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Brugnaro weint. Und andere Lügen.

Okay, hier sieht Brugnaro nicht so aus, als könnte er je eine Träne verdrücken, aber in der Not, wenn ihn warmherzige Journalisten fragen, wie einem geht, der im Zentrum von 38 000 Seiten staatsanwaltlicher Ermittlungsakten wegen Korruption steht, bricht er prompt in Tränen aus. Schließlich habe er seinen Kindern stets beigebracht, dass es im Leben vor allem darum gehe, ehrlich zu sein. Und, ja, leider, leider sei er nicht in der Lage, die 38 000 Seiten Ermittlungsakten zu lesen, weshalb er vor den Staatsanwälten auch nicht aussagen könne: “Ich bin schließlich nicht Goldrake” (auf Deutsch: Goldorak (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Kampfroboter einer im Italien der 1970er Jahre beliebten Zeichentrickserie).

Warum plötzlich so bescheiden? fragen wir uns. Gerade erst hat er schwarze Listen seiner Kritiker angelegt, die ihn angeblich sogar mit dem Tode bedroht hätten, er hat diese Liste verbissen verteidigt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), und am Ende versucht er tatsächlich sogar zurückzurudern: “Die Liste habe ich mir nicht ausgedacht und ich habe sie auch nie gelesen. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die ich entdeckt habe, wo mich jemand als “grebano” bezeichnet hat, und das ist für mich kein Problem, manchmal sage ich zu mir selbst, dass ich ein Landei bin.”

Wie jetzt? Plötzlich soll also mein “grebano” wegen dem ich auf der schwarzen Liste gelandet bin, keine Beleidigung mehr sein?

Und was ist mit dem wütenden Leserbrief, den er an die FAZ schrieb (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), nachdem ich dort über Venedig berichtet hatte? Oder mit seinem Post auf Facebook, mit dem er mich namentlich angriff, nachdem ich mir in der Süddeutschen Zeitung einen kritischen Artikel über das Einknicken der Unesco und den Fake mit dem Eintrittsgeld (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geleistet hatte? Das soll jetzt alles vergeben und vergessen sein? In Venedig reißen sich alle darum, auch auf der Liste zu stehen - auf Facebook gibt es schon die Gruppe “Alle, die sich von Brugnaros Liste ausgeschlossen fühlen” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), und meine Beleidigung soll jetzt keine mehr sein? So weit kommt’s noch, grebano!

Aber Venedig ist ja glücklicherweise nicht nur Brugnaro. Anlässlich des nationalen Gedenktags für Mafiaopfer hatte ich die wunderbare Gelegenheit, zusammen mit 130 (!) Schülern aus Murano und Burano in einer Aula auf Burano das grandiose Ein-Mann-Theaterstück „OMERTÀ - Capaci, 23 maggio 1992“ zu sehen. Es handelt von nichts Geringerem als von den Hintergründen der Ermordung von Giovanni Falcone - kindgerecht heruntergebrochen auf das

ewige Spiel der Guten gegen die Bösen. Die beiden Theatermacher Romina Ranzato (künstlerische Leitung) und Ivan Di Noia (Protagonist des Monologs und Chef des Barabao-Theaterensembles (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) haben Großartiges geleistet, Ivan gelang es, alle Protagonisten von Giovanni Falcone über den reuigen Mafioso Buscetta bis hin zum Mafiaboss Michele Greco glaubwürdig samt Tonfall, Haltung und spezieller sizilianischer Tonlage zu verkörpern. Die Kinder und ich saßen da wie festgenagelt. Und am Ende habe ich geheult, was die Kinder wahrscheinlich ziemlich komisch fanden.

https://youtube.com/shorts/d51DxbFYaqA?feature=share (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Die Kinder waren zwischen 10 und 13 Jahre alt - und im Grunde sollten alle Jugendlichen in Italien die Gelegenheit haben, dieses Stück zu sehen, um zu begreifen, was ihr Land ausmacht: Menschen, die mit grandiosem persönlichen Mut, Gerechtigkeitssinn und Selbstlosigkeit gegen eine Welt aus Zynismus, Brutalität und Unmenschlichkeit kämpfen.

Ich war sehr erstaunt, wie viele Fragen uns am Ende gestellt wurden: Etwa, ob die Mafia heute besiegt sei (Nein, ganz im Gegenteil, es geht ihr besser als je zuvor). Und wenn sie nicht besiegt sei, warum? (Ähem, es gab da einen Ministerpräsidenten, dessen sehr erfolgreiche Partei von einem gegründet wurde, der für die Mafia gearbeitet hat und der später wegen Unterstützung der Mafia im Gefängnis gelandet ist) Wo es hier in Venedig Mafia gäbe? (Auf der Parkinsel Tronchetto zum Beispiel, da hat ein Mafioso gearbeitet, der später abtrünnig wurde: Er brachte Touristen von Tronchetto nach Venedig).

Es hat mich auch gefreut, mal wieder ein kleines Stück echten venezianischen Alltagslebens mitzuerleben, als wir mit den Schülern von Murano im (von Touristen vollbesetzten) Vaporetto nach Burano fuhren - und dann in den Gassen endlich mal den Touristengruppen Konkurrenz machen konnten. Beide Schulen, die auf Burano und die auf Murano, sind von der Schließung bedroht, weil sich das regionale Schulamt hinter Vorschriften verschanzt und sich weigert, anzuerkennen, dass das Leben auf einer Insel wie Burano oder Murano anders ist als in Mogliano Veneto oder Padua.

Auch hier ist zu spüren, dass der politische Wille fehlt, Venedig und seinen Inseln einen Sonderstatus anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass jede Insel ihre eigene Schule hat.

In Melonis Gott-Familie-Vaterland-Italien, das ganz nebenbei den Rechtsstaat demontiert, stellen eigentlich nur noch Kinder Fragen über die Mafia, ansonsten redet man nicht mehr darüber. Das Ziel der jetzigen “Justizreform” besteht vor allem darin, die Rolle der Justiz zu beschneiden - wie es Nino Di Matteo (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Chefankläger im Prozess um den Pakt zwischen der Mafia und dem italienischen Staat, wiederholt klargemacht hat (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Seit Jahren, ach seit Jahrzehnten, versuchten schon die rechten Regierungen unter Berlusconi die Laufbahnen von Staatsanwälten und Richtern zu trennen. Was auf den ersten Blick wie eine juristische Spitzfindigkeit daherkommt, ist nichts anderes als der Versuch, die bislang unabhängigen italienischen Staatsanwälte unter die Fuchtel der jeweiligen Regierung zu bringen: In jedem Rechtssystem, in dem die Karriere des Staatsanwalts von der des Richters getrennt ist, hängt der Staatsanwalt von der Exekutive ab (außer in Portugal). Auch in Deutschland sind Staatsanwälte weisungsgebunden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), und ich erinnere mich an deutsche Staatsanwälte, die mir vertraulich davon erzählten, wie sie ein Innenminister bei bestimmten, politisch heiklen Ermittlungen zurückgepfiffen hat.

Nino Di Matteo warnt davor (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass es mit Staatsanwälten, die der jeweiligen Regierung unterstehen, schwierig, wenn nicht unmöglich sei, jene Ermittlungen zu führen, die die Mafia mit Institutionen und der Politik verbinden. Prozesse wie die in Palermo gegen Marcello Dell'Utri und Giulio Andreotti oder der über die Verhandlungen zwischen Staat und Mafia wären undenkbar. Und nicht nur die: Praktisch gelte das für jeden Prozess, der die verborgeneren Beziehungen zwischen Mafia und Macht betrifft. “Vielleicht ist es genau das, was die Regierung will: Die Möglichkeit zu schwächen, dass die Justiz die Rechtsstaatlichkeit auch gegenüber den Mächtigen umfassend kontrolliert”, sagte Nino Di Matteo.

Und zur Justizreform gehört auch, dass in Italien nun das Abhörgesetz geändert wurde: Jetzt darf nur noch 45 Tage lang abgehört werden. Remember: Alle italienischen Antimafia-Staatsanwälte haben immer darauf verwiesen, dass ihre Ermittlungen ohne ausgiebiges Abhören niemals hätten erfolgreich sein können.

Und wer jetzt denkt: Ach ja, Italien, dem sei gesagt, dass das strenge deutsche Abhörgesetz schon der Berlusconi-Regierung so gut gefiel, dass sie es sich zum Vorbild nahm, als sie sich daran machte, das italienische Abhörgesetz abzuschaffen: In Deutschland ist das Abhören in öffentlichen Lokalen verboten, außerdem darf das Abhören nicht länger als einen Monat dauern und muss bei Aufzeichnung privater Gespräche unterbrochen werden. So hat es das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2004 gesetzlich festgelegt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Wovon die Mafia in Deutschland bis heute profitiert.

A propos Melonis Gott-Familie-Vaterland-Italien: In der Sendung “Der Tag” des Hessischen Rundfunks spreche ich (ab Minute 34) darüber, wie das auf rechts gedrehte Kulturleben in Italien aussieht - es lohnt sich, die ganze Sendung zu hören.

https://www.hr-inforadio.de/podcast/der-tag/wie-es-euch-gefaellt--autokraten-kapern-kultur,podcast-episode-139476.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Und zum Schluss noch ein Lesetipp: Ein Freund hat mir die Novelle “Mario und der Zauberer” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)geschenkt - die Thomas Mann 1930 geschrieben hat und den Untertitel “Ein tragisches Reiseerlebnis” trägt. Sie handelt von der bedrückenden Atmosphäre eines Ferienaufenthalts in Norditalien, die in dem Auftritt eines bizarren Zauberers namens Cipolla kulminiert: “Dieser selbstbewusste Verwachsene war der stärkste Hypnotiseur, der mir in meinem Leben vorgekommen.” In einer zeitgenössischen Rezension schrieb der Kritiker Julius Bab: »Wenn Mussolini etwas von Kunst verstünde, müsste er diese Novelle in Italien verbieten lassen.«

Und während wir die Novelle vielleicht bis vor nicht allzu langer Zeit als literarisches Zeugnis der faschistischen Epoche gelesen haben, liest sie sich heute anders - und ja, vielleicht noch beklemmender.

“Parla benissimo”, stellte man in unserer Nähe fest. Der Mann hatte noch nichts geleistet, aber sein Sprechen allein ward als Leistung gewürdigt, er hatte damit zu imponieren gewusst. (…) In dieser Hinsicht also wenigstens hatte Cipolla sichtlich für sich eingenommen, obgleich er keineswegs dem Menschenschlag angehörte, den der Italiener in eigentümlicher Mischung moralischen und ästhetischen Urteils als «Simpatico« anspricht.

Und Giorgia Meloni imponiert hier ja auch vielen, selbst ihren angeblichen Gegnern gilt sie als molto simpatica.

Aus Venedig grüßt Sie unerschütterlich heiter - Ihre Petra Reski

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