
Vor sechs Jahren geriet das Leben von Grafikerin und Sängerin Petra Berghaus plötzlich aus dem Gleichgewicht: Ihre Mutter erkrankte unerwartet an Krebs und starb nur sechs Wochen später. Kurz darauf verlor Petra auch ihre Hündin Emma und zwei Jahre später ihren Vater – und fühlte sich mit ihrer Trauer völlig allein.
Trost musste her und so entstand der Trost-Tiger: Aus einer ersten Bleistiftskizze wurde ein Kuscheltier, es folgten kleine Geschichten, ein Lied, ein Buch. Trost spenden ist inzwischen Berufung geworden, denn Petra singt auf Trauerfeiern, was ihr sehr viel bedeutet. Heute plaudert sie aus dem Brustkorb.
Petra, du hast schon auf über 500 Trauerfeiern gesungen – in Momenten, in denen Menschen oft kaum noch Worte haben. Keine einfache Atmosphäre und du liebst es. Wie kam es dazu?
Es ist alles mit meiner Mama losgegangen. Es war ihr letzter Wunsch, als sie im Hospiz war. Ich erinnere mich noch gut an dieses beklemmende Gefühl dort, man konnte kaum atmen. Sie sagte dann immer: „Ach, Petra, sing doch.“ Und da hat man gemerkt, wie meine Stimme die Stimmung im Raum verändert hat. Dann habe ich eine Ukulele mitgenommen, und die Atmosphäre hat sich komplett verändert. Meine Mama hat sich dann meinen Gesang auf ihrer Beerdigung gewünscht. Und ich war völlig fertig. Als ich in die Kirche gegangen bin, wollte ich eigentlich nur etwas abspielen, weil ich dachte, ich schaffe es nicht. Aber dann habe ich mich sagen hören: „Ich werde gleich singen.“ Und es ist einfach passiert. „Der letzte Koffer“ von Purple Schulz. Die Kirche war voll, und du konntest eine Stecknadel fallen hören. Ich war wie rausgebeamt, aber gleichzeitig total präsent, eine Brücke zwischen Leben und Tod. Da wusste ich: Das will ich machen. Ich kann im schlimmsten Moment des Lebens singen – also kann ich das auch für andere tun. Und ich habe gelernt: Wenn der Wunsch größer als die Angst ist, kann man alles.
Du bist eigentlich Grafikerin – wie kam es dazu, dass du diesen Weg gegangen bist?
Ich bin Sängerin, habe aber früher eher auf Hochzeiten gesungen und hatte eine Band. Gesang war immer meins, aber ich hatte große Bühnenangst und habe mich deshalb für Grafik entschieden. Ich habe früher sogar gestottert und hatte Sprechängste. Singen war für mich der sichere Raum, weil es einfach glücklich macht und Angst verschwindet. Dann kam plötzlich diese neue Bühne: Trauerfeiern. Ich war bei Voice of Germany, wurde viel gebucht, und irgendwann ging es richtig los. Ich habe auch eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht. Ich bin so eine Art Add-on – und oft sogar ein Geschenk. Manchmal sammeln auch Nachbarn und buchen mich. Ich bin jeden Tag unterwegs und singe. Gospel über Schlager bis Klassik, Pop und Rock – ich kann alles anbieten. Nur rappen kann ich nicht. Aber das wollte auch bisher niemand.
Du singst in sehr unterschiedlichen Kontexten – gab es Momente, in denen du gezögert hast?
Ja. Die Bandidos waren so ein Job, da habe ich überlegt, ob ich das machen kann. Für mich war dann klar: Ja, ich singe, denn es ist ein Mensch gestorben. Es geht um den Verlust. Neulich hatte ich einen Zeugen Jehovas, da habe ich kurz überlegt: Will ich das unterstützen oder helfe ich einfach einer Frau, die ihren Mann verloren hat? Ich habe mich für Variante B entschieden. Der Verstorbene war wohl Zeuge Jehovas, es waren hunderte Menschen da. Die wollten mich auch nicht bekehren, die wollten nur Trost. Ich habe nur ein Lied am Grab gesungen, das bleibt für immer im Ohr. Wir haben es sogar aufgenommen. Seine Frau hat mir noch eine ganze lange Dankesmail geschrieben, ich wäre ihr Highlight gewesen, das Wichtigste an dem Tag.
Was passiert, wenn Dinge schiefgehen?
Dann zeigt sich, worauf es wirklich ankommt. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, emotional erreichbar zu sein. Ich kann weinen und gleichzeitig singen. Mein Körper macht einfach weiter. Die Menschen spüren das. Sie umarmen mich danach, lassen mich nicht mehr los. Manchmal werde ich selbst krank davon, weil ich so mitgehe. Aber genau das macht es wertvoll.
Erlebst du auch absurde oder unerwartete Situationen?
Oh ja. Es gibt Beerdigungen, da sind nur zwei Menschen da. Einmal haben wir im Friedwald ewig den richtigen Baum gesucht und fast nicht gefunden. Dann war ein günstiger Baum gebucht und ich hätte fast die Urne umgefahren, weil er direkt am Parkplatz stand. Oder wir standen im strömenden Regen und waren komplett durchnässt – und trotzdem war es wunderschön. Ein anderes Mal wurde das Foto des Verstorbenen vergessen, also hat der Bestatter schnell ein iPad hingestellt. Improvisieren gehört auch dazu. Irgendwie findet sich immer ein Weg.
Und wenn Institutionen schwierig werden?
Das erlebe ich leider häufig. Von “Sie dürfen hier nicht stehen!” über “Aber nicht auf der Empore!” bis zu “Und nur ein Lied!” ist alles dabei. Gerade in Kirchen kann es kompliziert sein. Da wird einem alles vorgeschrieben. Ich kämpfe dann für die Angehörigen, streite mich auch gerne bis aufs Blut, weil es um ihre Trauer geht. Wenn es gar nicht funktioniert, machen wir später eine Gedenkfeier – im Garten, im Wohnzimmer oder am Meer. Trauer ist Kontrollverlust, und solche Rituale geben den Menschen wieder Halt. Vor drei Jahren habe ich ein richtiges Gartenkonzert gegeben: Der Verstorbene war so jung, es sollte eine Party werden mit Grillfest. Das war sehr individuell und hat allen gut getan. Mit einigen Trauernden fahre ich auch ans Meer. Da ist man unter sich und kann so trauern, wie man will, selbstbestimmt. Diese Angst, in einem Tränenmeer zu ersticken, fällt dann weg.
Du arbeitest auch mit Lebenden – was machst du da genau?
Ich veranstalte Workshops und Retreats, in denen Menschen ihre Stimme entdecken. Viele glauben, sie können nicht singen. Das stimmt aber nicht. Ich sage: Jeder, der sprechen kann, kann auch singen. Man muss nur seine Gesangsstimme finden. Das ist alles! Beim Singen kann man loslassen, sich verbinden und gemeinsam trösten. Gerade in der Trauer ist das unglaublich kraftvoll. Selbst harte Männer weinen dann plötzlich, denn Musik geht direkt ins Herz. In solchen Momenten spielt es keine Rolle mehr, wer du bist. Da gibt es keine Fassade mehr, nur noch Gefühl.
Hat dich diese Arbeit verändert?
Total. Ich sehe das Leben anders. Du musst in Verbindung bleiben – das ist das Wichtigste.
Was sagen Menschen dir nach einer Trauerfeier am häufigsten?
Oft: „Es hat mir sehr geholfen“ oder „Du hast es leichter gemacht“ oder sogar „Das war die schönste Beerdigung“. Viele haben vorher Angst vor diesem Tag und sagen dann hinterher: „Ich bin so froh, dass du da warst.“ Manche sagen sogar: „Ich freue mich, dass du kommst.“ Und das ist erlaubt. Es ist eine Lebensfeier. Ich gebe dem Ganzen einen Rahmen – und oft werde ich später wieder gebucht, bei Freunden, Nachbarn oder Hochzeiten.
Und wer Kontakt zu Petra sucht, ihr Buch kaufen oder sie buchen möchte, findet sie hier:
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