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Vom Wissen des Körpers

Eine leise Verteidigung der Intuition – und ein spätes Zurückkommen zu mir

Es gibt Erkenntnisse, die sich nicht aus Büchern speisen.

Sie entziehen sich der Beweisführung, verweigern die saubere Herleitung und lassen sich dennoch nicht erschüttern. Sie sind einfach da. Vor aller Sprache. Vor jeder Logik.

Mein Bauchgefühl gehört zu diesen Erkenntnissen.

Rückblickend – und das ist kein heroisches Narrativ, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme – hat mich dieses Bauchgefühl nie getäuscht. Kein einziges Mal. Es war nie schrill, nie panisch, nie dramatisch. Es meldete sich nicht mit Getöse, sondern mit einer stillen Klarheit. Mit einem leisen Nein, einem kaum hörbaren Achtung, einem feinen inneren Widerstand, der sich dem Fortgang widersetzte.

Meine Sinne sind wohl geschärft. Vielleicht aus Notwendigkeit. Vielleicht aus Erfahrung. Vielleicht aus dem Umstand heraus, dass mein Leben mich früh dazu gezwungen hat, genauer hinzusehen, genauer hinzuhören, genauer zu fühlen. Mein Körper weiß Dinge, lange bevor mein Verstand sie akzeptieren kann. Er erkennt Grenzüberschreitungen, Ambivalenzen, Schieflagen, noch ehe sie sich in Worte kleiden lassen.

Und doch wäre es eine hübsche, aber falsche Erzählung, an dieser Stelle zu enden.

Denn ja – ich habe Fehler gemacht.

Auch schwerwiegende.

Auch solche, deren Nachhall lange spürbar blieb.

Nicht, weil mein Bauch irrte. Sondern weil ich ihm nicht folgte.

Ich habe einen Kopf. Und dieser Kopf ist – man muss es ihm lassen – ein brillanter Konstrukteur von Möglichkeiten. Er denkt in Alternativen, in Eventualitäten, in hypothetischen Wendungen. Vor allem aber: Er ist ein loyaler Diener der Wünsche. Und genau hier beginnt das Problem.

Der Wunsch, so sagt man nicht ohne Grund, ist der Vater – oder die Mutter – des Gedankens. Er verschiebt Prioritäten, färbt Wahrnehmung, relativiert Warnsignale. Wo der Bauch längst rote Linien zieht, malt der Wunsch Pastellfarben darüber. Er erzählt mir Geschichten von Vielleicht, von Diesmal anders, von So schlimm wird es schon nicht sein.

Und ich glaube ihm. Nicht aus Dummheit. Nicht aus Ignoranz.

Sondern aus Sehnsucht.

Aus dem Wunsch nach Nähe.

Nach Verstandenwerden.

Nach einem anderen Ausgang als dem, den der Körper bereits kennt.

So handle ich bisweilen gegen mich selbst. Ich übergehe das leise Ziehen im Inneren, das kaum merkliche Zusammenziehen, jenes subtile Unbehagen, das nicht laut genug ist, um sich durchzusetzen – aber stark genug, um recht zu behalten. Ich rationalisiere, erkläre mir mein Bauchgefühl weg, nenne es Überempfindlichkeit, Vorsicht, alte Prägung. Ich erkläre mich selbst zur Variable, statt die Situation zu hinterfragen.

Der Körper vergisst das nicht.

Er registriert. Er speichert. Er zieht Bilanz.

Und irgendwann – oft viel später – stehe ich da und erkenne: Er hatte recht. Wieder einmal. Nicht triumphierend, nicht belehrend. Einfach sachlich. Wie ein alter Freund, der geduldig gewartet hat.

Inzwischen bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich keine dramatischen Vorsätze mehr fasse. Keine lauten Versprechen. Keine Selbstoptimierungsparolen. Stattdessen übe ich mich in etwas Unaufgeregtem: in Rückbindung.

Ich beginne, meinem Bauch wieder zuzuhören. Nicht selektiv, nicht situationsabhängig, sondern grundsätzlich. Ich erlaube meinem inneren Wiesel, seine Aufgabe ernst zu nehmen – dieses flinke, hochsensible Frühwarnsystem, das Unstimmigkeiten wittert, lange bevor sie sich manifestieren.

Gleichzeitig lerne ich, den inneren Wasserbüffeln zu vertrauen: jenen ruhigen, massiven Kräften in mir, die nicht fliehen, sondern standhalten. Die nicht hektisch reagieren, sondern tragen. Und ich richte meinen inneren Kompass neu aus – weg von Begehren und Hoffnung, hin zu Selbstschutz, Würde und Integrität.

Ich gebe diesen Stimmen Raum.

Nicht erst im Nachhinein.

Nicht erst, wenn der Schaden bereits entstanden ist.

Das ist kein perfekter Prozess. Ich oszilliere. Ich stolpere. Ich falle gelegentlich zurück in alte Muster. Aber ich erkenne schneller, wenn ich mich selbst übergehe. Und ich kehre früher um.

Vielleicht besteht Reife nicht darin, keine Fehler mehr zu machen.

Vielleicht besteht sie darin, sich selbst ernster zu nehmen.

Ich beginne zu begreifen, dass mein Bauch kein Gegner des Denkens ist, sondern dessen notwendiges Korrektiv. Dass Intuition kein mystisches Beiwerk ist, sondern verdichtete Erfahrung. Und dass innere Weisheit selten spektakulär auftritt – aber fast immer recht behält.

Dies ist kein Neubeginn im klassischen Sinne.

Es ist eine Rückkehr.

Zu mir.

Still. Wach. Und mit einer leisen, wachsenden Dankbarkeit für einen Körper, der mich nie verlassen hat – auch dann nicht, wenn ich ihn überhörte.

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