Papierkram im Eiscafé und vom Wert des Gedruckten

„Klar lese ich dein neues Buch Korrektur – aber nur, wenn ich es als Ausdruck kriege!“ Meine Freundin sah mir im Eis-Café geradewegs in die Augen, abwartend wie ich als bekannter und bekennender Computer-Junkie wohl reagieren würde.
Wir hatten uns aus vielerlei Gründen monatelang nicht gesehen und dementsprechend viel Gesprächsstoff auf Lager. Doch mit dieser prompten Bedingung hatte ich zwischen all den Updates zu den letzten Monaten nicht gerechnet.
Ich hatte ihr gerade erzählt, was mich gerade so umtreibt, was aktuell auf dem Plan stand und auch von meinem neuesten Buchprojekt, das auf seltsame Weise seinen Anfang gefunden hatte und nun kurz vor der Fertigstellung war.
Das Thema klang für sie offenbar interessant und so fragte ich spontan, ob sie es Korrekturlesen könne. Ich hoffte darauf, dass ich sie gleich begeistern konnte mit einem großen Teil meiner persönlichen Geschichte – und vielleicht ein schönes Testimonial bekommen würde.
„Ich will das aber nicht am Computer lesen!“, meinte sie dann. Sie wollte das Manuskript unbedingt als Ausdruck haben und nicht als Datei, weil sie im Ausdruck mehr Fehler findet als am PC.
Bei mir stieß sie damit auf offene Ohren, denn ich handhabe das schon seit vielen Jahren so, dass ich die finale Version ausdrucke und dann noch mal lese, weil auch ich im Ausdruck noch mal Fehler finde, die ich in der Datei mehrfach überlesen habe.
Woran liegt denn das, dass man im Ausdruck mehr Fehler findet?
Bereits zum meinen Verlegerinnen-Zeiten waren meine Lektoren und ich uns darin, dass das finale Exemplar ausgedruckt werden musste, denn es ist im Schreib- und Lektoratsalltag durchaus üblich, dies so zu handhaben. Auch heute noch, denn:
Der Mensch liest auf Papier ganz anders und sehr viel fehlerorientierter als am Bildschirm.
Dieses Thema ist sogar wissenschaftlich gut erforscht, habe ich herausgefunden. Ihr kennt es vielleicht auch: Am PC neigen wir instinktiv zum schnelleren drüber weg scrollen und lesen nur noch die wichtigeren Passagen, die Hervorhebungen oder den ersten Satz eines Absatzes, um Inhalte schneller zu erfassen. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür: „Skimming" (Überfliegen). Und bei so manchem stellt sich am PC das „Speedreading“ ein, damit in Windeseile das 4-fache an Inhalt erfasst werden kann.
Auf Papier fixieren die Augen den Text viel starrer., man liest eher Wort für Wort, anstatt den Text schnell zu „scannen". Dadurch fallen fehlende oder verdrehte Buchstaben, doppelte Wörter und natürlich auch Logikfehler viel eher auf.
Unser Gehirn erschafft sich beim Lesen eine Art eigene Landkarte des gelesenen Textes. Am Bildschirm ist der Text sehr flüchtig. Wenn wir scrollen, bewegt sich der Text, aber der Rahmen bleibt immer gleich. Unser Gehirn hat dann offenbar keine oder zumindest weniger Orientierungspunkte.
Als Ausdruck auf Papier hat der Text aber einen festen Platz. Unser Gehirn merkt sich vielleicht: „Da war ein Fehler – gleich links oben, auf der Seite mit dem Kaffeefleck".
Es kommen noch weitere Aspekte hinzu: Das Starren auf Monitore, ermüdet auf Dauer die Augen, übrigens auch bei modernen Displays. Außerdem ist der PC ein Ort ständiger potenzieller Ablenkungen wie neuer E-Mails, Benachrichtigungsanzeigen, Spiele ...
Papier sorgt für ein wesentlich entspannteres Lesen, wodurch wir eine deutlich bessere Aufmerksamkeitsspanne haben. Wenn ich mir – und / oder meiner Freundin – also den Papierausdruck erstelle, ändere ich mit dem psychologischen Trick des Ausdruckens meinen eigenen Modus. Wir gelangen vom Schreiben / Produzieren des Werkes in den Modus des Lesens / Konsumierens – und verändern die Herangehensweise drastisch.
Mein Extra-Tipp für Selfpublisher:
Verändere vor dem Ausdrucken deiner finalen Buchversion auch den Schrifttyp des Buches! Das ist tatsächlich einer der effektivsten „Hacks" im Profi-Lektorat, um die berühmt-berüchtigte Betriebsblindheit zu überlisten.
Ein veränderter Schrifttyp und das physische Umblättern signalisieren dem Kopf: Das hier ist jetzt dein fertiges Werk, schau es dir von außen an.
Unser Gehirn ist nämlich sehr um Effizienz bemüht – man könnte auch sagen: Manchmal ist es einfach faul. Wenn man einen Text zum fünften Mal liest, dann „weiß" das Gehirn bereits, welches Wort als nächstes kommt. Es liest dann nicht mehr die einzelnen Buchstaben, sondern gleicht das visuelle Bild nur noch mit der Erinnerung ab. Ein Buchstabendreher wie „Grunde“ statt „Gründe“ wird dann einfach im Kopf korrigiert. Du siehst den Fehler nicht mehr – und kannst nicht korrigieren.
Wenn du zusätzlich die Schriftart wechselst, verändern sich auch die Abstände zwischen den Buchstaben und die Form. Dein Gehirn kann sich nicht mehr auf das abgespeicherte "Bild" verlassen und wird so gezwungen, den Text völlig neu zu verarbeiten und liest wieder aufmerksam Buchstabe für Buchstabe.
Der „gute alte finale Ausdruck" ist also im digitalen Zeitalter kein überholtes Tool, sondern ein echtes Qualitätswerkzeug für „Selbermacher".
Ich wünsche Ihnen / Euch einen schönen Rest-Wonne-Monat Mai!
Gudrun Anders
Weitere neue Artikel:
https://steady.page/de/schreiben-und-sein/posts/f768764e-72d0-4096-b06e-c13a86b8dc93 (Abre numa nova janela)https://steady.page/de/schreiben-und-sein/posts/5d4377cb-1630-41e0-828c-0fb095d27d2c (Abre numa nova janela)