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Über Gnadengesuche und ähnliche Missverständnisse

Kurioserweise mahlen die Mühlen der Justiz in Italien besonders langsam, wenn es sich um Protagonisten der italienischen Politik dreht. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Verjährungsfrist das Totem aller korrupten und mafiosen Politiker ist: Korruption zahlt sich aus, weil die Verjährungsfrist während laufender Ermittlungen nicht aussetzt. Gewiefte Anwälte ziehen die Prozesse einfach in die Länge. Unzählige Verbrechen sind so bereits verjährt, bevor es zum endgültigen Urteilsspruch kommt.

Und in diesem Lichte wirkt es etwas komisch, wenn sich unser scheidender Bürgermeister Brugnaro (erst) jetzt nicht nur wegen des Verdachts auf Korruption (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vor Gericht verantworten muss, sondern auch, weil er gegen das Gesetz über Wahlkampfausgaben verstoßen haben soll: Im Wahlkampf 2020 gab Brugnaro mehr als 800 000 Euro aus, um die Wahl zu gewinnen, womit er die gesetzliche Obergrenze um mehr als eine halbe Million Euro überschritt. Aber wen juckt das schon, am Ende zählt, dass er wiedergewählt wurde und sein Geschäft weiter vorantreiben konnte. Und erst jetzt, sechs Jahre später, muss er sich dafür vor Gericht verantworten. Wäre die Anklage vorher gekommen, hätte er als Bürgermeister zurücktreten müssen. Timing ist eben alles.

Ich habe in der ZEIT über den schönen Film “La Grazia” geschrieben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der von einem erfundenen italienischen Staatspräsidenten und der Praxis des präsidialen Gnadenerlasses handelt. Im Vorspann steht zu Recht: “Regisseur Paolo Sorrentino hat einen poetischen Film gedreht, der wirklich wie erfunden wirkt: Darin ringt ein vernünftiger Politiker ernsthaft mit moralischen Fragen.” Wie wahr, können wir heute nur sagen, also wie wahr, dass dieser Film wie erfunden wirkt. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Während der Film von einem Politiker handelt, der erkennt, in einem moralischen Dilemma zu stecken und tatsächlich mit sich ringt, hat Staatspräsident Mattarella, wie Ende April bekannt wurde, wohl ohne groß mit sich zu ringen, bereits im Februar dem Gnadengesuch von Nicole Minetti (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) stattgegeben, Berlusconis ehemaliger Zahnhygienikerin, späterer Forza-Italia-Abgeordneten im lombardischen Parlament und Organisatorin seiner Sexorgien. Die im sogenannten “Ruby-Prozess” (den auch ich als Journalistin besuchte) wegen Veruntreuung und Förderung der Prostitution verurteilt wurde - eine Strafe, die sie in Sozialarbeit ableisten sollte.

Nun warten in Italien viele Menschen darauf, begnadigt zu werden, weshalb es bizarr anmutet, dass ausgerechnet die Organisatorin von Berlusconis Sexparties “aus humanitären Gründen” begnadigt wurde, zumal sie ja keine Haftstrafe, sondern allein Sozialarbeit ableisten sollte. Als Begründung wurde angegeben, dass sich Minettis Lebenswandel grundlegend geändert habe - und sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten ein aus Uruguay stammendes, krankes Kind adoptiert habe, das in Amerika behandelt werden müsse.

Nicole Minetti ist mit Giuseppe Cipriani liiert, dem, sagen wir, schillernden Sohn von Arrigo Cipriani - Betreiber von Harry’s Bar. Giuseppe Cipriani, über den die deutsche Wikipediaseite (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) nichts anderes weiß, als dass er mal Rennfahrer war, nicht aber, dass er in den Epstein-files (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wiederholt auftaucht, leitet, wie es so schön heißt, “ein globales Imperium der Gastronomie und der Luxushotellerie” - ein etwas bizarres Imperium, wie der “linkspopulistischen” Tendenzen unverdächtige Corriere della Sera aufgedröselt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat. Cipriani betreibt - unter anderem - ein Resort in Uruguay. In dem, wie es die (von der NZZ als linkspopulistisch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)etikettierte Tageszeitung) Il Fatto Quotidiano herausgefunden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) haben will, Nicole Minetti wieder ihrer ursprünglichen Tätigkeit, also als Organisatorin von Sexparties nachgegangen sei. Und auch die Notwendigkeit, Sozialstunden zu vermeiden, um das Kind in den USA behandeln zu lassen habe nicht bestanden, weil sie dies in 9 italienischen Krankenhäusern hätte tun können.

Diese “Enthüllungen” werden natürlich sowohl von Minetti als auch von Cipriani bestritten - und zogen sofort die Drohung einer Klage gegen Il Fatto Quotidiano (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)nach sich - im Wert von 250 Millionen Euro, falls die Artikel nicht gelöscht würden.

Gnadengesuche werden in Italien zunächst vom Justizministerium überprüft, das bei den zuständigen Gerichten Informationen einholt - hier bei der Mailänder Staatsanwaltschaft - und gibt dem Präsidialamt eine Empfehlung ab. Im Falle von Minetti unterstützte das Ministerium das Gesuch. Nachdem die Recherchen von Il Fatto Quotidiano jedoch bekannt wurden, läuteten die Alarmglocken und der Staatspräsident forderte ungewöhnlicherweise eine Klärung der Hintergründe mittels eines offenen Briefes (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Nun ist die Klärung abgeschlossen - die darin besteht, dass die zuständige Staatsanwältin die von Il Fatto Quotidiano zitierten Zeugen nicht befragte und „Freunde der Familie“ des Paares Minetti-Cipriani bestätigt haben, dass es in Ciprianis Resort in Uruguay keine Sexparties, sondern lediglich gesellige Treffen mit den Kindern gegeben habe. Ende der Klärung. Gnade für Minetti.

Nur in einem Land ohne Gedächtnis ist es möglich, dass für den Tod des „Endnutzers“ (so wurde Berlusconi von seinem Anwalt in dem Ruby-Prozess um die Prostitution bezeichnet) eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen, eine Sonderbriefmarke herausgegeben und ein Flughafen nach ihm benannt wurde. Und natürlich durfte da auch nicht die Begnadigung seiner treuen Nicole Minetti fehlen.

Und jetzt das Positive: Stella Gaitano (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die sudanesische Schriftstellerin, die in Kamen lebt, der kleinen Stadt im Ruhrgebiet, in der ich aufgewachsen bin, ist mit ihrem Roman “Eddos Goldenes Lächeln” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (aus dem Arabischen von Larissa Bender) für den Internationalen Literaturpreis 2026 nominiert. Und mich freut, dass Stella als “Kamener Autorin” präsentiert wurde. Ich wünsche ihrem Buch viel Glück!

https://www.ardmediathek.de/video/westart/flucht-vor-dem-krieg-der-roman-eddos-goldenes-laecheln/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtN2ViMGNhMjYtZGY2My00Y2MzLWEwZDEtYmFkZjc1ZGQ5YTA0 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ich habe das Ruhrgebiet verlassen, aber das Ruhrgebiet hat mich nicht verlassen. Ich habe das Ruhrgebiet an den ungewöhnlichsten Stellen der Welt wiedergefunden. Und ein bißchen davon findet sich sogar in Hausham, unweit des Schliersees, wo dieser Förderturm noch an das Bergwerk Hausham (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erinnert.

Wenn ich in Italien sage, dass mein Vater unter Tage verunglückt ist, sagen die Italiener immer: Ach, wie in Marcinelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)? Das Grubenunglück in Belgien, bei dem 262 Bergmänner ums Leben kamen, darunter allein 136 Italiener, jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal. Deshalb wurde ein Roman, der davon handelt, jetzt wieder neu aufgelegt: La catastrofà (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ich habe es mir gerade bestellt und werde es im Urlaub lesen.

Deshalb mache ich jetzt eine kleine Pause - Sie können meinen nächsten Newsletter wieder am 28. Juni lesen. Und falls Sie zu meiner nächsten Lesung kommen wollen: Am 2. Juli lese ich in Amberg! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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