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Recherchefieber!
Wir bereiten die nächste Edition der “Reizbezirke” vor: eine unterhaltsame Mischung aus erotischer Lesung und historischen FunFacts, kreuz und quer durch die Geschichte unserer sexuellen Kultur.
Hi!
Wie alle großen Geschichten beginnt auch diese – auf einem Flohmarkt.
An einem Samstag.
David Gray (Abre numa nova janela) und ich stöberten müßig in einer Bücherkiste - und verbrachten anschließend einen äußerst amüsanten Nachmittag im nächtgelegenen (eher bürgerlichen) Lokal, wo wir hier und da einen entweder pikierten oder verlegen interessierten Blick kassierten.
Was wir gefunden hatten? “Zeugung und Zeugungsregelung (Abre numa nova janela)” von 1929 und “The Loving Touch (Abre numa nova janela)” von 1987 - und sie blieben nicht allein. Unsere Sammlung mehr oder weniger obskurer Bücher über Sex und Sexualgeschichte ist seither auf eine stattliche Größe gewachsen.
Aus einer Laune heraus entstand daraus eines Tages ein Bühnenprogramm (Abre numa nova janela) – in Zusammenarbeit mit der fantastischen Isa Theobald (Abre numa nova janela), die unter anderem spicy Urban Fantasy und feministische Romane schreibt.
Seither sind wir damit immer mal wieder auf der Bühne - und haben den perfekten Vorwand, unseren sexnerdigen Neigungen nachzugehen.
Beim Sichten des vorhandenen Materials stolperte ich mal wieder über die Geschichte einer eindrucksvollen Frau, die es in voller Länge wohl nie ins Skript schaffen wird.
Aber die Geschichten eindrucksvoller Frauen müssen erzählt werden.
Deshalb möchte ich sie hier mit dir teilen:
Ida Craddock war eine der ersten, die sich praktisch mit Tantra beschäftigte und eine der fortschrittlichsten Denkerinnen ihrer Zeit, nicht nur was Sex betraf.
Offiziell zwar ledig, führte sie eine spirituelle Ehe mit dem Engel Soph.
Mit ihm hatte sie, ihrer eigenen Aussage zufolge, so guten S.ex, dass sich die Nachbarn regelmäßig über Lärmbelästigung beklagten. Auf den Erfahrungen dieser Beziehung und ihren sexualmagischen Studien beruhten Idas Eheratgeber.
Sie verfasste mehrere Bücher, in denen sie zum Beispiel riet, den Geschlechtsverkehr mindestens eine halbe bis volle Stunde andauern zu lassen, um der Frau genügend Zeit für den Orgasmus zu geben. Entsprechend interessierte sie sich insbesondere für Techniken der Ejakulationskontrolle.
Craddock bot auch als eine der ersten Sexualberatung für Ehepaare an, sowohl persönlich als auch per Post. Darin verknüpfte sie esoterische Elemente mit sexueller Bildung.
Außerdem setzte sie sich mutig für Redefreiheit, Frauenrechte, und Sexualaufklärung ein - ungeachtet der Gefahr, die für sie vonseiten der puritanischen Kräfte ihrer Zeit ausgingen, die sie unermüdlich verfolgten.
Sie war ihrer Zeit einfach viel zu weit voraus…
Insbesondere Anthony Comstock hatte es auf sie abgesehen, der 1873 die “New York Society for the Suppression of Vice” gründete.
Comstocks Hauptziele waren Frauenrechtlerinnen und Befürworter*innen sexueller Freiheit.
Er prahlte gern mit der Anzahl der Selbstmorde, die er durch seine Razzien gegen das Fleischliche, das Unanständige und das Unmoralische herbeigeführt hatte.
1902 geriet Craddock mit Comstocks Obszönitätsgesetz in Konflikt, weil sie eines ihrer Bücher per Post vertrieben hatte: Drei Monate harte Arbeit unter grausamen Arbeitshausbedingungen, nach einem Prozess, in dem der Richter es ablehnte, der Jury zu erlauben, auch nur einen einzigen Blick auf das anstößige Werk zu werfen.
Nach ihrer Freilassung wurde Craddock sofort wieder unter dem Comstock-Gesetz verhaftet und erneut verurteilt. Unterstützung strömte von Befürwortern der Meinungsfreiheit und ihren anderen politischen Verbündeten herbei, aber mit wenig Wirkung.
Vor die Wahl gestellt, entweder auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren oder eine viel längere Haftstrafe zu verbüßen, nahm sie sich im Alter von 45 Jahren das Leben.
Aus ihrem Abschiedsbrief:
“Ich gebe diese Erklärung an die Öffentlichkeit ab, weil ich die Aufmerksamkeit auf einige der hervorstechenden Merkmale des Comstockismus lenken möchte, in der Hoffnung, dass die Öffentlichkeit dazu gebracht werden könnte, diese wachsende Bedrohung für die Freiheiten des Volkes zu beenden.”
Anthony Comstock starb 1915 in New Jersey.
Sein Vermächtnis: die Vernichtung von 15 Tonnen Büchern, 284.000 Pfund Druckplatten und 4 Millionen Bildern sowie die Verantwortung für 4.000 Verhaftungen und 15 Selbstmorde.
Ida kam dann aber später noch zu einem gewissen Ruhm: Der berühmte Magier Aleister Crowley lernte etwas später ihre Schriften kennen und war sehr begeistert. So prägte sie sowohl einige seiner eigenen Bücher, als auch bis heute seinen magischen Orden, der Sexualmagie als seinen Kern betrachtet.
Frauen wie Ida Craddock erinnern uns nicht nur daran, wie weit manche Menschen für ihre Überzeugungen zu gehen bereit sind, sondern auch daran, uns den konservativen Kräften vehement entgegen zu stellen, die sich gerade zu neuen Höhen aufschwingen wollen.
Damit es nicht in einigen Jahren wieder jede* von uns treffen kann…
Die Reizbezirke gibt es diesen Mai in Leipzig zu sehen, bei unserer Veranstaltung “Bohemian Savages (Abre numa nova janela)”.
Wenn du mehr erfahren möchtest über Sexualität im viktorianischen Zeitalter, empfehle ich dir meinen Artikel
“Sexuelle ‘Energie’: Die Viktorianer*innen töten Gott, erfinden die Sexualität und entdecken Tantra”
Herzlich
deine Eva
(Abre numa nova janela)P.S.: Meinen Vortrag über Tantra und Sexualmagie (Abre numa nova janela) kann man buchen ;-)
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