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Kleines Trinkspiel für diese Ausgabe: Füll Dir ein Glas Leitungswasser ein und nimm jedes Mal einen Schluck, wenn Du denkst: „Das darf doch nicht wahr sein.“

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#95 #Klimafolgen #Dürre

Männer, die die Welt austrocknen

Deutschland erlebt gerade den trockensten Frühling, der jemals gemessen wurde. Das hat mit der Klimakrise zu tun – und mit der Profitgier skrupelloser Milliardäre. Lesezeit: ~ 1 Glas Wasser

Jedes Mal, wenn ich von Berlin ins Rheinland fahre, gehe ich einem kleinen Ritual nach.

Vor dem Kölner Hauptbahnhof rollt der Zug langsam über die Hohenzollernbrücke. Ich gucke erst nach rechts und dann nach links aus dem Fenster und begrüße dabei den Fluss, den ich 18 Jahre lang von meinem Zimmer aus sehen konnte. Vor kurzem fuhr ich wieder über die Brücke.

Die Stadt am Rhein sah aus wie immer. Nur der Rhein war weg. 

Die Stege, an denen die Schiffe vertaut sind, glichen überdimensionierten Rutschen, so steil ragten sie nach unten. An vielen Stellen sah man keine Wellen mehr, sondern nur noch Sand und trockene, graue Steine.

Das karge Rheinbett ist zu einem gruseligen Symbolbild für den trockensten Frühling geworden, der jemals gemessen wurde. Auf den täglich aktualisierten Karten vom Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums kann man Deutschland gerade kaum von Mordor unterscheiden. 

Der trockenste Frühling seit Messbeginn. 📊: UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
Der trockenste Frühling seit Messbeginn. 📊: UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Mitten in der Wasserkrise

Erinnerst Du Dich noch an 2018? An den Dürresommer, in dem reihenweise Ernten ausfielen und Wälder brannten? Ähnliches könnte uns in den kommenden Monaten auch bevorstehen. 2025 ist bisher sogar noch wärmer und die Böden sind noch trockener (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) als damals.

Ohne politische Gegenmaßnahmen werden 2050 ganze fünf Milliarden Menschen zu wenig Trinkwasser haben. 📊: Wasser-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung
Ohne politische Gegenmaßnahmen werden 2050 ganze fünf Milliarden Menschen zu wenig Trinkwasser haben. 📊: Wasser-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung

Die vergangenen Monate lagen allesamt über der 1,5-Grad-Grenze. Durch die höheren Temperaturen verdunstet Wasser schneller. Im Winter regnet es mehr und im Sommer weniger – und wenn es regnet, dann oft so viel auf einmal, dass die Wassermassen am trockenen Boden abperlen wie Öl an einer beschichteten Pfanne.

Wo all das hinführen kann, sah man vor zwei Jahren in Frankreich, als mehrere Dörfer so ausgetrocknet waren, dass sie mit LKWs voller Wasserflaschen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) beliefert werden mussten.

Um dem Wassermangel entgegenzuwirken, will die EU noch vor dem Sommer eine Wasserstrategie vorstellen. Die EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall forderte diesbezüglich ein Problembewusstsein und eine neue Einstellung zu Wasser.

Die Berliner Wasserbetriebe starteten bereits 2022 eine groß angelegte Werbekampange. Zu sehen war ein wasserspeiender Hahn (also das Tier) zusammen mit der Headline „Wasser kommt nicht aus dem Hahn. Verschwende es nicht.“ 

Werbekampagne der Berliner Wasserbetriebe. 📸 Rebmann + Poguntke
Werbekampagne der Berliner Wasserbetriebe. 📸: Rebmann + Poguntke

Mehr sparen, weniger verschwenden, klingt erstmal super. In Deutschland verbrauchen wir pro Kopf schließlich jeden Tag 121 Liter Leitungswasser. Was bei solchen Kampagnen leider untergeht: dass wir die Dürre nicht allein mit Sparduschköpfen bekämpfen können. 

Die großen Hebel, damit Deutschland nicht weiter austrocknet, liegen ganz woanders.

Kooperation

Was würdest Du Politiker*innen aus dem Bundestag fragen, wenn Du direkt mit ihnen über die Klimakrise sprechen könntest? Am 14. Juni hast Du die Möglichkeit dazu. Da findet der Tag der Klimademokratie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) statt, der größte Klima-Dialog des Jahres.

In persönlichen Gesprächsrunden treffen immer 15 Bürger*innen mit einem MdB zusammen. Ihre Leitfrage: „Welche #KlimaZukunft machen wir gemeinsam möglich?“ Melde Dich hier zu einem der 50 moderierten Online-Termine an:

In der Treibhauspost-Community sammeln wir übrigens Fragen auch vorab, die in den Gesprächsrunden als Inspiration dienen werden. Du kannst Deine Frage also auch jetzt schon einsenden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Der Hahn und das Wasser

Mastschweine werden meistens geschlachtet, wenn sie fünf oder sechs Monate alt sind. Sie müssen fressen und trinken; ihr Stall muss gereinigt werden (leider keine Selbstverständlichkeit, wie Animal Rights Watch vor kurzem dokumentiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat). Nach der Schlachtung werden die Tiere in 62 Grad heißem Wasser abgebrüht, damit man die Borsten und die oberste Schicht der Haut entfernen kann. Anschließend wird das Fleisch gesäubert und desinfiziert.

Das alles verbraucht unheimlich viel Wasser. In einem Kilogramm Schweinefleisch stecken rund 6.000 Liter, bei Rindfleisch ist es mehr als das Doppelte – und bei Geflügel immerhin noch 4.300 Liter. 

Deutsche verbrauchen allein durch ihren Fleischkonsum (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) jedes Jahr rund 375.000 Liter Wasser. Das ist fast neunmal mehr als für Duschen, Wäschewaschen und Co. – trotzdem habe ich noch nie ein Plakat gesehen, auf dem steht: „Spar Wasser, iss Gemüse.“

So viel Wasser steckt in unserem Essen. 📊: Wasser-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung
So viel Wasser steckt in unserem Essen. 📊: Wasser-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung

Weltweit gehen unglaubliche 70 Prozent des genutzten Süßwassers für die Produktion von Lebensmitteln drauf, ein Großteil davon für die Fleischindustrie. Wie kommt es, dass dieser Zusammenhang in Deutschland so unter dem Radar läuft?

Es könnte daran liegen, dass die heimische Landwirtschaft unglaublich sparsam ist. Laut offiziellen Zahlen verbraucht sie nämlich nur 2,5 Prozent des gesamten genutzten Wassers. Es könnte aber auch daran liegen, dass niemand der Landwirtschaft auf die Finger schaut, wie viel sie wirklich verbraucht.

Eine Wasserflatrate für die Agrarindustrie

Auch im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern ist die Wasserentnahme der deutschen Landwirtschaft verdächtig niedrig. Dänemark zum Beispiel verbraucht 43 Prozent seines nutzbaren Wassers für Landwirtschaft, in Polen sind es zumindest acht Prozent. Aber 2,5 Prozent? 

Der Recherche-Zusammenschluss Correctiv hat bei verschiedenen Behörden nachgefragt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wie es zu dieser niedrigen Zahl kommt. Das Ergebnis: Die deutschen Landwirt*innen verbrauchen wohl viel mehr Wasser, als sie eigentlich angeben.

Die Betriebe melden ihre Wasserentnahmen nämlich selbst – Kontrollen gibt es kaum. Selbst das zuständige Umweltbundesamt spricht von einer hohen Dunkelziffer und auf EU-Ebene scheint es ein offenes Geheimnis zu sein, dass die deutschen Zahlen nicht stimmen.

Hinzu kommt, dass viele Bundesländer den Landwirt*innen Wasser einfach kostenlos zur Verfügung stellen – egal, ob sie Schweinefleisch oder Bio-Möhren produzieren. Dabei dürfte es eine solche Wasserflatrate laut europäischen Richtlinien seit 2010 gar nicht mehr geben. Eigentlich müssten die Behörden Gebühren erheben, damit das Wasser effizienter genutzt wird. 

Die 2,5 Prozent haben noch einen Vorteil für die Agrarindustrie: Wenn das Wasser knapp wird, guckt niemand zuerst auf die Felder und Ställe. Dort wird offiziell schließlich nur wenig verbraucht. 2022 wurde im Sommer in vielen Regionen Wasser rationiert, jedoch kaum bei der Landwirtschaft.

Unbegrenzt kostenloses Wasser für klimazerstörende Fleischproduzenten, und das mitten in einer verheerenden Dürre – schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden, oder?

Wenn statt Flüssen die Milliarden fließen

Sagt Dir der Name Daniel Křetínský etwas? Der 49-jährige Tscheche ist Selfmade-Milliardär (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Wie jeder Milliardär, der etwas auf sich hält, besitzt er einen Fußballverein und Anteile an einem Medienkonzern, in dem Fall ProSiebenSat.1. 

Und natürlich investiert er in fossile Energien; Erdgasgeschäfte in der Slowakei haben ihn überhaupt erst reich gemacht. Wären all seine Kohlekraftwerke ein Land, würde es im CO₂-Emissionsranking über Finnland liegen. Einer seiner lukrativsten Deals: der Kauf des Lausitzer Kohlekonzerns Leag. 

Was das alles mit der Dürre zu tun hat? Die Leag befeuert nicht nur die Klimakrise, sondern verbraucht dabei auch noch Unmengen an Wasser.

Der Kohlekonzern Leag verbraucht mit Abstand am meisten Wasser in Ostdeutschland. 📊: Wasser-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung
Der Kohlekonzern Leag verbraucht mit Abstand am meisten Wasser in Ostdeutschland. 📊: Wasser-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung

Um in ihren Gruben an die Kohle zu kommen, pumpt die Leag im großen Stil Grundwasser ab. Hinzu kommt der Bedarf an Kühlwasser für die Stromerzeugung. Durch die Kohleförderung fehlen in der Lausitz sechs Milliarden Kubikmeter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Grundwasser. Das ist mehr, als die öffentlichen Wasserversorger in Deutschland in einem Jahr fördern.

Journalist*innen von Correctiv deckten auf, dass der Konzern jahrelang illegal zu viel Wasser verbraucht hat – teils das Vierfache der erlaubten Menge. Um ihre Machenschaften geheim zu halten, hat die Leag mit den zuständigen Behörden Schweigeklauseln (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vereinbart. 

Als Frankfurt an der Oder zum Beispiel wegen Wasserverschmutzung klagen wollte, zahlte der Kohlekonzern kurzerhand fünf Millionen Euro für ein städtisches Wasserwerk. Nach ähnlichem Muster wurden Behörden in der gesamten Region zum Schweigen gebracht. 

Leag-Leak ohne Konsequenzen

Die Lausitzer Kohleförderung belastet die Wasserversorgung bis nach Berlin auf Jahrzehnte. Das aus den Gruben abgepumpte und mit Eisen und Schwefel belastete Wasser wird nämlich einfach in die Spree geleitet und führt dort zu künstlich erhöhten Flusspegeln. Aber was, wenn die Tagebaue stillgelegt werden? Dann droht die Spree dramatisch auszutrocknen – an manchen Stellen um bis zu 75 Prozent. 

Nochmal zum Mitschreiben: Wenn ich jetzt in die Küche gehe, den Hahn aufmache und eine Glas Leitungswasser trinke, kann es sein, dass ich eine erhöhte Mengen giftiger Chemikalien in mich hineinschütte, nur weil Daniel Křetínský und Adi, Thomas und Jörg (seine drei Leag-Vorstände) auf Umweltauflagen pfeifen und lieber Milliarden verdienen wollen.

Und die zuständigen Behörden spielen einfach mit? Ausgerechnet der Berliner Senat weigert als einziges Bundesland bis heute, die Auskunft über die größten Wasserverbraucher der Region öffentlich zu machen. 

Hinzu kommt: Unabhängige Kontrollen, wie viel Wasser die Leag wirklich verbraucht, gibt es quasi nicht. Viele der Wissenschaftler*innen, die die Wasserdaten für die Lausitz erheben, schreiben gleichzeitig Gutachten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für den Konzern. 

Statt die Leag endlich zur Rechenschaft zu ziehen, hat die Bundesregierung der Křetínský-Crew auch noch eine Entschädigung von 1,75 Milliarden Euro (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ausgezahlt – für Kohlekraftwerke, die erst 2038 abgeschaltet werden.

58 Milliarden Kubikmeter, mehr als der Bodensee fasst, wurden in der Lausitz für Braunkohle abgepumpt.📊: Wasser-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung

Und jetzt?

Die gute Nachricht in dem ganzen Wasserschlamassel: Die Lösungen gegen die Trockenheit liegen klar und deutlich auf dem Tisch. Wer (neben der Erderhitzung) die Verursacher der Wasserkrise sind, ist kein Geheimnis. 

Die Behörden sind der Agrarindustrie und skrupellosen Milliardären alles andere als hilflos ausgeliefert. Aber sie bräuchten natürlich deutlich mehr Mittel und Personal, damit sie unabhängige Daten sammeln und im Zweifelsfall konsequent durchgreifen können, wenn sich dubiose Milliardäre an unserem Trinkwasser zu schaffen machen.

Ein anderer Lösungsansatz ist der „knappheitsgewichtete Wasserfußabdruck“. Hinter diesem Musterbeispiel der deutschen Sprachästhetik steckt die Idee, Produkte transparent nach ihrem Wasserverbrauch zu kennzeichnen, vor allem Lebensmittel. Dabei zählt der absolute Verbrauch, aber auch, wie viel Wasser die Region zur Verfügung hat, in der das Produkt hergestellt wurde. 

Im roten Bereich des knappheitsgewichteten Wasserfußabdrucks wären dann wohl Zitronen aus Spanien, Mandeln aus Kalifornien – oder Fleisch aus Ostdeutschland. Das Interesse für ein solches Label scheint zumindest da zu sein – bei einer repräsentativen Umfrage (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der Heinrich-Böll-Stiftung sprachen sich knapp zwei Drittel der Befragten dafür aus. 

Für den Rhein habe ich aber noch eine ganz andere Hoffnung. Per EU-Richtlinie ist die deutsche Regierung dazu verpflichtet, spätestens bis 2027 Flüsse und Auen zu renaturieren und die Schadstoffe darin zu begrenzen – solange bis alle Gewässer wieder in einem „guten Zustand“ sind. Schafft sie das nicht, kann das für Deutschland richtig teuer werden. Vielleicht ist das ja ein Argument, das selbst Friedrich Merz versteht.

Vielen Dank fürs Lesen! Wie immer an dieser der Stelle der Hinweis, dass wir uns sehr freuen, wenn Du unsere Arbeit als Treibhauspost-Mitglied unterstützt.

Unser Klimasong ist dieses Mal Wake Up (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Arcade Fire. Er befasst sich zwar nicht explizit mit der Klimakrise, ist aber ein starker Appell an alle, die Welt zum Besseren zu verändern – und passt damit perfekt als Soundtrack für die nächste Demo.

Children, wake up
Hold your mistake up
Before they turn the summer into dust …

We’re just a million little god’s causin’ rain storms
Turnin’ every good thing to rust
I guess we’ll just have to adjust

Die nächste Ausgabe bekommst Du am 14. Juni.

Herzliche Grüße
Julien

PS: In der aktuellen Folge vom Pod der guten Hoffnung ist Schülerin und Fridays-for-Future-Aktivistin Frieda Egeling zu Gast – hier geht’s zur Folge auf Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Alternativ suche einfach im Podcast Player deiner Wahl nach „Pod der guten Hoffnung“.

PPS: Mobilitätsexpertin und Co-Autorin unseres Sammelbands „Unlearn CO₂ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ Katja Diehl hat ein Kinderbuch herausgebracht – mit dem Titel „Komm mit in die Welt von morgen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“.

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