Es gibt Lieder, die uns nicht verlassen.
Sie setzen sich nicht lautstark fest, sie drängen sich nicht auf – und doch bleiben sie. Wie ein leiser Nachhall, der sich durch die Jahre zieht, durch Zeiten, durch Wandlungen, durch Versionen des eigenen Selbst.
„Die Gedanken sind frei. Wer kann sie erraten “ ich habe sofort die Melodie im Kopf….
Ein Satz, gesungen in einem Chor am Nachmittag, vielleicht zwischen Pflichtgefühl und kindlicher Zerstreuung, eingebettet in jene eigentümliche Mischung aus Disziplin und Unbeschwertheit, die nur Schulzeit vermag. Damals ein Lied. Heute ein Bekenntnis.
Es ist bemerkenswert, mit welcher Beharrlichkeit sich bestimmte Verse im Gedächtnis halten – als hätten sie sich selbst eingeschrieben, unabhängig von unserem Willen. Und vielleicht ist genau das der erste feine Hinweis auf jene paradoxe Wahrheit, die sie in sich tragen:
Dass Gedanken sich nicht nur der Kontrolle entziehen, sondern zugleich unser intimstes Eigentum darstellen.
Ein Raum ohne Öffentlichkeit.
Ein Raum ohne Rechtfertigungspflicht.
Ein Raum, der nicht verhandelt wird.
Und doch – dieser Raum ist kein stilles, geordnetes Archiv.
Er ist ein vibrierendes System. Ein Ort der permanenten Bewegung, der Konvergenzen und Dissonanzen, der Fragmente und Konstruktionen.
Ich neige nicht zum bloßen Nachdenken.
Ich neige zum Hineinstürzen.
Ein Gedanke ist für mich selten ein flüchtiger Besucher – er ist ein Ereignis. Ein Impetus, der insistiert, der sich entfalten will, der nicht selten eine beinahe invasive Präsenz entwickelt. Ich zerlege, ich analysiere, ich differenziere. Ich konfabuliere, wo Lücken sind, ich rekonstruiere, wo Gewissheit fehlt. Ich oszilliere zwischen Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, zwischen Intuition und Ratio.
Und irgendwo in diesem inneren Kosmos sitzt mein Wiesel.
Hellwach. Begeistert.
Ein wenig zu schnell für diese Welt – und gerade deshalb so lebendig.
Es liebt diese Freiheit.
Es liebt das Ungebändigte, das Unfertige, das Potenzielle. Es baut Luftschlösser mit einer Hingabe, die weder nach Erlaubnis fragt noch nach Realisierbarkeit. Und während es baut – Stein um imaginären Stein –, entsteht etwas, das mehr ist als bloße Fantasie.
Es entsteht Möglichkeit.
Natürlich ist da auch die Büffelin.
Ruhiger. Erdiger. Ein Gegengewicht.
Sie betrachtet diese Schlösser mit milder Skepsis, mit einer Form von wohlwollender Nüchternheit. Nicht alles, was gedacht wird, muss gelebt werden. Nicht jede Idee verlangt nach Inkarnation.
Und doch – gedacht werden darf alles.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Essenz dieses alten Liedes:
Nicht die Freiheit im Sinne von Beliebigkeit, sondern im Sinne von Unverfügbarkeit.
Nicht alles wird ausgesprochen.
Nicht alles wird geteilt.
Nicht alles wird umgesetzt.
Und genau darin liegt Würde.
Es hat Jahre gebraucht, um diesen Raum wirklich als meinen zu begreifen.
Jahre, in denen ich – wie so viele – glaubte, Rechenschaft schuldig zu sein. Für Gedanken, für Impulse, für innere Bewegungen. Jahre, in denen das Außen lauter war als das Innen.
Und dann kam der Bruch.
Die Ertaubung.
Eine Zäsur, die sich nicht nur auf das Hören beschränkte, sondern auf die gesamte Wahrnehmungsarchitektur meines Lebens ausgriff. Geräusche verschwanden, Stimmen veränderten sich, das Selbstverständnis geriet in Bewegung.
Was bleibt man, wenn das Vertraute sich entzieht?
Vielleicht genau das, was sich nicht entziehen lässt:
der innere Raum.
In einer Welt, die plötzlich anders klang – oder nicht mehr klang –, wurde dieser Raum nicht nur Zuflucht. Er wurde Referenzpunkt. Orientierung. Souveränität.
Meine Gedanken waren nicht beeinträchtigt.
Sie waren nicht limitiert.
Sie waren nicht defizitär.
Sie waren – frei.
Und mehr noch: Sie wurden intensiver. Präziser. Manchmal auch schonungsloser.
Denn wenn äußere Reize sich verändern, gewinnt das Innere an Kontur. Es wird exponierter, vielleicht auch wahrhaftiger.
Ich veränderte mich.
Nicht abrupt. Nicht linear.
Sondern in jener eigentümlichen Dynamik, die Veränderung nun einmal auszeichnet: als Prozess, der sich entzieht, während er geschieht.
Mein Selbstverständnis begann sich zu reskribieren.
Ich wurde offener – nicht im Sinne von preisgebend, sondern im Sinne von bewusst entscheidend. Ich teile, was ich teilen möchte. Ich verschweige, was mir gehört. Ich baue, ich verwerfe, ich beginne neu.
Die Luftschlösser sind geblieben.
Vielleicht sind es sogar mehr geworden.
Und einige – leise, fast unbemerkt – beginnen, Gestalt anzunehmen.
Nicht alle.
Und das ist gut so.
Denn nicht jede Idee verlangt nach Manifestation. Manche dürfen im Möglichkeitsraum verbleiben, als Denkfigur, als Sehnsuchtsform, als stilles Versprechen an sich selbst.
Was sich jedoch verändert hat, ist meine Haltung zur Veränderung selbst.
Ich fürchte sie nicht mehr.
Ich begrüße sie.
Denn ich habe verstanden, dass Stabilität keine starre Größe ist, sondern ein dynamisches Gleichgewicht. Eine Konstante, die gerade darin besteht, keine zu sein.
Alles ist in Bewegung.
Alles ist im Fluss.
Alles unterliegt einer fortwährenden Transformation.
Und mittendrin: meine Gedanken.
Ungebunden.
Unerschütterlich in ihrer Autonomie.
“Die Gedanken sind frei. Wer kann sie erraten? “
Manchmal widersprüchlich, manchmal überbordend, gelegentlich anstrengend – und doch zutiefst lebendig.
Ich habe aufgehört, sie zu domestizieren.
Ich habe begonnen, sie zu feiern.