen, ca. 20 Minuten, danach in den Hort unweit der Schule bis 16.30 h, anschließend wieder nach Hause schlendern. Erst zwischen 18 und 19 h kam meine Mutter mit ihrem VW auf den Platz mit den Garagen vor dem Reihenhaus gefahren, wenn nicht die Geschwister da waren, war ich allein, Das war normal und auch nicht schlimm (der Hort schon, aber nicht die Zeit allein). Abends besuchte sie oft Veranstaltungen einer Zusatzausbildung als Psychotherapeutin. Sie las die EMMA, und geschieden waren meine Eltern auch. Die IGS nach der Grundschule galt formal als Ganztagsschule, aber bis 15 oder 16 h lief der Unterricht nur an zwei der 5 Tage und samstags fand kein Unterricht statt.
Ich fand diese Freiheit gut. Was dabei entstand, war keine Verwahrlosung - sondern etwas Eigenartigeres: echte Autonomie. Die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen, mit Langeweile umzugehen, Probleme zu lösen, ohne jemanden zu fragen. Die Generation X brauchte keine Eltern, die jeden Nachmittag organisierten, weil sie gelernt hatte: Es kam ohnehin niemand. Dieser Aspekt wird auch in diversen Youtube-Videos hervorgehoben.
Die Kehrseite: Diese Generation lernte auch, dass man auf Institutionen nicht zählen kann. Nicht auf die Familie, die auseinanderbrach. Wobei diese die heile Welt, als die sie gezeichnet wurde, eh nicht von allem empfunden wurde. Familien sind auch Orte des Konfliktes, der Unterwerfung, der Anpassung, der Reglementierung, der Indoktrination.
Die Eltern der Generation X waren in der Nachkriegszeit und Adenauer-Ära aufgewachsen - und ihren internationalen Äquivalenten - und oft sehr konservativ geprägt. Viele lebten das auch aus gegenüber ihren Kindern aus; je weiter draußen auf dem Land, desto intensiver. Die Generationserfahrung im Westen war auch: Wirtschaft kann kollabieren und kriseln, der Staat zieht sich zurück oder zertrümmert - wie Thatcher - gleich ganze Wirtschaftszweige, indem diese der internationalen Konkurrenz ausgesetzt werden. die Rechte von Arbeitnehmern wurden in Frage gestellt.
Das oben bereits verlinkte (eventuell KI-generierte) US-Video bei Youtube formuliert es so:
Und auch, wenn sich stabile Regierungen bilden, heißt das noch lange nicht, dass es allen besser läuft. Soweit die Erfahrung der Älteren. Die Jüngeren erlebten eher restaurative Phasen nach Gegenkultur-Aufbrüchen. Letztere, die Subkulturen, waren nicht tot, artikulierten sich aber anders und differenzierten sich aus.
Die oben skizzierten Erfahrungen prägten auch die Älteren, so meine Geschwister, klar. Aber es war ein sich wandelnder Umgang damit zu spüren, ein Unterschied zwischen ihnen und meinen Umfeldern in der Schule und im Freundeskreis.
Die DDR-Jugend sah sich zudem mit ganz anderen ökonomischen Rahmenbedingungen und Unfreiheiten konfrontiert.
DIE ARBEIT AN POP 2000 UND DIE SITUATION IM OSTEN
Spätestens seit Douglas Couplands “Generation X” mixt man in die Generationsbeschreibungen häufig Sammlungen von sie prägender Popkultur - Filme, Musik, medialen Wandel als solchen: mit der Vinyl-Single kam in den 50ern der Rock’n’Roll, der durch das Radio Verbreitung fand. In diesem Sinne entstehen Konzepte.
Ein mehr oder minder Reflexivwerden dieser Erfahrungen fand und findet spätestens seit 1999 in einer endlosen Abfolge von Retro-Shows statt. Florian Illies’ Buch “Generation Golf” avancierte, wie erwähnt, im Jahr 2000 zum Bestseller, auch “Verschwende Deine Jugend” von Jürgen Teipel 2001.
Wir waren etwas früher dran - mit der Produktion “Pop 2000 - 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland”. Die Reihe wurde Ende 1999 ausgestrahlt als eine Art “Mutter aller Retro-Shows”. Während ich bis heute glaube, dass wir unsere Dokus auf Basis einer tatsächlich intensiven Recherche bei allem Unterhaltungswert recht profund und analystisch bis heute haltbar gestalteten, eröffneten wir leider den endlosen Reigen der ganzen “Blue Box”-Shows. In diesen erzählten mehr oder minder prominente Testimonials vor hinter sie gekeyten Archivbildern, dass auch sie das Eis namens “Split” in den 70ern verspeisten und sich einen noggerten. Oder die Winnetou-Filme toll fanden.
Unmittelbar nach Ausstrahlung unserer Doku-Reihe sendete RTL die 80er-Show mit Hape Kerkerling, ungemein erfolgreich - und ich bin mir bis heute sicher, dass irgendjemand den Produzierenden meine Schnittlisten “geleakt” hatte. Lauter Materialien, die ich in mehr als einem Jahr mühseliger Recherche in nicht dgitalisierten Archiven, mit richtigen Videobändern in Sichtgeräten, aufgespürt hatte, tauchten auch in dieser Show auf. Man orientierte sich grob an unserer Interviewführung und dem Umgang mit Archivmaterial. Aus meiner Sicht trivialisierten all die Macher*innen jedoch unseren Zugang.
Wir ordneten den Stoff nach Jahrzehnten, weil uns das als “organisch” erschien insofern, dass man aufeinander reagierende Entwicklungen in ihrer Abfolge erzählen konnte - aber die Realgeschichte orientierte sich natürlich nicht an den Dekaden-Grenzen. Damals noch ungewöhnlich, verbanden wir Zeitgeschichte mit Popmusik und Jugendkultur konzeptionell; eine Entscheidung, die auf meine Elvis Presley-Dokumentation zum “Aufstieg und Fall des King of Rock’n’Roll” für ARTE im Jahr 1997 zurückging. Da hatte ich ebenfalls Ausschnitte aus der Historie in die Story rund um “Heartbreak Hotel” und den Niedergang des King in den 70ern eingebaut. Übrigens mit Unterstützung von Alan Posener, Autor einer Rowohlt-Biografie über Elvis Presley. Bei allen später sich zeigenden deutlichen politischen Differenzen bin ich ihm dafür immer noch dankbar.
“Pop 2000” umfasste 12 Folgen. Ich baute davon 4 Folgen zusammen, eine zu den 50ern und drei zu den 80ern, und wirkte maßgeblich an der Konzeption mit. Die anderen Autoren - Frank Jastfelder, Stefan Kloos - wie auch ich gehörten bis auf Tom Theunissen, ein klein wenig älter, selbst alle der Generation X an. Es gab auch zwei Grimme-Preise - einen für die Autoren und die Executive Producerin, einen für Jög A. Hoppe als Produzent, mein Chef, und den federführenden WDR-Reakteur Rolf Bringmann.
Das Besondere an “Pop 2000” war, dass wir Ost- und West-Deutschland parallel und zusammen erzählten. Allesamt Wessis, gaben wir uns zumindest redlich Mühe, den Osten zu verstehen - zumindest wir 3, die für die Folgen bis 1989 zuständig waren.
So trank ich mit den Puhdys Kaffee unweit des Kurfürstendamms. Sie nahmen sich die Zeit und erzählten viel davon, wie in der DDR zuletzt die Leute noch nur noch den halben Tag gearbeitet hätten, um sich am Nachmittag damit zu beschäftigen, Ersatzteile für den Trabbi zu besorgen. Peter Meyer schien mir immer kurz nervös zu werden, wenn ich auf die Stasi zu sprechen kam. Vielleicht Einbildung. Großer Aufreger war, dass Klaus Renft, DDR-Musiklegende, in einem SPIEGEL-Interview kurz zuvor erzählt hätte, dass sie an ihm, dem Verlierer der Geschichte, voller Verachtung mit einer fetten Limousine vorbeigefahren seien. Das habe gar nicht gestimmt.
Nachdem sie gingen, erschien Klaus Renft selbst, auch zum Recherchegespräch. Er berichtete, wie er 3 Mal zu DDR-Zeiten verboten wurde - um final die DDR zu verlassen. Lieder wie “Wer die Rose ehrt (Si apre in una nuova finestra)” von der Klaus Renft-Combo sind bis heute hörenswert. Ich besuchte City in ihrem Büro in Treptow, die mit “Am Fenster” einen Hit sogar in Griechenland hatten und konnte sie nschließend jederzeit anrufen, wenn ich Fragen hatte. Ebenso traf ich Redakteurinnen von DDR-Jugendzeitungen in Vororten von Marzahn, die von ihrer Arbeit unter dem Regime der SED berichtetn, und stieß beim Bier an mit Eugen Balanskat von den Skeptikern am Prenzlauer Berg. Dem hatten unmittelbar nach der Wiedervereinigung Neonazis die obere Zahnreihe ausgeschlagen - er gehörte zu der DDR-Punk-Szene der späten 80er. Ich befragte Peter Wicke, damals “Rockprofessor” an der Humboldt-Uni. Er hatte seinen Studiengang noch zu DDR-Zeiten gegründet und erzählte mir, dass das nur gelungen sei, weil er behauptet hatte, die FDJ sei auf seiner Seite. Obwohl das gar nicht der Fall war. Sein Fazit; man darf sich im Leben nichts erlauben, sondern allenfalls verbieten lassen. Michael Rauhut, der Bücher zum Ostrock veröffentlicht hatte und zur besonderen Beziehung Udo Lindenbergs zur DDR, besuchte ich in Pankow. Beide waren in der DDR sozialisiert.
Da ich für die 80er zuständig war, hatte ich nur wenige Generation X-Angehörige vor der Kamera, die Musiker*innen waren zumeist Boomer; ich glaube, nur Esther Schweins und Heike Makatsch als als West-Rezipientin und Sebastian Krumbiegel aus dem Osten. Christian Lorenz alias “Flake”, damals Feeling B., später Rammstein, tauchte in einem Ausschnitt aus dem legendären Dokumentarfilm “Flüstern & Schreien” auf. In diesem großartigen Werk plauderte er unter anderem von Jugendarbeitslosigkeit in der späten DDR. Andere GenXler erschienen eher in den Folgen zu den 90er Jahren, die Interviews führte größtenteils nicht ich.
Dennoch präsentierten mir all die hilfreichen Interviewpartner*innen ein Bild der DDR aus erster Hand. Es brach mit Klischees, die Wessis wie ich im Kopf hatten. Eines, dass vor allem von Talenten zeugte, sich in einer Diktatur durchzuschlagen und im Rahmen der Möglichkeiten kleine Freiheiten zu leben - auch innerhalb von Institutionen wie der FDJ. Weil es dazu außer den Kirchen gar keine Alternativen gab. Die Generation X, die Älteren, sammelte in den 80ern fast nur noch das, was aus dem Westen kam - auf welchen Wegen auch immer. Manche gingen noch im Ost-Punk auf, der Teilen hier thematisierten Jahrgänge durch autonom organisierte Cassettenvertriebe die allgemeine Tristesse des Alltags mit ein wenig Wildstyle zerstörte durch Feeling B.-Songs wie “Wir wollen artig sein, denn nur so hat man uns gerne” ...
Die Musik der DDR-Boomer erreichte die Ost-Generation X irgendwann nicht mehr. Sebastian Krumbiegel erinnerte sich, dass nach dem Mauerfall alle Ost-Bands erst einmal “herum krepelten” - und er auf dem Augustusplatz in Leipzig, damals noch Karl-Marx-Platz, binnen Kurzem seinen ersten NPD-Flyer in den Händen hielt. Während sich zunächst niemand habe sich mehr für die Musik interessiert habe, die im Osten lief. Stattdessen landete Marius Müller-Westernhagen einen Hit mit “Freiheit”. Als habe er die Mauer zum Einsturz gebracht. Was “Freiheit” so alles meinen kann, konnte man dem Text nicht entnehmen.
Den oben skizzierte Alltag haben die Puhdys, Karat und City trotzdem geprägt und somit auch die Generation X. Mitte der 90er schwappte eine “Ostalgie”-Welle durch die neuen Bundesländer. In der zwölften Folge 12 von Pop 2000 kann man sehen, dass sie durchaus auch Menschen aus der Generation X anzog - vermutlich eine Mischung aus Kompensation des Wende-Schocks und eine andere Ebene der Vergangenheitsbewältigung als die rund um IMs und Honecker. Weil es eben auch Schönes im Alltag gab, nicht nur die Stasi, Bautzen und die Mauer. Tobias Künzel von den Prinzen merkte in Pop 2000 zu Recht an, dass es sich gar nicht um Ostalgie, sondern schlicht um Nostalgie gehandelt habe. Im Westen habe es ja auch ein Boney M.- oder ABBA-Revival gegeben. Mein Kollege Stefan Kloos ließ in seinen 3 Neunziger-Jahre-Folgen Ostdeutsche jedoch fast nur die Ost-Phänomene kommentieren. Ein wenig schade, im Nachhinein.
Bemerkenswert in der Arbeit an “Pop 2000” war, dass die popkulturellen Prägungen in Ost und West sich nicht sonderlich unterschieden. Beat, Rock, New Wave, Synthie-Pop, Punk, auch Skinhead-Mode (manchmal mit rechtsextremen Einstellungen einher gehend), sogar Hip Hop (den im Osten haben wir in “Pop 2000” nicht unterbekommen) inspirierten auch die von der Mauer Ein- und Abgesperrten. Es war zwischen Rostock und Dresden lediglich schwieriger, an die Musik zu kommen und Look and Feel in den Outfits zu gestalten; mehr Kreativität und Risiko war nötig, sich so zu kleiden und das zu leben, was man in Medien aufsog von Depeche Mode oder Sigue Sigue Sputnik. Ideen mussten entwickelt werden, wie man seinen Lifestyle unter DDR-Bedingungen gestaltete. Solche wie das berühmte Fußpilzmittel, das dazu diente, sich die Haare blau zu färben. Schneidern, Basteln, Improvisieren, so das Motto - statt einfach nur zu konsumieren.
Im Osten sorgten FDJ und Stasi für das, was im Westen die Kommerzialisierung bewirkte: Depotenzierung von widerständiger Ästhetik. Hier die Zensur, da der Markt. Und seitdem Gorbatschow Glasnost und Perestroika proklamierte, zeigten die Diktatoren in der DDR sich so irritiert, dass immer mehr möglich wurde - sogar Punk-Platten beim Amiga-Label, die das Notausgangs-Symbol auf dem Cover präsentierten. Es war das Album von Feeling B. - Mitglieder dieser Band gründeten später Rammstein. Sie sangen direkt nach dem Mauerfall “Ich such die DDR und keiner weiß, wo sie ist... “
Ich besuchte auch Verwandte in Ost-Berlin zu Zeiten der Pop 2000-Recherche. Jörg Prüße, den Mann der Cousine meiner Mutter, habe ich auch für Pop 2000 interviewt. Es gab keine Honorare. Das war also auch keine Vetternwirtschaft. Er hatte einfach viel zu erzählen. Denn Jörg führte als einer der wenigen Selbstständigen in der DDR einen Friseursalon an der Prenzlauer Allee. Damals eine Protokollstrecke, hier fuhren die “Bonzen” vorbei, wenn z.B. in den Palast der Republik gefahren wurde. Er beschäftigte in seinem Salon Schwule, um sie vor der Stasi zu schützen, und führte mit Gorbatschow-Maske Frisurenshows für Abrüstung im FDJ-Ferienlager am Scharmützelsee auf.
Am Tag des Mauerfalls besuchte er mit Heidrun, seiner Frau, die Premiere des ersten Schwulen-Films in der DDR “Coming Out”. Mein Cousin was-weiß-ich-welchen Grades, deren Sohn D., wählte zum Zeitpunkt der Recherchen die DVU und erläuterte mir, warum. In der DDR hätte er einen gesicherten Lebensweg gehabt, NVA, Ausbildung, und wäre dann schon irgendwo untergekommen. Eine Wohnung hätte man ihm zugewiesen - wenn er nun in den Westen führe, auch nach West-Berlin, bekäme er Beklemmungen (hatte ich im Osten auch; rund um den Wohnort meiner Verwandten gab es “National befreite Zonen” Ende der 90er). Alles sei ihm dort fremd. Schön zu hören war das nicht, aber wichtig. Seine Eltern entschuldigten sich für ihn. Für mich war es aufschlussreich, diese Geschichten zu hören, um meine Dokus gestalten zu können. Die im ersten Teil dieser Artikelserie skizzierten ökonomischen Entwicklungen erwischten die Jungen, auch mein Cousin D. ist Generation X, wenn auch jünger als ich, im Osten mit einem Schlage. Sie wurden nicht als Prozess erlebt. Plötzlich war alles anders.
Höcke, selbst Wessi (Claude KI wusste das gar nicht), hat vermutlich mit der AfD diese Sehnsucht nach “gesicherten Verhältnissen”, die mein Cousin D. im Gespräch artikulierte, als Kernversprechen für Ostdeutsche aktiviert - kombiniert mit einer Obsession für ethnische Homogenität, die im Osten Lebenswirklichkeit und Alltag war. Die “Vertragsarbeiter” aus Vietnam und afrikanischen Staaten wurden, na, beinahe, weggesperrt. Tischreden, wie ich sie im Westen in meiner Jugend auch erlebte - dazu im nächsten Teil mehr, “nur noch Ausländer in der U-Bahn” - wurden von Höcke und Weidel quasi-nostalgisch politisiert: wir müssen in die Zeit davor zurück. Von dieser Sehnsucht zehren sie und erreichen damit vermutlich auch jene, die vom “Wendeschock” traumatisiert wurden. Und deren Kinder.
Zugleich wuchs die DDR-Generation X inmitten des völkischen Geistes der Wiedervereinigung auf. Ostdeutsche erhielten Begrüßungsgeld und automatisch die Staatsbürgerschaft, die Wiedervereinigung wurde unter anderem aus den Rentenkassen finanziert. “Gastarbeiter” galten nun als noch undeutscher denn zuvor - Advanced Chemistry brachten das in “Fremd im eigenen Land (Si apre in una nuova finestra)” zum Ausdruck. Die Gewalttäter wurden zudem nach ihren Pogromen Lichtenhagen mit dem “Asylkompromiss” belohnt. Dazu mehr im nächsten Teil.
Mein Cousin zeigte sich auch deshalb so paralysiert, weil sein Vater, der Friseur, die westdeutsche Aufforderung zu “Unternehmertum” als optimaler Lebensform sehr ernst nahm. Er gründete einen Vertrieb für ökologischen Friseurbedarf, versuchte, ihn in den “neuen Bundesländern” zu etablieren - und scheiterte ebenso krachend wie hochverschuldet. Seine Frau, Heidrun, schilderte diese Erfahrung, meiner Erinnerung nach, ich habe nichts transkribiert so: im Osten hätten sie es gehasst, dass man nicht sozial aufsteigen konnte. Im wiedervereinigten Deutschland erlebten sie, dass man nun sehr schnell sehr viel tiefer fallen könne als in der DDR und niemand einen auffinge. Keine individuelle Erfahrung, vermutlich: meines Wissens nahmen viele Ex-DDR-Bürger nach der Wende Kredite auf und saßen auf diesen fest, als die Treuhand das Land verscherbelte, brav neoliberalen Doktrinen folgend. So schilderten mir meine Gesprächspartner zumindest ihre Sicht auf die Treuhand.
Dass Cousin D. sich angesichts dessen nach sicheren Verhältnissen zurück sehnte - das war mir fremd, aber ich konnte es ihm nicht verdenken. Die Botschaft reicht noch tiefer: Ökologisches Denken zerstört den Wohlstand! Es war immerhin ökologischer Friseurbedarf, mit dem sein Vater handeln wollte.
Dieses Credo wirkte schon im Westen, als die GRÜNEN sich etablierten und der hessische Ministerpräsident Börner, SPD, sie mit der Dachlatte verprügeln wollte. Na, das zumindest andeutete. Auf dem Bau habe man solche Probleme früher eben so gelöst. Solche Haltungen internalisierten nun auch die in den “neuen Bundesländern”. Und “links” erschien, verständlicherweise angesichts eines sich als antifaschistische behauptenden Arbeiter- und Bauernstaates, eh vielen als nicht mehr allzu reizvoll. Dass im Zuge der Wiedervereinigung ihnen linke Wessis ziemlich geau prophezeit hatten, wohin die Reise gehen würde, das wurde vermutlich erst recht als Besserwisserei gedeutet und triggerte vielleicht auch ein latent wirksames, schlechtes Gewissen.
“Ökologischer Friseurbedarf” - das war aber zugleich eine weitere Komponente, zu der alle in dieser Generation sich zu verhalten hatten (außer Florian Illies und seine Popper-Freunde im Vogelsberg-Kreis, die interessierte das nicht).
DAS ENDE DER GROSSEN BEWEGUNGEN UND DER HASS AUF DIE “ÖKOS”
Fragen der Umweltzerstörung, kombiniert mit der Gefahr eines Atomkrieges - sie prägten die Zeit als der frühen 80er Jahre als “Endzeitstimmung”. Der folgende Passus zu Peter Hein, Sänger der Band Fehlfarben, selbst noch Boomer, mag zusammen fassen, in was für einer Stimmung die Älteren der “Generation X” aufwuchsen:
Ich habe das 1980eröffentlichte Album “Monarchie und Alltag” als Teenie gehört; es fasste besser als jedes andere das Lebensgefühl der frühen 80er im Westen in Worte und brachte dieses in der Musik zum Ausdruck (mag meine Popper-Freundin Alexandra zur selben Zeit auch eher Imagination mit “Just an Illusion” zugeneigt gewesen sein).
“No Nukes”, also Konzerte gegen Atomkratftwerke, fanden 1979 auch in den USA statt und erreichten ein breites Publikum, blieben aber ein ein singuläres Ereignis. Sie reagierten auf den Unfall im Kernkraftwerk Three Miles Island in Harrisburg. Umweltthemen absorbierten teilweise, wenn auch nicht allzu konsequent, die US-Demokraten. In Großbritannien regten sich Proteste gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield, ohne auf die Parteien zu wirken. Greenpeace, in Kanada gegründet, sorgte international für Aufsehen, wirkte jedoch auf konkrete Politik allenfalls dosiert. In Frankreich gab es in den 70er Jahren erheblichen Widerstand gegen Atomkraftwerke - bei all den Aufenthalten französischen Familien in den 80ern, die ich erlebe durfte, galten Ökos jedoch schlicht als Spinner.
Dass sich in Deutschland die Grünen etablierten, das war im internationalen Vergleich eher eine Ausnahme. Die politische Linie fand bei den Jüngeren im Westen jedoch weit verbreitete Zustimmung. Fred Grimm (in “Wir wollen eine andere Welt”, einer Sammlung von Ausschnitten aus Tagebüchern und Briefen Jugendlicher von 1900 bis 2010) zufolge erklärten 1983 84 % der jungen West-Deutschen ihre Zustimmung zur Umweltbewegung. Unter Jungwählern hätte 1983 eine Regierung aus SPD und GRÜNEN satte 52,9 Prozent erreicht - wobei in dem Jahr gerade mal ein Teil des Jahrgang 1965 wahlberechtigt war. Angesichts des Verhältniswahlrechts in West-Deutschland etablierten sich die GRÜNEN auch in den Parlamenten - international eine Ausnahmeerscheinung. Die “Umweltbibliothek” in der DDR zählte zu den Vorreitern der DDR-Bürgerrechtsbewegung.
Überall war von saurem Regen, Waldsterben und Krebsfällen nahe von AKWs die Rede. Katalysatoren wurden in Autos eingebaut, ein Umweltministerium gründete ausgerechnet die Regierung Kohl. Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf und final Tschernobyl - völlig ignoriert haben das wenige.
Dennoch zeigte sich ein Umschwung, den ich hautnah erlebte, auf den Schulhöfen. Der Großteil der Schüler interessierte sich eh nicht sonderlich für die meisten politischen Probleme oder gar Subkulturen - es waren “Normalos”, die ihren Weg in einer sich verändernden Welt suchten. Die Seite “Die Szene der IGS” in meinem Abi-Jahrbuch von 1986 war eben auch nur eine Seite von vielen. Und diese “Szene” war eher an The Cure, den Simple Minds oder Talk Talk orientiert, als sich noch allzu intensiv mit Ökologie zu beschäftigen. Tschernobyl ließ trotzdem niemanden kalt. Im Französisch-Unterricht, kurioserweise, erläuterte uns meine Mitschülerin Sabine kurz danach als eine der wenigen, die sich da auskannten, was Radioaktivität überhaupt sei.
Die erste Folge der oben erwähnten Doku-Reihe “Pop 2000” zu den 80ern thematisiert das Umschlagen der “großen Bewegungen”, final der Friedensbewegung, in eine sich zersplitternde Jugendkultur zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle, so genannte “Tribes”, Stämme. Die These der drei 80er-Folgen bildet insgesamt das Umschlagen der Politisierung in die Ästhetisierung im Westen, während sich im Osten die Ästhetik politisierte. Bin auf diese These bis heute ein wenig stolz.
Einerseits zog die Friedensbewegung im Westen, der Protest gegen den NATO-Doppelschluss, so viele Menschen, auch Junge, Millionen, auf die Straßen wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte. Das alles geschah zu Zeiten der Allgemeinen Wehrpflicht und der Erleichterung des Zugangs zum Zivildienst, weil die Gewissenprüfung abgeschafft wurde. Jungs mussten zum Bund, 15 Monate - der Zivildienst währte 20 Monate - auch das eine Generationserfahrung. Zum Vergleich: In Frankreich dauerte Dienst in der Armee 12 Monate. Als Alternative gab es Einsatz z.B. in der Entwicklungshilfe, der 16 Monate währte oder Kriegsdienstverweigerung mit analogen Tätigkeiten zu denen in Deutschland 20 Monate. Dort galt dieser “Zivildienst” sozial als noch weniger akzeptabel als im Westen Deutschlands, “Drückeberger!”, und tatsächlich wunderte ich mich am 14, Juli 1982 in Besançon, dass alle einer Militärparade von Nationalstolz erfüllt zujubelten. In Großbritannien gab es seit 1960 keinen Wehrdienst mehr, in den USA nur noch die Pflicht, sich registrieren zu lassen.
Konstantin Wecker-Konzerte waren 1983 dieser Zeit prall gefüllt, ebenso die “Künstler für den Frieden”-Veranstaltungen - auf die sich die DDR-Oberen im “Palast der Republik” sattelten, so dass selbst Udo Lindenberg dort auftrat. Das kann man sich in “Pop 2000” anschauen (alle Folgen sind bei Youtube zu sehen). Jene Jungen, zu denen ich gehörte, die durch die Massenproteste so geprägt wurden wie meine Schwester durch die Anti-AKW-Bewegung, zweifelten schon bald nachhaltig an den demokratischen Institutionen, als Helmut Kohl gewählt wurde und die Raketen stationieren ließ. So viele Menschen auf der Straße, und dann kommt der, macht das Gegenteil und posiert auch noch mit Ronald Reagan vor den Gräbern von SS-Mitgliedern in Bitburg.
Und das, wo eine breitenwirksame Aufarbeitung des Holocaust gerade erst begann - dank der US-Serie-Holocaust, 1979 ausgestrahlt. Helmut Schmidt musste sich im WDR aufgebrachten Zuschauer*innen stellen, die eher sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus sahen, nicht etwa Juden. Der eine oder anderen in Dresden teilt diese Ansicht ja bis heute. Eine Amnesie für NS-Straftäter wurde doch nicht verabschiedet.
Kohl posierte mit Reagan in Bitburg 3 Tage vor der Rede Richard von Weizsäckers, der den 8. Mai 1985 als erstmals als hochrangiger Politiker als Befreiung begriff - womit jene, die es eher als Niederlage empfanden, nun auch nicht einverstanden waren. Manches davon fand gruselig Eingang in die Friedensbewegung: ein negativer Nationalismus, der sich nun als friedlich statt eroberungswütig begreifen wollte und das Leid der Großväter und Ausgebombten im 2. Weltkrieg heranzog, die eigene Kompetenz in Fragen des Leidens unter dem Krieg zu beschwören - dabei ignorierend, dass man ihn selbst angezettelt hatte. Aber das war ja auch nur Hitler, nicht “die Deutschen”. Und WIR hatten ja daraus gelernt.
Das im ersten Teil über die Ökonomie der 70er und 80er erwähnte extrem hohe US-Staatsdefizit verdankte sich auch der Hochrüstung, die tatsächlich zur Pleite des Sowjetimperiums beitrug. In den Kinos waren Filme wie “Wargames” ein Hit, in dem ein Hacker aus Versehen den Start von Atomraketen initiiert - auch post-apokalyptische Szenarien wie in den “Mad Max”-Filmen erreichten viele Zuschauer. Die Dystopie avancierte zum populären Genre. Und Nicole gewann mit “Ein bisschen Frieden” sogar den “Grand Prix Eurovision de la Chanson” (so hieß der ESC damals). Nenas “99 Luftballons” erreichte auch in den USA Platz 2 der Charts. Blockgegensatz und Atomkriegsgefahr prägten die Älteren der Generation X nachhaltig - ein weiteres Element existentieller Unsicherheit.
Das regte die Fantasien in Douglas Couplands “Generation X” an:
“Mental Ground Zero: Der Ort, an dem man sich selbst während des Abwurfs der Atombombe vorstellt; häufig ein Einkaufszentrum.”
Douglas Coupland, Generation X. 1991
Mit dem Punk (anfänglich trug man in dieser Szene zumindest in Großbritannien auch Hakenkreuz-T-Shirts, der eine oder andere kokettierte mit Faschismus als Provokation, eine Masche, die sich als ziemlich populär und stabil erweisen sollte, diese Rezeption rechtsextremer Symbole als “Provokation”) und was auf ihn folgte, den konsumfreudigen Poppern, den an Retro orientierten Teds, formierten sich Jugendkulturen, die allesamt durch Abgrenzung gegen Hippies und Ökos sich definierten. Die Musiker des Punk waren Boomer, aber ihre Haltung und ihre Sounds prägten auch die Generation X bis in die 90er Jahre hinein, als Offspring und Green Day die großen Bühnen betraten. Die Musik in den “Walkmen” der Generation X in den 80ern, Synthie-Pop, ertönte oft elektronisch und ohne Natur-Schnick-Schnack. Punks proklamierten “Zurück zum Beton”, und Markus fuhr mit seinem Maserati 210, schwupps, die Polizei hat’s nicht gesehen: ich will Spaß!
Auf meiner Schule formierte sich sogar ein latent rassistisch grundierter Hass auf Ökos. Einer der 2000 Schüler hieß Achmed und fiel auf - ich weiß nicht mehr, ob er türkisch- oder arabischstämmiger Deutscher war. Er trug sehr lange Haare so wie einen “Afro”, und lief in Jesus-Latschen (so nannte man die) und langen Gewändern durch die Pausenhalle. Karl May muss in dieser Artikelreihe auftauchen, die Filme wurden ja immer wieder im Fernsehen gezeigt und ich hatte sogar eine “Winnetou”-Variante von “Big Jim”. Das war so etwas wie eine Barbie-Puppe für Jungs (ich mochte die lieber als die vom “Action Team”). Achmed nannten meine Klassen”kameraden” “Hatschi” - wegen Hatschi Alef Omar in den Karl May-Büchern rund um Kara Be Nemsi Effendi, dessen Wegen durch die Wüste und das “wilde Kurdistan”. Alle “Ökos” galten ihnen drum als “Hatschis”. Sie zogen teilweise offenen Hass auf sich - auch den von den eher durch Punk Inspirierten. Die fanden Ökos halt auch Scheiße. Noch ein Zitat zu Fehlfarben aus einer seltsam verschulten Überinterpretation des Textes von deren Song “Paul ist tot”:
Auch “die 68er” unter den Lehrern waren nicht bei allen populär. Dirk S. aus meiner Klasse kaufte deshalb “aus reiner Provokation” immer die “National-Zeitung (Si apre in una nuova finestra)”. Er wusste nicht, dass er mit dieser Form von “Provokation” sich als Trendsetter erwies - und das zu Beginn der 80er Jahre.
In Teil 3 dieser Artikelreihe wird es um Popper, Staatskritik und Kontroversen rund um Migration und Ethnien, somit auch die Sichtweisen der Migrantisierten und Rassifizierten selbst gehen.