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Mitte-Studie: Digitaler Raum als Aufmarschgebiet des Rechtsextremismus

Wie hängen die Radikalisierung in sozialen Netzwerken und das Erstarken des Rechtsextremismus auf der Straße zusammen? Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Demokratie und das Zusammenleben insgesamt hat es, wenn dem rechten Hass im Netz und der digitalen Gewalt nicht Einhalt geboten wird?

Diesen und anderen Fragen widmen wir uns in einem Kommentar anlässlich der Ergebnisse der neuen „Mitte“-Studie. Wir zeigen, wie der digitale Raum gezielt von Akteuren rechter Netzwerke als Aufmarschgebiet genutzt wird – einerseits um Stärke zu demonstrieren, andererseits aber auch um Diskurse zu verschieben.

Ende 2025 wurde die neue „Mitte“-Studie der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht. Sie basiert auf einer aktuellen repräsentativen Befragung in Deutschland, umfasst aber auch Daten älterer Erhebungen sowie die Analysen renommierter Expert*innen für den gesamten deutschsprachigen Raum.

Da die Studie auch interessante Erkenntnisse für den Bereich digitale Gewalt und Rechtsextremismus liefert, möchten wir im Nachfolgenden für uns wichtige Ableitungen daraus treffen. Dabei legen wir einen besonderen Fokus auf die Wechselbeziehung von (digitalen) Diskursen und gesellschaftlicher Radikalisierung.

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Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ist online abrufbar

Eine autoritäre Dynamik

Zunächst die vielleicht zentrale Aussage der Mitte-Studie 2025: Die Mitte ist angespannt, gespalten und anfällig für autoritäre Versuchungen. Das Vertrauen in Institutionen und Wahlen hat stark abgenommen, die Mitte rückt an die politischen Ränder.

Dazu ein paar Zahlen (Körber-Stiftung, 2024): 60 Prozent der Menschen befürworten mehr Macht für Politiker*innen, 39 Prozent lehnen eine parlamentarische Kontrolle der Regierung bei wichtigen Entscheidungen ab, 30 Prozent wollen Freiheitsrechte in Krisenzeiten einschränken. Das deutet auf eine autoritäre Dynamik hin, die die Demokratie strukturell gefährden kann. Das unterstreichen die Daten der Mitte-Studie.

Seit 2018 ist der Anteil jener, die die Funktionsfähigkeit der deutschen Demokratie in Frage stellen, von 11,6 Prozent auf 23,7 Prozent angestiegen. Das Misstrauen in staatliche Institutionen ist seit 2020 von 14,3 auf 21,5 Prozent angestiegen, das Misstrauen in Wahlen hat sich mehr als verdreifacht (5,8 auf 18,2 Prozent). Und 14 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass das Land einer Diktatur gleicht.

Nationalchauvinismus steigt massiv an

Rechtsextreme Einstellungen nehmen leicht ab – aber sie normalisieren sich. Nur noch etwa 3 Prozent der Befragten vertreten ein geschlossen rechtsextremes Weltbild (Rückgang auf das Niveau von 20/21), doch der Graubereich wächst. 33 Prozent sehen die AfD als „Partei wie jede andere“ – ein klarer Indikator für die Normalisierung. Der Nationalchauvinismus steigt massiv an. Äußerten 2021 noch 8,6 Prozent hier Zustimmung, waren es 2025 schon 19,8 Prozent.

Menschen mit rechtsextremen Einstellungen billigen häufiger politische Gewalt; Gewalt wird zunehmend als legitimes Mittel wahrgenommen. Sozialisation spielt eine Schlüsselrolle: Wer autoritär erzogen wurde, zeigt im Erwachsenenalter signifikant häufiger rechtsextreme oder rechtsextrem-verharmlosende Einstellungen (z. B. 20 % vs. 6 % ohne autoritäre Erziehung). Bei Männern ist dies noch deutlicher ausgeprägt.

Eine „schamlose Normalisierung“

In der Studie kommt Ruth Wodak zentral zur Verschiebung des Sagbaren zu Wort. Sie beschreibt den Prozess einer schleichenden Enttabuisierung von Aussagen, die zuvor als extremistisch wahrgenommen wurden und zurecht tabuisiert waren, als „schamlose Normalisierung“. Dies geschieht durch zielgerichtete, ständige Provokation, die über Medien in der gesellschaftlichen Mitte verbreitet und damit normalisiert werde.

Diese Dynamik führe zu einer „Enthemmung“ des Diskurses, in der Lügen, Beleidigungen und menschenfeindliche Aussagen nicht mehr sanktioniert, sondern als authentisch und legitim wahrgenommen werden. Rechtsextreme Begrifflichkeiten wie „Remigration“ sickern in den Diskurs ein und Menschen übernehmen rechtsextreme Denkmuster, ohne sich selbst als Rechtsextreme zu identifizieren.

Die Folge: Eine Form von Erosion der demokratischen Immunität. Die Studie beschreibt diesen Prozess als Kaskadeneffekt der Normalisierung. Was gestern noch extrem war, gilt heute als „Meinung“. Dadurch verlieren demokratische Werte ihre Verbindlichkeit, und Hasskommunikation wird Teil des Alltags. Das sieht man nicht zuletzt auch in digitalen Räumen, also etwa in den sozialen Netzwerken.

Rechtsextreme Netzwerke als „Polarisierungsunternehmer“

Rechtsextreme Netzwerke entfalten dort eine fatale Wirkung als Radikalisierungsräume, sie agieren laut Studie wie „Polarisierungsunternehmer“. Siehe dazu auch unser Hinweis auf das „Geschäftsmodell Hass (Opens in a new window)“, das von ihnen nachweislich praktiziert wird. Sie nutzen soziale Medien, Messenger-Dienste und alternative Nachrichtenplattformen, um gezielt Diskurse in ihrem Interesse zu verschieben.

https://steady.page/de/bohrnundmena/posts/cbbbb4d5-02d1-4e46-a5db-6e45a9c314dc (Opens in a new window)

Ihre Strategie dabei ist: Emotionalisierung, Übertreibung, Feindbildproduktion und Wiederholung. Das Ziel ist nicht primär die offene Gewalt, sondern die Erosion demokratischer Tabus. Die Studie weist in dem Kontext auf folgende Mechanismen hin:

·      Online-Netzwerke (Telegram, YouTube, alternative Blogs) bilden „Echokammern“, in denen Hass und Verschwörungsmythen enttabuisiert und verstärkt werden

·      Diese Kanäle sind Brücken zwischen „bürgerlicher Mitte“ und offen rechtsextremen Gruppen – sie bieten Anschluss über scheinbar „harmlose“ Themen (Gender, Klimaschutz, Migration)

·      Dadurch wird ein Kontinuum der Radikalisierung geschaffen: von „kritischer Meinung“ → zu „rechtem Narrativ“ → zur Billigung von Gewalt

Wichtig ist dabei auch zu erwähnen, wie bedeutsam libertär-autoritäre Ideen als Steigbügel für den Rechtsextremismus sind: „Mithin tarnt der libertäre Autoritarismus die eigene rechtsextreme Menschenfeindlichkeit und befördert sie zugleich. Das nachweisbar gemeinsame Auftreten eines »Sich-in-der-Mehrheitsmeinung- Wähnens« (Meinungsnormalität) und Rechtsextremismus (Normalisierung von Rechtsextremismus) läuft über den legitimierenden Mythos des libertären Autoritarismus – er funktioniert fast wie eine Brücke, die über die Schlucht der gesellschaftlichen Unsagbarkeit rechtsextremer Haltung führt.“

Conclusio

Was können wir aus den Erkenntnissen der Mitte-Studie also für die Debatte rund um digitale Gewalt & Rechtsextremismus mitnehmen? Zunächst müssen wir erkennen, dass Akteure rechtsextremer Netzwerke den digitalen Raum als „Aufmarschgebiet“ nutzen. Nicht nur um Stärke zu demonstrieren, sondern auch um Diskurse zu verschieben. Sie verwischen Grenzen und überschreiten sie gezielt. Sie fördern Nationalchauvinismus und greifen die Institutionen der Demokratie an.

Das Einsickern des Rechtsextremismus in die Mitte der Gesellschaft passiert über verschiedene „Brücken“, das sind unter anderem Themen, die von libertär-autoritärer Seite besetzt sind. Hier wird gezielt provoziert und bei entsprechenden Reaktionen mit dem Narrativ gearbeitet, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden würde, man sich gegen ein diktatorisches Regime („Gesinnungsterror“) wehren müsse. Diese Gegenwehr wiederum würde die Nutzung von (sprachlicher) Gewalt legitimieren.

Die Wahrung der Grenzen einfordern

Die Antwort auf diese Dynamiken kann unserer Meinung nach nur in der konsequenten Nutzung der Instrumente einer wehrhaften Demokratie liegen. Dazu zählt einerseits der Rechtsstaat, um die Einhaltung der strafrechtlichen Grenzen auch im digitalen Raum sicherzustellen. Drohungen, Gewaltaufrufe, Beschimpfungen und Beleidigungen sind keine legitime Form der Meinungsäußerung, das gilt es wieder im Diskurs zu verankern und Überschreitungen entsprechend rechtlich zu ahnden.

Gleichzeitig gilt es aber auch dafür Sorge zu tragen, dass der digitale Raum nicht als Aufmarschgebiet des Rechtsextremismus genutzt werden kann. Das würde einerseits die echte Haftung von Plattformbetreibern erfordern, andererseits einen Stopp der öffentlichen Finanzierung von demokratiefeindlichen Strukturen. Medien spielen eine entscheidende Rolle in der Verbreitung rechtsextremer Narrative. Geben sie sich dafür her, sollten sie nicht auch noch staatlich finanziert werden.

In eigener Sache

Der Kampf gegen rechten Hass und digitale Gewalt ist ein langer Weg. Wir freuen uns sehr über Begleitung & Unterstützung. Etwa über das abonnieren unseres kostenfreien Newsletters (Opens in a new window) oder über eine Mitgliedschaft (Opens in a new window). Je mehr wir sind, umso mehr können wir bewirken. Vielen Dank für Eure Solidarität!

Topic Meinung

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