Heute wird hier in Venedig “La Sensa” (Abre numa nova janela) gefeiert, die symbolische Vermählung des Dogen mit dem Meer.

Lustig ist, wer heute die venezianische “Staatsführung” repräsentiert: Der wegen Korruption angeklagte Bürgermeister und der Patriarch von Venedig- der nicht nur an der Seite des Bürgermeisters steht (und ihn im Wahlkampf mit seiner Nähe belohnte), sondern auch eng mit Fabio Sacco (Abre numa nova janela)zusammenarbeitet, dem Sponsor des Bürgermeisters und Chef der privaten Transportgesellschaft Alilaguna (Abre numa nova janela) - was von Report in seinem Beitrag (Abre numa nova janela) sehr schön zusammengefasst wurde: Das wöchentliche Mitteilungsblatt der Diözese von Venedig, “Gente Veneta” (Abre numa nova janela), bezieht jährlich 200 000 Euro staatliche Zuschüsse für das Verlagswesen und hat - außer zwei Beerdigungsunternehmen - nur einen einzigen Anzeigenkunden: Bucintoro Viaggi, die Reiseagentur von Fabio Sacco. Dem in Venedig nicht nur Schifffahrts- und Busunternehmen, Hotels und fast alle Werften und Tankstellen gehören, sondern der vom Patriarchen auch zum Präsidenten des CID (Abre numa nova janela) ernannt wurde, des Informations- und Dokumentationszentrums des Patriarchats, der Zentrale für die Kommunikation zwischen der Diözese Venedig und den Gläubigen der Pfarreien. Die im Wesentlichen lediglich für drei Personen Werbung macht: für den Bürgermeister, für Fabio Sacco und für den Patriarchen.
Auf die Frage, welche Qualitäten ein Transportunternehmer mitbringe, um mit der Leitung der Kommunikation beauftragt zu werden, blieb dem Patriarchen nichts anderes als ein tiefer Griff in die Kiste mit der Scheinheiligkeit: Wenn es ehrenamtliche Helfer gebe, die ihre Fähigkeiten in den Dienst der Kirche stellten, wie solle man sich dem verschließen? Aber als der Reporter den Patriarchen fragte, warum die Geschäftsbilanz der Diözese Venedig anders als im benachbarten Padova nicht öffentlich ist, wurde ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen.
Schön deshalb diese Montage der Satireseite “Venice Goldon Awards” (Abre numa nova janela), das die Titelseite der “Gente Veneta” in das venezianische “Gente de Ciesa” verwandelt, Unterzeile: “Wochenzeitung der Diözese des Patriarchats von Mestrezia” (steht für die Unterstützung des Patriarchen für die Zwangsehe mit dem Festland). Angekündigt wird die “jährliche Prozession des Patriarchen in den Sitz von Alilaguna, zelebriert von Don Fabio Sacco”. Weitere Überschriften: “Tourismus: Die Hotels des Patriarchats – eine Chance für die Seele” und die oft gestellte Frage: Hält das Küssen der Kirchenbänke sie glänzend"?
Was können wir in Venedig auch anders tun, in unserer Hilflosigkeit, als uns in bittere Ironie zu retten? Der Prozess gegen Brugnaro&Co wird zunehmend fragmentiert - und die Gerichtsverhandlung vor dem Untersuchungsrichter ist erst für den 11. Dezember angesetzt. Der Grund: mangelndes Personal im Gericht und der beträchtliche Umfang der Akten (100 000 Seiten). So dass es zum Prozess nicht vor Februar/März kommen wird. Mitten im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt.
Aber der Justizminister (Carlo Nordio, ehemaliger Leiter der venezianischen Staatsanwaltschaft) denkt nicht daran, das Personal in den Gerichten zu erhöhen, sondern sorgt dafür, die Delikte abzuschaffen, wie auch seine Vorläuferin, Mario Draghis Justizministerin Marta Cartabia. (An dieser Stelle ein kleiner Werbebanner für “All’italiana” (Abre numa nova janela) - wo ich die Schweinereien der Justizreformen verschiedener Regierungen beschrieben habe).
Nordio war es übrigens auch, der das Flutsperrwerk Mose als “Juwel italienischer Ingenieurskunst” rühmte, unpassenderweise in der Pressekonferenz: Ich saß im tiefgekühlten Saal der Staatsanwaltschaft und wollte meinen Ohren nicht trauen. Ich konnte nicht glauben, dass dieser Mann, nachdem er 35 Politiker verhaftet hatte – darunter Koryphäen wie unseren hochgeschätzten Bürgermeister und unseren Regionalpräsidenten –, dass dieser Generalstaatsanwalt, der die Beweise gerade noch »erdrückend« und die Verbrechen »schwerwiegend« genannt hatte – Kleinigkeiten wie Amtsmissbrauch, Bestechung, illegale Parteienfinanzierung und Geldwäsche, eine Milliarde nur an Schmiergeldern, Auslandskonten in der Schweiz und in San Marino –, wie dieser Mann sich vor der versammelten Weltpresse im Justizpalast nicht entblödete hervorzuheben, dass man bei Ermittlungen rund um Großprojekte besonders vorsichtig vorgehen müsse. Und dann allen Ernstes sagte, dass Mose ein Juwel sei, das Italien zur Ehre gereiche. (Auch an dieser Stelle kleiner Werbewimpel für “Als ich einmal in den Canal Grande fiel” (Abre numa nova janela), wo Sie alles zur Lagune und zu Mose nachlesen können.)
Aber irgendwie ist es auch bedrückend, wenn man Recht behält. Also wie alle Gegner des Mose-Projekts - dessen “Fertigstellung” jetzt auf 2028 verschoben wurde. Von den 78 Fluttoren sind nur vier ausgetauscht worden, einige sind seit 2013 unter Wasser - und werden erst 2030 (!) ausgetauscht. Nebenbei: Der Rumpf unseres Bootes ist innerhalb von drei Monaten mit Muscheln bewachsen. Jährlich kostet der Erhalt von Mose mindestens 110 Millionen Euro - dazu kommen Kleinigkeiten wie die sechs Reservefluttore, die im Regen stehen gelassen wurden und müssen jetzt für 14 Millionen Euro repariert werden müssen. Seit 2020 wurde Mose bereits 100 Mal eingesetzt - und wird, angesichts des steigenden Meeresspiegels und der zunehmenden Zerstörung der Lagune noch öfter eingesetzt werden müssen.
Mit dem Geld fing es an, und mit dem Geld wird es enden, meinte einst der Hydraulikingenieur Luigi D’Alpaos: Die Kosten werden es sein, die Mose ins Grab bringen.
Ich weiß nicht, wie viele der Leser von Reskis Republik bereits auf der Aussichtsterrasse des Fondaco dei Tedeschi gestanden haben, der ehemaligen deutschen Handelsniederlassung, die in ein Luxuskaufhaus verhext wurde - das vor kurzem geschlossen wurde (Abre numa nova janela).
Im Frühjahr 2016 eröffneten die Benetton den Megastore mit den Worten: Das Ziel sei, »Vitalität« nach Venedig zu bringen. Wir haben in Venedig gegen den Verkauf vergeblich protestiert - und als es so weit war, wurde uns als Trost versichert: Wenigstens das Erdgeschoss sollte Venezianern vorbehalten sein, wo ein Kindergarten und/oder ein Kulturzentrum entstehen sollte. Tatsächlich betrieb ein sizilianischer Wunderunternehmer im Innenhof ein Café und der einzig verbliebene öffentliche Raum für die Venezianer waren die Toiletten.
Jetzt hat die Bürgerinitiative “Venezia Cambia” gefordert, den Innenhof im Erdgeschoss wieder den Venezianern zu öffnen - befreit von jeglichen Einbauten oder Gegenständen. Außerdem soll der Zugang zur Terrasse für Venezianer kostenlos sein, die Stadtverwaltung, den Veranstaltungssaal für eigene institutionelle Veranstaltungen und der Lichthof im Erdgeschoss für mindestens zehn Tage im Jahr in Absprache mit dem Eigentümer nutzen können. Und an dieser Stelle würde ich gerne wieder den Renaissancebrunnen an seiner eigentlichen Stelle sehen, der einst in der Mitte des Lichthofs stand, nach den Umbauarbeiten auf Rollen gestellt wurde, um im Café im Erdgeschoss nicht immer im Weg rumzustehen und am Ende ganz verschwunden war.

Jemand teilte mir mit, dass auf Arte ein - englischer - Film über Venedig (Abre numa nova janela) läuft. Ich konnte ihn wegen Geoblocking noch nicht sehen - aber schön, wenn wir wenigstens aus dem Ausland Unterstützung bekommen, so lange wir hier in den Klauen dieser Aasgeier sind.
Aber es gibt auch Positives. Mein Boot ist von Algen, Muscheln und ganzen Austernbänken befreit - und endlich kann ich wieder Ausflüge in die Lagune machen!

Herzlichst grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski
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