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“Winter is coming…” - Sind unsere Winterdepressionen unausweichlich?

Werfen wir einen Blick in die sozialen Netzwerke (folgt mir bei Bluesky (Abre numa nova janela) & instagram (Abre numa nova janela)♥), werden uns spätestens Mitte September die ersten Takes zu Herbstdepri, Winterblues und Co. in die Timeline gespült. Die #notjustsad-Bubble mag noch so supportend sein - gegen die sich einschleichende emotionale Flaute helfen weder Emojis noch Worte.

Was hat es mit Winterdepression auf sich und sind wir dem Biest, das zum Jahresende auf Beute lauert, wirklich schutzlos ausgeliefert? So wie Jon Snow und dessen Night's Watch in GoT die White Walker fürchten müssen? Wenigstens haben die ne amtliche Mauer zur Verteidigung und… Nee, keine Spoiler an dieser Stelle.

Aber wenn wir schon bei Game of Thrones Analogien sind, seien wir mal ehrlich. So richtig gruselig sehen die frostigen Kollegen mit den blauen Augen nicht aus, oder? Also in Relation zu dem übrigen Gemetzel und Gemeuchel, das sich wie ein blutiger Strick durch die Serie zieht. Stilistisch wirken die eher nach norwegischer Black Metal Band.

Maybe ist also nicht alles immer so schrecklich, wie wir es uns gedanklich ausmalen.

Was ist diese “Winterdepression” eigentlich genau?

Starten wir mit einer guten Nachricht: Die klassische Winterdepression gibt es nicht. Was es nach ICD-10 (Abre numa nova janela) gibt, ist eine sogenannte “saisonale depressive Episode”, gelistet als rezidivierende depressive Störung (F33). Bis auf ihre Wiederkehr unterscheidet die sich nicht von handelsüblichen depressiven Episoden (F32) und ist genauso therapierbar.

Gewisse Zusammenhänge zwischen Depression und Wetter können durchaus bestehen, das belegen etliche Studien zum Thema. Nehmen wir aber an, dass eine Depression therapeutisch und medikamentös erfolgreich behandelbar ist (etwaige Zweifel daran kläre bitte in einem Erstgespräch), dann gilt dies wetterunabhängig für 365 Tage im Jahr.

Was im Winter passiert: Unser Hirn schüttet im Dunkeln vermehrt Melatonin aus, zu wenig Sonnenlicht führt zu Vitamin D Mangel, unsere Serotoninproduktion gerät ins Wanken. Wir fühlen uns antriebsloser, neigen zu “Winterschlaf”, ziehen uns häufig sozial zurück und sind folglich mehr allein. Das begünstigt Verstimmungen und erschwert das Erkennen von Warnsignalen, löst aber nicht zwingend eine echte depressive Episode aus.

Klinische Depressionen sind durch genetische Faktoren, ungesunde Denkmuster und belastende Erlebnisse bedingt. Viele Menschen, mich eingeschlossen, kennen depressive Episoden oder Angstattacken bereits aus ihrer frühen Kindheit. Aber war ein klassischer Winterblues über mehrere Monate bei euch als Kind schon ernsthaft ein Thema?

Saisonale Depression: Angeboren oder selbst angeeignet?

“Es gibt kein falsches Wetter, nur die falsche Kleidung!“

(Zitat: irgendeines deiner Familienmitglieder, sobald draußen mal keine Sonne scheint)

Wer bei solchen Aussagen mit Augen und Ohren rollt, tut dies völlig zurecht. Und doch trägt diese mit am häufigsten zitierte Boomer-Weisheit der Welt einen wahren Kern in sich. Wir können selbst sauschlechtes Dreckswetter rein körperlich relativ problemlos aushalten. Hot take: Mit dem dazu passenden Mindset lässt es sich sogar genießen.

Als Kind hatte ich kein Problem mit Winter, ganz im Gegenteil. Aufgewachsen in den flachen Weiten der Schleswig-Holsteinischen Prärie fehlten zwar Berghänge zum Skifahren, zum Rodeln fand sich aber immer irgendein Hügel, und notfalls ließen wir unseren Schlitten vom nächstbesten Bauern per Trecker über die Dorfstraße ziehen.

Klar, an sowas wie 20 cm Neuschnee über Nacht erinnern sich heute nur noch Menschen, die weit vor 1990 geboren wurden. Aber selbst verregnete Herbsttage fanden wir damals geil. Im Sand Kanäle buddeln, Dämme bauen, Wasser stauen, Dämme einreißen - nass nach Hause kommen, trockene Klamotten an, heißen Kakao rein - Bestes Leben!

Das Wetter nahm schon immer Einfluss auf mich - aber eher auf die Art und Weise, was ich daraus machte. Und weniger, ob ich rausging oder nicht. Ich kann mit ziemlicher Gewissheit sagen: Wetter als solches hatte früher keinen sonderlich messbaren Einfluss auf meine ansonsten schon immer eher introvertiert-melancholisch eingefärbte Psyche.

DIY-Baukasten “Winterdepression”: Wenn die eigenen Gedanken zum psychischen Breakdown führen

Kind sein funktioniert nicht ewig und früher oder später begegnen wir psychischen Belastungen, sei es durch Schule, Job, Privatleben oder Schicksalsschläge. Bei vielen Menschen sind frühe Depressionen mitbestimmend zur Bildung der eigenen Identität. Diese depressive “Persönlichkeit” später wieder abzulegen fällt uns umso schwerer.

Auch ich akzeptierte die Depression wohl aus reiner Überlebensstrategie als Teil meiner selbst. Sie killte Beziehungen und brachte alles andere als Spaß, aber so war ich eben. Weil ich meine depressiven Episoden während der hellen Monate schon gar nicht mehr aktiv wahrnahm, zog irgendwann der Begriff “Winterdepression” in mein Vokabular ein.

Mit dem Label “winterdepressiv” erkennen wir allerdings die dunklen Monate, ergo die Hälfte des Jahres als verlorenes Terrain an, und das ist fatal. Der alljährliche emotionale Rückschlag ist somit vorprogrammiert und verankert sich fest in unseren Gedanken. Winterdepression wird zur self-fulfilling prophecy (Abre numa nova janela), ein Entkommen scheint unmöglich.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich die Welt nie in Schwarz und Weiß aufteilen lässt und der Wetterbericht am Ende der Tagesschau nicht zwangsläufig unser Schicksal bestimmen muss. Wir können uns einen Schutzwall bauen, frühzeitig Ressourcen horten und wirksame Strategien entwickeln, um heil über die dunkle Jahreszeit zu kommen.

Ein allzu warmes Nest kann schnell zur Falle werden

Unsere Depression funktioniert immer nach den gleichen Mechanismen, und dabei ist es ihr in jeglicher Hinsicht egal, ob draußen die Sonne scheint, während bunte Eis-Werbung uns beim Binge-Watchen unserer Lieblings-Serie stört oder graue Wolken an einem nasskalten Oktobertag unser baldiges GeWHAMt-werden in Aussicht stellen.

Je kürzer die Tage, desto geringer unsere Akkulaufzeit - so erscheint es uns zumindest. Als vermeintlich logische Reaktion darauf verbringen wir unsere Tage vermehrt in den eigenen vier Wänden. Die Krux: Dieser Rückzug führt irgendwann automatisch zu mehr Beschäftigung mit uns selbst, während Sensationen im “Außen” zur Mangelware werden.

Wir haben inflationär Zeit, unsere Gedanken kreisen zu lassen, während das Erleben positiver Reize auf der Strecke bleibt. Bestenfalls beschäftigen wir uns mit Dingen, die uns als angenehm und saisonal passend erscheinen. Sofa, Netflix, you name it. Dabei manövrieren wir unbemerkt ins Prokrastinieren, und was danach kommt wissen wir alle.

Anstatt erste Warnzeichen zu erkennen und wirksame Strategien anzuwenden, kuscheln wir uns ins wohlig warme Nest des Nichtstuns und warten schicksalsergeben darauf, dass der Aasgeier anklopft. Und irgendwo fühlt es sich auch okay an, denn wir wissen ja: Der Winter war, ist und wird einfach immer in einer depressiven Episode verlaufen. Oder?

Hello darkness, my old friend
I've come to talk with you again
Because a vision softly creeping
Left its seeds while I was sleeping
And the vision that was planted in my brain
Still remains
Within the sound of silence

(Zitat: Simon & Garfunkel - The Sound of Silence)

Kenne deinen Feind, kenne deine Waffen, wende sie an!

Wer bereits das Vergnügen einer Verhaltenstherapie, Psychotherapie oder anderweitiger psychotherapeutischer Behandlung hatte, wird Formulierungen wie “ins Außen gehen” zur Genüge gehört haben. Damit ist nicht “Geh’ mal vor die Tür!” gemeint, sondern in erster Linie “Schaffe es aus deinem Kopf heraus und komme wieder aktiv ins Handeln!”.

So sehr ich diese Floskeln selbst nicht mehr hören kann… sie stimmen halt wirklich. Bekämpfen lässt sich unsere Depression, egal zu welcher Jahreszeit, leider nicht durch bloßes Aussitzen. Wir müssen uns selbst aus dem kratzigen alten Strickpulli winterlicher Lethargie schälen, können ihn dafür aber gegen wirklich bequeme Klamotten tauschen.

In der Verhaltenstherapie und Psychotherapie geben uns Therapeut*innen genügend wirksame Waffen zur Selbstverteidigung gegen unsere Depressionen mit auf den Weg. Zu welcher Jahreszeit wir diese Techniken nutzen ist für deren Wirksamkeit irrelevant. Sofern wir sie verinnerlicht haben und im Notfall auch wirklich konsequent anwenden.

In diesem Sinne: Sobald Kit Harington in eurem Kopf auftaucht, den Wintereinbruch prophezeit, und unter der Bürde seiner Rolle als depressionsgeplagter King of the North zusammenzubrechen droht, antwortet ihm nachdrücklich aber bitte ausreichend wohlwollend euch selbst gegenüber mit: „You know nothing, Jon Snow.”.

*Disclaimer: Alle Artikel auf diesem Blog sind aus Perspektive einer von mittelgradig rezidivierenden Depressionen betroffenen Person verfasst. Sie zeichnen ein persönliches Bild und erheben dabei weder Anspruch auf korrekte Darstellung komplexer medizinischer Zusammenhänge, noch können sie eine professionelle Diagnose oder Therapie ersetzen.

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Tópico Veni vidi depri

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