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Revolution der Schönheit

Hey, 

ich kann schon seit einer ganzen Weile meine eigenen Texte nicht mehr sehen – manchmal habe ich das Gefühl, ich schreibe kitschige Aktivismusaphorismen.

Dazu kommt: Ich weiß zwar sehr genau, wie die Revolution und die Zeit danach aussehen könnte, aber um mich herum gibt es wenige, denen das auch so geht. Und: Meine Mitbewohnerin hat gerade für ihre Ausbildung gelernt, wie sie Filmszenen schreibt, und ich habe gemerkt, wie sehr ich es vermisse, narrativ zu schreiben. 

Deshalb werde ich ab jetzt wöchentlich ein Stück Zukunft aufschreiben. Die Revolution der Schönheit. Ich weiß, der Bruch zum bisherigen Newsletter-Format ist hart. Ich hoffe, Du hast trotzdem Lust, mit mir auf diese Reise zu gehen. 

Revolution der Schönheit

Was folgt, ist ein unvollständiger Bericht über das, was später “Revolution der Schönheit” genannt wurde. Er ist unvollständig, weil Millionen von Menschen daran mitgewirkt haben, aber nicht alle auftauchen können. Er ist unvollständig, weil er nur berücksichtigt, was im “Westen” passiert ist, während andere wichtige und teils wichtigere Kämpfe anderswo gewonnen wurden. Er ist unvollständig, weil der Punkt, von dem man aus rückwärts erzählt, immer etwas willkürlich gewählt ist; dabei endet Geschichte natürlich nie – nicht so lange es Menschen und Träume auf dieser Welt gibt. 

Nur die, die aufmerksam waren oder Bescheid wussten, merkten, dass dieses Lied neu war, dass es noch nie auf einer Demo gesungen worden war. 

Nothing to lose

but a world to win

let's walk together

hand in hand

Und während die Polizei ganz vorne an der Blockade der A12 in Den Haag noch Menschen aus ihren Lock-Ons schnitt und weg trug, begannen kleine Gruppen von Frauen, alle in ihren Vierzigern und älter, sich unauffällig aus der Demo zu lösen und loszugehen. 

Während sie durch die Stadt liefen, summten einige noch die Melodie, andere gingen schweigend und konzentriert, mit den Gedanken dabei, was vor ihnen lag. 

Mawa ging neben ihrer Schwester, hielt mit einer Hand den Gurt ihres Rucksacks, mit der anderen drehte sie eine ergrauende Locke ein. Vielleicht würde man sie für die Sache als Rädelsführerin rankriegen. 

Der Fußweg war nicht weit, vor einem Bürogebäude trafen sich die Frauen wieder, die Scheiben waren blind, weil lange nicht geputzt, die automatische Tür schob sich nicht auf. 

Mawa setzte ihren Rucksack ab, holte zwei Metallklauen heraus, gab eine an ihre Schwester. Sie schoben sie von links und von rechts in den Spalt der Schiebetür, andere Frauen griffen das Seil, dass an den Klauen befestigt war, und auf drei zogen sie. Die Tür glitt auf. 

Als alle drin waren, stellten sie sich kurz in einen Kreis, ganz still. Dann ging es los. Alle wussten, was sie zu tun hatten. Als erstes hängten sie ein Banner über die Tür: “Oude vrouwen, nieuwe wereld” – Alte Frauen, neue Welt. 

Der Keller des Hochhauses in Paris Saint-Denis war voll. Alle Stühle waren besetzt. An den Wänden drängten sich weitere Menschen. Alte, junge, Frauen, Männer. 

Jamal und Dénise hatten Zettel in alle Briefkästen geworfen, denen Bescheid gesagt, die sie persönlich kannten, WhatsApp-Nachrichten verschickt:  “Es ist Zeit. Es muss sich etwas ändern. In unserem Haus und ganz Saint-Denis. Wir haben einen Plan.” Dazu Datum, Uhrzeit, Treffpunkt. 

Die Energie- und Lebensmittelpreise waren seit dem Irankrieg nie mehr gesunken, die Mieten stiegen immer weiter. Menschen im Haus hungerten.

Die Jugend kam mit ihren Krawallen nicht weiter. Beim letzten Mal hatte das Rathaus gebrannt. Jamal und Dénise verurteilten das nicht. Aber sie wussten: Dem Staat konnte man nicht auf dem Feld der Gewalt entgegentreten. 

Die beiden eröffneten die Versammlung, sprachen kurz über die Situation, doch viel mussten sie nicht sagen: alle wussten eh Bescheid. Stattdessen forderten sie die Menschen auf, sich in kleinen Gruppen miteinander auszutauschen: Warum seid ihr heute hier? 

Viele lebten seit Jahrzehnten Tür an Tür, Wand an Wand, aber sprachen mehr mit ihren Chatbots, als miteinander. Es ging darum, Mauern einzureißen, menschliche. Sie fielen. Lautstark. Jamal und Dénise konnten sich kaum Gehör verschaffen, als sie nach einer Viertelstunde weitermachen wollten. 

Dann erklärten sie das weitere Vorgehen: Aus jedem Stockwerk würden sie eine Person losen. Zwei Wochen später würde sich diese neue Gruppe zum ersten Mal treffen und gemeinsam drei Forderungen ausarbeiten. Für diese Forderungen würden sie dann alle gemeinsam als Haus kämpfen. Die gute Nachricht: In den Nachbarhäusern würden Menschen gerade das Gleiche machen, und dann würden sie sich zusammentun. 

Skibidi12 war Teil der Strohhut-Crew, wenn er Minecraft spielte, guckten tausende zu. Er war vor einigen Jahren ausgezogen, hatte ein bisschen studiert, aber nicht gesehen, wie er damit hätte einen Job kriegen sollen, gleichzeitig lebten er und seine Crew gut vom Zocken. Die Welt da draußen ging ihn nicht viel an. 

Dann kam sein Vater ins Krankenhaus. Beim Grillen hatte er Spiritus auf den Arm bekommen, die Flammen verbrannten seine Haut. Die Ärzte versorgten die Wunde, doch während er auf Station lag, fing er sich einen multiresistenten Keim ein. 

Es war seit langem bekannt, dass Pharma-Konzerne in Rumänien gestrecktes und verdünntes Desinfektionsmittel verkauften, die Einkäufer und Ärzte sich bestechen ließen, die Politik wegguckte – gegen ein gutes Taschengeld. Der Keim fraß sich durch die Wunde. Keines der Antibiotika schlug an, Breitband oder nicht. Einmal konnten sie seinen Vater noch wiederbeleben, dann: multiples Organversagen. 

In den Wochen nach der Beerdigung begann Skibidi12 in seinen Livestreams über Politik zu reden, über Korruption, über die Verbrechen des einen Prozents. Bald guckten nicht mehr einige tausend zu, bald waren es Zehntausende. Dann sprach er mit seiner Crew. Gemeinsam legten sie einen Discord an: GenZ4JusticeROMANIA✊



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