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1. Beginnen mit dem, was da ist

Wenn ich zu Beginn dieses Jahres in mich hineinhöre, spüre ich von Inspiration, Aufbruch und großen Zielen, also jenen Erwartungen, die Menschen üblicherweise mit diesen Tagen verknüpfen, eher wenig.

Früher war die Zeit zwischen den Jahren für mich eine Phase der Einkehr und des Rückzugs. Eine leise Zwischenzeit, in der ich mich sammeln und neu ausrichten konnte. Der saubere Schnitt des 1. Januars erlaubte es, Altes hinter mir zu lassen und etwas Neues zu wagen. Ein geschenkter Neuanfang, der ganz ohne Mut und Risiko zu haben war.

Seit ich Vater bin, und eines meiner Kinder nach Weihnachten Geburtstag hat, ist nicht viel vom Zauber dieser Zwischenzeit geblieben. Zwei Wochen Schulferien und Kitaschließung, Weihnachtsfeiertage mit den Verwandten, Besuche von Freunden, Kindergeburtstag, Silvester, neuer Besuch, schließlich noch das Fußballturnier, das ich als Trainer mitorganisiere, geben grundsätzlich wenig Anlass zur Klage.

Trotzdem hilft es mir wenig, und finde ich es ehrlicher, gegenüber mir selbst und anderen, auch zu sagen, dass diese Tage mit hohem Energieeinsatz verbunden sind und mir viel abverlangen. Das neue Jahr beginne ich deshalb, statt mit behauptetem Neubeginnszauber, erbaulichen Sprüchen und Vorsätzen, an die ich selbst kaum glaube, mit dem, was da ist, und was ich gerade wirklich brauche: keine Visionen, sondern fester Untergrund. Keine hochgesteckten Ziele, sondern Entlastung. Keine sprudelnden Inspirationsquellen, sondern versiegende Kräfte, die nach Erneuerung verlangen. Einfach nur da sein, ohne Gegengewicht.

An dem Punkt zu beginnen, an dem ich stehe, die Erwartungen realistisch zu halten und zuversichtlich weiterzumachen mit dem, was ich tue: nicht mehr und nicht weniger ist meine erste Erwartung an dieses Jahr.

2. Konstant sein, variabel sein

Illusionsfrei, eher unsortiert und noch etwas unmotiviert gehe ich also in dieses Jahr, und es fällt mir nicht schwer, das zu akzeptieren. Vielleicht, weil vieles, was einmal Jahresvorsatz war, inzwischen fester Bestandteil meines Alltags ist. In den vergangenen Jahren habe ich Dinge, die ich verändern wollte, nicht mehr als Ziele formuliert, die ich erreichen muss. Ich habe sie, indem ich sie nach und nach auf meine Weise etablierte, zu Gewohnheiten gemacht, die ich heute selbstverständlich pflege.

Zeit für mich, mehr Sport, ausgewogene Ernährung, weniger Koffein, kein Alkohol, tägliche Meditation und Achtsamkeit sind nicht aus Wunschvorstellungen entstanden, die auf magische Weise durch einen Jahreswechsel real geworden sind. Es sind Praktiken, die aus Einsicht, Selbstbestimmung, Routine, erkennbaren Fortschritt, erkennbare positive Folgen und, natürlich, durch die Zeit gewachsen sind, über die ich verfüge, und die ich mir nehme.

Ich erwarte von diesem Jahr, dass es weiterhin von Routinen lebt, von Wiederholung und Rhythmen, Struktur und Verlässlichkeit, Selbstzweck und Einfachheit. Wenn ich, wenn mein Leben und meine Umgebung auf diese Weise stabil bleiben, darf ich mir diese Frage stellen: Wofür bin ich offen? Wenn es Konstanten in meinem Leben gibt, fällt es mir leichter, selbst variabel zu sein.

3. In Resonanz leben, nicht nur in Funktionen

Manchmal staune ich darüber, wie viele Rollen mein Erwachsenenleben umfasst, und wie mühelos es gelingt, zwischen ihnen zu wechseln: Vater, Partner, Sohn, Bruder, Freund, Nachbar, Journalist, Fußballtrainer, Vereinsmitglied, Freizeitsportler, Patient und einiges mehr.

Nicht alle dieser Rollen sind gewählt, nicht alle nähren immer meine Identität und tragen mich durchs Leben. Und doch sind sie für mich wichtig, halten mich lebendig und verbinden mich mit anderen.

Fast alle Rollen eint, dass ich in ihnen auf die eine oder andere Weise funktioniere. Das ist oft, aber nicht immer, eine äußere Erwartung. Ich habe lange von mir selbst erwartet, eine Funktion zu erfüllen und eine Leistung bestmöglich zu erbringen, weil ich daraus lange Anerkennung, Wert, Daseinsberechtigung und ein Gefühl von Kontrolle gezogen habe.

Wer ständig funktioniert, überwacht und äußere Reaktionen im Blick hält, bleibt jedoch permanent in einem aktivierten, übererregten Zustand. Funktionierer*innen drohen irgendwann die Fähigkeit zu verlieren, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, sich zu erholen und richtig abzuschalten. Vielleicht haben sie, vielleicht habe ich diese Fähigkeit aber auch nie ausreichend gelernt.

Diese Muster zu verlernen und durch gesunde und tragfähige Muster zu ersetzen, gehört zu den schwierigsten, aber auch wichtigsten Aufgaben, die ich bisher zu bewältigen hatte: Lernen, sich selbst zu halten, statt von anderen, von äußeren Reizen, von Leistungen, Erfolgen und Bestätigung getragen zu werden.

Aber statt dies nur als Aufgabe, also wieder als Leistung zu denken, erwarte ich ein Jahr, das mit hoher Leistung, aber auch mit Momenten und Phasen verbunden ist, die nicht durch Ergebnisse lebendig werden, sondern durch Resonanz, Verbundenheit und Antwort auf das, was ich sehe und erlebe.

Damit meine ich nicht nur die Verbundenheit zu meinen Kindern, meiner Partnerin, meinen Freund*innen, den Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten und den Mädchen und Jungs, die ich auf dem Fußballplatz trainieren darf. Ich meine auch das Gefühl innerer Weite und Verbundenheit zu sich selbst, die Verringerung von Distanz zu sich selbst, und die Selbstwahrnehmung als einzelner Mensch.

Solche Erfahrungen sind leise. Daher erhoffe ich mir von diesem Jahr genügend Stille, um sie wahrnehmen und spüren zu können.

4. Verbunden, nicht erreichbar sein

Am Ende, nein, am Anfang, ist Mensch zu sein, ein Subjekt zu sein, Ich zu sein, meine wichtigste Rolle und die, die mir zum Glück am leichtesten fällt. Ich kann allein sein, als Einzelner ich sein, und werde in diesem Jahr immer wieder bewusst Rückzug und Inseln der Einsamkeit suchen.

Gleichzeitig suche ich jene Menschen, bei denen ich, ob mit oder ohne Funktion, einfach ich sein darf, ohne mich erklären zu müssen. Ich erhoffe mir von diesem Jahr, mit vertrauten Menschen in einem steten Dialog zu bleiben, der unbeeindruckt ist von Jahreswechseln und sonstigen Brüchen. Wie ein Fluss, der still ihr und mein Leben durchströmt.

Woran ich mich auch immer wieder erinnern möchte: Mit anderen Menschen verbunden zu sein ist nicht das Gleiche wie für sie erreichbar zu sein. Verbundenheit entsteht nach meiner Überzeugung, wenn Menschen gemeinsam Zeit verbringen und spürbar präsent im Leben des anderen sind. Das gilt für Freundschaften, aber auch für Gruppen und Bewegungen.

Mein Freund Tilman, den ich jede Woche, immer zur gleichen Uhrzeit an dem gleichen Ort auf den gleichen Kaffee treffe (eine meiner Lieblingsroutinen), singt in dem Song “Alles neu” (Abre numa nova janela)seiner Band Tigeryouth:

»Wer sich nicht trifft, lernt sich nicht kennen
Wer sich nicht kennenlernt, kann sich nicht organisieren«

Der Verlust realer Begegnungen, die wachsende Einsamkeit und die Ausweitung digitaler Mediennutzung zur wichtigsten Freizeitbeschäftigung sind keine pessimistischen Zeitdiagnosen, sondern Entwicklungen, über die noch immer zu wenig gesprochen wird. “Ich wäre ein besserer Mensch, wenn ich nicht so viel am Handy wäre”, sagte gerade die Autorin Şeyda Kurt im SPIEGEL. (Abre numa nova janela)

Auch ich glaube, dass Bildschirmzeit keinen besseren Menschen aus mir macht, und ganz sicher keinen ausgeglicheneren. Digitale Geräte sind ungeheure Zeitdiebe, und wir merken es oft nicht einmal, weil wir sie noch immer mit Effizienz und Schnelligkeit verwechseln.

Ob ich es künftig wie Hans Rusinek halte, der gerade in einem lesenswerten Post über “postdigitalen Minimalismus” (Abre numa nova janela) schilderte, was sich für ihn verändert hat, seit er an zwei Tagen pro Woche ein sogenanntes Dumb Phone benutzt, weiß ich nicht.

Aber ich weiß, dass ich in diesem Jahr nicht Erreichbarkeit für andere Menschen priorisieren möchte, sondern Verbundenheit mit ihnen. Ich erwarte ein Jahr, in dem Offline-Zeit und ein gesundes Maß an Unverfügbarkeit zählen – und in dem ich die schnellen, billigen Reize und Belohnungen digitaler Medien durchschaue und sie durch eine nachhaltigere Form von Resonanz und Gegenwärtigkeit ersetze. In einer Form etwa, wie sie Kae Tempest in ihrem schönen Essay Verbundensein beschrieben hat:

»Verbundensein ist das Gefühl, in der Gegenwart zu landen. Wenn man vollkommen vertieft ist in das, was eine:n beschäftigt, und auf alle Einzelheiten des Erlebens achtet. Es zeichnet sich aus durch ein

Bewusstsein der eigenen Winzigkeit im Großen und Ganzen.

Dem Gefühl, an einen bestimmten Ort zu gehören. An genau

diesen hier.«

Ich erwarte, dass diese Verbundenheit wieder häufiger aus Nichtstun und Untätigsein entsteht, statt aus ständiger Steuerung und Zerstreuung. Wenn sich einige dieser Erwartungen in diesem Jahr erfüllen, wäre das für mich ein stiller, aber sehr großer Erfolg.

Viele der in dieser Ausgabe genannten Themen haben mich in den letzten Monaten und Jahren intensiv beschäftigt. Sie spielen auch eine wichtige Rolle in meinem neuen Buch, das am 19. Januar erscheinen wird. In “Die zeitintelligente Organisation” geht es auf den ersten Blick nicht um persönliche Lebensführung, sondern um betriebliche Arbeitszeitgestaltung.

Doch die Art, wie Zeit am Arbeitsplatz organisiert ist, bestimmt in sehr hohem Maße auch das private Leben und letztlich die Gestaltung aller Domänen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Mit der Idee einer zeitintelligenten Organisation entwerfe ich die Idee einer gesunden, menschenfreundlichen Art zu arbeiten, die zu dem Leben passt, das Menschen führen und führen möchten.

Einige der Grundgedanken, die mich beim Schreiben begleitet haben, habe ich in der letzten Ausgabe skizziert:

https://steady.page/de/inseln-der-zeit/posts/283c1fbb-1757-4715-8405-417ece6ea29d (Abre numa nova janela)

In der nächsten Ausgabe werde ich etwas tiefer einsteigen und beschreiben, was zeitintelligente Arbeitsweisen auszeichnet sowie jene Organisationen, die sie ermöglichen und leben.

“Die zeitintelligente Organisation” erscheint am 19. Januar bei Haufe und ist bereits vorbestellbar, zum Beispiel direkt beim Verlag (Abre numa nova janela), bei Onlinehändlern (Abre numa nova janela) und demnächst auch im Buchhandel.

Zum Schluss noch eine weitere Erwartung an dieses Jahr: Ich werde die Idee des zeitintelligenten Arbeitens in verschiedenen Formaten, Gesprächen und Veranstaltungen vorstellen und weiterdenken. Einiges dazu ist bereits in Planung. Falls du Interesse an einem Austausch oder einer Zusammenarbeit hast oder etwas anderes gemeinsam entstehen könnte, freue ich mich über eine Nachricht an mail@stefanboes.de (Abre numa nova janela).

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