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Weil es unausweichlich ist

Revolutionen passieren. Das weiß ich, weil ich es selbst als Reporter erlebt habe. Vor einigen Jahren schien mir das für die westliche Welt aber noch wie ausgeschlossen. Mittlerweile glaube ich, dass es nur noch die Frage einiger Jahre ist. 

Revolutionen begleiten menschliche Gesellschaften als Gesetzmäßigkeiten. Sie passieren, so wie technischer Fortschritt passiert, kultureller Wandel, Krieg und Frieden. Sie passieren, wenn der gesellschaftliche Kitt bröckelt – also in Zeiten wie diesen – und dann ein Auslöser dazu kommt

Meine Vermutung: eine große Weltwirtschaftskrise wie 2008, ausgelöst durch die damalige Banken-Pleite. Es war erst Tunesien, dann in schneller Folge Ägypten, Libyen und Syrien. Dann rebellierten die Menschen in Südeuropa, besetzten Plätze und übernahmen Regierungen. Es folgte Occupy Wall Street und machte die Guy Fawkes-Maske zum Symbol des Aufstands, das in den Rebellionen in Südostasien aufgegriffen wurde. We are the 99 percent. Wir sind die 99 Prozent. Diese Message ist das überdauernde Erbe dieser Jahre – und nie war sie aktueller als heute.

Mein Freund Henning von der Neuen Generation hat mir gestern ein Beispiel gegeben:

Nimm ein DIN A4-Blatt. Wenn die obere Kante 1,5 Millionen Euro Vermögen darstellt: Wo bist du dann?  

99 Prozent der Menschen in Deutschland befinden sich irgendwo auf diesem Blatt. Und dann hat mich Henning gefragt:

“Wo glaubst du, sind so Milliardäre wie Dieter Schwarz?” 

Ich meinte: “Bei drei Metern?”

Henning meinte, es sei mehr, also habe ich 15 Meter geschätzt. Er meinte, nicht mal hundert würde reichen: Es seien 12.000 Meter. 

Also, wenn ich am unteren Rand des Papiers bin, dann ist das Vermögen von Milliardären auf der Höhe, in der Passagierflugzeuge fliegen. 

Jetzt soll Dieter Schwarz sein Geld haben. Es stört mich nicht, solange alle anderen auch ein gutes Auskommen haben. Aber genau das ist es ja, was Weltwirtschaftskrisen – ausgelöst durch Gier und Verantwortungslosigkeit – bewirken:

Viele Menschen verlieren alles. 

Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz durch Elon Musk & Co könnte genau zu so einer Krise führen. Wie? Entweder, weil KI wirklich das wird, was Musk & Co versprechen: intelligenter und produktiver als die meisten Menschen in den meisten Bereichen – dann verlieren wir alle unsere Jobs.

Oder aber es tritt nicht ein. Dann platzt die KI-Blase. Gerade basieren jedoch 90 Prozent des US-amerikanischen Wirtschaftswachstums auf KI-Investitionen. Wenn diese plötzlich nicht mehr profitabel sind, schmiert erst die US-Wirtschaft ab und reißt dann den Rest der Welt mit sich. 

Der Unterschied zu 2008: die Folgen werden noch größer sein, denn die Welt ist instabiler als damals, und die Finanzmärkte weit aufgeblähter. 

Revolutionen sind unausweichlich. 

Well then: Kann ich dann nicht auch einfach zuhause sitzen und darauf warten, weil es passiert ja eh?

Ja und nein. 

Denn zum einen bereiten sich auch rechtsradikale Kräfte auf der ganzen Welt auf diesen Moment vor, um dann die Macht zu übernehmen. Kombiniert mit KI führt das in eine Welt der Totalüberwachung, in der jede kritische Meinungsäußerung bestraft, Minderheiten deportiert und getötet werden. 

Und zum anderen ist das, was während Revolutionen passiert, meistens nicht so spontan, wie es aussieht. Die Männer und Frauen, die die ägyptische Revolution angeführt haben, hatten das jahrelang vorbereitet. 

Das ist unsere Aufgabe. 

Unsere Aufgabe ist es, einer Politik der Schönheit zum Erfolg zu verhelfen. Das ist möglich, und es ermöglicht auch die schlimmsten Zukunftsszenarien zu vermeiden: das Überschreiten der Kipppunkte im Klima, das Absterben der großen Ökosysteme. 

Jetzt birgt es Gefahren, von Erfolg zu sprechen und von großen Zielen in der Zukunft. Es birgt die Gefahr, faule Kompromisse zu machen, denn: heiligt der Zweck nicht die Mittel?

Nein. 

Eine Revolution der Schönheit zu schaffen, das ist der Nordstern. Er gibt uns die Richtung, in die wir gehen, gibt Orientierung. Aber im Alltag müssen wir immer noch jeden Tag einen Fuß vor den anderen setzen. 

Wenn wir dabei andere Menschen ausnutzen, lügen oder unseren eigenen Vorteil in den Mittelpunkt stellen, dann stärken wir das System der Gewalt, aus dem wir uns befreien wollen. 

Jeder Schritt, den wir gehen, muss im Einklang mit der Schönheit passieren. Jedem Menschen immer möglichst das Beste wünschen. Umsichtig sein. Wissen, dass keiner von uns die absolute Wahrheit kennt, jeder und jede von uns fehlbar ist; die Schönheit im anderen suchen und sehen – das ist die Art und Weise, wie wir uns bewegen müssen während wir gleichzeitig den Nordstern nicht aus den Augen verlieren. Das zusammen ist keine Garantie, dass wir Erfolg haben werden. Aber es ist unsere beste Chance. 


 

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