Karneval ist vorbei. Eine Million Besucher in zwei Wochen. Aber soll ja alles dem Wohlergehen von Venedig dienen.

Wobei, die Welle der Gewalt machte auch vor Venedig nicht halt: Zwei amerikanische Touristen wurden - nein, nicht einem Messer, sondern mit einer Gabel angegriffen, mitten auf der Calle XXII Marzo. (Abre numa nova janela)Der Grund für den Angriff wird noch untersucht.
Aber bis auf die Gabeln haben wir in Venedig alles im Griff: Finanzbeamte (die in Italien anders als in Deutschland zur Polizei gehören), haben sich die Mühe gemacht, in der Karnevalszeit nach illegalen Ferienwohnungen zu fahnden. Und haben dabei viele illegale Hotels entdeckt: Wohnungen, die sich in benachbarten Gebäuden befinden, wurden zusammengelegt, um sich den Kunden gegenüber als Hotels auszugeben (Abre numa nova janela), samt Frühstücksbuffet, Portier, Zimmerreinigung. Was soll ich sagen: Überraschung!
Und weil die Airbnb-Pest allein noch nicht reicht, um die letzten Venezianer aus der Stadt zu vertreiben, soll die Zerstörung der Lagune, so es denn nach dem Willen des Hafens geht, zügig vorangetrieben werden (Abre numa nova janela): Der Canale Vittorio Emanuele soll tiefer gegraben und in Fusina und Marghera sollen weitere Anlegeplätze für Kreuzfahrtschiffe geschaffen werden. Aus dem dabei an die Oberfläche gebrachten verseuchten Schlamm soll eine neue Insel werden, kurz: Es läuft wieder rund für die Kreuzfahrtschiffe in Venedig. Für die am 22. März beginnende Saison werden 644 000 Kreuzfahrttouristen in Venedig erwartet, bald sollen es wieder zwei Millionen sein, so wie zuletzt im Jahr 2019, vor Covid.
Einige Kreuzfahrtschiffe werden wieder an der “Marittima” anlegen, dem bislang stillgelegten Kreuzschifffahrtterminal, deshalb soll auch der Canale Vittorio Emanuele tiefer gegraben werden, der von Porto Marghera zum Giudecca-Kanal führt. Ist ja auch blöd, wenn man im Luxus-Kreuzfahrtschiff morgens beim Aufwachen nicht auf Palazzi, sondern auf eine Petrochemieanlage blicken muss.
Für Giorgia Melon läuft es gegenwärtig nicht so rund: Lega-Chef Salvini hat sich ganz auf die Seite von Trump und Musk geschlagen, auch weil er in der Unterstützung von Musk den wesentlichen Grund für den Erfolg der AfD (Abre numa nova janela) in Deutschland sieht. Und so will er Musk in Italien Tür und Tor (darunter vor allem die Satellitenkommunikation) öffnen, was für Meloni und ihre “Brüder Italiens” heikel ist. Meloni, die sich stets als Trump- und auch Musk-Flüsterin verstanden hat und sich als solche eine besondere Rolle in der EU erwartete, ist jetzt abgetaucht: Nach dem Herauswurf aus dem Weißen Haus war ihre Unterstützung für Selenskij nur lauwarm, Macron ist ihr verhasst, folglich kritisierte sie (Abre numa nova janela)die Vorstöße der europäischen Staats- und Regierungschefs als “unsachlich und zu emotional”. Der Plan zur Wiederaufrüstung Europas passt ihr auch nicht, wobei sie sich natürlich nicht traut, diesen offen zu kritisieren, stattdessen äußert sie Kritik am Namen “ReArm Europe (Abre numa nova janela)”: „Wiederbewaffnung ist nicht das richtige Wort: 74 Prozent der Italiener wollen Investitionen in das Gesundheitswesen, nicht in Waffen.“ Mal abgesehen davon, dass eine Kritik an Aufrüstung eine erstaunliche Aussage ist für eine Ministerpräsidentin, die einen Lobbyisten der Waffenindustrie zum Verteidigungsminister ernannt hat, weiß Meloni natürlich, dass sich die Opposition sofort in den Plan verbeißen wird, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Und so geschah es.
Der Einzige unter den italienischen Linken, der wieder gegen den Strom schwamm, war der Philosoph Paolo Flores D’Arcais, der die Frage “Sozialstaat oder Waffen?” (Abre numa nova janela)so beantwortete: “Der Sozialstaat, natürlich. Aber wenn ein Wahnsinniger dir den Sozialstaat und auch die Freiheit nehmen will, wie kannst du dann den Sozialstaat ohne Waffen verteidigen? Heute brauchen Europa und jedes einzelne demokratische Land (nicht alle sind es, Orbán docet), Waffen, um den Sozialstaat zu verteidigen. Andernfalls werden sie alles verlieren. Das nicht zu sehen, ist Blindheit, und zwar eine schuldhafte Blindheit, denn die Situation ist in ihrer Tragik kristallklar.”
Mit dieser Haltung steht er unter den italienischen Linken allerdings ziemlich allein. Als ich seinen Artikel auf Facebook gepostet habe, hätte man mich fast geteert und gefedert.
Aber zum Glück für Meloni gibt es ja noch die Frauen, denen sie jetzt einen Gesetzesentwurf für Femizid als eigenen Strafbestand ankündigte (Abre numa nova janela), oder besser: von Ministerin Eugenia Roccella ankündigen ließ, die das “Ministerium für Familie, Geburtenrate und Gleichstellung” leitet, eine erzkatholischen Gegnerin von Abtreibungen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Sterbehilfe. Aber egal, wir nehmen hier alles, wenn es der Sache dient. Schließlich gab es in Italien im vergangenen Jahr 113 Femizide (in Deutschland waren es im Jahr 2023 sogar 155), wobei besonders der Fall der Studentin Giulia Cecchetin die Italiener bewegte, ein Fall, der auch im Zusammenhang mit dem Film “C’è ancora domani” (Abre numa nova janela) für Diskussionen sorgte.
Und weil gestern kurz den Frauen gedacht wurde, ist mir der grandiose Film “Die Unbeugsamen” (Abre numa nova janela) wieder eingefallen, der die Geschichte der Frauen in der Bonner Republik erzählt. Wenn man die feixenden, grölenden Männer sieht, die sich über die Rednerinnen lustig machen, kriegt man das kalte Grausen. Wir könnten den Film als kuriose Zeitreise betrachten, wenn wir nicht das Problem hätten, mit den Merz-Männern im Adenauer-Haus (Adenauer!) genau in diese Zeit zurückversetzt worden zu sein:

Martin, Markus, Alexander, Carsten, Friedrich und Thorsten - lauter Männer, an denen wesentliche gesellschaftliche Entwicklungen offenbar komplett vorbeigegangen sind.
In der DDR waren die Frauen in der Gesellschaft ja gleichberechtigt. Aber in der Familie nicht - deshalb auch unbedingt "Die Unbeugsamen 2 (Abre numa nova janela)" anschauen!
Was hilft in diesen Zeiten, wo wir von Wahnsinnigen umzingelt sind? Ich finde: Lesen. In dem bereits von mir empfohlenen Buch über Nietzsche (Abre numa nova janela)in Venedig lese ich, wie er auf der Fahrt über den Gotthard seine braune Nacht singt, ein venezianisches Gondellied, das eigentlich Nietzsches Lied ist. Venedig begleitete ihn in die geistige Umnachtung. “Und wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.”

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich und unverdrossen, Ihre Petra Reski
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