Der “Abschaum Italiens”, zu dem unser famoser Bürgermeister Brugnaro die Investigativsendung Report erklärt hat (Abre numa nova janela) (schön übrigens dazu die Bemerkung des Redaktionsleiters von Report, dass der Abschaum Italiens die Mafia sei, nicht aber Journalisten, die ihrer Arbeit nachgehen), setzt seine Berichterstattung unbeirrt von Brugnaros Ausfällen heute Abend fort. Sehenswert für alle, die des Italienischen mächtig sind, ist der Beitrag von letzter Woche mit dem schönen Titel “Die Stunde des Urteils”:
https://www.rai.it/programmi/report/inchieste/Lora-del-giudizio-f5526b18-3979-475c-ab80-f17dba31a592.html (Abre numa nova janela)Und heute Abend stehen Brugnaros Spießgesellen bei Report im Mittelpunkt, etwa Fabio Sacco: Chef der privaten Transportgesellschaft Alilaguna (Abre numa nova janela) (die alle kennen, die von Venedig aus vom oder zum Flughafen fahren müssen), der auch zu den Sponsoren des bürgermeistereigenen Basketballverein Reyer gehört. In einfacher Sprache: Wer als Unternehmer in Venedig arbeiten will, muss dem Bürgermeister sein “Schutzgeld” bezahlen, indem er zum Sponsor von Reyer wird.
Fabio Sacco, der seine Karriere als Kartenverkäufer für Ausflüge auf die Inseln der Lagune begann und dabei bei Betrügereien (Abre numa nova janela) erwischt wurde, weil er die verkauften Karten wieder einsammelte und noch mal verkaufte, hielt dank des privilegierten Zugangs zu Brugnaro seine Firmentreffen in der bürgermeistereigenen Misericordia (Abre numa nova janela) ab, beschäftigte Zeitarbeiter der bürgermeistereigenen privaten Arbeitsvermittlungsagentur Umana und wurde sowohl mit Direktverträgen für den öffentlichen Nahverkehr als auch mit der Ausweitung des Alilaguna-Imperiums belohnt. (Ich schrieb mehrmals darüber, unter anderem in der TAZ (Abre numa nova janela), weshalb ich Fabio Sacco - leider vergeblich - um eine Stellungnahme bat.)
„Die Sponsoren von Reyer haben in gewisser Weise Vorteile, wie im Fall von Alilaguna, das direkte Verträge für einige Strecken erhielt, ohne dass es überhaupt eine Ausschreibung gab. Im Jahr 2022 gab es eine, aber zumindest bis 2019 gab es keine“, sagt Marco Gasparinetti. Er ist Oppositionspolitiker der Bürgervereinigung Terra&Acqua, der über die Interessenkonflikte des Bürgermeisters in einem Blog berichtete (Abre numa nova janela) und dafür vom Präsidenten von Alilaguna Fabio Sacco auf 150.000 Euro Schadensersatz verklagt wurde. Ein klarer Fall von Einschüchterungsklage.
(Disclaimer: Ich habe die Bürgervereinigung Terra&Acqua im Wahlkampf 2020 unterstützt.)
Im Zusammenhang mit der Korruptionsanklage gegen Brugnaro ist auch ein Brief interessant, den ein junger Bootsführer der ACTV schrieb, der sich über ein „(für mich mafiöses) Verhalten“ beschwerte, „mit dem die Stadt verwaltet wird und vor allem mit dem die ernste Lage der öffentlichen Ordnung, die entstanden ist, nicht bewältigt wird“.
Brugnaro, stante pede informiert vom Präfekten, verklagte den Bootsführer sofort. Antimafia-Ermittler jedoch wiesen darauf hin, dass die Äußerungen des Bootsführers keine Verleumdung darstellten, weil das Wort „mafiös“ im weiteren Sinne zu verstehen sei, also als unklar, zwielichtig, zum Vorteil einer bestimmten Gruppe von Personen: Brugnaro habe mit seinem Labyrinth von Firmen direkt oder indirekt ein großes Interessensgeflecht mit riesigen Transaktionen und hohen Gewinnen geschaffen.
Wir bleiben dran.
Die Verdummung der Welt wird ja von der extremen Rechten erfolgreich vorangetrieben, so auch durch die schwachsinnige Behauptung eines AfD-Politikers, dass der Meeresspiegel in Venedig NICHT ansteige, worin er ein Argument gegen die Klimakrise sehen will (Abre numa nova janela). Was so dämlich ist, dass jeder Zehnjährige mit zwei Klicks in der Lage wäre, diesen Schwachsinn zu durchschauen.
Und wie prekär selbst die vermeintliche “Rettung” Venedigs durch die Flutsperranlage Mose ist, wissen wir Bewohner Venedigs nur zu gut. Denn wir bekommen die Hochwasserwarnungen per SMS nahezu wöchentlich aufs Handy gespült.
Zum Zustand Venedigs unter Brugnaro (vorbereitet, das muss der Wahrheit halber gesagt werden, von allen seinen Vorgängern, einschließlich Massimo Cacciari) ein paar Zahlen: auf die verbliebenen 48 283 Venezianer kommen 51 129 Touristenbetten, 23 627 davon in Airbnb, also knapp die Hälfte. Dazu kommen 1145 Bars und Restaurants. Also ein Restaurant/Bar auf 42 Einwohner. Und weil das allein nicht reicht, gibt es allein 742 Betriebe, die Lebensmittel, Fast Food und Street Food verkaufen. Um ihre Versorgung müssen Sie sich also keine Sorgen machen. Schwieriger wird es, wenn Sie einen Schuster suchen oder einen Wäscheständer brauchen. Aber das alles ist eben der Markt, wie mir immer wieder von Stadträten und Bürgermeistern versichert wurde.
Und dem Markt ist es natürlich auch zu verdanken, dass Jeff Bezos zum zweitreichsten Mann der Welt werden und sich praktisch auch Venedig kaufen konnte, zumindest für zwei Tage. Wo er, wie Bürgermeister Brugnaro schon jetzt lobend hervorhebt, in nur zwei Tagen 15 Millionen Euro ausgegeben wird. Dem Corriere entnehme ich, dass unser Bürgermeister sich vorgenommen hat, Bezos auch Porto Marghera zu zeigen - klar, was kann sich der zweitreichste Mann der Welt auch mehr wünschen, als am Tag seiner Hochzeit durch eine Petrochemieanlage zu bummeln? Brugnaro drängt es natürlich jetzt, einen neuen Interessenten für sein hoch verseuchtes Grundstück zu finden, da ihm Mister Kwong leider abhanden gekommen ist. Und da Bezos ja vor nichts fies ist, siehe Trump, und er seiner Washington Post, kaum gekauft, schon einen Maulkorb umgehängt hat, (Abre numa nova janela) wird er sich mit Brugnaro sicher blendend verstehen.
Bezos’ Hochzeit erinnert uns unangenehm an den G20-Gipfel 2021 in Venedig, als Castello verriegelt und verrammelt wurde, weil der Gipfel im Arsenale stattfand, Anwohner ihr Viertel nur mit Ausweis betreten durften und ihre Boote (mehr als 400) verschwinden lassen mussten. Polizisten rasten auf Jet-Ski nicht nur durch den Canal Grande, sondern auch durch enge Kanäle (Abre numa nova janela)und Taucher suchten nach Bomben.
Schon jetzt ist es für viele Unternehmen praktisch unmöglich, Lastschiffe für Transporte zu mieten - weil die schon ausgebucht sind, für den Transport von Fernsehteams aus der ganzen Welt, die für das Spektakel anreisen.
Poveri noi.
Vor zwei Tagen wurde zum 33. Mal dem Todestag von Giovanni Falcone gedacht. Eigentlich hätte es wie immer mit einer Gedenkminute um 17.56 Uhr und 48 Sekunden beginnen sollen, um daran zu erinnern, dass dies der Augenblick war, als Giovanni Falcone, seine Frau Francesca Morvillo und drei Leibwächter auf der Autobahn bei Capaci in die Luft gesprengt wurden. Indes hat Falcones Schwester Maria dafür gesorgt, den Beginn der Mahnwache um zehn Minuten vorzuverlegen, um zu vermeiden, dass Demonstranten ihrer Empörung über das Schaulaufen der angereisten Politiker und hohen Staatsbeamten freien Lauf lassen.
Maria Falcone geriert sich seit Jahren als diejenige, die allein darüber entscheiden will, was mit dem Andenken an ihren Bruder passiert.
Giovanni Falcones Grab befindet sich erst seit 2017 in der Kirche von San Domenico. Weil die Leiche ihres Bruders Giovanni unter den berühmten Sizilianern ruhen müsse, hat Maria Falcone darauf bestanden, ihren Bruder in das „Pantheon der berühmten Sizilianer“ umzubetten. Falcone ruht nun an der Seite von sizilianischen Heimatdichtern und sizilianischen Juristen des Risorgimento – und wurde so von seiner Frau Francesca Morvillo getrennt, Staatsanwältin auch sie. Die von Falcones Schwester erzwungene Umbettung hat bei vielen Italienern Empörung ausgelöst: Falcone war mit seiner Frau nicht nur im Leben, sondern auch im Tod vereint: Sie ist bei dem Attentat auf Falcone ebenfalls ums Leben gekommen. Das Problem ist, dass sich ein Toter nicht wehren kann. Nicht dagegen, von seiner Frau getrennt zu werden. Und auch nicht dagegen, von Verwandten und falschen Freunden vereinnahmt zu werden.
Glücklicherweise gibt es noch einige aufrechte Staatsanwälte und Journalisten, die dafür kämpfen, dass Falcones Ermittlungen weitergeführt werden. Auch hier hat sich die Investigativsendung Report verdient gemacht (Abre numa nova janela). Wie ich auch in “All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden” (Abre numa nova janela)klarzumachen versucht habe, steht hinter den großen Mafia-Attentaten weniger die Mafia, als eine Gruppe aus Neofaschisten, Carabinieri und Geheimdienstlern, die nach der »Strategie der Spannung« vorgeht. Eine Strategie, die sich bereits in den Jahren der Bleiernen Zeit bewährt hat, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, als scheinbar zusammenhanglose Attentate ein Klima der Angst erzeugten, das in dem Ruf nach einem starken Mann münden und vor allem den Historischen Kompromiss zwischen Kommunisten und Christdemokraten verhindern sollte - und die später zur Wahl von Silvio Berlusconi führte.
Der Erste, der diese Spur aufdeckte, war Giovanni Falcone, der bis kurz vor seinem Tod rund um die Ermordung von Piersanti Mattarella (Abre numa nova janela) (der deutsche Wikipedia-Artikel ist ziemlich ahnungslos und erwähnt nicht die - richterlich erwiesene - Beteiligung der Rechtsterroristen an der Ermordung Mattarellas) ermittelte und die Rolle der extremen Rechten dabei an den Tag brachte. Piersanti Mattarella, Bruder des jetzigen Staatspräsidenten, vertrat die von Aldo Moro vertretene Linie des Historischen Kompromisses (Abre numa nova janela), also der Zusammenarbeit zwischen der christdemokratischen und der kommunistischen Partei, und sollte Stellvertreter von Aldo Moro werden. Daher bestand die Notwendigkeit, Piersanti Mattarella zu beseitigen. Und auch alle, die davon wussten, also Giovanni Falcone und Paolo Borsellino - die überdies auch alles über die engen Verpflechtungen zwischen Berlusconi und der Mafia wussten.
Wer die Rolle der Rechten in der Strategie der Spannung und damit in der Zusammenarbeit mit der Mafia beleuchtet, macht sich in einem Italien, das von der Rechten regiert wird, natürlich nicht unbedingt beliebt. So versuchte die jetzige Chefin der parlamentarischen Antimafia-Kommission, Chiara Colosimo (Abre numa nova janela), die nicht nur zu Melonis rechten Brüdern Italiens gehört, sondern der auch nachgesagt wird, eine gewisse vertrauliche Nähe zu Exponenten der extremen Rechten zu pflegen (Abre numa nova janela), zwei ehemalige Antimafia-Staatsanwälte aus der parlamentarischen Antimafia-Kommission auszuschließen: Roberto Scarpinato (Abre numa nova janela) und Federico Cafiero De Raho (Abre numa nova janela). Beide gehören heute der Fünfsterne-Bewegung an.
Beide hatten kritisiert, dass in der Kommission Fragen zur Aufarbeitung der Hintergründe des sogenannten Paktes zwischen dem italienischen Staat und der Mafia nicht zugelassen wurden. Seit geraumer Zeit versucht die italienische Rechte verstärkt die - extrem banale - Ermittlung „mafia e appalti“ rund um die Vergabe öffentlicher Aufträge als Auslöser für die Ermordung von Falcone und Borsellino darzustellen. Ein reines Ablenkungsmanöver, was aber leider, leider auch von Teilen der Familie Borsellino unterstützt wird - eine Haltung, von der sich Paolo Borsellinos Bruder Salvatore ausdrücklich distanziert hat (Abre numa nova janela). Die Kinder von Paolo Borsellino haben sich in diese abenteuerliche und abstruse Interpretationen als Begründung für die Ermordung ihres Vaters verstrickt - die sehr nach den Interessen der angeklagten Politiker, Geheimdienstler und hohen Staatsbeamten riecht. Vertreten werden sie von dem angeheirateten Schwiegersohn und Anwalt Fabio Trizzino. Er ist der Anwalt der Kinder von Paolo Borsellino; die Geschwister von Paolo Borsellino und ihre Kinder haben einen anderen Anwalt, er heißt Fabio Repici, und ihre Positionen sind völlig anders als die von Rechtsanwalt Trizzino, der praktisch unverhüllt die Thesen der Carabinieri übernommen hat, genauer die des Carabiniere-Generals Mario Mori, einem der führenden Köpfe in den Täuschungsmanövern zum Hintergrund der Attentate.
Aber es gibt auch gute Nachrichten. Etwa über die vertrockneten Olivenbäume des Salento, über die ich in zahlreichen Artikeln (Abre numa nova janela), Blogbeiträgen (Abre numa nova janela) und auch zuletzt in “All’italiana” berichtet habe. Da wurde jetzt bekannt - mich/uns hat es nicht überrascht , dass sich hinter der „Xylella“-Affäre nichts Geringeres als ein „kriminelles Projekt“ verbirgt, wie es die Staatsanwaltschaft Bari definiert hat.
So stellte sich heraus, dass die Entdeckung der „Xylella weit vor dem offiziell angegebenen Datum liegt (Abre numa nova janela)“. Es heißt, dass das Vorhandensein des Bakteriums „von 2005 bis 2013 verborgen gehalten wurde, da die wissenschaftlichen, administrativen und politischen Verantwortlichen Strukturen, technische und regulatorische Apparate organisieren mussten, um enorme Gewinne durch Finanzierung, Patente und Spekulationen im Zusammenhang mit der Umgestaltung des Territoriums zu erzielen“.
Ein millionenschwerer Umsatz, der durch manipulierte Kontrollen aufrechterhalten wird, eine alarmierende Medienberichterstattung, die geeignet ist, eine „Notfallstrategie“ zu schüren, ein regelrechter „psychologischer Terrorismus“, insbesondere durch die Zahlen der infizierten Pflanzen, die im Widerspruch zu den Statistiken der offiziellen Daten stehen. Aus den Akten der Staatsanwaltschaft ergibt sich ein beunruhigendes Bild.
Das überrascht nicht, wer wie ich (und viele Aktivisten des Salento) die Affäre Xylella seit Jahren verfolgt hat, wir wissen, dass das Bakterium als trojanisches Pferd fungiert: Durch die Xylella soll die alte Kulturlandschaft des Salento komplett umgestaltet werden.
Die Fünfsterne hatten sich noch 2018 gegen das Fällen von Olivenbäumen eingesetzt - und wurden dafür von den Wählern belohnt: In Apulien wurden die Fünfsterne mit 44 Prozent der Stimmen zur stärksten politischen Kraft bei den Wahlen. Aber dann, und das darf nicht vergessen werden: Keine zwei Monate nach den Wahlen kündigen die Fünfsterne zur Freude von des Bauernverbands Coldiretti eine spektakuläre Kehrtwende an - einen außerordentlichen Plan „zur chirurgischen Beseitigung infizierter Olivenbäume“. Damals fragte ich mich: Wenn sie nur wenige Wochen nach den Wahlen bereits alle Überzeugungen über Bord werfen, wie wird es dann weitergehen?
Heute weiß ich es nur zu gut.
Herzlichst und unverdrossen grüßt Sie Ihre Petra Reski
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