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Oh, du Abgegrenzte!

Bild: pixabay.com

Die heutige Kolumne beschäftigt sich – erneut – mit dem Thema Bodyshaming. Ich teile einzelne Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe und spreche über meine aktuelle Irritation dazu, wie präsent Körperbewertungen (wieder) geworden sind. Bitte lies den Text nur, wenn du gerade die Kapazitäten dazu hast. Am Ende des Textes findest du dann Reminder und Abgrenzungsstrategien – du kannst auch direkt zu diesem Teil springen.

Das Jahresende steht kurz bevor. Und während im Außen alles ganz trubelig und hektisch ist, sich alle um das Weihnachtsessen und die Familienbesuche, die dreizehnte Weihnachtsfeier und den achtzehnten Weihnachtsmarktbesuch kümmern, kommt hier in diesem Jahr keine rechte Stimmung auf. Das hat viele verschiedene Gründe und es ist auch völlig okay, sich nicht in den weihnachtlichen Sog ziehen lassen zu können oder zu wollen. Außerdem treibt mich gerade eine Sache besonders um – und das ist, wie die Gesellschaft und Personen, die z. B. via Social Media in der Öffentlichkeit stehen, mit dem Thema Gewichtsreduktion umgehen.

Man kann sich jetzt fragen: Wieso ploppt dieses Thema gerade jetzt so auf, wieso wird es (zumindest in mir) gerade so groß? War es doch trotz aller Body Positivity Bestrebungen, für die wir hart gekämpft haben, nie richtig weg und ist es doch schon seit Monaten schier omnipräsent. Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum es gerade jetzt so anstrengend für mich wird, diese Dauerbeschallung von „So sah ich noch letztes Jahr aus – und guckt, wie schlank ich heute bin“ auszuhalten und einzuordnen. Aber es scheint, zumindest zu einem gewissen Teil, auch etwas mit den aufkommenden Feiertagen zu tun zu haben. Denn das ist immerhin die Zeit, in der gemeinsame Mahlzeiten Tür und Tor für Bewertungen öffnen. Dann steht auch noch der Jahreswechsel bevor und mich gruselt es schon jetzt vor dem Abnehmdruck, der pünktlich mit dem 1. Januar wie in jedem Jahr losgehen wird – und irgendwie habe ich so ein mulmiges Gefühl, dass er dieses Mal sogar noch präsenter werden könnte.

Deshalb geht es in der heutigen Kolumne gleich um mehrere Aspekte, die allerdings alle zusammenhängen:

  • Es geht um meine persönlichen Gefühle, Gedanken und Erinnerungen zum Thema Abnehmen

  • Es geht um eine übergeordnete Einordnung

  • Und es geht darum, wie wir uns gerade zu den Feiertagen noch einmal auf uns besinnen, mit uns einchecken – und von Körperbewertungen abgrenzen können. Am Ende des Textes findest du deshalb ein paar Reminder und Formulierungshilfen, die dir, falls dich diese Thematik auch gerade intensiv beschäftigt, vielleicht ein wenig über die Feiertage und bestimmte Begegnungen helfen können.

Warum stresst mich Abnehm-Content gerade so hart?

Seit Monaten sind meine Socials voll von Abnehmreisen, Vorher-Nachher-Vergleichen und Videos, in denen Menschen ungläubig davon berichten, wie krass sie sich im letzten Jahr verändert haben. Dass sie kaum noch glauben können, dass sie mal in diese Hose (die sie dann demonstrativ vor oder neben sich halten) gepasst haben.

Ich bin wirklich vielen Menschen schon entfolgt, habe meine Instagram-Einstellung so modifiziert, dass mir keine Werbung für Diätprodukte eingespielt wird, und trotzdem kann ich dem nicht entgehen. Das frustriert mich. Denn auch wenn ich jeder einzelnen Person individuelle Gründe für eine Abnahme zugestehen kann, so spüre ich doch, dass mit jedem Reel und jedem Foto, die ich dazu sehe, Erinnerungen in mir hochkommen.

Erinnerungen daran, wie hart es als Heranwachsende war, dass meine Figur ständig kommentiert wurde. Und dass es irgendwie okay war (und ist), dass jeder Hinz und Kunz etwas zu einem Körper sagen darf – es aber nicht okay war (und scheinbar immer noch ist), dick zu sein.

Erinnerungen an einen Kommentar eines Verwandten, dass ich doch mal dringend Sport machen sollte und dass meine Eltern mich doch genug lieben würden, um das Fitnessstudio zu zahlen – es ginge ja schließlich um meine Gesundheit. Nicht, dass ich mein Leben lang bereuen würde, dick zu sein. Da war ich 14 oder 15 – und finde es heute immer noch erschütternd, wie perfide es ist, wie offenkundig hier Aussehen und Liebe aneinander geknüpft wurden.

Erinnerungen an all die Beleidigungen auf dem Schulhof, im Bus oder in der Innenstadt.

Erinnerungen an eine Bekannte, die mir mit Anfang 20 unverhohlen sagte, dass sie „Dicke ja eigentlich nicht mag“, aber ich sei „ja schon hübsch“.

Erinnerungen an ein Gespräch mit einem Freund. Es war eine lustige Plauderei und ging darum, welche Superheld*innen wir wären, wenn wir wählen könnten. Ich wollte Mystique sein (aus X-Men), weil der Gedanke, nach Belieben meinen Look zu ändern, mir sehr gefällt. Seine direkte Antwort war: „Dann würdest du aber nicht schlanker sein.“ Bei mir kam klar an, dass er verstanden hatte, dass ich diese Superkraft gewählt hatte, weil ich mir wünschte, „einfach“ schlank zu sein. Dabei hatte ich daran nicht eine Sekunde lang gedacht.

Dieses letzte Gespräch fand kurz vor Weihnachten statt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum all diese Erinnerungen (und noch viele mehr) gerade jetzt hochkommen, wo die Feiertage bevorstehen.

Neuer Körper = gut,
alter Körper = schlecht?

Ein weiterer Grund ist, dass mit all diesen Abnehminhalten, die immer prominenter und von immer mehr Menschen in den sozialen Medien geteilt werden, zwangsläufig eine stärkere Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper einsetzt – nicht unbedingt auf die gute Art. Denn das, was dort geteilt wird, ist keine Erfahrung, die neutral und einfach nur für sich stehen darf. Die Abnahmen werden als Erfolge gefeiert – und genau mit diesem Zelebrieren schwingt (in meiner Wahrnehmung und Interpreation) implizit mit: So, wie ich vorher war, war ich scheiße. Mein früherer Körper war Mist. Endlich bin ich nicht mehr so. Endlich bin ich schön, „normal“, „begehrenswert“. Endlich ist da das schöne Leben.

Ich weiß, ich vereinfache an dieser Stelle stark – und natürlich ist die Realität bei Weitem nicht so eindimensional. Mir ist völlig klar, dass eine Gewichtsreduktion längst nicht bedeutet, dass jetzt alles easy wird. Und nicht alle, die Gewicht verloren haben, werten ihren „Davor-Köprer“ ab. Außerdem ist es z. B. nachvollziehbar, abnehmen zu wollen, um endlich nicht mehr ständig bewertet zu werden und bessere Zugänge zu Versorgungen zu bekommen.

Aber dennoch bleibt da dieser fade Beigeschmack von „nur ein schlankerer Körper ist ein besserer Körper“. Und das schmerzt mich sehr, denn mein Eindruck ist: Genau das ist es, was gerade wieder immer mehr zum Konsens wird. Wo wir uns vor Kurzem noch halbwegs einig darüber waren, dass Körper vielfältig sind und niemand das Recht hat, sie zu kommentieren, wird es mit dieser Einigkeit zum Thema Schlankheit auch wieder salonfähiger, Körper zu bewerten, zu kommentieren, ungefragt Tipps zu geben und sich um fremde Gesundheiten zu „kümmern“.

Zur Sicherheit, denn ich habe es schon öfter gesagt und bleibe natürlich auch heute dabei: Es ist okay, abnehmen zu wollen. Es ist nachvollziehbar. Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen können. Und am Ende des Tages ist es vor allem eins: Eine sehr persönliche Entscheidung. Auch ich habe diesen Wunsch immer wieder und manchmal komme ihm auch nach. Die größte Errungenschaft der letzten Jahre und all dieser Auseinandersetzungen mit Body Positivity und Body Neutrality ist aber, dass ich keine Version meines Körpers mehr als besser oder schlechter bewerte. Ich feiere weder Ab- noch Zunahmen. Ich weiß, dass jeder Körper Respekt und eine anständige Behandlung verdient hat, einfach nur aufgrund seiner Existenz.

Und genau da liegt der springende Punkt: Mein Eindruck ist, dass diese Errungenschaft mit dem Feiern von Gewichtsabnahmen zunichtegemacht wird. Alles, was ich (und viele andere auch) mir erarbeitet habe, scheint jetzt kaum noch einen Wert zu haben, wenn ich wieder die gleichen Diskussionen wie vor einigen Jahren führen muss. Denn was dabei bei mir auch einsetzt, ist Folgendes: Je öfter mir von Außen gespiegelt wird, dass mein Körper nicht okay ist, und je selbstverständlicher das passiert, umso herausfordernder wird es für mich, dagegen anzuhalten. Mich abzugrenzen. Mich immer wieder auf meine Haltung zu besinnen und mir klarzumachen, dass ich auch anderer Meinung als die meisten anderen Menschen sein darf. Denn ich bin auch eine People Pleaserin, ich will dazugehören, will gemocht werden – und das ist nun einmal schwierig, wenn man „anders“, „dagegen“ und „uneinsichtig“ ist. Also muss ich verdammt hart aufpassen, nicht einzuknicken, bei mir zu bleiben, mich selbst zu respektieren. Und zwar in allen Varianten.

Deshalb wiederhole ich noch einmal: Können wir uns bitte wieder daran erinnern, dass wir schon so weit waren, dass wir es uns sparen, Körper zu bewerten und zu kommentieren? Dazu zählt auch, dass wir Abnehmreisen nicht beklatschen. Natürlich ist es schön für eine Person, wenn sie sich gut, vielleicht sogar besser fühlt. Aber jeder Körper ist in jedem Zustand vor allem eins: Kein öffentliches Gut, dass es zu besprechen gilt, sondern Privatsache.

Letztendlich ist das gesamte Thema sehr ambivalent und Ambivalentoleranz ist etwas, das ich immer wieder von mir selbst und anderen einfordere. Aber ganz ehrlich: Manchmal fällt es besonders schwer ein „sowohl … als auch …“ auszuhalten. Und gerade ist so ein „manchmal“.

So kannst du dich abgrenzen: Reminder und Tipps zu den Feiertagen

Und weil mit den Weihnachtsfeiertagen nun auch wieder die Zeit anbricht, wo viele Feiern anstehen und gemeinsame Mahlzeiten ein Ding sind, kommen hier ein paar Reminder, Sätze und Strategien für den Fall, dass du auch (wie ich) zu den Menschen gehörst, die sich schon jetzt überlegen, wie sie damit umgehen, wenn Onkel Günther oder Tante Gerda meinen, deine Kleidung, dein Gewicht, deinen Körper oder dein Essverhalten kommentieren zu dürfen:

  • Du schuldest niemandem eine bestimmte Optik. Dein Körper ist deine Sache.

  • Du musst niemandem erklären, ob/warum du nicht abnehmen möchtest oder kannst.

  • Das Argument „Aber ich sorge mich doch um deine Gesundheit“ ist in den allermeisten Fällen ein Scheinargument. Denn: Wäre Gesundheit wirklich der Grund für entsprechende Kommentare und nachfragen, würden wir den Konsum von Alkohol und/oder Zigaretten mit der gleichen „Sorge“ kommentieren. Außerdem verkennen Personen, wie einschüchternd, Stress- und Druck erzeugend Gewichts- und Körperbewertungen sind. Sie können unserer mentalen Gesundheit schaden. Doch dort scheint dann die „Sorge“ um die Gesundheit ihre Grenzen zu finden.

  • Du darfst essen, was dir schmeckt, was dir guttut und worauf du Lust hast. Ja, auch den Nachtisch.

  • Du darfst darum bitten, deinen Körper und dein Essverhalten nicht zu kommentieren. Du musst dich nicht rechtfertigen und kannst stattdessen immer wieder einen so genannten Bumerangsatz wiederholen. Der kann z. B. lauten: „Ich möchte nicht, dass mein Körper oder mein Essverhalten thematisiert werden“ oder „Mein Essverhalten geht nur mich etwas an“.

  • Du darfst Situationen meiden, die dir nicht guttun – auch wenn es sich um deine Familie handelt.

  • Du darfst dir bewusst machen, dass Abgrenzung viele Ressourcen kostet – und dass es deshalb genau so okay sein kann, zu schweigen und Diskussionen aus dem Weg zu sein, als sie mit vielen guten Argumenten zu führen.

  • Du selbst entscheidest, wie hart oder weich du deine Grenze setzt und wo du sie steckst. Ein höfliches: „Können wir bitte über etwas anderes sprechen?“ ist genauso okay wie ein: „Wenn mein Körper hier weiter besprochen wird, sehe ich mich gezwungen zu gehen.“

  • Such dir gerne Verstärkung und bitte sie um Unterstützung. Das können z. B. dein*e Partner*in, dein Bruder oder deine Cousine sein. Sprecht euch vorher ab, ab welchem Punkt dein Support dir beistehen soll und ob er*sie für dich sprechen soll, wenn du es z. B. nicht mehr kannst, oder „nur“ deine Argumente verstärken soll. Macht vielleicht auch ein geheimes Zeichen aus, ab welchem Punkt ihr die Feier gemeinsam verlassen wollt.

Ich wünsche dir, dass du zum Jahresende die Zeit verbringst, die dir guttut – ganz egal, wie das aussieht.

Topic Body Acceptance

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