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Habitus, Hörwelten und die noble Kunst, nicht ins Konzept zu passen

Mir fällt immer häufiger auf, wie sehr Behinderung ein sozialer Stresstest für den Habitus anderer Menschen ist.

Nicht für ihre angebliche „Menschlichkeit“.

Nicht für ihre großen moralischen Überzeugungen.

Nicht für jene wohlformulierten Lippenbekenntnisse, die man auf Podien, in Leitbildern oder zwischen zwei sorgfältig inszenierten LinkedIn-Absätzen zelebriert.

Nein.

Für den Habitus.

Für das, was unterhalb der bewussten Oberfläche liegt.

Für jene tief eingeschriebenen sozialen Reflexe, die entscheiden, ob jemand innehält, mitdenkt, Blickkontakt sucht, Räume anpasst oder schlicht erwartet, dass alle Menschen gefälligst nach denselben Regeln funktionieren mögen.

Man erkennt gesellschaftliche Prägung oft nicht an großen Reden.

Sondern daran, wie ein Mensch reagiert, wenn jemand nicht ins vorgesehene Konzept passt.

Es sind selten die großen Katastrophen.

Nicht die offenen Beleidigungen.

Nicht die demonstrative Grausamkeit.

Nicht einmal die plumpe Diskriminierung.

Es sind die kleinen Selbstverständlichkeiten.

Das aufgerufene Wort im Wartezimmer.

Das Café voller Hall und akustischer Anarchie.

Die Fortbildung, bei der man selbstverständlich davon ausgeht, dass alle Menschen hören, verstehen, filtern und verarbeiten wie normierte biologische Musterexemplare.

Die Diskussion über Sichtbarkeit innerhalb der eigenen vulnerablen Community.

Und irgendwann sitzt man dort — mit Hörtechnik, Zusatztechnik, Kontextrekonstruktion, Lippenbildanalyse und einer mentalen Prozessorleistung, die vermutlich kleinere Satelliten steuern könnte — und begreift langsam:

Man selbst passt nicht ins Konzept.

Nicht aus Bosheit.

Nicht einmal zwingend aus Ignoranz.

Sondern weil Behinderung gesellschaftlich noch immer häufig wie eine theoretische Randnotiz behandelt wird.

Wie etwas, das irgendwo existiert — abstrakt, statistisch, administrativ — aber bitte möglichst unsichtbar außerhalb des eigenen Wahrnehmungsradius.

Das Problem daran: Wir existieren trotzdem.

Und zwar erstaunlich hartnäckig.

Kapitel I

Das Wartezimmer und die Tyrannei der Selbstverständlichkeit

Wartezimmer sind anthropologisch hochinteressante Orte.

Menschen sitzen dort in einer Mischung aus Hoffnung, Nervosität, latentem Unwillen und der stillen Erkenntnis, dass medizinische Einrichtungen eine eigene Raum-Zeit-Krümmung besitzen. Fünf Minuten können dort dieselbe subjektive Dauer entfalten wie kleinere geologische Epochen.

Und irgendwo zwischen Kunstlederstuhl, abgegriffenen Zeitschriften von 2017 und einem Ficus, der emotional ebenfalls bereits aufgegeben hat, offenbart sich gesellschaftlicher Habitus in seiner reinsten Form.

„Frau Müller!“

Wird gerufen.

Nicht geholt.

Nicht angesehen.

Nicht überprüft, ob der Mensch überhaupt hören kann.

Ein Name wird in den Raum geworfen wie ein ambitionierter Versuch der akustischen Schnitzeljagd.

Und das Bemerkenswerte ist nicht einmal die Situation selbst.

Das Bemerkenswerte ist, dass nahezu niemand darin ein Problem erkennt.

Denn Normhören gilt als gesellschaftliche Grundeinstellung.

Als anthropologische Default-Konfiguration.

Wer nicht hört, fällt aus dem Konzept.

Nicht absichtlich. Aber strukturell.

Das Wiesel in mir steht in solchen Momenten innerlich bereits auf dem Tresen und möchte die Anmeldung mit den Worten „WIR KÖNNTEN AUCH EINFACH MENSCHEN ANSEHEN“ neu organisieren.

Die Büffelin hingegen bleibt diplomatisch.

Zumindest äußerlich.

Sie lächelt kontrolliert, versucht staatsmännische Ruhe auszustrahlen und rekonstruiert derweil anhand von Lippenbildern, Blickrichtungen und hektischen Kopfbewegungen anderer Wartender, ob möglicherweise gerade der eigene Name gefallen sein könnte.

Eine Art sozial-akustisches Escape Room Konzept.

Nur ohne Spaßfaktor.

Und genau dort beginnt Habitus. Nicht im offenen Ausschluss.

Sondern in der tief eingeübten Selbstverständlichkeit dessen, was als „normal“ gilt.

Kapitel II

Das Café und die Akustik der Norm

Cafés sind heute häufig architektonische Liebesbriefe an Sichtbeton, Hall und ästhetisierte Geräuschkulissen.

Alles klingt dort.

Tassen.

Stühle.

Besteck.

Milchschaum. Maschinenbrummen.

Musik.

Menschen.

Gedanken vermutlich ebenfalls.

Akustisch betrachtet sitzt man nicht selten mitten in einem experimentellen Resonanzkörper, den ein sadistischer Innenarchitekt gemeinsam mit einer Hyperaktivitäts-Symphonie geplant haben muss.

Und dennoch gilt ein Café gesellschaftlich als Ort der Kommunikation.

Für normhörende Menschen mag das sogar zutreffen.

Für viele hörbehinderte Menschen gleicht es hingegen einer Mischung aus Lippenlesemarathon, Kontextpuzzle und neurologischer Hochleistungsdisziplin.

Das Interessante daran: Die Problematik wird kaum mitgedacht.

Man plant Lichtkonzepte.

Farbharmonien.

Instagramfähigkeit.

Latte-Art.

Aber selten Akustik.

Denn Inklusion ist oft noch immer etwas, das nachträglich ergänzt wird — wie Petersilie auf einem bereits servierten Gericht.

Nicht integraler Bestandteil der Planung.

Und genau das ist Habitus.

Wer Räume plant, plant häufig unbewusst für Menschen, die ihm selbst ähneln.

Wer normhörend ist, denkt Normhören mit.

Wer nie um Teilhabe kämpfen musste, bemerkt oft nicht einmal, wie viele Menschen permanent improvisieren müssen, um überhaupt teilnehmen zu können.

Das Wiesel beginnt in solchen Räumen meist nach ungefähr acht Minuten, imaginär an Tischbeinen zu nagen.

Die Büffelin versucht weiterhin Würde zu bewahren.

Sie analysiert Raumwinkel.

Schallquellen.

Sitzpositionen.

Lichtverhältnisse.

Mögliche Lippenbilder.

Kurz: Sie betreibt Feldforschung im biomechanischen Überlebensmodus.

Und währenddessen unterhalten sich andere Menschen entspannt.

Ein Zustand, der beinahe mythische Qualitäten besitzt.

Kapitel III

Fortbildung und die noble Kunst der Eigenkompensation

Fortbildungen sind besonders faszinierend.

Denn Bildungsräume verstehen sich gern als progressiv, offen, modern und inklusiv.

Bis jemand tatsächliche Teilhabe benötigt.

Dann beginnt die große Improvisation.

Man organisiert selbst Zusatztechnik.

Fragt vorab nach Mikrofonen.

Erklärt Hörsituationen.

Bittet um Wiederholungen.

Überlegt strategisch Sitzplätze.

Streamt.

Kombiniert Technik.

Balanciert Konzentration, Erschöpfung und soziale Anpassung.

Und der eigentliche Skandal bleibt meist unsichtbar:

Die gesamte Zusatzleistung wird selbstverständlich von den Betroffenen selbst erbracht.

Nicht das System kompensiert Barrieren.

Die Betroffenen kompensieren das System.

Immer wieder.

Mit erstaunlicher Disziplin übrigens.

Viele hörbehinderte Menschen entwickeln dabei einen beinahe aristokratischen Habitus der Selbstkompensation.

Man möchte nicht „kompliziert“ wirken.

Nicht „anstrengend“.

Nicht „fordernd“.

Also optimiert man sich selbst bis zur völligen neuronalen Erschöpfung.

Und irgendwann sagt jemand: „Ach, Sie kommen ja gut zurecht.“

Ja natürlich.

Titanic-Passagiere kamen anfangs vermutlich ebenfalls erstaunlich gut zurecht.

Kapitel IV

TICI, Sichtbarkeit und die paradoxe Sehnsucht nach normierter Andersartigkeit

Besonders spannend wird es dort, wo selbst vulnerable Communities beginnen, gesellschaftliche Prägungen zu reproduzieren.

Die Diskussion um TICI, Sichtbarkeit und „Verstecken“ hat das sehr deutlich gezeigt.

Plötzlich geht es nicht

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