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Prokrastination als neue Energiesparstrategie


Es gibt in Deutschland zwei Dinge, die zuverlässig länger halten als geplant: Autobahnbaustellen und politische Übergangsphasen. Beides, wie wir jetzt lernen, war nie ein Versagen. Es war Forschung. Feldforschung. Über Jahrzehnte. Am lebenden Objekt. Nämlich an uns.

Denn was bislang als Reformstau, Entscheidungsverzögerung oder das klassische „nach Ostern“, „nach der Sommerpause“, „nach der nächsten Bund-Länder-Runde“ missverstanden wurde, tritt nun in ein neues Licht: als nationale Speichertechnologie.

Dazu gibt es zum 2. Quartal 2026 eine neue Leitlinie, die Prokrastination zur neuen Energiesparquelle erklärt. Siehe hier

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Die Bundesrepublik, so darf man die Zeichen der Zeit lesen, war ihrer Zeit einfach voraus. Während andere Länder hektisch Windräder aufstellen, Solardächer ausrollen und Stromnetze modernisieren wollten, hat Deutschland an einer viel tieferen, viel kulturelleren und vor allem viel bequemeren Ressource gearbeitet: der aufgeschobenen Handlung als Form strategischer Energiekonservierung.

Helmut Kohl hat das im Grunde schon geahnt. Nicht explizit, natürlich. Eher so rheinisch-tektonisch. Unter Kohl wurde nicht einfach nichts entschieden. Unter Kohl wurde Ruhe erzeugt. Verwaltungsruhe. Stillstandsruhe. Eine Art politischer Stand-by-Modus, bei dem der Staat äußerlich anwesend war, innerlich aber schon mal auf „später“ geklickt hatte. Das war kein Mangel an Tempo. Das war Lastmanagement.

Angela Merkel hat dieses Prinzip dann perfektioniert und zur Hochtechnologie entwickelt. Wo frühere Regierungen Probleme noch lösen wollten, hat Merkel sie in einen Zustand überführt, den man als schwebende Bearbeitbarkeit bezeichnen könnte. Nichts war abgeschlossen, aber alles war irgendwie in Bearbeitung, was politisch ungefähr dasselbe ist wie ein Desktop mit 74 offenen Tabs, von denen drei Musik machen, einer brennt und keiner darf geschlossen werden, weil man ihn „gleich noch braucht“.

Und genau hier wird es für Unternehmer und Selbstständige interessant.

Denn was die Politik vorgemacht hat, darf die Wirtschaft jetzt endlich übernehmen: Prokrastination nicht mehr als Defizit, sondern als Standortvorteil. Warum heute gründen, was man auch in einer strategisch aufgeladenen Unentschlossenheit bis Q4 reifen lassen kann? Warum Angebote schreiben, wenn dieselbe Energie in das sehr nachhaltige Verschieben von Entscheidungen investiert werden kann? Warum überhaupt in Windkraft investieren, wenn ein mittelständischer Betrieb durch flächendeckendes „Ich mache das später“ binnen weniger Wochen einen Zustand erreichen kann, der energetisch dem Ruhezustand eines sibirischen Mooses entspricht?

Die Rechnung ist einfach. Jede nicht beantwortete Mail spart Tippenergie. Jeder nicht geführte Konflikt spart Stimmbandeinsatz. Jede vertagte Teamsitzung reduziert Heizlast durch verringerte körperliche Anwesenheit. Das monatelange Nichtanfassen der Buchhaltung ist im Kern nichts anderes als ein stillgelegtes Rechenzentrum, nur mit DATEV.

Man muss Prokrastination endlich größer denken. Nicht psychologisch. Infrastrukturpolitisch.

Stellen wir uns doch ein Deutschland vor, in dem ganze Branchen durch Nicht-Handeln klimaneutral werden. Steuerberater, die Unterlagen erst anfordern, wenn die nächste Legislaturperiode begonnen hat. Agenturen, die Kundenbriefings nicht verlieren, sondern in regenerative Unschärfe überführen. Start-ups, die ihre Produktentwicklung komplett auf die Kraft des „soft launch in Kürze“ umstellen. Der Slogan der Zukunft lautet nicht mehr „Time is money“, sondern realistischer: „Liegt noch als Entwurf“.

Und natürlich höre ich schon die Kritiker, diese nervösen kleinen Effizienzhamster mit ihren Kalenderlinks und Asana-Boards, die einwenden: Aber was ist mit Wachstum? Was ist mit Innovation? Was ist mit Wettbewerbsfähigkeit?

Ja. Eben.

Denn hier kommt der eigentliche Geniestreich: Aufschub erzeugt Wachstum, weil in der Zeit des Nicht-Tuns unendlich viele PowerPoint-Präsentationen über das spätere Tun entstehen können. Prokrastination ist der Mutterboden der Strategie-Folie. Alles, was nicht erledigt wird, kann zunächst in Vision verwandelt werden, dann in Roadmap, dann in Taskforce, dann in Stakeholder-Abgleich, dann in Pilotprojekt. Das ist kein Stillstand. Das ist Wertschöpfung durch Vorfeldkommunikation.

Deutschlands Wirtschaft hat zu lange auf Produktion gesetzt. Die Zukunft liegt in der Vorankündigung.

Warum ein Windrad bauen, wenn man fünf Jahre lang Förderanträge, Umweltgutachten, Bürgerdialoge, Trassenprüfungen und Machbarkeitskommunikation erzeugen kann? Das Windrad selbst macht ja am Ende nur Strom. Die Verzögerung aber erzeugt Ausschüsse, Beratungsmandate, Pressegespräche, Krisengipfel und Übergangsfinanzierungen. Also Arbeitsplätze. Prokrastination ist, nüchtern betrachtet, das effizientere Windrad. Es dreht sich nur semantisch.

Und vielleicht ist das die eigentliche deutsche Antwort auf die Energiefrage des 21. Jahrhunderts: nicht die Erzeugung von Strom, sondern die konsequente Vermeidung unnötiger Aktivität. Eine Nation, die ihren Fortschritt nicht mehr daran misst, was sie gemacht hat, sondern daran, wie professionell sie begründen kann, warum etwas noch nicht gemacht wurde.

In diesem Sinne ist der aufgeschobene To-do-Listenpunkt nicht länger ein Makel. Er ist ein Denkmal. Ein kleines, blinkendes Monument deutscher Resilienz. Die unerledigte Aufgabe als patriotischer Beitrag zur Netzstabilität.

Wer heute seine Steuer nicht fertig macht, arbeitet also unter Umständen bereits an der Energiewende. Wer die Website seit acht Monaten relaunchen will, ist vielleicht gar nicht unstrukturiert, sondern ein Pionier postfossiler Geschäftsmodelle. Und wer seit 2022 „nächste Woche wirklich loslegt“, betreibt im Grunde ein persönliches Pumpspeicherkraftwerk der Exekutivfunktion.

Man muss es nur endlich richtig framen.

Vorschlag für die Wirtschaftspolitik 2026: Keine Solarpflicht mehr auf Dächern. Stattdessen: verbindliche Ruhefristen vor jeder Entscheidung, steuerliche Abschreibung für liegengebliebene Projekte, und ein bundesweites Förderprogramm für strategisches Nichtbeginnen.

Arbeitstitel: „Deutschland verschiebt sich nach vorn.“

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