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WeinLetter #108: Schrumpfen als Erfolg? Die Bilanz der Weinernte 2025

Liebe Wein-Freund:in,

Du liest den WeinLetter #108. Heute gibt’s: Die große Bilanz der Weinernte 2025 in Deutschland. Und ganz ehrlich: Die ersten Meldungen lassen mich verzweifeln. „Unerwartet schwach“, fällt die Weinernte für die Tagesschau aus. Der SWR titelt: „Weinernte in Deutschland bricht ein“. Und Die Zeit berichtet: „Deutsches Weininstitut meldet schlechteste Ernte seit 15 Jahren“. Und ich denke mir nur so: Um Gottes willen, nix gecheckt, denkt ihr immer noch in Masse?

Dass die Weinernte so schwach ausgefallen ist: Gut so! Dass offensichtlich die Qualität überdurchschnittlich gut geworden ist: Gut so! Ich meine: Hey, die Leute nehmen gerade überhaupt nicht das ab, was die Weinbranche produziert. Es gibt Überkapazitäten, der Rebsaft landet sogar in den Tanks für Industriealkohol. Was ist die Alternative? “Wir müssen den Rückgang managen!”, hat Gert Aldinger im Wein-Interview des Jahres gesagt (Opens in a new window). Und das Weinjahr 2025 mit seinen angeblich „schwachen“ Erträgen bietet genau diese Möglichkeit: „Den drohenden Überertrag hat die Witterung gekappt“, schreibt Helmut Dolde, Winzer aus Württemberg, in seiner Weinlese-Analyse für den WeinLetter. Er hat eine klare Prognose zur Güte des Jahrgangs 2025.+++ Viel Spaß beim Lesen! Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte. Unterstützt den WeinLetter gerne auch finanziell und werdet aktives Mitglied!

Aber vor allem: 

Trinkt friedlich!

Euer Thilo

 

Menschen stehen vor Boxen mit roten Weintruben

Der Spätburgunder kam als erstes dran: Helmut Doldes Ernteteam. Der Blick geht ins Neuffener Tal. Der Berg Hohenneuffen und die Burg Hohenneuffen sieht man im Hintergrund FOTO: HELMUT DOLDE

Niedriger Ertrag, hohe Qualität. Die Weinernte-Analyse

von Helmut Dolde

Nach einem milden Winter mit ausreichend Niederschlägen erfolgte der Austrieb. Zwei Wochen später als im Vorjahr, also ungefähr wie im Mittel der vergangenen zehn Jahre.

Der Vegetationsverlauf war günstig, es gab keine Wetterextreme, keine Unwetter, keinen übergroßen Pilzdruck. Die großen Gescheine, das sind die Blütenknospenstände vor der Blüte, deuteten auf einen sehr hohen Ertrag hin. Das schien eine Kompensation für den Minderertrag im Vorjahr zu werden. Da hatte eine einzige Frostnacht Mitte April 2024 mehr als 80 Prozent der Austriebe vernichtet. Im Herbst hatten wir dann ungefähr 40 Prozent eines Normalertrags.

Die Rebblüte erfolgte, zeitlich wieder durchschnittlich, im letzten Junidrittel bei heißen Temperaturen. Vielleicht war da die Luftfeuchte etwas zu niedrig. Auf jeden Fall sind nicht alle Blüten befruchtet worden, sie sind teilweise abgefallen. Die Trauben sind „verrieselt“. Das ist ein großer Vorteil, weil dadurch eine lockere Traubenstruktur entsteht. Alles deutete auf eine Normallese im Oktober hin. Sagt doch ein Winzerdogma: Nach der Blüte dauert es noch 100-110 Tage bis zur Ernte.

Aber dann ging alles viel schneller als erwartet. Ich glaube, da wurde jeder überrascht. Am 19. September, 90 Tage nach Blühende, war bei uns Lesebeginn mit Silvaner und kerngesunden „Bilderbuchtrauben“.

Erntehelfer stehen vor Plastik-Boxen mit weißen Weintrauben

Lesebeginn im September - 90 Tage nach Blühende: Die Erntehelfer vor ihrem Silvaner-Ertrag FOTO: HELMUT DOLDE

Das war der letzte schöne, heiße Tag. Dann kippte das Wetter und wir hatten in den folgenden drei Wochen fast jeden Tag Regen.

Anfangs waren die Nächte noch warm. Das ist in Verbindung mit Nässe pures Gift für die Traubengesundheit. Die Beeren saugen sich mit Wasser voll, werden größer und quetschen sich gegenseitig auf. Fäulnis ist die Folge. Glücklicherweise hatten wir durch die teilweise „Verrieselung“ oft eine lockere Traubenstruktur, so dass die Beeren Raum hatten.

Auch in so einer Situation kann man natürlich nicht einfach drauflos ernten. Einmal müssen die Rebsorten und einzelnen Weinberge möglichst optimal reif sein. Ich kann auch nicht gleichzeitig im Keller und im Weinberg sein. Deshalb brauchen wir nach einem Lesetag möglichst zwei lesefreie Tage, um die Trauben im Keller zu verarbeiten und die Moste für die Gärung vorzubereiten.

Den letzten Riesling haben wir am 4. Oktober gelesen. Unsere Silvaner mit ihren dickeren Häuten haben die ungünstige Witterung robust und gesund überstanden. Der Riesling hat am Ende doch etwas gelitten. Geringe Regenmengen haben bei den zum Ende hin immer dünner werdenden Häuten Beeren platzen lassen. Am Ende, nach der Lese lagen viele Trauben am Boden.

Mittlerweile sind fast alle Weine komplett durchgegoren. Die Weine probieren sich reintönig, sehr duftig, sehr vollmundig und sehr frisch. Alles wie im Bilderbuch, alles natürlich, als ob jeder Wein sein Bestes geben will. Und, ungewöhnlich: Die Jungweine probieren sich schon jetzt sehr reif und fertig.

Wir freuen uns über einen Jahrgang 2025, der herausrragende Weine bringen wird. In bei uns durchschnittlichen Mengen. Den drohenden Überertrag hat die Witterung gekappt.

 

Helmut Dolde ist ein ehemaliger Gymnasiallehrer in den Fächern Biologie und Chemie. Das sind keine schlechten Voraussetzungen, um 1981 mit seiner Frau Hedwig Weinbergsparzellen im Neuffener Tal zu übernehmen. Heute ist er einer der spannendsten Winzer Württembergs. Seine Silvaner sind einzigartig, er hat das Neuffener Tal auf die Weinkarte gesetzt. Im WeinLetter fungiert er als Experte für Weinernten und Klimawandel. Hier geht’s zum Weingut: www.doldewein.de (Opens in a new window) FOTO: CHRISTINE HUBER

Die wichtigsten Fakten zur Weinernte 2025 in Deutschland

1. Die Menge der Weinernte 2025

Der Deutsche Weinbauverband (DWV) rechnet mit einer bundesweiten Weinmosternte 2025 in Höhe von 7,3 Millionen Hektoliter. Damit liegt das Jahr 2025 6,8 Prozent unterhalb der Erntemenge von 2024.

2. Der Weinernte-Trend 2025

Die 2025er Weinernte brachte die kleinste Erntemenge seit 2010 mit damals 7,1 Millionen Hektoliter hervor. 2025 liegt 16 Prozent unterhalb des Zehn-Jahres-Schnitt.

3. Das sind die Verlust-Bringer der Weinernte 2025:

Die größten Weinbaugebiete Deutschlands, Rheinhessen und Pfalz, verzeichnen den deutlichsten Mengenrückgang. Für die Pfalz rechnet der DWV mit rund 1,85 Millionen Hektolitern und einem Minus von 17 Prozent gegenüber 2024. Rheinhessen, Deutschlands größtes Anbaugebiet, hat 1,93 Millionen Hektoliter geerntet. Das ist ein Rückgang in Höhe von 26 Prozent im Vergleich zu den 2,609 Hektoliern in 2024.

4. Das sind die größten Gewinner der Weinernte 2025

Deutlich im Plus sieht der DWV die 2024 frostversehrten Gebiete Saale-Unstrut (Plus 129 Prozent), Sachsen (Plus 329 Prozent), Mosel (Plus 52 Prozent), Franken (Plus 38 Prozent) sowie die Ahr (Plus 144 Prozent).

5. Das sind die Gewinner-Verlierer der Weinernte 2025

Fehlen noch die mittelgroßen Anbaugebiete Baden und Württemberg: Sie gehören mit Zuwächsen von 5 Prozent (Baden: 1 Million Hektoliter) und 6 Prozent (Württemberg: 720.000 Hektoliter) zu den Gewinnern im Vergleich zu 2024. Gegenüber dem Zehnjahres-Schnitt bleibt trotzdem ein Minus von 15 Prozent (Baden) beziehungsweise 22 Prozent (Württemberg) stehen. (TOK)

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