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Bomben gegen Report und Hymnen als Protest

Die für mich wichtigste - und auch beunruhigendste - Nachricht dieser Tage ist der Bombenanschlag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) auf Sigfrido Ranucci (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), den populären Leiter der Investigativ-Sendung "Report” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) auf Rai tre: Report ist die letzte Investigativsendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Italien, in der es immer wieder um Mafia+Politik geht - weshalb Ranucci mit Klagen von Politikern überhäuft wird.

Report liegt uns in Venedig natürlich besonders am Herzen, weil die Redaktion rund um die Korruption unseres Bürgermeisters recherchiert und mehrere (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) großartige Stücke (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dazu veröffentlicht hat. Was unseren Bürgermeister dazu ermunterte, die Journalisten von Report als “Italiens Abschaum” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu bezeichnen (nachdem ein Report-Journalist in einer Pressekonferenz danach gefragt hatte, ob Brugnaro die Informationen zu den Mafiaverflechtungen seines ehemaligen Teilhabers beim Präfekten hinterlegt habe).

Wir in Venedig betrachten Sigfrido Ranucci deshalb als einen “Ehrenvenezianer”:

Die Bombe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zerstörte Ranuccis Auto und das seiner Tochter - und hätte wohl auch einen Menschen umgebracht. Es wird auch kein Zufall sein, dass das Attentat am Jahrestag der Ermordung der Journalistin Daphne Caruana Galizia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) stattfand, die am 16. Oktober 2017 durch eine Autobombe getötet wurde. Ranucci lebt seit 2021 unter ständigem Polizeischutz - wie leider sehr viele weitere Journalisten in Italien. Er erhält regelmäßig Drohungen: „Es gab eine Reihe von Vorfällen, die ich nicht öffentlich gemacht habe, die aber von mir und meiner Leibwache regelmäßig bei den Justizbehörden angezeigt wurden“, sagte Ranucci in einem Interview (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).Darunter der Fund „von Projektilen, die im zeitlichen Zusammenhang mit wichtigen Recherchen deponiert wurden: darunter die Hintergründe zum Fall Aldo Moro (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), aber auch zur Ermordung von Piersanti Mattarella (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Oder als wir über die Verbindungen zwischen Mafia, Deep State und der subversiven Rechten berichteten”. Und: “Wer die Bombe gezündet hat, hatte zuvor überprüft, dass niemand zu Hause war. Derjenige, der diese Bombe gelegt hat, kennt meine Gewohnheiten, denn ich war vier Tage lang nicht zu Hause. Die Tatsache, dass er diesen Moment abgewartet hat, 40 Minuten nachdem ich zurückgekommen war, und dass er die Bombe genau an der Stelle platziert hat, an der ich vorbeikomme, bedeutet im Grunde genommen, dass er meine Gewohnheiten kennt und er uns das Gefühl gibt, jederzeit zuschlagen zu können”.

In einem weiteren Interview (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sprach Ranucci von „Briefen, Drohungen verschiedener Art”, und auch von „einer E-Mail, die nach unseren Ermittlungen zum Mord an Piersanti Mattarella über Aldo Moro, mit den Verbindungen zwischen der Mafia, den Geheimdiensten, der Freimaurerei und den rechten Kreisen kam, eine Mail von einer ProtonMail-Adresse, – also einer verschlüsselten Adresse – in der stand: ‚Wenn du weiterhin Informationen über Moro weitergibst, bringen wir dich um‘. Ich habe diese Angelegenheit nie öffentlich gemacht, auch um diejenigen, die mir nahestehen, nicht zu beunruhigen. Aber es sind Signale.“

Ein Signal ist auch, dass die Umgebung von Ranuccis Haus, obwohl er unter Polizeischutz steht, nicht von Videokameras überwacht wird - und das obwohl das ganze Land mit Videokameras gepflastert ist.

„Italien – erinnerte Ranucci auf Rai 3 – ist eines der Länder, die den höchsten Preis für die Pressefreiheit gezahlt haben. Seit der Nachkriegszeit sind 30 Journalisten ums Leben gekommen, weil sie über das organisierte Verbrechen, Konflikte und Terrorismus berichtet haben. Und derzeit stehen 270 Journalisten aufgrund ihrer Arbeit unter Schutz, 22 davon unter Personenschutz. Laut dem Bericht von Ossigeno (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), einer Vereinigung, die die Qualität und Freiheit der Information überwacht, und deren Bericht am Jahrestag des Todes von Ilaria Alpi (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)und Miran Hrovatin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erschien – zwei weiteren Kollegen, die keine Gerechtigkeit erfahren haben –, gibt es in Italien 516 Journalisten, die auf verschiedene Weise bedroht werden: durch Mobbing, Druck, Klagen und sogar körperliche Gewalt. Und in dieser Hinsicht sind wir weltweit die Nummer eins”, sagte er.

Nach Bekanntwerden des Attentats setzte sich umgehend eine große Welle der Solidarität in Gang - was aber nichts daran änderte, dass die Sendungen von Report erst vor kurzem gekürzt wurden und Journalisten wie Ranucci haufenweise sogenannte Slapp-Klagen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Politikern erhalten, die allein der Einschüchterung dienen sollen. Deshalb sagte Ranucci auch: „Ich bin überzeugt, dass dieses Land krank ist, ich habe es schon oft gesagt: Es ist so sehr daran gewöhnt, mit seiner eigenen Pathologie zu leben, dass es sie als Normalität betrachtet. Daher frage ich: Was ist denn schlimmer, eine Bombe unter einem Auto, die letztendlich niemanden getötet hat, oder Politiker, die systematisch Maßnahmen ergreifen, um alle Journalisten zum Schweigen zu bringen? Denn sehen Sie, die Bombe unter dem Auto hat eine Bedeutung: einen Journalisten zum Schweigen zu bringen, ihn zu bedrohen, einzuschüchtern. Aber wenn man systematisch Gesetze erlässt, um die gesamte Presse zum Schweigen zu bringen, ist das meiner Meinung nach für die Demokratie, für das Gemeinwohl, etwas viel Schlimmeres.“

Die Bombe für Ranucci erinnert uns zu gut an die Terrorjahre 1992-1994 mit Bombenattentaten, mit denen die gesamte Bevölkerung in Angst versetzt werden sollte, gemäß der Strategie der Spannung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), um den Wunsch nach einem “starken Mann” zu schüren, was 1994 in der Wahl von Silvio Berlusconi zum Ministerpräsidenten mündete. Und in dem Zusammenhang ist es vielleicht nicht ganz unerheblich zu erwähnen, dass die Staatsanwaltschaft Caltanissetta im Zusammenhang mit dem Attentat in der Via D'Amelio (bei dem Paolo Borsellino und seine Leibwächter ums Leben kamen) eine Ermittlung wieder aufgenommen hat, in der Marcello Dell'Utri unter Verdacht steht und auch Silvio Berlusconi bis zu seinem Tod registriert war. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass Borsellinos Interview mit dem französischen Fernsehen vom 21. Mai 1992 (das später nicht ausgestrahlt wurde) ein mögliches Motiv für die Beschleunigung des Anschlags sein könnte, der nur 57 Tage nach dem Anschlag von Capaci stattfand. Könnte die Mafia den Richter ermordet haben, weil sie von dem Interview wusste und befürchtete, dass Borsellino darin über die Ermittlungen zu den Beziehungen zwischen dem Boss Mangano und Dell'Utri und über ein mögliches Interesse der Mafia für Berlusconi sprechen würde? Den Hintergründen und der Bedeutung dieses Interviews (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) habe ich auch in meinem “All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)großen Raum eingeräumt: Es gehört zu den dunklen Flecken der italienischen Vergangenheit.

Wie bereits in Reskis Republik erwähnt, streikte das Orchester der Fenice am Freitag, dem 17. Oktober - und versammelte sich auf dem Campo Sant’Angelo, um gegen die Ernennung von Beatrice Venezi zur Musikdirektorin zu protestieren. Was dazu führte, dass dieser Streik es auch in die Tagesthemen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schaffte (ab Minute 22). Ich wäre mir übrigens nicht so sicher, ob “Proteste an der Ernennung von Venezi nichts ändern”, wie am Ende des Beitrags behauptet wird.

Es war eine beeindruckende Demonstration: Tausend Venezianer versammelten sich auf dem Campo, um ihre Solidarität kund zu tun. Jedes Mal, wenn ein Redner den Bürgermeister zitierte, wurde gepfiffen und gebuht.

Es war für alle ein bewegender Moment der Solidarität - nicht nur, als die Nationalhymne gespielt wurde -

https://www.youtube.com/shorts/8p02wKdSpy4 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

(für mich ganz schlecht, weil ich bei Hymnen auf der Stelle in Tränen ausbreche) - sondern auch als Verdis “Va pensiero” - Italiens geheime Nationalhymne erklang - die in Venedig nicht fehlen durfte.

https://www.youtube.com/watch?v=SNVszvLybEE (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ich finde, Demonstrationen sollten nur noch mit Orchesterbegleitung stattfinden!

Ja, ich weiß, I’m late to the party, aber One Battle After another (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) läuft in Deutschland ja noch - und ist so ein gutes Gegenmittel für alle, die sich bei Reden von Trump fühlen, als würde einem ein Zehennagel nach dem anderen herausgezogen. Man kann diesen Film auch mit Männern anschauen, die - wie der Italiener an meiner Seite - eigentlich vor allem Actionfilme lieben und die bei Filmen, in denen mehr als drei Worte gesprochen werden, befürchten, in einen komplizierten Arthouse-Film geraten zu sein. Hier explodieren jede Menge Autos, überhaupt fliegt viel in die Luft - aber es ist vor allem sehr, sehr lustig, Leonardo Di Caprio dabei zuzusehen, wie er als verpeilter Hippy-Freak im Bademantel als Teil der Widerstandsgruppe mit dem Namen „French 75“ gegen ein Regime kämpft, das die USA in einen Polizeistaat umgebaut hat. Und das vor allem durch einen breitbeinigen Sean Penn als Colonel vertreten wird, der vor lauter Kraft kaum laufen kann.

Regisseur ist Paul Thomas Anderson, seinen wunderbaren Film The Master (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), inspiriert von der Lebensgeschichte des Scientology-Gründers, sah ich vor Jahren beim Filmfest in Venedig. Wegen der Szene mit der Brieftaube ist er mir unvergesslich geblieben, ich sage nur: Philipp Seymour Hoffmann (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Joaquin Phoenix (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Eine der bewegendsten Liebeserklärungen der Filmgeschichte, die ich jetzt für Sie, meine teuren Leser von Reskis Republik, wiedergefunden habe:

https://www.youtube.com/watch?v=aAQiAQROi7g (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

I recalled you and I working together in Paris. We were members of the pigeon post during a four-and-a-half month siege of the city by Prussian forces. We worked in raid balloons, delivered mail and secret messages across the communications blockade set up by the Prussians. We sent 65 unguided mail balloons and only two went missing. In the worst winter on record.

Two.

(…)

If you leave me now, in the next life you will be my sworn enemy. And I will show you no mercy.

I love to get you on a slow boat to China. 

Hinter mir liegen tolle Lesungen in Kamen, meiner Heimatstadt, und im Schauspiel Hannover - und übermorgen findet meine letzte Lesung dieses Jahres in München im Salon Luitpold (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)statt (für alle, die noch ein Weihnachtsgeschenk brauchen!!) und dann kehre ich wieder nach Venedig zurück und mache eine Runde in meinem Boot, damit sich nicht noch mehr Algen ansetzen!

Am 31. Oktober erscheint die italienische Übersetzung “Diventare italiana” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)- auf die Aufnahme meines Buches in Italien bin ich sehr gespannt!

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - und natürlich über neue Ehrenvenezianer!

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