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Debatte: Kein Recht auf Teilzeit? Warum das geschlechtsspezifische Gewalt verschärft

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN / Tina Steiger

Der Wirtschaftsflügel der CDU machte Ende Januar mit einem Vorschlag Schlagzeilen. „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“,
so lautet der Vorstoß. Eine Idee für vermeintlich mehr Wirtschaftswachstum, die unmittelbar auf harte Kritik aus
allen Richtungen stieß. Nicht zuletzt, weil sie
Partnerschaftsgewalt begünstigt.

Wer das Recht auf Teilzeit einschränkt, will nicht in erster Linie Lifestyle begrenzen, sondern Frauen in Abhängigkeiten halten. Alleinverdiener-Modelle fördern Gewalt. Sie sorgen dafür, dass Frauen nicht gehen können und gemeinsame Kinder nicht oder unzureichend versorgt werden. Wer Vollzeit für die Wirtschaft fordert, will zurück zu traditionellen Strukturen, in denen Frauen den Wirtschaftsaufschwung erst ermöglichen.

Gewalt und Teilzeit, wie hängt das zusammen?

Statistiken zu Partnerschaftsgewalt weisen immer wieder darauf hin, dass Gewalt vor allem in Abhängigkeitsverhältnissen wächst. Während in Partnerschaften vor dem Kinderkriegen meist beide Partner arbeiten und (eigenes) Geld verdienen, ändern sich die Vorzeichen, wenn das erste Kind kommt. Meist bleibt sie zuhause, ganz oder wenigstens lange genug, um die ersten ein bis drei Jahre zu sichern und meist wechselt er damit in die Rolle des Haupt- und Alleinverdieners. Später dann, mit dem Nachwuchs in Kita- und Schulalter, setzt sich das Muster, wenn auch in abgeschwächter Form, fort. Frauen steigen meist nur noch in Teilzeit ins Berufsleben ein. Die Zahlen zu Gewalt zeigen, dass Gewaltbetroffenheit genau in diesem Zeitraum ansteigt. Frauen werden durch Kinderbetreuung finanziell abhängig, damit steigt für sie das Risiko, Gewalt in der Partnerschaft zu erleben.

Für 2024, so meldete das statistische Bundesamt, waren 29 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit beschäftigt. Frauen waren dabei mehr als viermal so häufig in Teilzeit tätig wie Männer. Das bedeutet, fast jede zweite Frau (49 Prozent) arbeitet in Teilzeit, während hingegen fast jeder Mann (12 %) in Deutschland Vollzeit arbeitet.

Das hat Folgen. Nicht so sehr für den Lifestyle der Frauen, sondern für die ihnen zugedachten Rollen und die damit verbundenen Finanzen. Frauen, die in Teilzeit arbeiten, tun das nicht, um nach dem Büro um 14 Uhr mit der Matcha-Latte vor dem Pilates-Studio auf den Kurs zu warten. Frauen arbeiten in der Regel dann Teilzeit, wenn sie im Anschluss unbezahlte Care-Arbeit leisten. Meist gilt diese kleinen Kindern und Schulkindern, die nicht optimal zeitlich aufgefangen werden oder beim Lernen begleitet werden können. Oft gilt die Care-Arbeit auch dem Haushalt und der Familie, den Arztterminen am Nachmittag, den Förderkursen und Kinderaktivitäten. Also allem, um den Laden Familie am Laufen zu halten, damit sie, wenn er nach Hause kommt, bereits alles erledigt hat.

Eine weitere Gruppe der Frauen, die in Teilzeit arbeiten, sind Frauen, die Angehörige pflegen. Menschen mit Behinderung und Menschen in hohem Alter, für deren Pflege kein zusätzliches Geld vorhanden ist. Auch hier fangen Teilzeitarbeitende Frauen auf und schichten um, manchmal neben allem, das sonst in der Familienorganisation anfällt. Teilzeit bedeutet in den allermeisten Fällen nicht ein Plus an Freizeit, sondern ein Plus an Verantwortung, Verpflichtungen, Hilfestellung für andere und damit den kostenlosen Ausgleich, den eigentlich Betreuungs- und Sozialsysteme leisten könnten.

Das finanzielle Risiko birgt das Risiko von Gewalt

Die finanziellen und Altersvorsorge-Einbußen tragen auch hier meist Frauen. Wer weniger Stunden arbeitet, erhält weniger Einkommen, kann weniger für Notfälle weglegen, kann weniger für die Rente ansparen. Alles kein Problem, solange es da einen Hauptverdienenden in der Konstellation gibt. Übt der aber Gewalt aus, wird es für die Frauen brisant.

Teilzeit bedeutet für Frauen gelebte Abhängigkeit vom Partner. Sie tritt kürzer, damit die Familie funktioniert. Er profitiert. Sie verliert. Sollten beide sich trennen, wird der Unterschied spürbar. Während er voll verdient, kann sie von ihrem Einkommen keine eigene Wohnung für sich und die Kinder bezahlen und manchmal nicht einmal mit eigenem Geld gehen. Spannender Fakt: Trennungen gehen laut Statistik häufiger von Frauen aus, werden aber von Männern verweigert. Wenigstens, was die räumliche Trennung angeht. Wenn er Geld für eine eigene Wohnung hätte und sie nicht, sie sich aber trennen will und er aber die Bequemlichkeit, den Status oder die Familie nicht verlieren will, ergibt sich eine Konstellation, die ein hohes Risiko für Gewalt bietet. Nachtrennungsgewalt und finanzielle Gewalt, aber auch institutionelle Gewalt (im Verfahren um gemeinsame Kinder) und Gewaltverschiebung wie Stalking und Bedrohung nehmen oft hier ihren Anfang.

Die Gewaltzahlen steigen und mit ihnen allmählich ein Bewusstsein dafür, wieviele Männer täglich hinter verschlossenen Türen Gewalt an ihren Partnerinnen ausüben. Diese Zahlen, etwa im jährlichen Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes, sind unbestritten und steigen seit Jahren. Frauen, die Gewalt erleben und sich trennen, haben auf dem Papier Anspruch auf Unterhalt und Betreuungsunterhalt. In der Realität aber, zahlen 75 Prozent der unterhaltspflichtigen Väter keinen Unterhalt und einige nur einen Anteil, der weit unter dem liegt, den sie leisten müssten. Den Ausgleich schaffen alleinerziehende Mütter von einem (Teilzeit-)Einkommen, das schon zu Beginn zu gering war für eine ausreichende Versorgung.

Wer heute in Teilzeit arbeitet in einer Partnerschaft, muss sich als Frau bewusst machen, dass im Fall einer Trennung, Armut und sozialer Abstieg drohen. Viele Frauen wissen das und trennen sich genau deshalb nicht aus Ehen mit Erniedrigung, psychischer und physischer Gewalt. Nicht etwa, weil sie nicht wollen oder sich nicht trauen. Sondern schlicht, weil sie wissen, dass sie sich und ihre Kinder nicht oder nur ungenügend versorgen können. Wer jetzt auf Sozialleistungen verweist, dem sei dieser Artikel (Arm. Und bedroht. Wie die neue Grundsicherung gewaltbetroffene Alleinerziehende besonders gefährdet, ebenfalls in der vorliegenden Ausgabe) empfohlen. Denn auch in den Sozialsystemen denkt der Staat Gewaltbetroffene nicht mit.

Wer Teilzeit-Lösungen (für Männer!) verhindert, gefährdet Frauen

Das oben beschriebene Problem besteht schon jetzt. Mit einem derzeitigen Anspruch auf Teilzeit. Den aber überwiegend Frauen annehmen und damit konservative Rollenmodelle für Familien fortführen. Mutti macht den Haushalt und ist für die Kinder da und Papi bringt das Geld und kommt abends zu erschöpft nach Hause, um den Abwasch zu machen oder die Kita-Schläppchen in der nächsten Größe zu bestellen.

Die Lösung wäre, dass mehr Männer in Teilzeit arbeiten. Mehr Männer die Familienverantwortung gleichwertig mittragen und zwar in Sachen Care, finanziellen Risiken und infolge der Abhängigkeit von der bestehenden Partnerschaft. 12 Prozent der Männer waren es 2024, die in Teilzeit beschäftigt waren. Das war lediglich jeder neunte Mann. Alle anderen haben keine finanziellen Risiken, im Gegensatz zu ihren Partnerinnen.

Die Gründe für die Teilzeitabneigung bei Männern sind individuell und laufen doch meist auf einen gemeinsamen Nenner zusammen. Von Männern wird stereotyp erwartet, dass sie Vollzeit arbeiten. In den Betrieben, in der Gesellschaft und oft kommen auch Paare unter sich zu dem Schluss, dass es finanziell mehr Sinn macht, wenn er weiter voll verdient und sie auffängt, was sonst ebenfalls mit hohen Kosten verbunden wäre. Betreuung, Haushaltshilfe, Fahrdienst, Pflege.

Wer Abhängigkeiten abbauen will und damit den Nährboden für Partnerschaftsgewalt, muss dafür sorgen, dass mehr Männer in Teilzeitmodellen arbeiten, nicht noch weniger. Dass es attraktiver und normalisiert wird. Wer Care-Arbeit gerecht verteilen will und damit Geschlechterstereotype abbauen, der muss darauf setzen, dass sich die Teilzeitfalle für Frauen auflöst. Wer Gleichberechtigung wirklich umsetzen will, muss Arbeit, Einkommen und damit auch die Absicherung im Alter gerecht auf beide Geschlechter verteilen.

Der Wirtschaftsflügel der CDU fordert nun genau das Gegenteil, nämlich den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit stärker einzuschränken. Für viele Männer wird das bedeuten, dass ihr Anspruch entfällt. Auf den ersten Blick vielleicht kein großer Verlust für den ohnehin Hauptverdiener. Schaut man jedoch genauer hin, wird deutlich, dass dies ein Schritt zurück ist zu traditionellen Strukturen und veralteten Familienmodellen. Hier wird die wirtschaftliche Abhängigkeit von Frauen an ihre Ehepartner verstärkt.

Eine Familie mit Kindern, in der ein Partner voll arbeitet, kann gar nicht funktionieren, wenn nicht der andere Partner als Puffer für den Alltag stundenweise und in Sachen Gehalt zurücktritt. Die 40-Stunden-Woche war nie dafür geschaffen, dass zwei Elternteile darin arbeiten. Sie war immer so gedacht, dass er bezahlt arbeitet, während sie unbezahlt leistet. Eine Gesellschaft mit einem so großen Gewaltproblem gegen Frauen kann es sich nicht leisten, dass Frauen hier weiter ungeschützt bleiben.

In der Vorstellungswelt der CDU-Beteiligten lassen sich die Lücken vermutlich durch Personal schließen. In der Lebensrealität der meisten Deutschen, halten Frauen den Kopf hin und innerfamiliär die Stellung. Mehr Männer in Teilzeit mit der Freiheit und Verpflichtung, Zeit in ihre Familie zu investieren, muss die Lösung sein, wenn eingebundene Väter und gleich gestellte Frauen gesellschaftlich gewünscht sind. Väter in langen, eigenverantwortlichen Elternzeiten, Väter in Teilzeit mit Stunden zum Mittagessen kochen und zur Hausaufgabenbegleitung, das muss die Zukunft sein.

Haben dann beide zu wenig? Nein, denn erst, wenn auch Männer von einem Problem betroffen sind, so scheint es, findet der Staat dafür Lösungen. Mehr kostenfreie Kitaplätze, mehr kostenfreie Nachmittagsbetreuung an Schulen, mehr kostenfreie Pflegeangebote, mehr bezahlbarerer Wohnraum und vom Staat finanzierte Unterstützungsangebote für Familien, das muss der Weg sein, von dem alle profitieren.

Weniger Teilzeit-Lifestyle? Nein, wir brauchen stattdessen mehr fair verteilte Verantwortung. Eine faire Verteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit in Partnerschaften. Diese führt dann auch bei Trennungen zu fairen Chancen und Altersszenarien, in denen beide Geschlechter in den letzten Jahren Geld zum Leben bleibt.

Sujet Stimme gegen Gewalt

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