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IKEA

Kakophonie auf Schwedisch

oder: Von Raumordnung, akustischer Überforderung und einem Sessel mit Besitzanspruch

Ich liebe IKEA.

Wahrhaftig. Mit einer beinahe irrationalen Zuneigung.

Ich liebe diese Module und Systeme, diese wohltemperierte Verheißung von Ordnung, die suggeriert, man könne mit klaren Linien, nummerierten Kartons und einer wohlmeinenden Anleitung nicht nur Räume, sondern gleich das gesamte Leben neu justieren. Raumordnung als Denkmodell. Ästhetik als beruhigender Rahmen. Skandinavische Klarheit gegen das Chaos der Welt.

Ich stehe dort und weiß:

Ich würde am liebsten sofort das ganze Haus neu gestalten.

Nicht sanft optimieren, nicht vorsichtig anpassen – neu denken. Räume nicht als gegeben hinnehmen, sondern als formbar, verhandelbar, disponibel. Der Grundriss als These. Das Wohnzimmer als stilles Manifest meiner inneren Ordnungsliebe.

Und doch trauere ich.

Nicht nur um die verlorenen Satzfragmente, diese akustischen Trümmer, die statt einer flüssigen Unterhaltung durch die Luft flogen. Gesprächsfetzen, Halbsätze, Silben ohne Anschluss – Kommunikation als lose verstreutes Material, das sich nicht mehr sinnvoll zusammensetzen lässt. Eine Kakophonie, die weniger laut als unerquicklich ist.

Nein.

Ich trauere aus einem anderen, viel tiefer liegenden Grund.

Ich habe DEN Lesesessel tatsächlich gefunden.

Nicht irgendeinen Sessel.

Nicht einen, der „auch ganz bequem ist“.

Nicht einen, bei dem man großzügig sagt: „Für den Preis echt okay.“

Nein.

DEN Sessel.

Da stand er. Unaufgeregt. Selbstbewusst.

Ein wie-für-mich-gemacht-Sessel. Einer, der nicht um Aufmerksamkeit bat, sondern sie still beanspruchte. Der keine Fragen stellte, sondern Antworten gab. An meinen Rücken. Meine Schultern. Mein Bedürfnis nach Rückzug, Sammlung, Kontur.

900 Euro.

Ein heftiger Preis. Kein beiläufiger Griff ins Regal, kein „Ach komm, den nehmen wir halt mit“. 900 Euro sind kein Kauf – sie sind ein Bekenntnis. Und ausgerechnet jetzt habe ich: keinen Platz. Gar keinen. Nicht einmal einen theoretischen.

Und so beginne ich, in Gedanken zu räumen.

Zuerst Ecken. Dann Bereiche. Dann – seien wir ehrlich – das ganze Haus. Raum wird plötzlich relativ, dehnbar, verhandelbar. Architektur als moralische Herausforderung.

Mein Wiesel ist längst aktiv.

Dieses innere Wesen, halb anarchischer Innenarchitekt, halb instinktgeleitete Vernunftverweigerung, schiebt bereits Möbel umher. Radikal. Ohne Rücksprache. Es entsorgt kurzerhand den Esstisch.

„Dann wird halt über der Spüle gegessen“, sagt es frech.

Mit jener Nonchalance, die nur Wesen besitzen, die weder Besuch bewirten noch familiäre Befindlichkeiten moderieren müssen.

Ich verstehe das Tierchen zu gut.

Viel. Viel. Viel zu gut.

Und ich ertappe mich dabei, ernsthaft zu überlegen. Kurz. Aber nicht folgenlos.

Nein.

Der Tisch muss bleiben.

Aber der Fernseher … der könnte gehen. Oder?

Ein leiser Gedanke, kaum formuliert, aber bereits gefährlich konkret.

Ich höre irgendwo noch entfernt das Veto der Kinder. Vermutlich. Vielleicht.

Aber bitte – im IKEA ist es viel zu laut. Ich habe nichts verstanden. Demokratie scheitert manchmal an der Akustik.

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