1944 treffen sich in der Republik von Salò, einem faschistischen Marionettenstaat im von Deutschland besetzten Italien, vier Würdenträger des untergehenden Regimes auf einem edlen Landsitz. Zusammen mit ihren Helfern, einigen Huren und Soldaten, fangen, quälen, vergewaltigen und töten die vier Männer sechzehn aus der Bevölkerung entführte junge Menschen nach literarischen Vorbildern von Dante bis de Sade auf möglichst schändliche Weise. Die Behandlung der Gefangenen nimmt im Laufe der Zeit immer schlimmere Formen an und reicht von sexuellem Sadismus über erzwungene Koprophagie bis hin zu Folter und Ermordung.
Der Skandalfilm Die 120 Tage von Sodom ist der letzte Spielfilm des italienischen Regisseurs und Philosophen Pier Paolo Pasolini und stammt aus dem Jahr 1975. Er basiert auf dem Buch "Die 120 Tage von Sodom" des Marquis de Sade und ist in der Erzählstruktur an Dantes "Göttliche Komödie" angelehnt. Der Film teilt sich in drei Episoden auf, die Dantes Höllenkreise der Leidenschaft, der Scheiße und des Blutes entsprechen. Die 120 Tage von Sodom ist bis heute eines der umstrittensten Werke der Filmgeschichte und war in vielen Ländern, natürlich auch in Deutschland, verboten.
Alle Ebenen und Deutungen dieses Films in eine Rezension zu bringen ist unmöglich. Das Werk ist pures Transgressionskino und kritisiert nicht nur Faschismus, Gruppendruck, Verrohung und Machtmissbrauch, sondern sollte laut Pasolini auch als Kommentar zur hedonistischen Konsumgesellschaft und der Massenkultur US-amerikanischer Prägung in der Nachkriegszeit gesehen werden, die er als apokalyptische Verfallsepoche bezeichnete. Der Philosoph sah darin die größte Gefahr für eine vielfältige Kultur und die Freiheit des Individuums. Nachzulesen ist dies in seinem aufrüttelnden Buch "Freibeuterschriften - Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft".
Die 120 Tage von Sodom ist ein vielschichtiger, ruhiger Film, der mit Klaviermusik einzulullen weiß, nur um einem dann in den transgressiven Momenten wie mit einem Holzhammer auf die Rübe zu schlagen. Das Ende des Films ist eine einzige Raserei, ganz im Sinne von Donatien Alphonse Franois de Sade. Solch grenzüberschreitende und zugleich intellektuell niveauvolle Filme werden heute kaum mehr gemacht. Das liegt auch daran, dass die prüden US-amerikanischen Moralvorstellungen und Sehgewohnheiten nun auch in Europa und großen Teilen der Welt vorherrschen. Genau vor dieser kulturellen Einförmigkeit hatte Pier Paolo Pasolini in seinen Schriften gewarnt.
https://www.imdb.com/de/title/tt0073650/ (Abre numa nova janela)