Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Großraumbüros, Schreibtische und Zimmerpflanzen.

Ich erinnere mich noch genau an unser altes Krautreporter-Büro. Es lag mitten in Berlin Prenzlauer Berg und war ein kleines Ladenlokal. Vorher verkaufte man dort Lederwaren, mittlerweile stehen dort die Menschen den Bürgersteig entlang, um sich ihr viel zu teures Eis zu bestellen. Klingt nicht nach dem perfekten Büro für eine Redaktion? War es auch nicht.
Das Design war eigentlich schick. Der Boden aus Parkett, große Schaufenster ließen eine Menge Licht hinein. Aber für meine Gedanken war das Ding eine Folterkammer. Denn: Das Büro war unerhört klein. Jedes Telefonat eines Kollegen wurde zu meinem eigenen, jede Bewegung im Augenwinkel riss mich aus der Konzentration. Manche Arbeitsplätze hatten die wunderbare Eigenschaft, dass Kolleg:innen beim Vorbeigehen regelmäßig gegen den eigenen Rücken schrammten.
Es war, als wäre die Architektur selbst ein direkter Gegner meiner Fähigkeit zu denken.
Mittlerweile weiß ich: in gewisser Weise war sie das auch. Denn wie gut wir denken, arbeiten, kreativ sein können, hängt maßgeblich auch von dem Raum ab, der uns umgibt. Wir neigen dazu, unser Denken als „hirngebunden“ zu betrachten – als einen Prozess, der ausschließlich innerhalb unseres Schädels abläuft. Doch die Wissenschaft zeigt uns ein anderes Bild: das des „erweiterten Geistes“. Denken ist nicht nur vom Gehirn abhängig, sondern auch von unserem Körper – und von unserer Umgebung. Heute schauen wir uns an, wie wir diese unmittelbare Umgebung – unseren Schreibtisch, unser Büro, unser Fenster? – als Werkzeuge für besseres Denken nutzen können.
Das Großraum-Dilemma: Warum offene Büros oft gegen unser Gehirn arbeiten
Die Idee des Großraumbüros war ursprünglich eine Utopie. Inspiriert von den belebten Kaffeehäusern der Aufklärung, sollten sie Kommunikation und kreative Zufallstreffer fördern. Gestützt wurde dieser Gedanke durch Studien wie die von Thomas Allen, ein US-amerikanischer Organisationsforscher, dessen „Allen-Kurve“ zeigte, dass die Häufigkeit der Kommunikation dramatisch abnimmt, je weiter die Schreibtische voneinander entfernt sind. Ich kenne das aus unserem neuen Büro, in dem deutlich mehr Platz ist: Wenn ich für eine kleine Frage direkt aufstehen und quer durch den Raum spazieren muss, verkneife ich mir die Frage vielleicht einfach. Mehr Nähe sollte also mehr Austausch bedeuten.
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Doch die Realität sieht oft anders aus. Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, sich ablenken zu lassen – ein Überlebensmechanismus, der im modernen Büro zur Belastung wird. Drei Hauptstörfaktoren arbeiten direkt gegen unsere Konzentration:
Die Anziehungskraft des Neuen: Unser Gehirn reagiert unwillkürlich auf unerwartete Geräusche und Bewegungen im peripheren Sichtfeld. Forschungen (Öffnet in neuem Fenster) des Psychologen Fabrice Parmentier zeigen, dass diese Reize unsere Aufmerksamkeitsfilter unweigerlich durchbrechen, egal wie unwichtig sie sind.
Die Macht der Sprache: Verständliche Sprache, wie die Gespräche von Kolleg:innen, wird von denselben Gehirnregionen verarbeitet (Öffnet in neuem Fenster), die wir für konzentrierte Wissensarbeit benötigen. Eine Studie (Öffnet in neuem Fenster) der Universität Gävle in Schweden ergab, dass die Fähigkeit, flüssig zu schreiben, drastisch abfällt, sobald Hintergrundgespräche verständlich werden. Es ist, als würden zwei Programme um dieselbe begrenzte Rechenleistung konkurrieren.
Die „Halfalogue“-Falle: Besonders störend ist das Mithören von einseitigen Telefongesprächen. Eine Studie (Öffnet in neuem Fenster) von Lauren Emberson zeigte, dass unsere kognitive Leistung stärker einbricht, wenn wir nur eine Seite eines Dialogs hören. Unser Gehirn versucht zwanghaft, die Lücken zu füllen, was enorme mentale Ressourcen verbraucht.
Darüber hinaus braucht Kreativität Privatsphäre. Ständige Beobachtung zwingt uns in einen Performance-Modus, der das freie, ungestörte Experimentieren mit Ideen hemmt. Eine Studie (Öffnet in neuem Fenster) in einer chinesischen Handyfabrik hat das mal belegt: Als Arbeiter hinter einem Vorhang arbeiten konnten, wurden sie nicht nur produktiver, sondern auch innovativer. Sie fühlten sich frei genug, mit neuen, effizienteren Methoden zu experimentieren.
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Die Lösung liegt aber nicht in permanenter Isolation. Der Schlüssel ist die „intermittente Kollaboration“ – ein bewusster Wechsel zwischen Phasen intensiver, fokussierter Einzelarbeit und Phasen sozialer Interaktion. Klingt gut, liegt aber oftmals nicht in unserer Hand. Was aber in unserer Hand liegt, ist unser Schreibtisch. Und den können wir zurückerobern.
Dein Schreibtisch, deine Burg: Die Macht der Kontrolle und Personalisierung
Jeder Sportler kennt den Heimvorteil: In vertrauter Umgebung fühlen wir uns sicherer und leistungsfähiger. Dieses Prinzip gilt auch für unseren Arbeitsplatz. Der kognitive Mechanismus dahinter ist einfach: Vertrautheit und Vorhersehbarkeit reduzieren die kognitive Last. So wie ein Basketballer in der Heimhalle nicht bewusst über die Härte des Brettes am Korb nachdenken muss, verbraucht ein Mitarbeiter in einer vertrauten, personalisierten Umgebung keine mentale Energie darauf, sich an seine Umgebung anzupassen oder gegen sie anzukämpfen. Diese Ressourcen werden für die eigentliche Arbeit frei. Der Psychologe Benjamin Meagher argumentiert, dass die Umgebung selbst uns beim Denken hilft; sie wird zu einem Teil unseres erweiterten kognitiven Systems.
Wie stark dieser Effekt ist, haben die Psychologen Craig Knight und Alex Haslam in einem Experiment (Öffnet in neuem Fenster) gezeigt. Sie ließen Teilnehmer:innen in vier verschiedenen Büroumgebungen arbeiten:
Das karge Büro: Ein leerer Schreibtisch mit Stuhl.
Das angereicherte Büro: Dekoriert mit Pflanzen und Postern.
Das selbstgestaltete Büro: Die Teilnehmer:innen durften die Pflanzen und Poster selbst anordnen.
Das fremdbestimmte Büro: Die Versuchspersonen durften das Büro erst gestalten, wurden dann aber angewiesen, alles wieder nach den Vorgaben des Versuchsleiters umzustellen.
Das Ergebnis war eindeutig: Die Mitarbeiter:innen im selbstgestalteten Büro waren um 30 Prozent produktiver als jene im kargen Büro und um 15 Prozent produktiver als jene im lediglich angereicherten Büro. Im fremdbestimmten Büro war die Produktivität genauso niedrig wie im kargen – ein Beweis dafür, dass die Kontrolle über das Büro der entscheidende Faktor ist.
Dabei sind die Objekte um uns herum nicht nur Dekoration. Auf vielen Schreibtischen der Republik stehen mindestens ein, zwei Bilder von den Familien oder Partner:innen der Mitarbeitenden. Tatsächlich sind diese Bilder Komponenten unseres erweiterten kognitiven Systems. Sie sind externe Erinnerungsstützen für unsere Ziele, unsere Werte und unsere Identität. Studien zeigen, dass diese Bilder uns helfen, unsere Emotionen zu regulieren (Öffnet in neuem Fenster), emotionale Erschöpfung zu reduzieren und ein Gefühl der Zugehörigkeit (Öffnet in neuem Fenster) zu schaffen. Es gibt also handfeste Gründe, warum wir Familienbilder auf dem Schreibtisch stehen haben sollten. Aber nicht nur das, es gibt auch handfeste Gründe dafür, warum Fenster so wichtig sind – und wieso Zimmerpflanzen einen echten Unterschied machen können.