Liebe Leser:innen,
Heute begeben wir uns kurz auf die kleinkabarettistische Bühne der österreichischen Innenpolitik. Aber keine Sorge, ich werde mich damit zurückhalten, parteipolitische Grabenkämpfe zu durchleuchten. Das können andere besser - oder zumindest machen sie das lieber. Trotzdem muss ich den Anlassfall ein wenig umreißen: Man hat es die vergangenen Tage wohl mitbekommen, bei der liberalen Partei NEOS gab es Stunk. Mitgründer Veit Dengler wurde nach einem Vertrauensbruch - so die Begründung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - aus Partei und Parlamentsklub ausgeschlossen.
Wenige Stunden nach dem Bruch meldete sich der verstoßene Abgeordnete medial auf mehreren Kanälen zu Wort. Und hier beginnt mein eigentliches Thema in der Causa. Ich hörte in die rund 25 Minuten Podcast (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bei dem geschätzten Kollegen Georg Renner hinein, in denen Dengler seine Version der Geschehnisse darlegt. Ich blieb aber weniger inhaltlich als an seinen Wordings hängen. Dabei sticht nämlich eines hervor: Wie er Parteichefin Beate Meinl-Reisinger und ihr Verhalten beschreibt. Da fallen mehrfach Worte wie “aggressiv” oder es wird sehr persönlich - “Beate mochte mich nie”. Interessanterweise wird kein einziger Mann aus der am Ausschluss beteiligten Führungsriege mit derlei Adjektiven bedacht.
“Beate tut sich schwer mit führungsstarken Persönlichkeiten”, erklärt Dengler. Doch auf sich selbst bezogen urteilt der Ex-NEOS-Mann natürlich anders: Als er auf ein Streitgespräch aus der Vergangenheit zu sprechen kommt, das wohl er initiiert hatte, bezeichnet er sein eigenes Auftreten als “robustes Gespräch geführt”. Na, das klingt ja gleich viel besser als “aggressiv”.
Unterschiedliche Bewertungen
Denglers Resümee: Meinl-Reisinger sei führungsschwach. Und Führungsschwäche wird der NEOS-Parteichefin auch sogleich von manch Zeitungskommentatoren (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) attestiert. Der Ausschluss des NEOS-Mitgründers sei der Beweis dafür. Aha. Interessanterweise soll also eine Politikerin, die Grenzen zieht und harte Entscheidungen trifft, fehlende Führungskraft aufweisen. Bei Männern wird exakt solches Vorgehen durchwegs gelobt und als Stärke, Machtbewusstsein und Durchsetzungsvermögen bewertet. Ich muss die Beispiele nicht aufzählen, möchte aber an einen gewissen Sebastian K. erinnern, dem man bis heute Blumen dafür streut, dass er sich in seiner Partei Blankoschecks zum alleinherrschaftlichen Durchgreifen ausstellen ließ.
Was sich aktuell rund um die österreichische Außenministerin abspielt, ist kein Einzelfall, nur ein weiterer Beweis: Frauen werden in der Politik (wie eigentlich überall) komplett anders bewertet als Männer. Das zieht sich durch wie ein roter Faden - von den Kollegen, über Medien bis hin zu Social-Media-Usern. (Im Sinne der Verhältnismäßigkeit lassen wir das Gendern hier weg.)
Misogyne Welle
Die Postings in Zeitungsforen und sozialen Medien (X hat hier wieder mal die Nase vorn) sind teilweise wirklich unterirdisch. Ich habe mir die Mühe gemacht und tagelang durchforstet, was nach dem Dengler-Rauswurf über Meinl-Reisinger gesagt wurde. Von der Empfehlung “gefälligst heim zu den Kindern” zu gehen bis hin zu sexualisierten Beschimpfungen ist alles dabei. Kein Politiker, egal, was er anstellt, wird mit solchen Formen von Hass bedacht. Und dabei will ich nicht behaupten, Männer würden nicht beschimpft. Klar, das werden sie genauso. Aber die Qualität und die Tonalität gegenüber Frauen ist eine völlig andere.

Vor allem aber wird Frauen de facto alles negativ ausgelegt. Hätte Meinl-Reisinger das Ausscheren von Dengler weiterhin geduldet, hätten wir in kürzester Zeit ebenfalls von ihrer “Führungsschwäche” gelesen. Dann wäre das genaue Gegenteil als Grund angeführt worden: Wieso lässt die Parteichefin sich das bieten? Man kann sich an dieser Stelle auch gerne eine Minute nehmen und an Ex-SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner erinnern - wie männliche Parteikollegen ihr das Leben schwer machten und was sie sich dafür anhören musste.

Die gleichen Leute, die ab Minute eins und ohne genaue Kenntnis der NEOS-internen Vorgänge auf Meinl-Reisinger losgingen, bedachten Dengler übrigens mit Begriffen wie “streitbar”, “unbequem” und “Freigeist”. Durchwegs wohlwollende Beschreibungen für diesen “echten Liberalen”, der sich “was traut”.
Gekränkte Egos
Wie eingangs erwähnt, bin ich hier nicht ausgerückt, um die inhaltlichen Differenzen bei NEOS zu kommentieren. Genauso wenig sollen Frauen vor Kritik verschont bleiben - keinesfalls. Was man aber aufzeigen muss, ist die Art und Weise, in der diese Kritik ihren Niederschlag findet und wie anders es sich bei Männern verhält. Wie ungleich Charakterzüge und Verhalten bewertet werden. Und wie verschoben die Maßstäbe sind, die dabei angelegt werden.
Der Treppenwitz ist: Ständig wird versucht, Frauen zu emotionalisieren, sie werden (wie im aktuellen Fall) als “aggressiv”, gerne auch als hysterisch, jedenfalls aber als unfähig beschrieben. Persönliche Befindlichkeiten werden unterstellt. Dabei ist es genau anders rum. Es sind vor allem Männer mit gekränkten Egos, die mit ihrem Verhalten in der Öffentlichkeit auffallen. Die zu persönlichen Schlammschlachten ausreiten und sich in selbstüberschätzender Manier aus dem Fenster lehnen.
Ich will mir in der NEOS-Geschichte auch keine Bewertung im Sinne von “die Gute” und “der Böse” (oder umgekehrt) anmaßen. Dafür fehlt mir der tiefere Blick hinter die Kulissen. Öffentliche Entgleisungen auf persönlicher Ebene habe ich von Meinl-Reisinger zu der Causa bislang allerdings nicht wahrgenommen. Den Rest lasse ich an dieser Stelle frei - für eigene Gedanken.
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir studieren unseren Charakter!