Auch der zweite Teil dieser Reihe widmet sich der Frage: Verlieren wir wirklich etwas, wenn einige Tierarten verschwinden? Geht es um mikrokleine Superhelden und bissige Giftspritzen, ist die Antwort: Ja.
Im Boden ist ganz schön was los. Je mehr Vielfalt, desto besser wachsen Getreide, Blumen und Bäume. Außer diese gehören zur Gruppe der Weltenbummler, dann können Probleme entstehen. Weitere Themen der Ausgabe: die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt und die Bedeutung der Biodiversität für die Medizin.

Im ersten Teil (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dieser Reihe ging es um domestizierte Tiere – und darum wie vergessliche Vögel, hungrige Schafe und tierische Baumeister ganze Ökosysteme gestalten. Auch die Rolle heimischer Muscheln beim Küsten- und Gewässerschutz wurde vorgestellt.
Diese Ausgabe widmet sich nun der tierischen Vielfalt in drei anderen Bereichen. Fangen wir mit dem Boden unter unseren Füßen an, denn dort ist Biodiversität ebenfalls unverzichtbar. Gesprächspartner war erneut Axel Paulsch.
Beruf: Bodenverbesserer
Ob im Gartenbau, auf Balkonien oder dem Acker: Ohne gute Erde wächst nicht viel. Fehlen wichtige Nährstoffe, scheint dies kein Problem zu sein. Denn selbstgemachter Kompost, Pferdemist, Dünger aus dem Gartencenter, angereicherte Pflanzenkohle oder Gülle haben nur einen Zweck – die Qualität des Bodens zu verbessern.
All die nährstoffhaltigen Helferlein würden ohne das tierische Leben im Boden jedoch nicht funktionieren. In einem Kubikmeter Erde „gibt es so viele tierische Organismen, die für die Bodenfruchtbarkeit unerlässlich sind, das kann man sich kaum vorstellen“, so Axel Paulsch, der Vorsitzende des Instituts für Biodiversität (Ibn).

Mir fällt dabei der folgende geflügelte Satz ein: „In einer Handvoll Erde existieren mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt“. Vielleicht sind es nicht ganz so viele (mindestens acht Milliarden wäre auch viel). Auf jeden Fall wuseln aber Regenwürmer, Schnecken und Spinnen darin herum, dazu Springschwänze, Tausendfüßler, Käfer, Asseln oder Milben. Und Mikroorganismen wie Nematoden oder Wimperntierchen, die so klein sind, dass man sie ohne Mikroskop kaum sehen kann.
Sie alle leben und fressen in unserem Boden, zersetzen abgestorbene Pflanzenteile oder tote Tiere – und verbessern so die Bodenqualität.
Kein Ackerboden würde funktionieren ohne das tierische Leben darin. (Axel Paulsch)
Unzählige Pilze und Bakterien unterstützen die tierische Vielfalt bei ihrer wichtigen Arbeit. Ein guter Boden ist gelebte Biodiversität!
Beruf: Störenfriede auf Reisen
Schwierig wird es laut Geoökologe Paulsch, wenn Pflanzen oder Saatgut in andere Weltregionen „umziehen“, quasi zu Weltenbummlern werden. Dann kann es sein, dass sie dort „entweder nicht gedeihen, weil die richtigen Bodenorganismen“ nicht vorhanden sind. Oder weil sie an Schädlingen leiden, gegen die es vor Ort kein Gegenmittel gibt (Stichwort: invasive Arten).
In solchen Fällen müsse man häufig erst einmal untersuchen, welche natürlichen Feinde diese Schädlinge zu Hause hatten und ob sich diese überhaupt in die neue Heimat transferieren lassen, „damit das Gleichgewicht wenigstens wieder simuliert wird und man das nicht alles chemisch machen muss“. Geht aber nur, wenn die natürlichen Gegenspieler im neuen Lebensraum keinen Schaden anrichten – und zu invasiven Superschurken werden. Kennt man ja von James Bond. Oder hierzulande von der Wollhandkrabbe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Tiere in Medizin und Forschung
Ob Bettwanze, Moskito, Floh oder Wespe: Hierzulande leben einige Insekten, die uns beißen oder stechen können. Doch viele von ihnen haben natürliche Gegenspieler. Gibt es etwa genügend Fische (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Fledermäuse (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)oder Vögel, können sie Schadinsekten wie Stechmücken deutlich reduzieren.
Zecken haben dagegen nur wenige natürliche Feinde, zu denen Fadenwürmer (Nematoden) im Boden, einige Pilze und die Zeckenerzwespe gehören sollen. Auch Hühner werden diskutiert.
Nehmen solche Schädlinge überhand, wird Biodiversität umso wichtiger, der Forschungsbedarf wächst: Denn vielleicht gibt es natürliche Feinde, die noch unbekannt sind. Außerdem können Tiere mit ihren ganz individuellen Eigenschaften auch Quelle für Medikamente oder Therapien sein. So erforschen Wissenschaftler von der Senckenberg-Gesellschaft aktuell, ob einige Stoffe aus dem Gift der Holzbiene (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bei der Behandlung von Brustkrebs genutzt werden können.
Es gibt Blutdrucksenker auf der Basis von Schlangentoxinen, das erste Antibiotikum Penizillin entstand aus einem Schimmelpilz (Erklärvideo (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Weitere Wirkstoffe wurden und werden erforscht. Was die Natur darüber hinaus vor uns verbirgt, weiß allerdings keiner. „Diese Möglichkeiten, die noch gar nicht so recht erforscht sind, riskieren wir, wenn wir die Biodiversität verlieren.“
Beruf: Vermittler zwischen Forschung und Politik
Deshalb ist es so wichtig, die vorhandene Vielfalt zu schützen – und natürlich den Status Quo zu kennen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung soll hierzulande die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sein. Im Jahr 2007 beschlossen, gab es im Dezember 2024 ein politisches Update. Darin ist das ambitionierte Ziel verankert, bis 2030 den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen. „Das war ein Prozess unter Einbeziehung vieler Experten und auch der Öffentlichkeit“, so Axel Paulsch. Heraus kam ein Aktionsplan, der beschreibt, was nötig ist, um die genannten Ziele zu erreichen. Aktuell versuchen er und seine Kollegen, wissenschaftlich belastbare Indikatoren zu finden, „mit denen man die Zielerreichung später bemessen kann“.
Es geht also darum, den Zustand von vorgestern, heute und übermorgen zu vergleichen und Veränderungen nachvollziehbar zu dokumentieren. Das ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick aussieht. Das Wachstum von Naturschutzgebieten lässt sich relativ gut bestimmen. Doch wie misst man, wie biodiversitätsfreundlich Kredite sind? Oder wie viel Plastikmüll in den Gewässern insgesamt vorhanden ist? Man darf gespannt sein.

Aber was verlieren wir denn nun, wenn hierzulande bestimmte Tierarten verschwinden? Warum brauchen wir Biodiversität?
Die Antwort von Axel Paulsch:
„Wir brauchen gesunde Ökosysteme, um davon zu leben und sind weit davon entfernt, verstanden zu haben, wie diese Ökosysteme eigentlich funktionieren und was passiert, wenn gewisse Arten ausfallen. […]
Und mit aller Technik und aller Chemie werden wir das nicht ersetzen können. Es ist der reine Selbstschutz, funktionierende Ökosysteme beizubehalten oder wiederherzustellen. Sonst müssen wir es irgendwann heftig ausbaden.“

Gut zu wissen! Doku-Tipps
Plan b: Wunderwerk Boden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (2023, verfügbar: ZDF)
Kosmos Boden - Das unbekannte Land (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ( 2023, verfügbar: Arte, bis 30.8.2027)
Tiergifte: Mit Gift heilen? (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (2021, verfügbar: W wie Wissen, Das Erste, Webseite mit diversen Informationen, Video aktuell nicht abrufbar)
Ausblick
In der nächsten Ausgabe folgt Teil 2 der Reihe Tierisch viel los auf Balkonien! #2 Vögel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Mach mit! Aktuelle Leserfrage
Das Ergebnis der TiVi! Umfrage zum Thema Über welchen Vogel möchtest Du mehr erfahren? liegt nun vor. Ein Dankeschön an alle, die mitgemacht haben!
Zur Auswahl standen Amsel, Kohl-/Blaumeise, Grünspecht und Milan. Wer wissen möchte, welche Art wie gut abgeschnitten hat, findet die Ergebnisse auf Mastodon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)und LinkedIn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). And the winner is …

Über ein Drittel der TeilnehmerInnen hat den Raubvogel auf das Siegertreppchen gewählt. Auf Platz 2 ist der Grünspecht gelandet, auf Platz 3 die Amsel. Das Artenporträt “Milan” folgt noch in diesem Herbst. Die Leserfrage für September gibt´s in der nächsten Ausgabe.
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