(Si apre in una nuova finestra)18/07/2026
Liebe Leute,
gestern hab ich nach drei Monaten intensiver Arbeit das Manuskript für mein zweites Buch – Gemeinsam gegen die Angst: solidarische Kollapspolitik – abgeschickt, bin jetzt wirklich total fertig, aber auch ziemlich stolz. Ich glaube, ich habe es geschafft, eine richtige Geschichte zu erzählen, eine über die neue Welt, in der es nicht immer Mehr, sondern tendenziell immer Weniger gibt, es sei denn, wir reden über Konflikte, Katastrophen, und natürlich faschistische Arschlöcher; in der es deswegen aber auch mehr Solidarität geben kann, mehr gemeinschaftliche Hilfe, gerade weil Alles so scheiße wird. Eine Geschichte darüber, wer wir in dieser Zukunft sein wollen und können, was eine solidarische Kollapsbewegung in Zukunft sein kann, wie wir in Zukunft mit unseren Ängsten umgehen können.
Die Sache mit der Angst war eine der zentralen strategischen Setzungen im Buch, und die Sache mit Danger Dan und dem ZDF hat mir gestern gezeigt: die war richtig.
„Keine Angst“
Was ist passiert? Ihr habt es sicher mitbekommen, Danger Dan und Igor Levitt sollten in Der Anstalt den neuen Antifa-Song „Keine Angst“ performen, der Sender lud die beiden aber wieder aus, weil er darin einen Aufruf zur Gewalt sah (Si apre in una nuova finestra).
Daran ist zweierlei wichtig: erstens, die Verdrängungsgesellschaft schlägt zu, und zwar immer härter. Wir wissen, es besteht eine durchaus realistische (nicht vernachlässigbare) Möglichkeit, dass in Sachsen Anhalt bald eine gesichert rechtsextrem Partei die absolute Mehrheit erhält. Das wäre dann die erste offen faschistische Regierung auf deutschem Boden seit dem 8. Mai 1945 – und davor haben viele, vermutlich Alle, die diesen Blog lesen, ziemlich viel Angst. Dagegen muss was getan werden, dagegen müssen wir uns organisieren, dagegen muss Antifaschismus zum gesellschaftlichen Projekt werden.
Und genau das will Danger Dan mit seinem Song, der im Kern eine siebenminütige Erklärung ist, wie man antifa macht, eines der vielen „How Tos“, die im eskalierenden Kollaps immer wichtiger werden, weil man immer mehr „selber machen“ werden muss, von medizinischer Versorgung über die Bereitstellung physischer Sicherheit für solche Subjekte, die von den Faschos zum Abschuss freigegeben werden. Der Song sagt: hey, die Faschos kommen, wir müssen uns vorbereiten. Andere würden das vielleicht „antifaschistisches Preppen“ nennen.
Ich habe aber Angst
Erstmal volle Solidarität mit Danger Dan, und natürlich spielt das ZDF hier ne echte Scheißrolle. Aber ich will an einem anderen Punkt ansetzen, an Danger Dans emotionaler Kommunikation, wenn es um Angst geht: ich hab den Song jetzt ein paarmal gehört, und jedes Mal, wenn er den Refrain sing, läuft mir ein Schauer über den Rücken.
„Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst.
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst.“
Wäre es kein Lied sondern ein geschriebener Text, würde da: „habt keine Angst“ stehen, Dan ruft uns also (zählt nach...) 48mal dazu auf, keine Angst zu haben, und da möchte ich mal reingrätschen: Lieber Danger Dan, zuerst mal Danke für Deinen Mut, für tolle Songs wie diesen und den mit der Kunstfreiheit, und dafür, dass Du endlich direkt über die Angst redest, die so viele von uns derzeit empfinden. Aber wenn Du mir 48mal sagst, ich solle keine Angst haben, dann frage ich mich, ob es nicht Sinn ergeben würde, zuerst mal darüber zu sprechen, dass wir überhaupt Angst haben.
Denn Menschen, die Angst haben, zu sagen „habt keine Angst“, kann einerseits ermutigend klingend, wenn aber die Ängste davor nicht explizit anerkannt und besprochen werden, kann das auch was von Gaslighten haben: „keine Angst, wir kriegen das hin, mit den Methoden der klassischen Antifa, die ich hier im Song erkläre, kriegen wir das hin...“.
Ich sag nicht, dass Danger Dan das sagen will, aber eine Verdrängungsgesellschaft kann das durchaus so verstehen. Deswegen ist es so wichtig, das Gespräch anzufangen, indem wir die Angst und die anderen dunklen Gefühle anerkennen und aussprechen, die uns derzeit umtreiben. Und weil da die Einleitung meines Buches gut ins Gespräch passt, ich außerdem so nochmal ein bisschen Werbung dafür machen wollte, und es mich total stresst, dass ich jetzt schon zwei Donnerstage keine Texte gepostet habe... hier die Einleitung für mein neues Buch, das im Oktober erscheint.
Ich hoffe, sie gefällt Euch, und macht Lust auf's Buch.
Mit oft ängstlichen Grüßen,
Euer Tadzio
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Einleitung: das Gespräch, das niemand führen will
“I wish it need not have happened in my time,” said Frodo.
“So do all who live to see such times,” said Gandalf. “But that is not for them to decide. All we have to decide is what to do with the time that is given us.”
JRR Tolkien, Lord of the Rings: the Fellowship of the Ring
Ich habe Angst.
Es ist nicht ganz leicht, das so offen anzuerkennen: aber meine Arbeit, die politische Arbeit, die bisher meine Berufung und mein Hobby war, Zeitvertreib, Brotverdienst und Sinn meines Lebens, „die Politik“ macht mir mittlerweile Angst. Die ganze verdammte Welt macht mir Angst, über die Welt nachzudenken ist nicht mehr „interessant“, sondern macht aktiv schlechte Laune. Obwohl ich ungefähr seitdem ich lesen kann ein täglicher Zeitungsleser bin, gibt es mittlerweile Tage, Sonntage, Feiertage, Pausentage, wo ich mir vornehme, keinen einzigen Blick auf nur eine Zeitungswebsite zu werfen, weil ich weiß: das wird mich runterziehen, da werde ich über Katastrophen, Genozide und die queerfeindlichen Machtfantasien faschistischer Politclowns lesen... das lasse ich lieber, da ist es emotional noch entspannender, Horrorromane zu konsumieren. Da gibt es wenigstens manchmal noch Held*innen, die die Monster besiegen können. Die reale Welt heutzutage ist eine, wo die Held*innen verloren haben: Sauron hat den Ring, Luke und Leia sind in der Hand des Imperators, und in der nächsten Robin Hood Verfilmung ist der ehemalige Held der einfachen Leute in der reichen Welt ein psychopathischer Mörder und Vergewaltiger.i (Si apre in una nuova finestra) Ein Schelm, wer denkt, dass es dabei nicht nur um Robin Hood geht.
Ich habe Angst vor der Zukunft.
Das war nicht immer so, denn trotz „schwule Ökozecke“ bin ich ja trotzdem erstmal ein ziemlich privilegierter bürgerlicher (zwar halbmigrantischer aber weiß-gelesener) cis-Mann, und als solcher musste mir die Welt bis vor kurzem eigentlich keine Angst machen. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit, bis Ende des vergangenen Jahrzehnts war ich auf irgendeiner tiefenpsychologischen Ebene sicher, „wusste“ ich auf eine Art, die wohl eher Glaube als wirkliches Wissen war, dass die Zukunft gut würde, oder zumindest: gut werden könnte. Was „gut“ genau meint, ob es da um den „Vollautomatisierten Luxuskommunismus“ oder globale Klimagerechtigkeit oder „das gute Leben für Alle“ oder einfach nur „ein gutes Leben und einen angenehmen Lebensabend für meinen Mann und mich“ ging, ist gar nicht so wichtig, auf jeden Fall war ich überzeugt, dass eine „gute“ Zukunft für Alle auf der Welt möglich wäre.
Natürlich wusste ich – Antikapitalismus und so – dass es auf dem Weg zum guten Leben für Alle ein paar ziemlich gewichtige Probleme aus dem Weg zu räumen gäbe, unter anderem die eben erwähnte Produktions- und Lebensweise, die vielen drohenden globalen Umweltkrisen, und natürlich die Rechtsradikalen, die sich überall herumtrieben, und schon letztes Jahrzehnt immer schneller und vielzähliger unter ihren Steinen hervor- und aus ihren verrottenden Baumstämmen herauskrabbelten. Und vor diesen Entwicklungen, vor diesen Auseinandersetzungen hatte ich durchaus Angst, machte mir große Sorgen, aber in meinem Kopf gab es immer etwas, das es mir ermöglichte, mit diesen Ängsten umzugehen: soziale Bewegung. Eine antikapitalistische Bewegung gegen den Kapitalismus. Eine antifaschistische Bewegung gegen den Faschismus. Eine Klimabewegung gegen den Klimakollaps. Klar, es sah jetzt nicht unbedingt so aus, als würden wir kurzfristig gegen diese Gegner*innen gewinnen, aber langfristig...? Ohne damals genau zu verstehen, warum ich da so sicher war, war ich mir eben sicher, dass wir langfristig schon irgendwie gewinnen würden. Weil... es so sein musste. Das hatte Väterchen Geschichte uns doch versprochen, oder? „Die letzte Schlacht“, sang mal eine linke Band, die „gewinnen wir! WIR!“
Aber „die Bewegungen“ haben sie nicht gewonnen: die letzte Schlacht kam nie, und die vielen vor- und vorvorletzten Schlachten, die gerade laufen, in denen sieht es für die progressive Seite – Linke, Grüne, die verbleibende humanistische Mitte – nicht besonders gut aus. Und anstatt uns etwas ruckelnd, zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück, auf eine gute, aufgeklärte, befreite Welt für Alle zuzubewegen, bewegen wir uns mit Riesenschritten auf etwas zu, worüber niemand wirklich nachdenken will. Auf den Kollaps.
Ich habe Angst vorm Kollaps, Riesenangst, eine oft panische, zu Beginn lähmende, seelenzerfressende Angst. Angst vor dem Klimakollaps, vor dem Kollaps anderer globaler ökologischer Systeme („Überschreiten planetarer Grenzen“), und vor den gesellschaftlichen „Kollapsen“, die damit einhergehen werden. Angst vor zunehmender gesellschaftlicher Irrationalität und „Arschlochisierung“ii (Si apre in una nuova finestra), also einer Verschärfung der performativ-schamfreien Politik der Boshaftigkeiten gegenüber „Minderheiten“ und solchen, die der relativ privilegierten Mehrheitsgesellschaft ein schlechtes Gewissen machen: zum Beispiel trans Menschen, Migrant*innen, gazasolidarische Demonstrant*innen, Klimaaktivist*innen... In der Überschriften, wie ich sie eben gerade im Guardian sehe: „'Hexenjagd' im Niger: Militärregime geht gegen LGBTQ+-Bevölkerung vor. Befürchtungen vor einem Wiederanstieg von HIV/Aids aufgrund fehlenden Zugangs zu PrEP-Medikamenten...“iii (Si apre in una nuova finestra) kaum noch Aufsehen erregen, weil Angriffe auf queere Rechte, ebenso auf Medikamentenzugang für marginalisierte Gruppen, zum Standardrepertoire der rechten Offensive gehören.
Ich habe Angst vor einer Zukunft, in der Hitzewellen, Flutkatastrophen und Hungersnöte keine Ausnahmen, keine vorübergehenden Einbrüche des Chaos' in eine Normalität sind, die sich dann in Bälde wieder herstellt – sondern in der die Katastrophe zum Normalzustand wird. Und ich habe Angst vor mir selbst in der permanenten Katastrophe: wer werde ich sein, wenn's wirklich ernst wird?
Die vierte Wand (ist abgebrannt)
Ich habe Angst. Richtig viel davon. So viel, dass ich anerkennen muss, dass meine politische Perspektive derzeit vor allem von Angst getrieben ist: von meinem Wunsch, meinem Bedürfnis, mit diesen Ängsten umzugehen, sie handhabbar zu machen, von ihnen nicht vollkommen gelähmt zu werden. Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, dass ich mit mit diesen Ängsten nicht alleine bin, nicht alleine das Gefühl habe, dass eine wirklich extrem dunkle Zukunft auf uns zukommt, dass wir im Kern nichts tun können, diese Zukunft abzuwenden. Und Angst ist nicht das Einzige, das wir gemeinsam haben... Moment: „Wir“? Wer ist denn hier bitte „wir“?
Verzeiht mir die ungefragte Vergemeinschaftung und direkte Ansprache. Ich weiß, das macht man eigentlich nicht in politischen Büchern, die Leser*innen direkt ansprechen, es ist sogar ein bisschen anmaßend – was weiß ich denn schon darüber, wer Ihr seid? - aber es wird in diesem Buch um wirklich sehr, sehr schwierige Themen gehen, über die zu sprechen und nachzudenken wir lieber vermeiden. Ich habe in bald 30 Jahren politischer Kommunikation die Erfahrung gemacht, dass die direkte Anrede es leichter macht, über schwierige Themen nachzudenken, eben gerade, weil sie uns direkt anruft, und es deswegen schwieriger macht, sich dem Thema persönlich zu entziehen, die Inhalte auf eine „das ist ja interessante Information, die mit mir erstmal nichts zu tun hat“-Ebene zu schieben.
Und ich will uns – alle, die dieses Buch lesen, die davon hören, die es in der Hand halten – anrufen, über Dinge nachzudenken, über die wir nachdenken müssen, es aber bisher auch nicht annähernd ausreichend tun. Wir müssen über ökologischen und gesellschaftlichen Kollaps reden, und darüber wie wir uns darauf einstellen: wir müssen Pläne, Notfallpläne für eine katastrophale Zukunft machen, von der wir wissen, dass sie kommt, auf die wir uns aber nicht wirklich vorbereiten. Diesem Gespräch weichen die meisten von uns – mit sehr wenigen Ausnahmen, und wenn Ihr dazu gehört: well done, gratuliere, mein' ich ernst – in den meisten Fällen aus, und ich will, dass Ihr diesem Gespräch nicht ausweicht. Es macht oft keinen Spaß, aber es ist absolut notwendig, und wenn Ihr mir das Vertrauen entgegenbringt, der Geschichte zu folgen, die ich hier erzähle, verspreche ich Euch, dass es auch Inspirierendes und Ermutigendes geben wird.
Dieses Buch hat also keine „Vierte Wand“, wie sie im Filmgeschäft heißt, die Wand, hinter der das Publikum sitzt. Dieses Buch ist der Versuch, ein Gespräch zu führen, dem wir sonst ausweichen, also wird es auch immer wieder die Form eines Gesprächs haben. Zwischen mir und Euch. Ihr seid mit im Raum, wenn ich schreibe, auch, weil ich mit Euch über Gefühle sprechen will, und über die eigenen Gefühle in einen leeren Raum hinein zu sprechen, fühlt sich nicht schön an. Da ist es für mich viel angenehmer, mir vorzustellen, ihr wärt mit mir im Raum. Und wenn Ihr Euch von einem der „wir“/“ihr“-Pronomen angesprochen fühlt, super. Wenn nicht, dann halt nicht. Das überlass ich ganz Eurer souveränen Wahrnehmung.
Apropos „Filmgeschäft“, da sind wir gleich bei Popkultur: in diesem Buch finden sich ungefähr so viele Verweise auf Serien, Filme und Popsongs, wie auf Geschichts- und Theoriebücher. Das ist nicht zufällig, denn viel von dem, was in diesem Buch besprochen wird, bezieht sich nicht nur darauf, was „ist“, sondern darauf, wie wir darüber nachdenken: auf das, was Gramsci als den „gesellschaftlichen Alltagsverstand“ bezeichnete, und der drückt sich meist direkter und allgemeingültiger in der Popkultur aus, als im Theoriebuch. Und nicht zuletzt verschieben wir die Diskussion schwieriger politischer und gesellschaftlicher Themen gerne in die Popkultur, vor allem, weil sie da nicht so wehtun: spannenderweise gibt es sogar in unseren Verdrängungsgesellschaften einen Ort, wo „Kollaps“ rauf und runter besprochen wird. Schaut nur mal in die Kinos, auf Netflix, in die Belletristikregale Eurer Buchhandlung: wir spüren schon lang, dass es zu Ende geht, sonst gäbe es nicht mindestens drei erfolgreiche Fernsehserien aus den letzten Jahren, in denen Menschen in Bunkern unter der Erde leben (Silo, Fallout, Paradise). Oder den Weltrettungsfilm „Project Hail Mary“ („Der Astronaut“), oder, oder, oder. Wir spüren, was los ist, und drücken es dann in der Popkultur aus. Ehrlicher und eloquenter, als in den meisten unserer politischen Diskurse.
Gemeinsamkeiten
Wo war ich? Richtig: Angst ist, wenn ich nicht ganz falsch liege, nicht das Einzige, was wir gemeinsam haben, wenn wir an die Zukunft denken. Wir fragen uns auch, was wir in dieser auf jeden Fall, mit absoluter Sicherheit sehr viel gefährlicheren, katastrophaleren, inhumaneren Zukunft tun, wie wir uns verhalten werden. Einer der vielen Gründe, warum wir so oft Gedanken über die Zukunft verdrängen, ist der, dass wir nicht wissen, wie wir gleichzeitig realistisch, und... wenn nicht hoffnungsvoll, dann doch zumindest nicht nur verzweifelnd über diese Zukunft nachdenken können. Wie wir im Nachdenken über die Zukunft Inspiration und Bedeutung finden können. Kann „Utopie“ im Kollaps überhaupt noch funktionieren?
Deswegen handelt dieses Buch von Angst vor dem und im Kollaps, von unausgesprochenen, verdrängten, in öffentlichen Diskussionen sanktionierten Ängsten, aber auch von anderen „negativen“ Gefühlen wie Schuld und Scham. Es ist ein Buch gegen die toxische Positivität progressiver Diskurse in Deutschland, weil, liebe Leute: da draußen sieht's echt scheiße aus, es wird nicht besser, und sich einzureden, dass es ganz sicher ganz bald viel besser wird, hilft auch nicht weiter – so gerne wir das auch tun, und so gut sich das anfühlt. Es wird viel und ausführlich um Angst und Dunkelheit gehen, es wird darum gehen, was sich alles ändern wird, was das mit uns macht, und dass sowohl das eine, als auch das andere erstmal ziemlich schrecklich aussieht. Es wird darum gehen, weil es wichtig ist, dass wir diese Gespräche miteinander führen, uns mental darauf vorbereiten, dass es so kommen wird. Denn sich die Zukunft schönzureden, wie der prominente Klimajournalist es tut, mit dem ich mich gerade in einem sozialen Medium streite, der gerne das Märchen vom Ökomusterland Norwegen erzählt, und dabei ebenso gerne auslässt, dass Norwegen tatsächlich eine fossile Supermacht ist, ist leider politisch total kontraproduktiv. Anstatt Menschen durch „positive Geschichten“ zu „transformativem Handeln“ zu motivieren, bestätigen positive Geschichten einer Verdrängungsgesellschaft, dass sie so weitermachen kann, wie bisher, bestätigen zumindest, dass irgendjemand uns noch retten wird: Obama! Merkel! Norwegen! Die kommunistische Partei Chinas! Jürgen Klopp!
Ich rufe diese negativen Gefühle nicht auf, um Abwehrreaktionen auszulösen, ich spreche sie an, weil im gemeinsamen Anerkennen bisher verdrängter oder verleugneter, zumindest unausgesprochener Gefühle eine erhebliche Kraft liegt. Das wissen wir aus den Erfahrungen queerer Menschen („Coming Out“), und zum Beispiel den „Bewusstseinsbildungsgruppen“ (consciousness-raising circles) der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1960er und 1970ern. Und deshalb handelt der „emotionale“ Teil des Buches auch von meinen Gefühlen und Erfahrungen und Ängsten, nicht denen Anderer, meist weniger privilegierter Subjekte: meine Ängste, die eines weißen schwulen cis-Mannes in Deutschland, werden anders sein, als die einer weißen cishet-Frau in Deutschland, werden anders sein als die einer POC in queeren Deutschland, werden anders sein, als... Die Magie des gemeinsamen Geschichtenerzählens liegt nicht darin, dass eine*r Geschichtenerzähler*in eine gemeinsame Geschichte für Alle erzählt, sondern, dass Alle ihre eigene Geschichte erzählen (dazu nochmal mehr im Schlusskapitel). Darin liegt die Kraft, Gemeinsamkeit herzustellen.
Der zweite Teil meiner Geschichte handelt also davon, wie ich mit meinen negativen Gefühlen umgehe, wie ich sie bearbeite und im besten Fall unter Kontrolle bringe: der zweite Teil der Geschichte handelt von „Kollapsbewegung“. Ich stellte nämlich im Gespräch mit meinem Therapeuten fest, dass das seit 2023 ziemlich frenetische Tempo meiner Arbeit, eine solidarische Kollapsbewegung mit aufzubauen, auch darin begründet liegt, dass ich darin einen Weg gefunden habe, mit meinen erheblichen Zukunftsängsten umzugehen. Und dieses Buch testet unter anderem die kommunikative Hypothese, dass mit Euch über meine Zukunftsängste reden emotionale Resonanzen auslösen wird, die es uns danach erlauben werden, verhältnismäßig rational miteinander über den Kollaps zu reden, und darüber, wie wir darin gemeinsam solidarisch handlungsfähig werden können.
Dieses Buch handelt also auch davon, gemeinsam solidarisch handlungsfähig zu werden: gegen die Angst, gegen den Faschismus, gegen die im Kollaps ständig eskalierende Ungerechtigkeit eine solidarische Kollapspolitik entwickeln.
Weirde Struktur
Kollapskommunikation ist auch im besten Fall, wenn alle Beteiligten nach den Regeln der intellektuellen Redlichkeit spielen, anstatt aktiv zu verdrängen, der ständige Versuch, psychologische Abwehrreflexe zu antizipieren und zu umschiffen – bei anderen, und bei sich selbst. Jedes Gespräch, das vom Kollaps handelt, ist ein schwieriges Gespräch. Ich verspreche Euch, das liegt nicht nur an mir.
Ich will über ökologischen und gesellschaftlichen Kollaps reden, und ich weiß aus leidvoller eigener Erfahrung, dass die meisten von uns dieses Gespräch lieber nicht führen wollen. Deswegen ist dies kein „normales“ politisches Buch: es will mit im globalen Durchschnitt sehr wahrscheinlich privilegierten Menschen - wenn Ihr dieses Buch in der Hand haltet, gehören wir mit großer Wahrscheinlichkeit zusammen zu den Top 10 Prozent globaler Konsument*innen, die „überproportional für die Überschreitung der planetarischen Grenzen verantwortlich sind und Schäden verursachen, deren Kosten von der Gesellschaft insgesamt getragen werden“iv (Si apre in una nuova finestra) - über den gleichzeitig unvermeidbaren und doch irgendwie gemeinsam mitverschuldeten und deshalb mit Angst, Schuld und Scham beladenen gesellschaftlichen Exitus sprechen. Das ist ungefähr so einfach und angenehm, wie mit einer schweren Raucherin über ihren mit Sicherheit sehr bald kommenden Tod durch fortgeschrittenen Lungenkrebs zu sprechen. Nicht nur hat die schwere Raucherin, die seit mindestens 50 Jahren weiß, dass sie doch mit dem Rauchen aufhören sollte, allein, sie ist zu abhängig, und Rauchen macht ihr einfach zu viel Spaß, nicht nur hat sie riesige Angst vor dem langsamen, grausamen Sterben, das Lungenkrebs verursacht; sie fühlt sich irgendwie auch selbst schuldig für ihren Tod, und schämt sich, dass sie wider besseres Wissen einfach immer weitergequalmt hat, da konnten noch so viele Studien und Artikel beweisen, dass Rauchen tödlich ist.
Das „Kollapsgespräch“ zu führen ist in den meisten Fällen und mit den meisten Menschen tatsächlich genau so wenig möglich, wie einen Menschen dazu zu bewegen, eine Therapie zu machen, der der Meinung ist, all dieser Psychoquatsch sei doch woke-feministischer Pussykram. Trotzdem liegt dieses Buch jetzt vor Euch, trotzdem stehen da jetzt 200 Seiten über Kollaps: warum es so schwer ist, darüber zu sprechen, wie er sich anfühlt, was er ist, und vor allem, wie wir darin gemeinsam solidarisch handlungsfähig werden können. Dieses Buch ist der Versuch eines Menschen, der seit bald 20 Jahren strategische politische Kommunikation um die Themen Kapitalismus, Klima und Kollaps betreibt (na gut, ein paar Jahre ging es auch um schwulen Sex und Crystal Meth, aber das ist eine andere Geschichte), der damit manche Erfolge hatte, aber am Ende so hart abblockte, dass er seinen Job verlor, in eine Depression fiel, und sich beinahe mit Drogen in der Berliner Partyszene umbrachte, mit Euch trotzdem über Kollaps zu kommunizieren, mit einer Gesellschaft über ihren kommenden Tod zu sprechen, die dieses Gespräch nicht führen will.
Ich musste beim Nachdenken über die Struktur dieses Buches also nicht nur ein politisch-intellektuelles Argument entwickeln, ich musste es auch noch so aufbauen, dass es die Vielzahl von Verdrängungsfallen umgehen kann, die unsere Verdrängungsgesellschaft zwischen sich und einen rationalen Kollapsdiskurs gebaut hat, und die sich in all unseren Köpfen wiederfinden. Falls es Euch ein wenig merkwürdig aufgebaut erscheint: that's why. Es ist kein „normales“ politisches Gespräch, es ist eine Mischung aus politischer Debatte, Gruppentherapiegespräch und bewegungsstrategischer Agitprop. Wenn Ihr also im Folgenden den Eindruck habt, nicht genau zu wissen, wo es gerade langgeht – trust me, es geht in diesem Buch immer in Richtung gemeinsame, solidarische Handlungsfähigkeit. In einer kollabierenden Zukunft, klar, aber in einer, auf die wir uns gemeinsame vorbereiten, und durch diese solidarische Vorbereitung, auch, wenn sie nie vollständig sein wird, auch Gemeinschaft, Sinn, und gelegentlich sogar Erfolge erkämpfen und/oder Selbstwirksamkeit erfahren können.
Dies ist ein Buch für all diejenigen, die auf die Frage „wer will ich in sein, wenn die Katastrophe kommt?“ sagen wollen: ich möchte eine*r von denjenigen sein, die sich und anderen helfen kann, damit es auch in Zukunft, trotz Kollaps, Katastrophe und Faschismus noch Räume des guten Lebens, der Liebe, der Solidarität, des Lichts und der Wärme geben kann.
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